Blick von der Feste Ehrenbreistein auf die Koblenzer Altstadt und das Areal der Deutschordenskommende Koblenz am Deutschen Eck vor dem Bau des Kaiser-Wilhelm-I.-Denkmals um 1875. KI-Optimierung mit Google Gemini. Unbekannter Fotograf. Original s/w. Quelle: Stadtarchiv Koblenz/Wikipedia CC BY-SA 3.0.
In Koblenz wird der Weg zur Macht frei
Am Rhein wurde gerade im Mittelalter deutsche und europäische Geschichte geschrieben. Das lag vor allem daran, dass der Strom schon damals eine der zentralen Adern Europas war. Dort pulsierte das wirtschaftliche Leben. Weil die Straßen meist schlecht waren, wichen Händler auf das Wasser aus. Die Folge: Der Fluss wurde weit intensiver befahren, als es heute der Fall ist. Darauf hat der Historiker Prof. Dr. Stefan Weinfurter hingewiesen.[1]
Die große wirtschaftliche Bedeutung des Rheintals hatte gravierende politische Folgen. Es entstand ein territorialer „Flickenteppich“, weil sich viele mächtige Herren den Zugang zu den lukrativen Rheinzöllen sichern und zusätzliche Einnahmequellen für sich erschließen wollten. Das gegenseitige Vertrauen der Mächtigen, die die Schwäche der Krone zu nutzen wussten, hielt sich in engen Grenzen. Vor allem im 13. Jahrhundert suchten sie, ihren Einfluss durch den Bau von Burgen zu festigen. So sicherten die Burgen Lahneck und Stolzenfels die Flusszölle, während die Marksburg über Braubach die Erzvorkommen schützte.
Im Zentrum der großen Politik
Die geistlichen Landesherren spielten in den Ränkespielen um die Vormacht an Rhein und Mosel eine nicht zu unterschätzende Rolle.[2] Und die Könige brauchten ihre Unterstützung. Das erklärt auch, warum Koblenz immer wieder im Mittelpunkt reichspolitisch bedeutender Ereignisse stand, obwohl es seine Bedeutung als Krongut bereits 1018 verloren hatte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Ära der staufischen Könige und Kaiser in Koblenz begann.
Bereits das Schicksalsjahr 1138 zeigt: Die Großen eines Reiches brauchten nicht immer Zentren wie Köln und Mainz, um ihre Gegner vor vollendete Tatsachen zu stellen. Manchmal genügte eine Kleinstadt oder ein verkehrsgünstig gelegenes Dorf. Nicht umsonst griff Konrad III. in Lützelkoblenz nach der Krone und gab sie nicht wieder her. Am 7. März 1138 trafen sich hohe Würdenträger im heutigen Stadtteil, um einen Nachfolger für den am 3. Dezember verstorbenen Lothar III. von Supplinburg zu wählen. Ort des Geschehens war die alte Peterskirche, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts bestand.
Die Lützeler Ereignisse sind in jeder Hinsicht denkwürdig. Konrad hatte zu dieser Zeit nur eine Minderheit der Mächtigen hinter sich. Nun galt es, die Ansprüche schnell „durchzudrücken“. Den damaligen Akteuren kam dabei entgegen, dass es weder einen Nationalstaat noch eine einheitliche Verfassung gab. Und so fiel den weltlichen und geistlichen Landesherren eine besondere Rolle zu. Zu den Unterstützern Konrads gehörte auch der Trierer Erzbischof Albero von Montreuil, den Stefan Weinfurter als einen der geschicktesten und skrupellosesten Machtmenschen seiner Zeit bezeichnet. Albero wusste, dass sein Territorium durch Widersacher gefährdet war. Besonders Pfalzgraf Wilhelm von Ballenstedt machte ihm das Leben schwer. Die Rechnung des Erzbischofs war einfach: Wenn er Konrad unterstützte, konnte er sich dessen Dank sicher sein. Dass er sich für diesen König entschied, hatte einen einfachen Grund.
Knallharter Machtpoker
Der zum Geschlecht der Askanier gehörende Pfalzgraf war mit dem ebenfalls aus Sachsen stammenden Lothar von Supplinburg verwandt, der kurz vor seinem Tod den Welfen Heinrich den Stolzen als Nachfolger bestimmt hatte. Noch schlimmer: Der Pfalzgraf, der sich auch hinter den Welfen stellte, unterstützte auch eine gegen Albero gerichtete Reformbewegung. Es lag für den Erzbischof auf der Hand, sich für Konrad zu entscheiden, zumal Lothar von Supplinburg versucht hatte, das Wahlkönigtum auszuhöhlen – was nicht im Interesse des Erzbischofs liegen konnte.
Umgekehrt brauchte Konrad den Trierer, der als päpstlicher Legat einen kurzen Draht zu Papst Innozenz II. hatte. Entsprechend hoch war der Preis für den Staufer: Er musste auf seinen Einfluss an der Mosel verzichten, der Weg für die Konsolidierung Triers als Territorium war frei. Dennoch hätte es für Konrad nicht besser kommen können, weil Albero geschickt verstand, ein Vakuum zu füllen: Der Mainzer „Königsmacher“, Erzbischof Adalbert, war ebenfalls 1137 gestorben. Und so konnte der Trierer ungestört die Anhänger des Staufers und Unentschlossene nach Lützelkoblenz einladen. Was zunächst als „Kolloquium“ deklariert war, mutierte schnell zu einer Wahl. Nennenswerten Widerstand scheint es nicht gegeben zu haben. Potenzielle Gegner waren mit Wein und Lebensmitteln geködert worden.
Der Weg für Konrad war frei. Der neue König hielt Wort. Spätestens seit dem Tod Siegfrieds von Ballenstedt (1140) hatten die Pfalzgrafen nichts mehr an der Mosel verloren. Ihr Machtzentrum verschob sich nach Bacharach. Und mit Pfalzgraf Konrad residierte schließlich ein Mann auf Burg Stahleck, der selbst Staufer war. Albero selbst konnte nun schalten und walten, wie er wollte. Koblenz wurde ein Zentrum seiner Macht. Hier starb er 1152.

Der Aufstieg des Deutschen Ordens
Auch die späteren Trierer Erzbischöfe wussten geschickt, ihre Macht zu sichern. Einerseits sicherten sie ihr Territorium gegen Widersacher und allzu selbstbewusste Ritter und Bürger, andererseits beobachteten sie sorgfältig die Entwicklungen im Reich. Das zeigte sich am Beispiel des von den Königen und Kaisern protegierten Deutschen Ordens, der sich eben nicht nur der Krankenpflege widmete, sondern auch Speerspitze knallharter Machtpolitik war, was zum Beispiel die spätere Expansion im Osten zeigen sollte.
1190 in Akkon im Heiligen Land gegründet, war der Ritterorden zunächst im Mittelmeerraum erfolgreich, dann aber auch im eigentlichen Reichsgebiet. Auch in Koblenz wurde der Orden ansässig. Die Niederlassung, die sogenannte Kommende, geht bis in das Jahr 1216 zurück. Sie ist somit die älteste am Rhein. Möglich wurde dies durch zahlreiche Schenkungen und die Unterstützung des Erzbischofs Dietrich II. von Wied, der von 1212 bis 1242 regierte. Im Laufe des 13. Jahrhunderts baute der Orden seinen Stützpunkt am Zusammenfluss von Rhein und Mosel aus und machte ihn zu einem der wichtigsten seiner insgesamt 13 Verwaltungsmittelpunkte im Reich.
Die Bezeichnung „Deutsches Eck“ erinnert an die große Zeit des (inzwischen wieder in Koblenz präsenten) Deutschen Ordens in der Stadt, die auch wegen ihrer wichtigen Funktion als Handelsplatz weiter wuchs. Nach und nach entstanden neue Straßenzüge. Westlich des spätantiken Stadtgrabens wurde zum Beispiel die Weißergasse angelegt, die ihren Namen vom Nachbarort Moselweiß haben dürfte, der schon damals wirtschaftlich und rechtlich eng an Koblenz angebunden war. Die beiden Hauptachsen der Stadterweiterung nach Osten waren die Firmung- und die hochwassergefährdete Kastorstraße. Wegen der günstigen Lage an der Mosel scheint man beim Ausbau des Kastorviertels Überflutungen in Kauf genommen zu haben, obwohl die Folgen nicht unbeträchtlich waren, wie in der Limburger Chronik für 1396 zu lesen ist.[3]
Die neue Stadtmauer
Die neuen Straßen konnten nicht verteidigt werden. Dabei waren die Zeiten mit dem Tod des Stauferkaisers Friedrich II. im Dezember 1250 und dem folgenden Interregnum unsicherer geworden. Die Bürger forderten mehr Schutz. Die Konsequenz: Erzbischof Arnold von Isenburg (1242–1259) machte den Weg für einen Mauerbau frei. Am 15. Februar 1259 gestattete er Rittern, Bürgern sowie den Stiftsherren von St. Kastor und St. Florin sogar, einen überwiegend auf Lebensmittel zu entrichtenden Zoll – auch Ungeld genannt – nach Bezahlung der für die Befestigung bereits gemachten Schulden für den weiteren Ausbau der Anlagen zu verwenden. Dieser Vorgang zeigt: Auch in Koblenz war die neue Stadtbefestigung zunächst ein Provisorium aus Holz und Erde, das erst nach und nach durch steinerne Bauten abgelöst wurde.
Die Koblenzer bauten bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts an ihrer Stadtmauer, die auch später immer wieder optimiert wurde. Es gab Verzögerungen, da das Verhältnis der Bürger zu Isenburgs Nachfolger, Erzbischof Heinrich von Finstingen (1260–1286), schlecht war. Der neue Landesherr hatte einen Adelssitz ausbauen lassen und verstärkte seine Präsenz in Koblenz. Noch schlimmer: Er verlangte einen Teil des Ungeldes für den Ausbau der „Alten Burg“. Auch wurden die Koblenzer verpflichtet, aktiv zum Bau beizutragen. Der Widerstand war vergebens. Die Erzbischöfe sollten über Jahrhunderte fest im Sattel sitzen.
Anmerkungen
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[1] Stefan Weinfurter: Das Reich im Mittelalter. Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500. München 2008.
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[2] Über die frühe Geschichte der erzbischöflichen Residenz Koblenz: Dieter Kerber: Die Anfänge einer Residenz der Trierer Erzbischöfe. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 1, Stuttgart 1992, S. 121–136.
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[3] Zur Geschichte des Deutschen Ordens in Koblenz: Klaus van Eickels: Die Deutschordensballei Koblenz und ihre wirtschaftliche Entwicklung im Spätmittelalter. Marburg 1995.
📜 Chronik: Hochmittelalter im Reich und in Koblenz
1024
Der Salier Konrad II. wird König und regiert bis zu seinem Tod 1039. Konrad wird 1027 zum Kaiser gekrönt.
1039
Heinrich III. wird König und erlangt 1046/47 die Kaiserwürde.
1042
Kaiser Heinrich III. schenkt dem Trierer Stift St. Simeon den Koblenzer Markt- und Schiffszoll.
1056
Heinrich IV. wird König, wobei zunächst seine Mutter Agnes von Poitou, ab 1062 die Erzbischöfe von Köln und Bremen die Regentschaft übernehmen. 1066 regiert Heinrich allein. Langjährige Auseinandersetzungen mit den Fürsten, der Aufstieg des königstreuen niederen Adels und die Unterwerfung der Sachsen prägen die Zeit.
1074
Beginn der Auseinandersetzung Heinrichs IV. mit dem Papsttum. Der sogenannte Investiturstreit bringt die Absetzung und Exkommunikation des Königs durch Papst Gregor VII. Heinrich tritt Ende Januar 1077 seinen berühmten Canossagang an und erzwingt dadurch die Aufhebung des Banns gegen ihn.
1105
Treffen des Kaisers Heinrichs IV. mit seinem Sohn Heinrich V. in Lützelkoblenz. Hintergrund: Ein Jahr zuvor hatte sich der Sohn auf die Seite der Fürsten gestellt und war vom Papst anerkannt worden.
1106
Heinrich IV. muss abdanken und stirbt in Lüttich. Sein Sohn Heinrich V. regiert bis 1125.
1147
Erste Erwähnung einer Rheinfähre zwischen Koblenz und Ehrenbreitstein.
1162
Oder früher: Der Trierer Erzbischof Hillin errichtet auf der Burg Ehrenbreitstein einen Turm. Darüber hinaus entstehen eine Zisterne und ein tiefer Graben. Schließlich lässt Hillin die erzbischöflichen Wohnräume ausbessern.
1198
Schlacht zwischen König Philipp von Schwaben und Otto IV. im ausgetrockneten Flussbett der Mosel bei Koblenz.
1200
Oder früher: Erwähnung einer Zwingermauer für Koblenz, die allerdings weder archäologisch noch bauhistorisch nachweisbar ist.
