Revolutionsgeneral François Séverin Marceau (1769-1796). KI-Illustration (Google Gemini) nach einem Bild des Historienmalers François Bouchot (1800–1842 ebenda), das sich heute im Hôtel des Invalides (Paris) befindet. Quelle: Wikimedia Commons (gemeinfrei)
Die Residenzstadt wir französisch
Koblenz am 23. Oktober 1794: Französische Truppen marschieren in die Stadt, die zuvor sang- und klanglos kapituliert hatte. Die Welt des alten Kurfürstentums Trier ist zerschlagen, das Zentrum französischer Royalisten ist Geschichte. Die Besetzung unter Befehl des Generals François Séverin Marceau (1769–1796) leitet für die Residenzstadt eine Zeitenwende ein.
Ein Blick zurück: Die Wirren der Revolution hatten Frankreich nur vorübergehend geschwächt. Nach nur drei Jahren suchten die Repräsentanten der jungen Republik auch außerhalb der Landesgrenzen den Erfolg. Der als Befreiungsaktion propagierte Feldzug gegen die Territorien des Alten Reichs war nichts anderes als ein Eroberungskrieg, der allerdings für andere europäische Mächte ein willkommener Anlass war, zum Schlag gegen alles auszuholen, was die alte Ordnung infrage stellte.
Der Stadtplan des Notars und Geometers Johann Peter Dilbecker zeigt Koblenz zur Zeit des Einmarschs der Revolutionstruppen. Der Plan, der nicht auf der Grundlage maßstabsgetreuer Vermessungen beruht, enthält erstmals die Hausnummerierung, die nur wenige Jahre zuvor im Zuge der Gründung der kurtrierischen Brandversicherung eingeführt worden war. Trotz seiner Mängel war der Plan, der durch ein Einwohnerverzeichnis ergänzt wurde und bei Rechtsstreitigkeiten um Immobilien und Einquartierungen weiterhelfen sollte, für die Franzosen eine große Hilfe.
Koalitionskriege begannen
Der Auftakt der Koalitionskriege seit 1792 beschleunigte auch das Ende des Trierer Kurstaates, dessen damaliges Zentrum Koblenz für die Revolutionäre zum Symbol einer möglichen „weißen“ Gegenrevolution wurde. Denn Kurfürst Clemens Wenzeslaus unterstützte die Royalisten offen. War er doch ein Onkel des französischen Königs Ludwig XVI. und Oberhaupt mehrerer französischer Bistümer. Koblenz sollte – wie es der Historiker Dr. Christian Henke in einer Spezialuntersuchung des Jahres 2000 ausdrückt [1] – von Juni 1791 bis Juli 1792 der Hauptsammelpunkt der aktiven Gegenrevolution werden. In diesem Zeitraum dürften sich rund 5000 königstreue Franzosen in der Stadt aufgehalten haben, die damals gerade mal 8500 „einheimische“ Bewohner zählte. Auch die Brüder des Königs, Charles Philippe, Graf von Artois, und Louis Stanislas Xavier (der spätere Ludwig XVIII.), standen an der Spitze der Emigranten, denen die Koblenzer mit zwiespältigen Gefühlen begegneten. Einerseits bereitete ihnen die Überheblichkeit des französischen Adels Unbehagen, andererseits profitierte so mancher von dessen schon fast legendärer Verschwendungssucht.
Doch die Freude über Mehreinnahmen währte nicht lang. Die Koblenzer blickten mit zunehmendem Unbehagen nach Westen. Und in der Tat sah es bereits im Herbst 1792 so aus, dass ein erster Ansturm der Revolutionsarmee unmittelbar bevorstand. Hatten doch die Franzosen zu diesem Zeitpunkt bereits Speyer und Worms eingenommen – für Clemens Wenzeslaus ein Anlass, seine Residenzstadt vorübergehend zu verlassen. Doch noch einmal gelang es, einen Ansturm der Franzosen zu verhindern, weil hessische und preußische Schutztruppen halfen.
Nur zwei Jahre später waren die schlecht ausgestatteten, aber motivierten Revolutionssoldaten nicht mehr zu halten. Schließlich stand eine gewaltige Übermacht von 7000 bis 8000 Mann vor den Toren der Stadt, die seit dem Neubau des Schlosses und der Parzellierung eines neuen Stadtteils nur noch bedingt verteidigungsfähig war, weil man den barocken Befestigungsring durchbrochen hatte. Aus diesem Grund hatten sich die Verteidiger bereits fast vollständig auf die Festung Ehrenbreitstein zurückgezogen, wo sie sich bis Ende Januar 1799 halten sollten.
Nur kleinere Gefechte
Die Vorentscheidung fiel am 22. Oktober 1794. An diesem Tag hatten die Franzosen bereits die benachbarten Ortschaften besetzt. Der Kurfürst, zugleich Fürstbischof von Augsburg, war längst nach Bayern geflüchtet. Die Situation für die Franzosen war so komfortabel, dass sie fast unbehelligt den Ring um Koblenz immer enger ziehen und mit der Beschießung beginnen konnten.
„Viele Kugeln und Granaten flogen in die Stadt und richteten einige Beschädigungen an, die jedoch nicht von großem Belang waren“,
— schrieb der nach Montabaur geflohene kurfürstliche Geheimrat Weckbecker.
Geringe Zerstörungen
Dass die Stadt im Vergleich zu den verheerenden Zerstörungen des 17. Jahrhunderts glimpflich davonkam, ist letztendlich der Vernunft der Akteure auf beiden Seiten zu verdanken. Die wenigen in der Stadt verbliebenen Hauptakteure erkannten, dass eine weitere Verteidigung sinnlos sein würde. Sie entschieden sich zur Übergabe. Im Gegenzug verzichtete General Marceau auf die bereits von ihm angedrohte Brandschatzung.
Am Abend des 23. Oktobers zogen die Franzosen in die Stadt ein. Die Soldaten verhielten sich zunächst diszipliniert. Über den Einmarsch steht im „Rheinischen Antiquarius“ des Christian von Stramberg [2] zu lesen:
„Abends um sieben Uhr befanden sich die Kaiserlichen sämtliche über Rheins, um dieselbe Stunde wurde durch Trommelschlag verkündigt, dass man die heute noch eindrückenden Franzosen zu beköstigen und vor den Häusern, damit die Nummern zu erkennen, Licht anzubringen habe. Noch vor 8 Uhr durchsprengten französische Chasseurs [Jäger] die Straßen, ihnen folgte ein Bataillon Infanterie, dem das beigegebene Musikchor den Marseillermarsch vorspielte. Das Bataillon stellte sich auf dem Plan vor der Hauptwache auf, um die unter Gewehr stehende Bürgerkompanie abzulösen. Die Billette wurden ausgegeben, die Mannschaften zerstreuten sich und suchten ohne Tumult die ihnen angewiesenen Quartiere.“
In der Anfangsphase der Besatzung machte die militärische Führung drastische Auflagen zur Disziplinierung der eigenen Truppen:
„In der Stadt beobachteten die Franzosen die strengste Polizei. Keinem Soldaten war es gestattet, sich in Weinhäusern aufzuhalten, und den Bürgern ist es unter Todesstrafe verboten, ihnen ein Glas Wein abzugeben. Am ersten Abend gaben ihnen die Einwohner Wein in Mengen, die Kerls besoffen sich und griffen ihre eigenen Offiziere an“,
— so Chronist Stramberg.
Mit der Besetzung begann für die Koblenzer eine Übergangszeit, in der ihnen die neuen Herren nicht gerade freundlich gesinnt waren. Die Bürger mussten immense Abgaben leisten und Einquartierungen hinnehmen, weil Kasernen fehlten. Die Lage entspannte sich erst, als Koblenz auch offiziell Teil des französischen Staatsgebietes war und als Departementshauptstadt neue Aufgaben erhielt.
Anmerkungen:
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[1] Christian Henke: Coblentz. Symbol für die Gegenrevolution. Die französische Emigration nach Koblenz und Kurtrier 1789–1792 und die politische Diskussion des revolutionären Frankreichs 1791–1794, Stuttgart 2000.
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[2] Christian von Stramberg: Coblenz, die Stadt. Historisch und topographisch dargestellt. Bd. 1–4, Koblenz 1851–1853.
ℹ️ CHRONIK: DIE FOLGEN DER REVOLUTION
1792
Beginn der Koalitionskriege mit der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich im April. Hauptmann Rouget de Lisle dichtet und komponiert die Marseillaise.
Am 10. August folgt der Sturm auf das Pariser Stadtschloss; der König und seine Familie werden interniert. Auslöser ist das Manifest des Herzogs von Braunschweig zur Befreiung des Königs. Eine weitere Folge: eine Ermordungswelle zur „Gefängnisreinigung“. Weitere Adlige verlassen das Land und fliehen nach Koblenz.
Ebenfalls im September wird Frankreich zur Republik erklärt und ein neuer republikanischer Kalender tritt in Kraft. Oberstes Gremium ist nun der Konvent, in dem sich neue Parteien formieren.
1793
Der Konvent stimmt am 17. Januar mit einer hauchdünnen Mehrheit von 361 zu 360 Stimmen für die Todesstrafe für Ludwig XVI. Der König wird am 21. Januar unter der Guillotine hingerichtet.
Im Juni verkündet die neue Konventsverfassung die Volksherrschaft; die Gewaltenteilung wird aufgehoben. Im Juli errichten die Jakobiner unter Maximilien de Robespierre eine Diktatur. Als ausführende Regierung agiert der vom Konvent gewählte Wohlfahrtsausschuss.
1794
Abschaffung des Christentums und Einführung des „Kults der Vernunft“.
Am 27./28. Juli endet die Schreckensherrschaft: Robespierre und 21 seiner Gefolgsleute werden hingerichtet. Revolutionstribunal und politische Klubs werden aufgelöst. Die Royalisten erstarken, woraufhin der „weiße Terror“ einsetzt.
1795
Frankreich erhält eine neue Verfassung. An der Spitze der Exekutive steht das fünfköpfige Direktorium. Die Aufstände der Royalisten dauern an.
1797
Frieden von Campo Formio: Im Oktober willigt Österreich in die Abtretung des linksrheinischen Ufers ein. Preußen hatte bereits 1795 im Sonderfrieden von Basel auf seine dortigen Ansprüche verzichtet.
1798
Beginn des gegen England gerichteten Ägyptenfeldzuges der Franzosen unter dem Oberbefehl von Napoleon Bonaparte.
1799
Staatsstreich am 9. November: Napoleon übernimmt die Macht und wird Erster Konsul der Französischen Republik.
1802
Infolge des Friedens von Lunéville (Februar 1801) werden die linksrheinischen Gebiete nun auch formell und völkerrechtlich in den französischen Staat eingegliedert.
1803
Verabschiedung des Reichsdeputationshauptschlusses auf der letzten Sitzung des Immerwährenden Reichstags in Regensburg am 25. Februar.
Weltliche Fürsten werden durch Säkularisation und Mediatisierung für ihre linksrheinischen Territorialverluste entschädigt: Geistliche Territorien verlieren ihre weltliche Herrschaftsgewalt; Stifte, Klöster und Kirchengüter werden aufgelöst und eingezogen.
