Die drei romanischen Kirchen der Altstadt: Links, die Florinskirche, in der Mitte die Liebfrauenkirche und im Hintergrund die Basilika St. Kastor. Foto: Holger Weinandt/Wikipedia CC BY-SA 3.0 de.
Wo steht die älteste Kirche der Koblenzer Altstadt?
Für die Franken hatte Koblenz zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Im heutigen Stadtgebiet entstanden mehrere kleine, aber voneinander unabhängige Siedlungen. Der Bereich des spätantiken Kastells war unbewohnt. An dieser Situation sollte sich lange nichts ändern.
Erst im Laufe der Zeit gewann der einstige Kastellort an Rhein und Mosel wieder eine gewisse Bedeutung. In einer Urkunde von 721 wird der Aufenthalt des Merowingerkönigs Theuderich IV. in
„Confelentis Castro“
erwähnt. Das auf einer hochwasserfreien „Insel“ gelegene spätantike Kastell mit seinen Rundtürmen und einer Fläche von 5,8 Hektar war zu diesem Zeitpunkt noch oder wieder voll funktionsfähig. Auf jeden Fall dürfte das Kastell, das im späten 6. und im 7. Jahrhundert leer stand, am Ende der Merowingerzeit wieder eine gewisse Bedeutung gehabt haben. Immerhin war die Anlage etwas größer als die Kastelle in Boppard und Andernach. Und: Sie eignete sich nach wie vor, den wichtigen Flussübergang der Rheintalstraße von Mainz nach Köln zu überwachen.

Lückenhafte Analysen
Da archäologische und schriftliche Quellen über das frühere Mittelalter auch in Koblenz rar sind, lassen sich Details über diese Zeit am besten über die Geschichte der heutigen romanischen Hauptkirchen in der Altstadt herausarbeiten. Doch auch eine solche Analyse ist lückenhaft.
Zwar haben alle drei Gotteshäuser spätantike Vorläufer, doch ist so mancher Befund nicht eindeutig. Das zeigt gerade das Beispiel der Liebfrauenkirche, deren älteste Abschnitte um 1180 erbaut wurden. Über mögliche Vorläufer des Gotteshauses wurde immer wieder gern spekuliert. Fest steht allerdings nur, dass in der Spätantike an gleicher Stelle eine größere Anlage stand. Teile dieses Bauwerks wurden zu Beginn der 50er-Jahre im Rahmen von Notgrabungen angeschnitten. Allerdings war der freigelegte Abschnitt zu klein, um zuverlässige Aussagen über den Zweck des einstigen Großbaus zu machen. Wahrscheinlich ist, dass die in der Liebfrauenkirche freigelegten Spuren zu einer spätrömischen Villa gehörten, die auf jeden Fall im 5. Jahrhundert noch bestand. Wie an anderen Stellen der Kernstadt reißt danach die archäologische Beweiskette ab.
Vorgeschichte wirft Fragen auf
Ein weiterer Fund aus der Liebfrauenkirche stammt erst aus dem 7. Jahrhundert. Es war ein fränkisches Frauengrab. Dieses wurde von der älteren Forschung immer wieder als Beweis für die Existenz einer frühchristlichen Kirche gesehen, die sogar als Kapelle eines Königshofes interpretiert wurde. Aus heutiger Sicht sind Zweifel angebracht. Es wird sich wohl eher um eine Bestattung innerhalb eines aufgegebenen Gebäudes gehandelt haben, was zu dieser Zeit nicht unüblich war.
Die Vorgeschichte der Florinskirche wurde bereits 1929 untersucht. Aus den Befunden interpretierte Dr. Fritz Michel, dass im Bereich des spätantiken Großbaus – der erst kürzlich auch im Block zwischen Florinspfaffengasse und Kornpfortstraße angeschnitten wurde – eine frühmittelalterliche Kirche erbaut wurde. Grundriss und Ausrichtung deckten sich aber nicht mit dem der späteren Kirche. Die Mauern enden abrupt an der Nord- und Südwand der heutigen Kirche. Nach Aussage von Fritz Michel wurden diese Mauern erst 1673 beseitigt. Damals wurde die Danne gebaut, die Ober- und Unterstand miteinander verband. Gleichzeitig entstanden in Richtung „Unterm Stern“ neue Stiftsgebäude.[1]
Gegen diese Interpretation ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch gibt es auch in diesem Bereich nur eine lückenhafte Beweiskette. Absolut nichts deutet auf die Merowingerzeit hin. Damit ist auch eine Interpretation des Vorläufers als Pfalzkapelle recht abenteuerlich. Fest steht: Die Geschichte der heutigen Florinskirche reicht bis in das 10. Jahrhundert zurück. Als Marienkirche erbaut, wurde sie nach der Übertragung der Reliquien des heiligen Florin von Remüs (Graubünden/Schweiz) nach Koblenz umbenannt und ausgebaut. Der Neubau der Kirche folgte um 1100.
Kastell weiterentwickelt
Mit der Zeit wurde das Kastell Keimzelle der mittelalterlichen Stadt. Allerdings sieht es so aus, dass sich spätestens im 8. Jahrhundert ein zweiter Kern weiterentwickelte – und der lag seit vorgeschichtlicher Zeit im Bereich der Basilika St. Kastor. Ihr Vorläufer war eine fränkische Saalkirche, die schließlich einem größeren Gotteshaus weichen musste. Dieser gravierende Einschnitt dürfte mit der Tatsache zusammenhängen, dass die karolingischen Herrscher die strategische Lage am Zusammenfluss für sich entdeckten.[2]
Während über eine Anwesenheit von Karl dem Großen nichts bekannt ist, wusste sein Sohn und Nachfolger Ludwig der Fromme die Vorzüge von Koblenz offenbar zu schätzen. Ludwig, der von 814 bis 840 als Kaiser regierte, machte auf seiner Fahrt rheinabwärts am Zusammenfluss von Rhein und Mosel Station.
Die Anwesenheit des Herrschers im Jahr 819 gab dem Kernbereich am Rhein einen Schub. Das Gelände wurde offenbar neu geordnet. Und dazu gehörte auch ein neues Gotteshaus als Mittelpunkt. Wer die Initiative für den Bau ergriff, ist auch heute noch nicht zweifelsfrei geklärt. Klar dürfte sein, dass die Trierer Erzbischöfe schon damals eine starke Stellung hatten, obwohl Koblenz zu dieser Zeit noch komplett den fränkischen Königen gehörte. Deswegen schreibt die Forschung die Initiative für den Neubau meistens Erzbischof Hetti zu. Diese Zuschreibung dürfte allerdings im krassen Gegensatz zu den damaligen Eigentumsverhältnissen stehen. Deswegen liegt es durchaus auf der Hand, den Neubau als Initiative Kaiser Ludwigs des Frommen einzuordnen. Auf diese Möglichkeit hat auch der am 1. September 2012 verstorbene Prof. Dr. Franz-Josef Heyen in Günther Stanzls Sammelband hingewiesen.
Im November 836 geweiht
Wie dem auch sei: Im Herbst 836 wurde die neue Kirche vollendet. Als Datum der Einweihung ist der 12. November überliefert. Einen Tag zuvor, am Martinstag, waren Reliquien des heiligen Kastor von Karden an der Mosel nach Koblenz überführt worden. Kaiser Ludwig war bei diesem feierlichen Akt allerdings nicht anwesend, er kam nach. Das lässt sich aus einem Nachtrag in den Gesta Hludovici ableiten. In den „Taten Ludwigs“, die der Geistliche und Biograf in den Jahren von 835 bis 837 verfasst hatte, wird über die Anwesenheit des Kaisers eine Woche nach der Weihe berichtet.
Spätestens mit dem Kirchen-Neubau wurde das in den frühen Quellen als „Castrum“ bezeichnete Koblenz nicht nur immer öfter Aufenthaltsort von Kaiser und Königen, sondern rückte immer wieder in das Zentrum reichspolitisch bedeutsamer Ereignisse. So wurden die entscheidenden Weichen zur Teilung des karolingischen Gesamtreiches im Vertrag von Verdun (843) unter den drei Söhnen Ludwigs in Koblenz gestellt. Karl der Kahle, Ludwig der Deutsche, dessen Sohn Karlmann und ihre Truppen hatten sich zuvor – und zwar am 18. März 842 – in Koblenz getroffen. Nicht dabei: der älteste Sohn Lothar I., der das gesamte Karolingerreich für sich beanspruchte – und obendrein die Kaiserwürde.
Die Teilnehmer beschlossen, weiter gegen Lothar vorzugehen, der am Ende zwar die Kaiserkrone behielt, aber nur noch in seinem Mittelreich herrschte, das von Italien über Burgund bis an die Nordsee reichte. Zum Mittelreich gehörten auch die Ländereien zwischen Rhein, Maas und Schelde. Der Zuschnitt des nun dreigeteilten Karolingerreiches wurde übrigens auch in Koblenz festgelegt. Am 19. Oktober des Jahres 842 tagten im früheren Kastellort 120 Mitglieder – ebenfalls in der Basilika St. Kastor, die zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch ganz anders aussah als heute. Die Verhandlungen in St. Kastor standen am Anfang einer Entwicklung, in deren Verlauf die Bedeutung von Koblenz steigen sollte. Nicht umsonst gilt die Geschichte der mittelalterlichen Stadt als reich.
📜 CHRONIK: MEROWINGER UND KAROLINGER
250
Das Volk der Franken („die Kühnen“), das aus der Vereinigung mehrerer westgermanischer Stämme entstanden ist, wird erstmals in römischen Quellen erwähnt.
395
Tod des römischen Kaisers Theodosius I. Das Reich wird unter seinen Söhnen geteilt: Honorius erhält die westliche Hälfte, Arkadius die östliche.
450
Dynastiegründer Merowech herrscht im Gebiet des heutigen Belgien.
475
Romulus Augustulus ist letzter weströmischer Kaiser. Er wird am 28. August 476 von dem meist aus Ostgermanen bestehenden Heer in Italien gestürzt. Odoaker wird neuer König. Der Umsturz markiert das offizielle Ende des Weströmischen Reiches, dessen Zerfall bereits im 4. Jahrhundert eingesetzt hatte.
486
Merowingerkönig Chlodwig besiegt den Römer Syagrius und beseitigt damit die Reste des Weströmischen Reiches.
496
Sieg der Franken über die Alemannen.
507
Chlodwig erobert nach der Schlacht von Vouillé bei Poitiers in Westfrankreich das Reich der Westgoten. Er stirbt vier Jahre später. Sein Reich wird unter den vier Söhnen aufgeteilt.
531
Das Thüringerreich wird von den Franken abhängig.
538
Chlotar I., der nur drei Jahre lang regierte, vereinigt das Frankenreich. Nach dessen Tod werden drei Reichsteile gebildet: Austrien mit der Champagne sowie dem Maas- und Moselland mit der Hauptstadt Reims, das romanische Neustrien mit der Hauptstadt Paris und Burgund mit der Hauptstadt Orléans.
539
Chlodwigs Neffe Theudebert besiegt die Ostgoten.
613
Chlotar II. tritt seine Herrschaft an. Ihm gelingt es, das Reich noch einmal zu vereinigen, das aber nach seinem Tod 629 wieder zerfällt.
629
Dagobert I. wird König und vereint in seiner zehnjährigen Herrschaft das Reich erneut. Nach seinem Tod zerfällt das merowingische Staatswesen.
721
Merowingerkönig Theuderich IV. hält sich in Koblenz auf. Das alte Kastell wird „neu entdeckt“.
732
Die arabisch-muslimische Expansion endet mit dem Sieg Karl Martells bei Tours und Poitiers.
751
Der Karolinger Pippin wird nach einem Staatsstreich König. Er herrscht bis 768.
768
König Pippin stirbt. Das Frankenreich wird unter seinen Söhnen Karl und Karlmann aufgeteilt.
771
Karl der Große ist Alleinherrscher.
774
Untergang des selbstständigen Langobardenreichs.
795
Niederwerfung des Awarenreichs. Das Reitervolk der Awaren hatte seinen Schwerpunkt in Südosteuropa.
800
Kaiserkrönung Karls des Großen. Im gleichen Jahr ist die Eingliederung der Sachsen in den fränkischen Reichsverband weitgehend abgeschlossen.
814
Tod Karls des Großen. Der ein Jahr zuvor in Aachen gekrönte Ludwig der Fromme ist Alleinherrscher.
[1] Dazu: Fritz Michel, Die kirchlichen Denkmäler der Stadt Koblenz, Düsseldorf 1937.
[2] Der aktuelle Forschungsstand zur Basilika St. Kastor ist in folgendem Standardwerk zusammengefasst: Günther Stanzl, St. Kastor in Koblenz. Ausgrabungen und Bauuntersuchungen 1985–1990, Worms 1998.
