Der Koblenzer Stadtteil Goldgrube im Frühjahr 2010. Prägend sind bis auf den heutigen Tag die Mehrfamilienhäuser des Beamten-Wohnungs-Vereins, der heute unter Modernes Wohnen eG firmiert. Luftbild: Thomas Frey.
Private Selbsthilfe lindert Wohnungsnot
Zwar hatten die Koblenzer mit dem Verzicht des Militärs auf die Stadtbefestigung viel erreicht, doch war der Ausbau neuer Wohngebiete nicht so leicht zu schultern. Die Kommune war durch den Ausbau von Wasserversorgung, Kanalisation und Straßen in erheblichem Umfang gefordert. Es kommt nicht von ungefähr, dass es zunächst Widerstände gegen die Eingemeindung von Moselweiß gab. Dabei hatte sich das einstige Dorf längst in eine Wohngemeinde verwandelt. Doch die Furcht, viel Geld für den Ausbau der Infrastruktur in die Hand nehmen zu müssen, war anfangs groß.
Seit 1902 ist Moselweiß, dessen Bindungen an die Stadt weit in das Mittelalter zurückreichen, offiziell ein Stadtteil von Koblenz. Ins selbe Jahr fällt ein weiterer Meilenstein der Stadtgeschichte: die Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs, der eine fast 50-jährige Diskussion um den Standort beendete. Damit war auch der Weg für die bereits vom Planer Hermann Josef Stübben erdachte Erweiterung der Stadt nach Westen grundsätzlich frei. Auf der anderen Seite fehlte lange das Geld, im großen Stil Wohnungen für die vielen Neu-Koblenzer zu bauen.
Beamte auf der Suche
Nicht nur Menschen aus dem Umland mit handwerklicher Ausbildung, sondern auch die vielen neuen Angestellten und Beamten wollten in der Stadt leben. Denn Staat und Kommunalverwaltung wurden mit zunehmenden Aufgaben auch zu wichtigen Arbeitgebern. Neu- und Altbürger hatten ein gemeinsames Problem: Für sie war es extrem schwierig, angemessene Wohnungen zu finden. Einerseits konnten sie sich die Mieten in den besseren Quartieren nicht leisten, andererseits mussten sie in Häuser ausweichen, die wiederum nicht ihren Ansprüchen genügten.
Die Neubautätigkeit kam nur schleppend in Gang. In den neuen Stadtteilen dominierten lange unbebaute Straßenzüge. Beamte, Angestellte und auch Arbeiter entschlossen sich deshalb, eigene Einrichtungen zu gründen, um Wohnraum zu schaffen. Aufmerksam hatten sie die Gründung von Genossenschaften im Reichsgebiet verfolgt. Jetzt galt es, auch in Koblenz Selbsthilfeeinrichtungen aus der Taufe zu heben.
Eine neue Genossenschaft
Die bekannteste Genossenschaft wurde der Ende 1911 gegründete Beamten-Wohnungs-Verein, der heute unter dem Namen Modernes Wohnen Koblenz eG firmiert. 350 Personen wollten an der Gründungsversammlung teilnehmen, die am 16. Dezember 1911 im Gesellenhaus in der Gerichtsstraße über die Bühne ging. Dabei meldeten sich schließlich 117 Teilnehmer verbindlich an. Ziel der neuen Genossenschaft war es:
»ihren un- bzw. minderbemittelten Mitgliedern gesunde und zweckmäßig eingerichtete, in gewissen Grenzen unkündbare Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigsten Preisen«
zu beschaffen.
Zielgruppe waren von Anfang an alle Beschäftigten im öffentlichen und kirchlichen Dienst. Diese wurden vor dem Ersten Weltkrieg gern pauschal als „Beamte“ bezeichnet.
Der neue Beamten-Wohnungs-Verein war natürlich nicht die erste Wohnungsbaugenossenschaft in Koblenz. Etwas früher dran waren die Initiatoren des ebenfalls heute noch bestehenden Gemeinnützigen Bauvereins, der am 10. April 1906 von 58 Gründungsmitgliedern im Hotel Trachten in der Rheinstraße ins Leben gerufen wurde. Diese Genossenschaft war jedoch keine Selbsthilfeeinrichtung einer Berufsgruppe. Die Mitgliederstruktur reichte von Architekten, Rechtsanwälten und Beamten bis hin zum einfachen Handwerker oder Arbeiter. Ein großer Teil der Mitglieder gehörte den katholischen oder evangelischen Arbeitervereinen an.[1]
Die Ereignisse in Koblenz machen aber auch deutlich, wie wirkungsvoll die vom Sozialreformer und Vordenker der Wohnungsgenossenschaften, Victor Aimé Huber (1800–1869), postulierte christlich motivierte Reformbewegung trotz aller lokalen Besonderheiten die Gründung von Genossenschaften beeinflusste. Deren Vorläufer waren oft kleinere Bauvereine. Ein frühes Beispiel dafür findet sich auch in Koblenz – und zwar in Form des protestantisch geprägten Vereins „Herberge zur Heimat“, der heute Träger des Seniorenpflegeheims Bodelschwingh mit 108 Plätzen ist und immerhin 323 Wohnungen sein Eigen nennt.
Der in der Generalversammlung der Inneren Mission am 12. Mai 1885 ins Leben gerufene eingetragene Verein war eine Einrichtung, um sich der in der evangelischen Kirche im Rheinland unterrepräsentierten Arbeiter und wandernden Handwerksgesellen anzunehmen, ihnen eine Herberge zu geben und gegebenenfalls einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Für sie wurde zunächst ab dem 27. September 1885 in der Gemüsegasse 12, dann am Kaiserin-Augusta-Ring eine Bleibe geschaffen. Im größeren Stil als Wohnungsvermieter trat der Verein jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf.
Das heute in der Öffentlichkeit weniger bekannte „evangelische Modell“ hatte auf der katholischen Seite ein Pendant, das auch noch heute jedermann bekannt ist: die nach dem Pfarrer Adolph Kolping (1813–1865) benannte Kolpingbewegung. Der Kölner Pfarrer war es, der dem von Johann Gregor Breuer (1820–1897) gegründeten katholischen Gesellenverein Stimme und Gewicht gab. Dieser Verein sorgte für die damals unter erbärmlichen Bedingungen arbeitenden jungen Handwerker nicht nur für eine Unterkunft, sondern vermittelte ihnen Bildung und einen religiösen Halt.
Anfänge in der Goldgrube
Auch aus heutiger Sicht ist die Wirkung der christlich motivierten Gründungen nicht zu unterschätzen. Dennoch war es besonders der Beamten-Wohnungs-Verein, der in Koblenz neben den großen Bau- und Siedlungsgesellschaften die Gestalt ganzer Straßenzüge prägen sollte.
Zunächst lagen die Schwerpunkte in der spärlich bebauten Goldgrube, die lange durch die Militär-Eisenfabrik Falkenburg und Richter, die Steinwerke Pabst sowie ab 1900 durch das neue Krankenhaus der Barmherzigen Brüder und ab 1908 durch das neue Waisenhaus St. Barbara geprägt wurde. Schon 1912 begann die neue Genossenschaft in der Gutenbergstraße mit dem Bau erster Häuser. Bemerkenswert: Die Baumaßnahmen in der Goldgrube begannen bereits, bevor es eine einheitliche Bauleitplanung gab.
Allerdings wurde dieser Missstand 1917 – also mitten im Hungerjahr des Ersten Weltkriegs – behoben. Damals legte die Stadtverwaltung für die Goldgrube, das Rauental, Lützel und große Teile Neuendorfs einen Bebauungsplan vor. Dieser gehörte zu einem Gesamtkonzept, das in den Stadterweiterungsgebieten und in den Eingemeindungen eine geordnete bauliche Entwicklung ermöglichen sollte.
Anmerkungen
[1] Dazu: Reinhard Kallenbach, 100 Jahre gut und sicher wohnen. Geschichte der Wohnungsgenossenschaft Modernes Wohnen eG 1911–2011, Koblenz 2011.
