Die zerstörten Moselbrücken, Frühjahr/Sommer 1945. Die Balduinbrücke ist bereits provisorisch hergerichtet und offenbar wieder durchgängig passierbar. Luftbild der US Air Force mit KI-koloriert. Original: National Archives at College Park, Maryland (gemeinfrei).
Rückkehr in die „Geisterstadt“ Koblenz
Der Krieg hatte Koblenz in eine Geisterstadt verwandelt, in der sich die wenigen Verbliebenen zurechtfinden mussten. Für sie gab es zunächst nur eine positive Entwicklung: Die Kampfhandlungen waren früher beendet als in anderen Regionen des damaligen Deutschen Reichs. Die Amerikaner versuchten sofort, die Stadt wieder provisorisch funktionsfähig zu machen. Das war alles andere als leicht, weil die Wehrmacht auf ihrem Rückzug auch die Brücken gesprengt hatte.
Die Stadtverwaltung mit ihrer enormen Bedeutung für die Daseinsvorsorge der aus der Evakuierung zurückkehrenden Bevölkerung nahm unter US-Aufsicht ihre Arbeit wieder auf. Die Amerikaner setzten daher den damals bereits 68-jährigen Franz Lanters (1877–1956) als kommissarischen Bürgermeister ein. Der frühere Verkehrs- und Hafendirektor erfüllte diese Aufgabe bis zum 8. Juni 1945. Dann wurde er abgesetzt, weil die Amerikaner erfahren hatten, dass der Verwaltungschef NSDAP-Mitglied war. Nachfolger wurde Wilhelm Kurth (1893–1946).

Kliniken provisorisch aufgebaut
In Franz Lanters‘ kurzer Amtszeit wurden bereits wichtige Weichen gestellt. Größte Priorität hatte dabei die Wiederherstellung der Krankenhäuser in der Stadt. Zunächst wurden die noch intakten Gebäude erfasst und bewertet. Demnach wurden das Josefinenstift in Lützel, das St. Josefshaus in Ehrenbreitstein und das Moselweißer Dominikanerinnenkloster als leicht beschädigt bezeichnet.
Wesentlich schlimmer getroffen hatte es die großen Kliniken der Stadt. Der stark beschädigte Marienhof wurde in der Liste erst gar nicht berücksichtigt, während das Stift und das Brüderhaus als
„mittel beschädigt“
bezeichnet wurden. Dieses Prädikat gab es auch für den Kemperhof. In der städtischen Krankenanstalt begannen kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner die Vorbereitungen für den Wiederaufbau. Die in den beiden Bunkern eingerichteten Provisorien waren nämlich auf Dauer nicht für die Behandlung von Kranken geeignet.
Die Stadt selbst muss damals ein fürchterlicher Anblick gewesen sein. Das zeigen folgende Aussagen von Gertrud Staudinger über ihren Weg von Wallersheim zum Kemperhof:
„Als aber dann die Amerikaner kamen, sah ich die Zeit gekommen, nach meinem Sohn im Krankenhaus zu sehen. Am Ostermontag [1. April 1945] war es dann so weit. Mit meiner Freundin machte ich mich auf den Weg. Als wir zur Moselbrücke kamen, standen wir vor einem Riesenloch, ein Teil der Brücke war weg. Die Amerikaner hatten einen Notbehelf gelegt, es war so eine Art Urwaldbrücke. Zwei dicke Seile waren von einem Brückenende zum anderen gespannt. Auf diesen Seilen lagen lose gelegte Kistenbretter. […]
All unser Bitten an die Wache-Soldaten, dass man uns doch mit einem Boot rüberfahren sollte, half nichts. Nein, hieß es, wenn wir hinüber wollten, dann nur über die Kistenbretter. Bis zum heutigen Tag kann ich mir immer noch nicht vorstellen, wie ich das geschafft habe. Der erste Fuß auf das Brett gesetzt und das Ganze wackelte wie eine Schaukel und tief unter uns die Mosel.
Nach dem Besuch im Kemperhof, wo ich Gott sei Dank meinen Sohn fand, der zwar einige Mal operiert war, aber doch das Kriegsende überlebt hat, mussten wir uns wieder auf den Heimweg machen. Wir zitterten immer noch und schlugen deshalb den Weg in die Stadt ein. Über eine Stunde krochen wir über Trümmer und nochmals Trümmer.
Was aber das Grausamste war, Koblenz war eine Geisterstadt. Wir haben keine Mutterseele gesehen noch gehört, noch nicht einmal einen Hund. Und nun wieder zurück zu der Brücke. Lange haben wir uns nicht getraut, aber es blieb uns ja nichts anderes übrig, als den zweiten Canossagang anzutreten.“[1]
Franzosen lösten Amerikaner ab
Bis die Provisorien verbessert wurden, sollten noch Monate vergehen. Denn die US-Soldaten zogen sich bereits am 10. Juli 1945 aus Koblenz zurück. Nach der Übergabe des Kommandos an die französischen Alliierten waren die Voraussetzungen für einen zügigen Wiederaufbau alles andere als ideal. Beanspruchte die neue Besatzung doch einen großen Teil des zur Verfügung stehenden Baumaterials für eigene Zwecke.
Der neue Oberbürgermeister Wilhelm Kurth, dem wegen seines frühen Todes nur eine zehnmonatige Amtszeit beschieden war, ließ sich nicht entmutigen und drängte die Koblenzer, wieder in ihre wegen der kriegerischen Handlungen geräumte Heimatstadt zurückzukehren – obwohl es nur wenige halbwegs intakte Wohnungen gab. Trotz der alles andere als rosigen Perspektiven zeigte der Appell offenbar Wirkung – und das, obwohl die Franzosen gerade zu Beginn ihrer Besatzungszeit sehr hart waren.
Trotz der widrigen Umstände hatte Wilhelm Kurth bereits am 22. Juni 1945 seine „Richtlinien für die Instandsetzung beschädigter Gebäude im Stadtbezirk Koblenz“ vorgestellt. Darin hatten neben der Beseitigung von Trümmern die Sicherstellung des Bedarfs der französischen Besatzung sowie die Herstellung der Gas-, Wasser- und Stromversorgung oberste Priorität. Das Allgemeinwohl sollte Vorrang haben, private Interessen wegen des knappen Baumaterials zurückstehen. Alle Bauvorhaben unterlagen einer strengen Genehmigungspflicht, wobei die Verwaltung die Prioritäten festlegte.
Ende 1945 lebten schon wieder 40.000 Menschen in der Stadt – darunter auch viele ehemalige Zwangs- und Fremdarbeiter, für die das Kriegsende keine wirkliche Befreiung war.[2] Aus heutiger Sicht überrascht es schon, dass Historiker dieser Gruppe lange sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Das hat sich inzwischen geändert. Die Forschung widmet sich inzwischen intensiv diesen
„Displaced Persons“ (DP).
Die „Displaced Persons“
Hinter dem Kürzel DP verbergen sich unterschiedliche Schicksale. Zwangsarbeiter ist nämlich nicht gleich Zwangsarbeiter. So mancher kam als
„Gastarbeiter“
freiwillig, um in Familien, sozialen Einrichtungen oder in der Landwirtschaft zu arbeiten, wurde dann aber vom Kriegsausbruch überrascht. Obwohl diese Betroffenen dann unter verschärften Bedingungen arbeiteten, waren sie im Vergleich zu den Verschleppten, die unter unmenschlichen Bedingungen in den Fabriken schufteten, relativ gut dran. So mancher wurde dafür nach dem Krieg extrem hart bestraft, weil der Verdacht der Kollaboration bestand.
Allein in der französischen Zone wurden im Mai 1945 rund 423.000 DP gezählt. Ihre Zahl sank bis August auf 106.000. Ende Dezember gab es noch 63.000 Betroffene. Und ein Jahr später lebten immer noch 40.000 DP in den von Franzosen kontrollierten Gebieten. Im April 1947 stieg die Zahl der „Displaced Persons“ wieder auf 41.472, im März 1948 sogar auf 42.500. Die Gründe für die Steigerung liegen auf der Hand: Viele Betroffene hatten in der Heimat keine Existenzgrundlage oder Angst, nach Hause zurückzukehren, weil die Kommunisten mit so manchem Rückkehrer kurzen Prozess machten – vor allem dann, wenn sie als Angehörige der Sowjetarmee Kriegsgefangene in Deutschland waren.
Gefangene Offiziere wurden nicht selten gleich an der Grenze erschossen, einfache Soldaten und ihre Familien schikanierten und verfolgten die Behörden noch viele Jahre. Aber auch andere hatten Probleme – so etwa Elsässer und Lothringer, die in deutschen Diensten standen und aus russischer Gefangenschaft in ihre Heimat zurückkehren wollten.
Notunterkünfte in Festungen
Erst 1950 war die Zahl der DP so weit zurückgegangen, dass die International Organization for Refugees (Internationale Flüchtlingsorganisation) und die Alliierten die Betreuung der Betroffenen an die deutschen Behörden übergeben konnten. Auch die Stadtverwaltung Koblenz musste sich nun mit den DP auseinandersetzen.
Die Betroffenen sollten schließlich in den rechtsrheinischen Kasernen eine vorübergehende Bleibe finden: Franzosen, Holländer, Belgier und Luxemburger wurden in der Niederberger Flak-Kaserne (später Fritsch-Kaserne) einquartiert, während in der Pfaffendorfer Augusta-Kaserne Italiener lebten. Polen wurden in der Horchheimer Gneisenau-Kaserne, Russen in der Niederlahnsteiner Bruchmüller-Kaserne untergebracht.[3]
Anmerkungen
[1] Zitat aus: Franz-Josef Heyen, Michael Koelges und Hans Josef Schmidt, Koblenzer erinnern sich an das Ende des Krieges, in: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur. Neue Folge, Bd. 6, Koblenz 1996, S. 128.
[2] Zum Thema Zwangsarbeiter in Koblenz: Judith Höhn-Engers, „Sehr geehrter Herr Bürgermeister, ich bitte Sie um Verzeihung, dass ich Ihre Arbeitszeit wegnehme.“ Über die Suche nach Aufenthalts- und Beschäftigungsnachweisen für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, in: Unsere Archive Nr. 49 (2004), S. 26–38. Download: http://www.landeshauptarchiv.de/fileadmin/download/archivePDF/Heft-49.pdf
[3] Über die „Displaced Persons“: Petra Weiß, Die Koblenzer Lager für Displaced Persons 1945–1947, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 29/2003, S. 467–507.
📌 CHRONIK: DAS KRIEGSENDE
1945
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28. April: Das Konzentrationslager Dachau wird befreit.
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29. April: Einen Tag später kapitulieren die deutschen Truppen in Italien.
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30. April: Adolf Hitler nimmt sich im Bunker unter der Berliner Reichskanzlei das Leben.
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1. Mai: Auch Joseph Goebbels begeht Selbstmord und nimmt seine ganze Familie mit in den Tod.
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7. Mai: Eine deutsche Delegation unterzeichnet in Reims die bedingungslose Kapitulation, die am 8. Mai in Kraft tritt.
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30. Mai: In der Tschechoslowakei beginnt die Vertreibung der Deutschen – der Anfang eines der dunkelsten Kapitel der Nachkriegsmonate. Die Zahl der vertriebenen Deutschen wird landläufig auf 12 Millionen geschätzt, von denen mindestens 2 Millionen umkommen (die Schätzungen gehen weit auseinander).
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1. Juni: In Berlin werden alle Frauen zwischen 15 und 50 Jahren zu Räumarbeiten verpflichtet.
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5. Juni: Die Alliierten übernehmen offiziell die Regierungsgewalt in Deutschland.
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9. Juni: Die Siegermächte bilden in den vier Besatzungszonen Militärregierungen (festgehalten im Potsdamer Abkommen vom 17. Juli).
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10. Juni: In der sowjetischen Zone wird die Gründung von Parteien und Gewerkschaften freigegeben.
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26. Juni: 50 Staaten unterzeichnen die Charta der Vereinten Nationen (UN).
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16. Juli: Die USA zünden zu Testzwecken die erste Atombombe.
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18. Juli: Ein verheerender Luftangriff auf Tokio fordert Tausende Menschenleben.
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6. August: Nach dem Befehl von US-Präsident Harry S. Truman wird die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen; die japanische Stadt wird vernichtet.
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9. August: Der zweite Atombombenabwurf trifft Nagasaki; insgesamt sterben durch die beiden Einsätze rund 150.000 Menschen.
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15. August: Kaiser Hirohito befiehlt den japanischen Truppen, den Kampf einzustellen.
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2. September: Mit der offiziellen Kapitulation Japans ist der Zweite Weltkrieg endgültig beendet.
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4. November: In London wird die UNESCO gegründet.
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19. November: 88 der führenden deutschen Wissenschaftler reisen im Zuge von Militärprogrammen in die USA aus.
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20. November: In Nürnberg beginnt der Prozess gegen 21 führende Nationalsozialisten.
1946
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7. Januar: Die Firma Schering beginnt in Berlin als erstes deutsches Unternehmen mit der Produktion von Penizillin.
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20. Februar: Der britische Ökonom John Maynard Keynes wird der erste Direktor des Internationalen Währungsfonds.
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7. März: Im sowjetischen Sektor Berlins wird die Freie Deutsche Jugend (FDJ) gegründet.
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18. April: Der Völkerbund beschließt in Genf seine formelle Auflösung zugunsten der neu gegründeten UN.
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22. April: In der sowjetischen Besatzungszone fusionieren SPD und KPD unter Zwang zur SED.
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3. Mai: In Tokio beginnt der Kriegsverbrecherprozess gegen führende japanische Militärs und Politiker.
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22. Juli: Die ersten 3.000 deutschen Soldaten werden aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen.
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30. August: Das Land Rheinland-Pfalz wird durch Verordnung der französischen Militärregierung gegründet; Koblenz wird erste Landeshauptstadt.
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30. November: In der britischen Zone Deutschlands sind rund 46.000 Fälle offener Tuberkulose registriert.
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2. Dezember: Die USA und Großbritannien vereinigen ihre Besatzungszonen zur wirtschaftlichen „Bizone“.
1947
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2. April: In Warschau wird Rudolf Höß, der ehemalige Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, zum Tode verurteilt.
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2. April: Am selben Tag wird in Polen die Ausweisung von weiteren 500.000 Deutschen angeordnet.
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5. Juni: US-Außenminister George C. Marshall kündigt den nach ihm benannten Plan zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas an.
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7. November: Die Vereinigten Staaten stellen in Aussicht, für den Marshallplan insgesamt 5,75 Milliarden Dollar bereitzustellen.
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29. November: Die UN-Vollversammlung beschließt den Teilungsplan für Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat.
