Koblenz wurde 1632, 1636 und 1688 infolge kriegerischen Auseinandersetzung in weiten Teilen zerstört. Die KI-erzeugte Illustration (Google Gemini) ist rein symbolisch zu sehen schon weil wichtige topografische Details nicht stimmen. Dennoch ist sie allemal geeignet, ein rudimentäres Bild von den damaligen Ereignissen zu vermitteln.
Grauen des Krieges erreicht Koblenz
„Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret,
das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun,
ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret“
Diese traurige Bilanz, die Andreas Gryphius (1616–1664) in seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ zog, betrifft in besonderem Maße auch Koblenz. Denn im 17. Jahrhundert wurde die Stadt zum Spielball der großen Mächte.
Dabei waren in Koblenz die Voraussetzungen anfangs sehr gut, unbeschadet durch die unruhigen Zeiten zu kommen. Die Kurfürsten hatten sich eindeutig gegen die Reformation und auf die Seite des Kaisers gestellt, das Wirken der Jesuiten trug dazu bei, die Menschen ruhig zu halten. Der neue Orden hatte nicht nur das Tor zu einer höheren Schulbildung geöffnet, sondern sogar eine kleine Hochschule für das theologisch-philosophische Studium gegründet. Begleitet wurde all dies von einer umfassenden Bautätigkeit.
Als die konfessionellen und politischen Konflikte nach dem symbolträchtigen Prager Fenstersturz von 1618 eskalierten, wussten die Koblenzer das bestenfalls vom Hörensagen. Noch ahnten sie nicht, dass eine Tragödie, die später der Dreißigjährige Krieg genannt werden sollte, auch ihre Stadt in eine Katastrophe stürzen würde.[1]
Die Ursachen für den furchtbarsten Dauerkonflikt, den das Reich bis dahin erlebt hatte, sind vielfältig. Es ging dabei weniger um die Religion, sondern vielmehr um ein Kräftemessen der damaligen Großmächte. Egal, ob das habsburgische Spanien, Schweden oder Frankreich im Spiel waren, für die Menschen war es immer gleich: Grausamen Söldnerheeren, die nach der Devise „der Krieg ernährt den Krieg“ handelten, folgten Obdachlosigkeit, Armut und Seuchen. Der Hunger muss derartige Dimensionen angenommen haben, dass es sogar vereinzelt Fälle von Kannibalismus gegeben haben muss – auch am Mittelrhein.
Ging es in der älteren Forschung meist um die politischen Hintergründe der Katastrophe, liefern heute auch wirtschaftliche Argumente Erklärungsansätze. Denn der Konflikt hat eine Vorgeschichte, wie das Beispiel des fast schon chronisch finanzschwachen Kurtriers zeigt. Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts verschlechterte sich der Geldwert erheblich, weil man den Metallgehalt der Kleinmünzen senkte, um mehr Geld in Umlauf bringen zu können.
Zwar war es den Erzbischöfen Lothar von Metternich (1599–1623) und Philipp Christoph von Sötern (1623–1652) zunächst gelungen, den Krieg aus ihrem Territorium herauszuhalten, doch gingen sie Verpflichtungen ein. So mussten sie teure Söldnerheere bezahlen. Veränderungen der Waagen sollten deshalb den geringeren Wert geprägter Münzen verschleiern und damit auch, dass das Kurfürstentum finanziell am Ende war.
Geldmenge außer Kontrolle
Geldentwertung und Manipulationen betrafen das ganze Reich. Aber besonders die relativ kleinen rheinischen Territorien steckten in einer Misere: Trotz aller Tricks konnten sie die Geldmengen nicht selbst steuern, weil viele fremde, oft minderwertige Münzen im Umlauf waren.[2]
Die Folge: Kurtrier konnte nur unter großen Anstrengungen Kriegsbeiträge an den Kaiser leisten. Kurfürst Philipp Christoph von Sötern war deshalb bereit, die Seiten zu wechseln. Man sieht: Die katholische Sache spielte eine untergeordnete Rolle. Es ging vielmehr darum, fremde Truppen aus Kurtrier herauszuhalten. Der Erzbischof verhandelte deshalb mit Frankreich und erreichte, dass sein Land 1632 für neutral erklärt wurde.[3] Der Preis für den Vertrag war hoch: Der Kurfürst war gezwungen, die Besetzung strategisch wichtiger Punkte durch französische Truppen hinzunehmen, die zuvor Trier für ihn „befreit“ hatten. Dazu gehörte auch die Festung Ehrenbreitstein. Eine weitere Konsequenz: Philipp von Sötern musste sogar die Anwesenheit der protestantischen Schweden hinnehmen. Grundlage war ein Neutralitätsvertrag von 1631.
Mit seinen Zugeständnissen hatte der Kurfürst Koblenz endgültig zur Zielscheibe gemacht. Die Bürger spürten das, die alten Konflikte mit der Obrigkeit flammten wieder auf. Offenbar in Verkennung der Tatsachen sahen die Koblenzer ihre Chance zur Unabhängigkeit. Sie riefen die kaiserlich-spanische Armee um Hilfe. Damit handelten sie sich jedoch eine Belagerung durch schwedische Truppen ein.
Da es eine moderne Befestigung bestenfalls nur in Ansätzen gab, hatten die Koblenzer keine Chance. Am 1. Juli 1632 nahmen die Schweden die Stadt ein, die dann den (katholischen!) Franzosen überlassen wurde. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Vier Jahre später schlugen kaiserliche Truppen zurück. Nach Dauerbeschuss der Stadt im Mai 1636 gelang es ihnen, die Franzosen auf die Festung Ehrenbreitstein zurückzutreiben.
Ehrenbreitstein ausgelöscht
Folge der grausamen Gefechte: die weitgehende Zerstörung von Koblenz – und Ehrenbreitstein. Das frühere Philippstal wurde nach einem Ausfall der Franzosen am 2. Juli 1636 regelrecht ausgelöscht. Zu dieser Zeit war der Kurfürst bereits in Haft. Nach der Rückeroberung Triers durch die Kaiserlichen wurde er festgenommen. Das Domkapitel übernahm die Regierung. Erst 1645 sollte Philipp von Sötern zurückkehren. Da er noch eine Rechnung offen hatte, verhandelte er mit Frankreich über die Herauslösung Kurtriers aus dem Reichsverband – ohne Erfolg.[4]
Die Kriegsfolgen waren schrecklich. In Trier, das mit seinen ursprünglich 10.000 Einwohnern zu den größeren deutschen Städten gehörte, lebten 1649 nur noch 3.500 Menschen.
Ähnlich schlimm muss es im damals noch wesentlich kleineren Koblenz gewesen sein. In einem Ratsprotokoll vom August 1636 kann man lesen:
[…] dass „der halbe theil heußer ruinirt“ und „umb die Stadt alles gewächß ahn wein, fruichten […] verkommen.“[5]
Die Spuren der Verwüstungen waren 1665 noch nicht beseitigt. Davon zeugt ein Brief des Dechanten und des Kapitels von St. Kastor. Darin ist zu lesen:
[…] dass „diese Stadt Coblenz durch mehrmalige […] von freundt und feindlichen armeen beschehener gewalt, zur einnehmunge, plunderungen, einquartierungen, undt anderen Verwüstungen, welche der Kriegh nach sich führet“ getroffen wurde und zugleich auch die Stiftsgebäude „in verderbliche desolation gesetzt“.[6]
Schriftliche Quellen fehlen
Über die tatsächlichen Zerstörungen in Koblenz können nur vage Angaben gemacht werden: In den Ratsprotokollen sind keine Bestandsaufnahmen der Beschädigungen zu finden. Listen mit den zerstörten Gebäuden sind verschwunden. Ursprünglich muss es diese Dokumente gegeben haben, denn 1638 hatte der Stadtrat den Stadtschreiber dazu bestimmt, Schäden festzustellen. So viel steht fest: Es dauerte Jahre, bis sich die Koblenzer erholt hatten. Und schon drohte eine neue Tragödie: die Pest.[7]
Anmerkungen
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[1] Zu den Hintergründen des Konfliktes: Gerhard Schormann, Der Dreißigjährige Krieg, Göttingen 2004.
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[2] Dazu: Karl Weisenstein, Die Kipper- und Wipperzeit im Kurfürstentum Trier, Koblenz 1991.
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[3] Dazu: Hermann Weber, Frankreich, Kurtrier, der Rhein und das Reich 1623–1635, Bonn 1969.
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[4] Als Standardübersicht zur Geschichte Ehrenbreitsteins gilt immer noch: Marianne Schwickerath, Wo stand eigentlich die Philippsburg?, Koblenz 1992 und 1998.
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[5] Stadtarchiv Koblenz, Bestand 623, Nr. 1547, S. 14/15. Ratsprotokoll vom 19. August 1636.
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[6] Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 109, Nr. 1539, S. 85. Verkauf, Vermietungen und Bauarbeiten an Stiftshäusern.
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[7] Zu den schweren Zerstörungen des 17. Jahrhunderts: Reinhard Kallenbach, Die Koblenzer Altstadt. Entwicklung, Planung und Schicksal der historischen Bürgerhäuser, Koblenz 1995.
