Das Kurfürstliche Schloss im Buga-Jahr 2011. Hintergrund: Neustadt und Schloßstraße. Foto: Holger Weinandt/Wikipedia (CC BY-SA 3.0 de)
Die kurfürstlichen Baumeister
Auch in den Residenzstädten Koblenz und Ehrenbreitstein war die Architektur von unterschiedlichen Strömungen in der Baukunst geprägt. Besonders deutlich wird das in den Wiederaufbaujahren nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekriegs.
Offenbar vom italienischen Barock beeinflusst war der kurtrierische Baudirektor Johann Christoph Sebastiani, dem Karl Lohmeyer vor allem die Koblenzer „Vier Türme“ zuschrieb. Kennzeichen seiner Bauweise sind neben großen, steilen Dächern die mit einfachen Dreiecksgiebeln bekrönten, mit Quadern oder Pfeilern eingefassten Zwerchhäuser. Beispiel hierfür ist die Pagerie am Fuße der Festung Ehrenbreitstein. Typisch für Sebastiani wurden auch Turmkuppelbauten und die breiten Fassaden. Ein Beispiel hierfür ist das Jesuitenkolleg.
Sebastiani ist nicht der einzige Baukünstler der frühen Barockzeit, der in Koblenz Spuren hinterlassen hat. Allerdings sind die anderen Architekten – eigentlich müsste man wegen der uneinheitlichen Ausbildung Bauhandwerker sagen – des 17. und frühen 18. Jahrhunderts namentlich nicht bekannt. Für sie sind neben den Zwerchhäusern auf den Dächern großzügige, in Fenster aufgelöste Erker typisch. Beispiele sind das Krämerzunfthaus von 1709 und der Eltz-Rübenacher Hof von 1701 an der Ecke Kornpfortstraße/Danne, der besser als Dreikönigenhaus bekannt ist.[1]
Ravensteyns klassische Formen
Einen stilistischen Umbruch leitete das Wirken des Hofbaumeisters Philipp Joseph Honorius (von) Ravensteyn ein, dessen Aufstieg bereits in der Amtszeit Sebastianis begann. Markenzeichen seiner Baukunst sind strenge, fast klassische Bauformen. Der wahrscheinlich aus den Niederlanden stammende Ravensteyn hinterließ nicht nur in Ehrenbreitstein, sondern auch in Koblenz deutliche Spuren. Er leitete zum Beispiel den Wiederaufbau der Florinskirche und den Bau der Kirche des heute nicht mehr bestehenden Barbaraklosters, an das nur noch der Name Barbaragasse erinnert.
Mit Kurfürst Franz Georg von Schönborn (1729–1756) beginnt auch die Geschichte des fränkischen Barock am Mittelrhein: Seit Beginn der 1730er-Jahre wirkte Balthasar Neumann, nach dessen Plänen später der Dikasterialbau und Schloss Schönbornslust entstehen sollten, am Hof des Landesherrn. Der Baumeister wurde in regelmäßigen Abständen vom Bruder des Trierer Landesherren – dem Würzburger Bischof Friedrich Karl (1674–1746) – „ausgeliehen“.
Mit Neumann kamen fränkische Künstler und Bauhandwerker an den Rhein. Unter ihnen war auch der Werkmeister Johann Georg Seitz mit seinen Söhnen Johannes und Andreas, die sich später als Schüler Neumanns einen Namen machen sollten. Nicht nur in Ehrenbreitstein, sondern im gesamten Kurstaat und über dessen Grenzen hinaus setzte sich allmählich der „geschwungene“ Barockstil fränkischer Prägung durch. Dieser war bei den deutlich schlichter gestalteten Bürgerhäusern erst relativ spät zu spüren.
Der Einfluss von Johannes Seiz
In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts setzten sich die neuen Formen auch bei den Bauhandwerkern durch, in deren Hand meistens die Ausführung der Bürgerhäuser lag. Vor allem Johannes Seiz beeinflusste zahlreiche Handwerker und Baumeister im Kurfürstentum. Für Koblenz und Ehrenbreitstein seien an dieser Stelle der Stadtwerkmeister Johann Peter Hoemberger und die Baumeister Michael Wirth, P. Balthasar sowie der Seiz-Schüler Nikolaus Lauxen genannt. Ihre Werke und die unter Regie von Seiz ausgeführten Bauten sind heute nur noch schwer voneinander zu trennen, weil die archivalischen Quellen über das damalige örtliche Bauwesen nur spärlich fließen.[2]
In der Barockzeit trieben die Landesherren den systematischen Ausbau von Straßen und Plätzen voran. Ihre gestalterischen Ideen betrafen nicht selten die gesamte Stadt. Geradlinige Straßen und Plätze, die von monumentalen Kirchen und Palästen ausgingen, sollten vor allem in den Hauptstädten das Bild bestimmen. Individuelle Züge untergeordneter Gebäude waren jetzt nicht mehr gefragt. Auch wenn in Koblenz vieles an den finanziellen Realitäten scheiterte, ist dieses planerische Ideal noch heute im Grundriss der Innenstadt ablesbar.
Vorbild Karlsruhe
Gerade Kurfürst Clemens Wenzeslaus war von den neuen Idealen beeindruckt. Auch für ihn waren das Schloss Versailles und die gravierenden Eingriffe in das Pariser Stadtbild ein Leitbild. Dazu kam, dass der Kurfürst anderen Landesherren nacheifern wollte. Ein leuchtendes Vorbild dürfte Karl Wilhelm gewesen sein. Dem Markgrafen von Baden-Durlach war es in seiner mittelalterlichen Residenzstadt Durlach längst zu eng geworden, sodass er sich entschied, auf dem Reißbrett eine neue Stadt entwerfen zu lassen: Karlsruhe. Bereits am 17. Juni 1715 war der Grundstein des neuen Schlosses gelegt worden – dem zentralen Ausgangspunkt für einen neuen Stadtteil.
Der Traum, auf dem Reißbrett eine neue Stadt zu entwickeln, war schon damals nicht neu. Denn die planerischen Ideale waren keine Erfindung des französischen Hofes, sondern lassen sich in die italienische Renaissance zurückverfolgen. Und deren Wirkung war schon im 17. Jahrhundert nördlich der Alpen deutlich zu spüren, wie das Beispiel der kurpfälzischen Stadt Mannheim zeigt. Dort war schon am 18. März 1606 der Grundstein für die Festung Friedrichsburg gelegt worden. Diese war gleichfalls Ausgangspunkt für die Planung eines gitterförmigen Straßennetzes.
Der nächste Schritt: 1720 verlegte der aus dem Haus Wittelsbach stammende Kurfürst Carl Philipp die Residenz von Heidelberg nach Mannheim. Zeitgleich begann der Bau eines imposanten Schlosses, das erst 1760 vollendet wurde. Besonders stark dürften auf Clemens Wenzeslaus die umfassenden Bauaktivitäten in Dresden gewirkt haben. Hier waren vor allem unter Friedrich August I., dem „Starken“ (1670–1733), und in der Regierungszeit seines Sohns Friedrich August II. (1698–1763) imposante Bauten entstanden.
Klein, unattraktiv und feucht
Man bedenke: Clemens Wenzeslaus war das 14. Kind und der siebte Sohn von Friedrich August II., der auch König von Polen war. Als der junge Wettiner 1768 an die Spitze des Trierer Kurstaates gelangt war, mussten für ihn die wichtigsten Städte Trier, Koblenz und Ehrenbreitstein klein und unattraktiv gewesen sein. Vor allem die Hofhaltung im feuchten Renaissanceschloss Philippsburg am Fuß der Festung Ehrenbreitstein muss der Kurfürst als Zumutung empfunden haben. Insofern dürfte für ihn der 23. November 1786 ein ganz besonderer Tag gewesen sein: Damals konnte der Landesherr, der vorübergehend in den Dikasterialbau – dem Sitz seiner Verwaltung – ausgewichen war, endlich in sein neues Schloss einziehen. Das „Dahl“ verlor damit seine Bedeutung als Residenz.
Gut zehn Jahre hatte Clemens Wenzeslaus warten müssen. Nachdem 1776 die grundsätzliche Entscheidung für die neue Residenz gefallen war, legte der Franzose Pierre Michel d’Ixnard im Herbst 1777 seine ersten Entwürfe für einen Schlossbau im Stil des Spätbarock vor. Die Ausführung scheiterte am zur Verfügung stehenden Budget. Dazu kam, dass sich Bauherr und Architekt nicht gut verstanden. Obwohl bereits die Ausschachtungsarbeiten liefen, kam es schließlich zum Bruch.
Ein neuer Bauleiter
Schließlich übernahm der französische Architekt François-Michel Lecreulx bzw. Antoine-François Peyre („Peyre le jeune“) die Vollendung bzw. Bauleitung. Quasi als Notlösung entstand schließlich ein frühklassizistischer Bau. Auch in Koblenz sollte das Kurfürstliche Schloss zum Ausgangspunkt eines Stadtteils mit zwei neuen, von Ost nach West verlaufenden Achsen (Schlossstraße und Clemensstraße) werden. Um die Altstadt anzubinden, wurde die barocke Befestigungsanlage im Bereich der heutigen Poststraße durchbrochen.
Trotz dieser Maßnahme sollte sich die Bebauung der neuen Straßenzüge bis weit in das 19. Jahrhundert hinziehen. Für einen zügigeren Ausbau fehlte das Geld, vor allem aber war die Zeit knapp. Beim Blick auf die explosive Lage in Frankreich war es kaum möglich, genügend Investoren zu finden, um das aufzufüllen, was auf dem Reißbrett geplant worden war. Da konnte der Kurfürst mit Steuervorteilen und Freiheiten für Protestanten locken, wie er wollte. Bereits 1792 floh Clemens Wenzeslaus aus Angst vor den Franzosen zum ersten Mal aus der Stadt – das haben ihm die Bürger nie so richtig verziehen. Als im Herbst 1794 französische Truppen Koblenz besetzten, brach eine neue Zeit an.
Bebauung folgte später
Eine rege Bautätigkeit sollte in der Neustadt erst einsetzen, als die neue preußische Befestigung in weiten Teilen vollendet war – also in den Jahren nach 1832. Die Stadt mit ihren wichtigen Funktionen für die Zivil- und Militärverwaltung wuchs; die Zeit war gekommen, die freien Parzellen innerhalb des neuen Festungsgürtels zu bebauen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden allein in der Schlossstraße 52 Häuser gezählt. Typisch war die recht einheitliche Bebauung im Stile des Klassizismus, wobei sich das Wirken der Koblenzer Architektenfamilie Nebel besonders in den neuen Bereichen konzentrierte.[3]
Die Sozialtopografie
Koblenz bot dagegen zur Zeit des Schlossbaus ein uneinheitliches Bild. Außerdem wurde die Stadt stärker von geistlichen Korporationen geprägt als das Dahl. Diese Korporationen hielten einen großen Teil des Grundbesitzes in der Stadt. Zudem war der Adel sehr stark. Die Höfe der Geschlechter schienen allerdings sehr zusammengewürfelt zu sein. Diese Entwicklung spiegelte besonders gut der von der Leyensche Hof am Kastorhof wider, von dem heute nur noch die St.-Jakobus-Kapelle erhalten ist.
Die für eine Residenzstadt typischen Strukturen bildeten sich erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts heraus: Für verschiedene Straßenzüge in der heutigen Alt- und Innenstadt lässt sich dann eine Konzentration von kurfürstlichen Beamten, Juristen, Ärzten und Apothekern feststellen.
Etienne François[4] fand bereits in den 1970er-Jahren heraus, dass diese Berufsgruppen im ausgehenden 18. Jahrhundert entweder direkt gegenüber dem gerade erst erbauten Schloss in der Neustadt oder im Bereich des heutigen Görresplatzes, in der Firmungstraße oder in der Rheinstraße wohnten – also genau in den Teilen der Altstadt, deren Ausbau der Kurfürst vorangetrieben hatte.
Besonders im neuen Stadtteil mussten Investoren für die exklusive Lage strenge städtebauliche Vorschriften einkalkulieren. Dafür konnten Bauwillige aber auch steuerliche Vergünstigungen in Anspruch nehmen. Mit seinen Bestimmungen wollte der Kurfürst die stilistische Einheit in der Umgebung seines Schlosses gewährleisten. Der neue Stadtteil sollte sich nämlich durch eine geradlinig-geometrische Ordnung von den verwinkelten Kernbereichen absetzen. Hohe Baukosten und der damit zwangsläufig verbundene Anstieg der Mieten sorgten ganz von allein dafür, dass die:
„besseren Kreise“
unter sich blieben.
Kaufleute und Handwerker mussten wie die übrigen Bürger mit den Quartieren im Bereich zwischen Florins- und Liebfrauenkirche vorliebnehmen. Die Wohnstätten der unteren Schichten lagen vor allem im Bereich der Kastorstraße. Dort lebten Schiffer, Fuhrleute, Schuster und Schneider. Tagelöhner lebten vor allem in den kleinen Häuschen entlang der mittelalterlichen Stadtmauer.
Anmerkungen:
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[1] Dazu: Karl Lohmeyer: Johannes Seiz. Trierischer Hofarchitekt, Ingenieur sowie Obrist-Wachtmeister und Kommandeur der Artillerie 1717–1779. Heidelberg 1914.
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[2] Dazu: Claudia Euskirchen: Nikolaus Lauxen (1722–1791). Ein Baumeister des rheinisch-moselländischen Barock. Pulheim 1997 (Hinweis: Lebensdaten Lauxens im Ausgangstext als 1772–1791 angegeben; historisch korrekt ist 1722–1791).
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[3] Über die erste Stadterweiterung und die Sozialtopografie der heutigen Alt- und Innenstadt: Busso von der Dollen: Die Koblenzer Neustadt. Planung und Ausführung einer Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts. Köln/Wien 1979.
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[4] Etienne François: Koblenz im 18. Jahrhundert. Zur Sozial- und Bevölkerungsstruktur einer deutschen Residenzstadt. Göttingen 1982.
