Darf man KI zur Optimierung und Färbung historischer Bilder und Fotos verwenden? Über diese Frage lässt sich trefflich streiten. Aus rein wissenschaftlicher Sicht ist die Antwort klar: Text- und Bildquellen dürfen nicht verfälscht werden. Das Problem ist übrigens nicht neu. Schon die in den frühneuzeitlichen Werkstätten produzierten Druckgrafiken hatten mit der Realität wenig zu tun. Ein Beispiel ist der berühmte Koblenzer Merian-Stich, den es in mehreren Varianten mit nicht unerheblichen Abweichungen gibt. Diese mit Google Gemini erstellte Illustration ist quasi eine verspätete Version. „Großzügig“ hat die KI die einstige Klosterinsel Oberwerth weggelassen und dafür ein Kloster außerhalb der östlichen Stadtmauer „generiert“.
Die falschen Gesichter des Mittelalters
Im späten 13. Jahrhundert war Koblenz eine voll funktionsfähige Stadt. Auch wenn Bauhandwerker die mittelalterliche Mauer noch nicht vollständig fertiggestellt hatten, präsentierte sich das von ihr umschlossene, insgesamt 42 Hektar große Areal im Bereich der heutigen Alt- und Innenstadt relativ gut geschützt. Dazu kam, dass sich das Zentrum an Rhein und Mosel zu einer zweiten Hauptstadt der Trierer Erzbischöfe entwickelte.
Besonders gefürchtet war Erzbischof Heinrich von Finstingen (1260–1286), der die Koblenzer mit hohen Abgaben für den Bau der Alten Burg belastet hatte. Diese war am westlichen Ende des spätantiken Kastells durch den Ausbau eines einstigen Wohnturms der Familie von der Arken entstanden, dessen Kern heute noch erhalten ist. Dennoch offenbart die Alte Burg ein zentrales Problem in der Koblenzer Stadtgeschichtsforschung: In der heutigen Altstadt steht kaum ein Bauwerk, das sich im Zustand des Mittelalters präsentiert. Diese Aussage gilt selbst für die drei romanischen Hauptkirchen, die in den folgenden Jahrhunderten ausgebaut und verändert wurden. Und der Kernbau der Alten Burg spiegelt heute das Ergebnis der Ausbauphasen des 17. und 18. Jahrhunderts wider. Auch Graben, Befestigung und Nebenbauten können nur noch mit viel Fantasie rekonstruiert werden.

Merian-Schüler lieferte Details
Was sich für die Alte Burg feststellen lässt, gilt auch für eine Reihe weiterer Gebäude, die im Kern zwar mittelalterlich sind, aber dennoch das Bild der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Deshalb wird immer wieder gern versucht, das mittelalterliche Stadtbild mithilfe der frühen Bildquellen zu rekonstruieren. Die wohl bekannteste frühe Koblenz-Darstellung ist der Kupferstich aus dem 1646 erschienenen siebten Teil der „Topographia Germaniae“. Der berühmte Kupferstecher Matthäus Merian der Ältere (1593–1650) gab dieses insgesamt 16-bändige Hauptwerk heraus.
Wichtig wurden die Details, die Wenzel Hollar lieferte. Der Grafiker war Merians Schüler gewesen, hatte sich dann aber selbstständig gemacht und in kriegerischer Zeit mehrere Rheinreisen unternommen. Die noch erhaltenen neun Zeichnungen und zwei Radierungen stammen wohl aus den Jahren 1632 und 1635. Sie gehörten zu den Quellen, die schließlich in die Arbeit in Merians Werkstatt einflossen. Dazu kam ein kräftiger Schuss Fantasie, denn in den Jahren, in denen die „Topographia“ entstand, war Koblenz infolge des Dreißigjährigen Krieges weitgehend zerstört.

Bei genauerer Betrachtung und dem Vergleich mit historischen Stadtplänen stellt sich heraus, dass am Merian-Stich so gut wie nichts stimmt. Selbst die wichtigen Verkehrsachsen sind falsch oder völlig verzerrt eingetragen. Die große Ausnahme: die Stadtmauer, deren Darstellung wohl auf Wenzel Hollars Rheinreisen zurückgeht. Der Grafiker war per Schiff an Koblenz vorbeigefahren und hatte Skizzen angefertigt. Die Stadt hat er wegen der widrigen Umstände der Zeit wohl nie betreten. Der Künstler konnte deshalb Straßenverläufe und Bebauung hinter der Stadtmauer unmöglich dokumentieren.[1]
Und Matthäus Merian? Obwohl der berühmte Grafiker und Verleger das Grauen des Krieges in vielen Städten selbst gesehen und seine Erlebnisse bereits ab 1635 im „Theatrum Europaeum“ verarbeitet hatte, dürfte er nie in Koblenz gewesen sein. Und selbst wenn in seiner Werkstatt später die unterschiedlichsten Quellen verarbeitet wurden, sollten die künstlerischen Freiheiten nicht unterschätzt werden. Auch Koblenz wird, der damaligen Mode entsprechend, aus der Vogelperspektive gezeigt. Diese Betrachtungsweise hatte sowohl für den Zeichner als auch für den Kupferstecher den Vorteil, dass die Vorzüge eines Grundrisses mit der Anschaulichkeit einer Stadtansicht verbunden werden konnten. Deshalb musste sich der Künstler in einen Ausgangspunkt hineinversetzen, den es in Wirklichkeit gar nicht gab. Das führte bei der grafischen Umsetzung zwangsläufig zu Verzerrungen. Dazu kommt, dass auch die älteren Darstellungen alles andere als genau waren.

Die ältesten Darstellungen
In der langen Reihe der frühen Koblenz-Darstellungen muss zuerst das um 1525 entstandene Fresko des Kölner Künstlers Anton Woensam genannt werden. Zwar stehen die Heiligen Florin, Katharina und Kastor im Mittelpunkt der Darstellung, doch sind im Hintergrund wichtige Gebäude der Stadt zu erkennen. Beispiele sind die Deutschordensniederlassung, die drei Hauptkirchen, das Alte Kaufhaus und die Alte Burg.
Aussagekräftiger ist der Koblenz-Holzschnitt in der „Cosmographey“, die Sebastian Münster zum ersten Mal im Jahre 1544 veröffentlichte. Diese Beschreibung der Länder und Städte Deutschlands enthält Beiträge verschiedener Verfasser. Als Vorlagen für die Illustrationen fanden vielfach bereits vorhandene Abbildungen Verwendung. Von „Sonderanfertigungen“ kann in den wenigsten Fällen die Rede sein. Diese Feststellung gilt vor allem für den aus dem Jahr 1549 stammenden Holzschnitt von Koblenz.
Wie aus dem Begleittext in der Auflage des Werkes von 1598 hervorgeht, wurde Erzbischof Johann von Isenburg (1547–1556) um die Übersendung einer Ansicht gebeten. Diese Ansicht diente dann dem Grafiker Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525–1571) als Vorlage für einen Holzschnitt. Dieser wurde in späteren Auflagen nur noch leicht verändert, wobei der Schwerpunkt auf den Beschriftungen lag. Alle Varianten haben eines gemeinsam: Bei der Wiedergabe von Koblenz samt der umliegenden Nachbarorte legte man keinen besonderen Wert auf Genauigkeit. So sind die mittelalterlichen Dörfer Neuendorf und Wallersheim nicht eingetragen. Die Insel Niederwerth und das Dorf Kesselheim wurden stromaufwärts verschoben.
Für Historiker ist nur die Darstellung der moselseitigen Stadtmauer verwertbar. Sie greifen deshalb lieber auf die Darstellung im „Städtebuch“ zurück, das ab 1572 in Köln erschien und auf die Initiative des Dechanten Georg Braun und des Kupferstechers Franz Hogenberg zurückging. Das Werk sollte auch spätere Grafiker nachhaltig beeinflussen.
Anmerkungen
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[1] Die Analyse beruht auf Teil 6 der Arbeit des Verfassers: Die Koblenzer Altstadt. Dort auch umfassende Literatur- und Quellenangaben.
