Die Cholera grassiert und der Tod spielt auf. Mit Google Gemini erstellte Illustration, inspiriert von Gustav Steinbrechers Grafik „Der Tod als Würger“, die vor dem Hintergrund der Cholera-Epidemie von 1831 in Paris entstand.
„König Cholera“ klopft an die Pforte
Pocken, Tuberkulose, Typhus, Diphtherie und Grippe: Angesichts der großen politischen Ereignisse wird oft vergessen, dass die wahren Herren im Europa des 19. Jahrhunderts die tödlichen Infektionskrankheiten waren. Und gerade die Festungsstadt Koblenz mit ihren beengten Lebensverhältnissen war ein idealer Hort für Epidemien. Entsprechend groß war die Aufregung, als eine neue Seuche die Stadt bedrohte: die Cholera, die in England sogar als „König“ bezeichnet wurde.[1] Auch wenn andere Krankheiten unter dem Strich mehr Opfer forderten, sollte gerade die Cholera die Stadtplanung nachhaltig beeinflussen.
Doch zunächst herrschte erst einmal Fassungslosigkeit über die aus Indien eingeschleppte Epidemie, gegen die es kein wirksames Mittel gab. Mediziner und Behörden standen der Bedrohung machtlos gegenüber. Die Hysterie wuchs ins Unermessliche. Nicht nur die Zahl der behördlichen Anordnungen stieg sprunghaft, sondern auch die Flut der sogenannten Fachliteratur. Fakt ist: Die Experten tappten im Dunklen. Es sollte noch bis weit in die 1880er-Jahre hinein dauern, bis die Mechanismen der tödlichen Bedrohung entschlüsselt werden konnten.
Die erste Choleraepidemie forderte in den Jahren 1831 und 1832 allein im Königreich Preußen 40.427 Opfer. Noch schlimmer sollte es für das aufstrebende Königreich 1866 kommen: Damals waren 120.000 Tote zu beklagen. Weitere Cholerazyklen folgten. Im Zuge der Epidemie von 1873 sollte die Gesamtzahl der Opfer allein in Preußen auf rund 380.000 steigen. Auch die Nachbarländer wurden von den Cholerawellen schwer getroffen, allen voran das damals als sehr fortschrittlich geltende Frankreich.
Der Weg der Seuche nach Westen
Die Seuche hatte auf dem indischen Subkontinent ihren Anfang genommen. Über Afghanistan wurde sie an die Wolgamündung weitergetragen, 1830 erreichte sie schließlich Moskau. Über Polen drang sie weiter in Richtung Westen vor. Dort nistete sie sich vor allem in den Großstädten ein: Zwischen 1831 und 1892 gab es allein in Hamburg 16 Cholerajahre.
Dass die Seuche sich in den insgesamt sechs „pandemischen Wellen“ des 19. Jahrhunderts so stark verbreitete, lag nicht nur an den schlechten Wohnbedingungen in den Zentren oder der oft miserablen Qualität des Trinkwassers. Ausschlaggebend war vielmehr auch die Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ minderwertigen Nahrungsmitteln. Da diese Zusammenhänge noch nicht erkannt waren, befasste sich auch die Königliche Regierung in Koblenz mit den aberwitzigsten Empfehlungen – unter anderem mit dem Ratgeber des „Kaiserlich-Russischen“ Professors Dr. Kilduschewski, der empfahl:
Die Luft mit Chlorwasser zu reinigen und dem Patienten Rotwein zu geben, der mit Quell- und Flusswasser verdünnt werden sollte.
In der Forschung selbst standen sich derweil Miasmatiker und Kontagionisten unversöhnlich gegenüber. Glaubten Erstere an die Übertragungen durch giftige Ausdünstungen des Bodens, die sich über die Luft ausdehnten, favorisierten Letztere die Verbreitung durch Ansteckung, ohne das Wie erklären zu können. Die Kontagionisten waren es auch, die die rasante Verbreitung der neuen Seuche auf die gestiegene Mobilität der Menschen sowie auf Veränderungen in den Bereichen Handel und Verkehr zurückführten. Dieser Ansatz war für die Bezirksregierung ein Anlass, den Blick auf die Rheinschifffahrt zu lenken.

Hilflosigkeit der Verwaltungen und das preußische Regulativ
Da es aber weder gesicherte Erkenntnisse noch Patentlösungen gab, waren die Behörden mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Sie griffen auf die üblichen Separations- und Kontrollmethoden zurück, die sich seit dem Mittelalter kaum verändert hatten. Man versuchte außerdem, die Folgen der Seuche realistisch zu beurteilen. Den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen begegnete man sehr kritisch. Man sprach den zerstrittenen Medizinern schlichtweg eine Relevanz für die tatsächlich erforderlichen Maßnahmen ab.
Die Konsequenzen spiegeln sich im preußischen Regulativ von 1835 über sanitätspolizeiliche Vorschriften beim Ausbrechen ansteckender Krankheiten wider. Der Kontroll- und Quarantänekurs erhielt quasi Gesetzescharakter, während der ärztliche Diskurs, vor allem aber die „Seuchenkompetenzen“ der Amtsärzte weitgehend ausgeblendet wurden.
Im Verlauf der Cholerawellen sollte sich zeigen, dass die im Kern gar nicht so unvernünftige Überwachung der Flussläufe und das Abriegeln der Seuchenherde an ihrer schlechten Durchführbarkeit in der Praxis scheiterten. Konnte die Inkubationszeit doch zwischen wenigen Stunden und fünf Tagen liegen, was die Selektion möglicher Kranker erschwerte. Und so war das Kontrollsystem löchrig. Dazu kam, dass die Akteure vielerorts schlecht ausgebildet waren und daher nachlässig vorgingen.
Angst und Hysterie in der Bevölkerung nahmen zu, apokalyptische Visionen über die „neue Pest“ hatten Hochkonjunktur. Die Malerei von Arnold Böcklin (1827–1901) auf Seite 128 erinnert auch heute noch an den Fatalismus der damaligen Zeit. Der Schweizer Künstler hatte 1855 einen Sohn an die Cholera verloren, nur drei Jahre später starb ein weiterer Sohn an Typhus. Die Themen Cholera und Tod sollten den Maler fortan nicht mehr loslassen, zumal er den Ausbruch der Seuche im Winter 1873 in München erlebte.
Koblenz als vermeintliche Oase der Ruhe
Angesichts der dramatischen Ereignisse in Europa erscheint Koblenz aus heutiger Sicht wie eine Oase der Ruhe: Zwar hatte die Cholera Ende Oktober/Anfang November 1833 auch das Mittelrheingebiet erreicht, doch machte die Seuche vor den Festungsmauern der Provinzhauptstadt Halt. Anders sah es in Neuendorf aus, das erst am 1. Juli 1891 eingemeindet werden sollte. Dort löschte die tückische Infektionskrankheit eine sechsköpfige Familie aus.
Koblenz selbst blieb seuchenfrei. Diese Tatsache legt die Vermutung nahe, dass die früh eingeleiteten Vorsichtsmaßnahmen sehr wohl verhinderten, dass infizierte Personen die Seuche in die Stadt brachten. Die Voraussetzungen schienen trotz der beengten Verhältnisse im Gebiet der heutigen Alt- und Innenstadt sehr günstig zu sein: Als Zentrum des Militärs und der Verwaltung war die stark umwehrte Festungsstadt optimal zu schützen, zumal die Verdichtung der Bebauung im Bereich der heutigen Alt- und Innenstadt erst später einsetzte. Oder hatte die Seuche die Provinzhauptstadt am Ende nur übersprungen?
Auf jeden Fall waren die Maßnahmen der Königlichen Regierung vielfältig. So wurden – einschließlich der Stadt Koblenz – bereits im Spätsommer 13 Cholera-Distrikte geschaffen. Als Vorbild hierfür diente die bereits seit der französischen Zeit vorhandene Einteilung in ärztliche Distrikte. Darüber hinaus wurden Kreis- und Ortskommissionen eingerichtet, die Reinlichkeit und gesunde Luft in Schulen, Kirchen und Arbeitsstätten überwachten. Schließlich sammelte man in den einzelnen Gemeinden des Regierungsbezirks Geld für Pflegefonds und suchte Räume aus, die als Choleralazarette dienen konnten.
Besonders wichtig war die weitgehende Aufklärung der Bevölkerung über das Wesen und die Ursachen der Krankheit – obwohl diese damals höchst umstritten waren. Schließlich gab es Empfehlungen für die besten Schutzmittel.
Prominente Opfer in den eigenen Reihen
Den Anfang machten die Bestimmungen für Soldaten, die nach Vorbildern aus Berlin aufgestellt wurden. Zuständig für die Umsetzung war der Chef des Koblenzer Generalkommandos, Neidhardt von Gneisenau. Ironischerweise sollte der Feldmarschall am 23. August selbst an der Cholera sterben – nachdem er an die Spitze der Verbände gerückt war, die dem Zaren (der die mögliche Unterstützung nie abrief) im Polnisch-Russischen Krieg zu Hilfe eilen sollten. Wenig später, am 16. November, starb auch Gneisenaus früherer Generalstabschef Carl von Clausewitz in Breslau an den Folgen der tückischen Infektionskrankheit.
Die Koblenzer dürften diese Schicksalsschläge wenig beeindruckt haben. Sie hatten andere Probleme. Ihre wirtschaftliche Not war nach wie vor groß. In der Stadt gärte es. Und auch die Cholera war längst nicht besiegt. Der Tod sollte sich schon bald zurückmelden.
Anmerkungen:
[1] Der Text basiert wie alle anderen Passagen zur Koblenzer Infrastruktur in diesem Buch auf: Reinhard Kallenbach, Leben und Leiden in Koblenz. Ein Beitrag zur Entwicklung der kommunalen „Gesundheits-Infrastruktur“ im 19. und 20. Jahrhundert. Krankenhauswesen, Trinkwasserversorgung, Abfall und Entwässerung, Würzburg/Koblenz 2007.
ℹ️ CHRONIK: ERFINDUNGEN UND AUFSTÄNDE
1824
Justus (von) Liebig wird im Alter von gerade mal 21 Jahren Professor für Chemie und Pharmazie an der Universität Gießen. Der Wissenschaftler sollte im Laufe seines Berufslebens die organische Chemie und die Entwicklung von Düngemitteln revolutionieren. Liebig stirbt am 18. April 1873 in München an den Folgen einer Lungenentzündung.
1825
In Russland besteigt Nikolaus I. den Thron. Vor allem westlich gebildete und denkende Offiziere verweigern den Eid auf den neuen Zaren. Die nach der Erhebung im Dezember benannten Dekabristen protestieren gegen die zaristische Willkür und die Leibeigenschaft. Die Erhebung wird niedergeschlagen, die Offiziere werden entweder degradiert oder nach Sibirien verbannt.
Der Engländer William Sturgeon entwickelt den Elektromagneten. Bereits 1821 hatte Michael Faraday, ebenfalls ein Engländer, den ersten Elektromotor entwickelt. Faraday ist es auch, der 1831 Dynamo und Transformator erfindet.
1827
Auf dem Rhein fährt das erste deutsche Dampfschiff „Concordia“. Die Reisezeit von Köln nach Mainz verkürzt sich von zwei Wochen auf einen Tag. Das erste Dampfschiff auf dem Rhein war die britische „The Defiance“, die 1816 allerdings nur bis Köln fuhr.
In Frankreich melden Pioniere der Fotografie erste Erfolge.
1828
In Koblenz erscheint das erste Handbuch für Rheinreisende im Verlag von Friedrich Röhling. Der Koblenzer Buchhändler Karl Baedeker, der ein Jahr zuvor eine Verlagsbuchhandlung gegründet hatte, verbessert dieses Handbuch für „Schnellreisende“ und bringt 1835 den ersten „Baedeker“ heraus. Bis 1850 erscheinen weitere 120 Reiseführer. Den „Baedeker“ gibt es noch heute. Er wird von der Verlagsgruppe MairDumont in Ostfildern bei Stuttgart herausgegeben.
1829
In Frankreich, England und den USA werden die ersten Nähmaschinen vorgestellt. Der US-Amerikaner William Austin Burt erfindet die Schreibmaschine.
1830
Im Bürgerhospital im Kastorviertel werden insgesamt 477 Personen behandelt. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei rund 80 Tagen.
In Paris beginnt die Juli-Revolution, die durch den Historiker und Redakteur des „National“, Adolphe Thiers, vorbereitet wird. Der Bourbone Karl X. dankt ab, „Bürgerkönig“ Louis Philippe kommt an die Macht.
Der Streit um die Mischehenfrage eskaliert: Papst Pius VIII. verfügt, bei der Schließung von Mischehen die Einsegnung zu verweigern, wenn sich die Braut nicht zur katholischen Kindeserziehung bekannte.
Belgien wird im Zuge der Belgischen Revolution von den Niederlanden unabhängig und erhält 1831 eine eigene Verfassung. Leopold von Sachsen-Coburg wird erster König der Belgier.
Im Novemberaufstand, der auch Kadettenaufstand oder Polnisch-Russischer Krieg genannt wird, will Kongresspolen seine Unabhängigkeit vom zaristischen Russland erreichen. Die Polen verlieren, ihr Land hat fortan nur noch den Status einer russischen Provinz. Die russischen Truppen bringen die aus Indien kommende Cholera nach Europa. Der erste offizielle Cholerafall war bereits im August 1829 aus der am Ural gelegenen Stadt Orenburg gemeldet worden.
