Meiningen – Gotha

Wunderbar radelbar Meiningen – Gotha Etappe 9 der Tour Von West nach Ost 2026. Die Gartensiedlung „Am Schmalen Rain“ Von Meiningen nach Gotha, 21. Juli 2026 (82,9 km) Streckenführung via Komoot: Meiningen-Gotha Wer mit dem Fahrrad nach Gotha, Erfurt oder Weimar fahren will, steht vor einer großen Herausforderung: Der Kamm des Thüringer Waldes muss bezwungen […]

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Wunderbar radelbar

Meiningen – Gotha

Etappe 9 der Tour Von West nach Ost 2026.

Die Gartensiedlung „Am Schmalen Rain“

Von Meiningen nach Gotha, 21. Juli 2026 (82,9 km)

Streckenführung via Komoot: Meiningen-Gotha

Wer mit dem Fahrrad nach Gotha, Erfurt oder Weimar fahren will, steht vor einer großen Herausforderung: Der Kamm des Thüringer Waldes muss bezwungen werden. Eine natürliche Barriere von rund 170 Kilometern Länge, die grob von Coburg bis Eisenach reicht – besser bekannt als „Rennsteig“, Deutschlands meistbegangener Höhenwanderweg.

Zur Wahl stehen mehrere, allesamt fordernde Routen. Eine Möglichkeit: nicht über Meiningen zu fahren, sondern den direkten Weg von Eisfeld über Schleusingen nach Suhlzu nehmen – dem ehemaligen Zentrum der DDR-Waffenindustrie. Diese Variante wählte ich bei meiner Tour 2015 (damals noch ohne E-Bike). Ich erinnere mich gut an den steilen Anstieg am Rande von Suhl, den ich damals ohne abzusteigen bezwang. Von Suhl geht es an Oberhof vorbei nach Allzunah, wo der Ilmtal-Radweg beginnt. Ab dort rollt man theoretisch nur noch bergab bis nach Weimar. Praktisch bedeutete das damals: Sieben Kilometer Rad-Schieben bei sengender Hitze. Mein damaliges Fazit: Nie wieder!

Schmalkalden, Altstadt. Stadtkirche St. Georg.
Schmalkalden, Altstadt. Stadtkirche St. Georg.

Also wagte ich dieses Mal etwas Neues und radelte von Meiningen nach Schmalkalden. Eine landschaftlich reizvolle, entspannte Strecke: Zunächst nach Walldorf, dann durch die Werra-Aue über den Werratal-Radweg. Die ersten 29 Kilometer waren geschafft – so durfte es gerne weitergehen. Ging es aber natürlich nicht.

Schmalkalden, Altstadt.
Schmalkalden, Altstadt.

Schmalkalden ist in jedem Fall einen Besuch wert. Das Markenzeichen der 20.000-Einwohner-Stadt ist die historische Altstadt mit ihren aufwendig sanierten Fachwerkhäusern. Die einst hessische Enklave blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und erlangte in der Reformationszeit weltweite Bekanntheit: 1531 gründete sich hier der Schmalkaldische Bund, ein Verteidigungsbündnis protestantischer Fürsten gegen Kaiser Karl V. Die Spannungen mündeten im Schmalkaldischen Krieg (1546/47), den der Habsburger Kaiser für sich entschied. Erst der Augsburger Religionsfrieden von 1555 brachte den Kompromiss: Cuius regio, eius religio – die Landesherren bestimmten fortan die Konfession ihrer Untertanen.

Mommelstein-Radweg.
Mommelstein-Radweg.

Die Route über Schmalkalden ist der sanfteste Einstieg in das Gebirge – zumindest auf den ersten 12,5 Kilometern. In der Stadt beginnt der Mommelstein-Radweg auf einer ehemaligen Bahnstrecke, die 1996 stillgelegt wurde. Die Steigung ist spürbarer als etwa auf dem rheinland-pfälzischen Maifeld-Radweg, aber angenehm fahrbar. Landschaftlich ist die Trasse durch enge Schluchten und historische Tunnel bis zum ehemaligen Bahnhof Brotterode-Trusetal spektakulär.

Mommelstein-Radweg.
Mommelstein-Radweg.

In Brotterode endet die Bahntrassen-Romantik abrupt. Eine direkte Radwegeführung fehlt, ab hier geht es auf der Straße weiter. Da mein Etappenziel ein Hotel in Gotha war, lag die Route fest: über Bad Tabarz und Friedrichsroda.

(Tipp für flexible Tourenplaner: Ab Friedrichsroda kann man über Ohrdruf und Arnstadt nach Erfurt weiterfahren – vorbei am geschichtsträchtigen Jonastal. Diese Strecke sollte ich Mitte August noch einmal ansteuern, allerdings ohne Fahrrad.)

Zunächst forderte der Große Inselsbergmit seinem Wintersportgebiet und der Sommerrodelbahn volle Konzentration. Für die Attraktionen am Wegesrand fehlte mir der Blick: Die Steigung war extrem steil, der E-Bike-Motor lief auf Anschlag.

Kaum oben angekommen, folgt das steile Gefälle in Richtung Bad Tabarz. Wer hier das Tempo unterschätzt, riskiert schwere Stürze – die Warnschilder am Straßenrand stehen dort völlig zu Recht. Meine Hände lagen dauerhaft verkrampft an den Bremsen. Ausgewiesene Radwege abseits der Straße führten leider ausschließlich über unbefestigte Waldwege – keine Option für mein Rad.

Ab Friedrichsroda entspannt sich das Profil. Ich blieb auf der Landstraße Richtung Gotha. Rund zehn Kilometer vor dem Ziel beginnt wieder ein separater Radweg, der direkt an der berühmten Gartensiedlung „Am Schmalen Rain“ vorbeiführt. Die zwischen 1926 und 1929 nach Plänen von Bruno Tamme und Richard Neuland errichtete Siedlung gilt bis heute als Paradebeispiel für reformorientiertes, genossenschaftliches Bauen der Moderne.

Gotha, Altstadt.
Gotha, Altstadt.

In Gotha übernachtete ich im B&B Hoteldirekt am Hauptbahnhof – in einem geräumigen Doppelzimmer zur Einzelnutzung. Die Unterkünfte entlang der Route waren durchweg hervorragend. Der Bahnhof liegt rund zwei Kilometer vom historischen Zentrum entfernt, das per Rad schnell erreicht ist. Das Abendessen im Ratskeller am Hauptmarkt rundete den Tag ab: Ein echter Prachtbau in einer Altstadt, die sich seit meiner Durchfahrt 2015 – als fast alles einer Großbaustelle glich – fantastisch entwickelt hat.

 

Epilog: Durchs Jonastal nach Arnstadt

Streng genommen gehört dieser Abschnitt nicht zur eigentlichen Radtour. Da ich aber nur drei Wochen später mit Freunden erneut in die Region reiste, schließt sich hier der Kreis. Nach einer Zwischenübernachtung ging es auf der Route von 2015 über Crawinkel nach Arnstadt.

Gedenkstätte Jonastal.
Gedenkstätte Jonastal.

Ab Crawinkel – im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Standort der Rüstungs- und Munitionsproduktion – führt eine ruhige Kreisstraße direkt durch das Jonastal. Gegen Ende 1944 entstand hier eine gigantische Untertage-Großbaustelle. Tausende Häftlinge aus einem eigens errichteten Außenlager des KZ Buchenwald trieben unter mörderischen Bedingungen Stollen in den Muschelkalk. Rund 13.000 Zwangsarbeiter verloren hier und auf den anschließenden Todesmärschen ihr Leben. Eine Gedenkstätte am Straßenrand erinnert an die Opfer.

Im ehemaligen Bahnbetriebswerk Arnstadt dokumentiert ein engagierter Geschichtsverein die Geschehnisse. Die Ausstellung ist kompakt, aber fundiert. Ein detailgetreues Modell veranschaulicht die Dimensionen der Anlage unterhalb des Truppenübungsplatzes Ohrdruf: 25 Stolleneingänge wurden angelegt, die nach Kriegsende von den sowjetischen Truppen gesprengt wurden. Ein Betreten ist heute lebensgefährlich und streng verboten.

Jonastal. Der  Holzrahmen ist ein Hinweis auf einen früheren Stollenzugang.
Jonastal. Der Holzrahmen ist ein Hinweis auf einen früheren Stollenzugang.

In enger Zusammenarbeit mit Historikern räumt der Verein mit populären Mythen auf. Fest steht: Das Vorhaben unterlag strengster Geheimhaltung unter Führung des SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS, Dr. Hans Kammler. Die gigantischen Ausmaße deuten – ähnlich wie beim Projekt Mittelbau-Dora bei Nordhausen – auf eine geplante unterirdische Rüstungs- und Raketenfertigung hin. Spekulationen über dortige Atomversuche entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Auch ein neues Führerhauptquartier war hier nicht direkt im Tal verortet; entsprechende Planungen bezogen sich auf ein Areal rund drei Kilometer weiter in Richtung Arnstadt.

Unser Quartier in Arnstadt war der traditionsreiche Gasthof „Zur Goldenen Henne“mit seiner rund als 400-jährigen Geschichte. Das geräumige Apartment für vier Personen war mit 102 Euro (ohne Frühstück) überraschend günstig.

Arnstadt.
Arnstadt.

Arnstadt präsentiert sich heute als liebevoll sanierte Bachstadt. Allerdings werden hier selbst am Wochenende gegen 22 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, und geöffnete Gastronomie ist rar gesät. Fündig wurden wir schließlich im historischen Gasthaus Burgkeller, wo uns das Personal flexibel noch einen Tisch im Außenbereich organisierte: nicht ganz billig, aber gut.