Koblenz in der Mitte des 16. Jahrhundert. KI-Illustration (Google Gemini). Original: Holzschnitt des Grafikers Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525–1571) aus der von Sebastian Münster zum ersten Mal 1544 veröffentlichten „Cosmographey“, einer Beschreibung der Länder und Städte Deutschlands.
Koblenzer erheben sich und scheitern
Große Entdeckungen, gravierende politische Umwälzungen, enorme Fortschritte in Kultur und Wissenschaft, aber auch religiös motivierte Verfolgungen, Folter und Scheiterhaufen: Das 16. Jahrhundert konnte widersprüchlicher nicht sein. Die konfessionellen Gegensätze erschütterten weite Teile Europas in den Grundfesten. Besonders Frankreich und die deutschen Staaten wurden in Kriege und Bürgerkriege verwickelt.
Es war die Zeit selbstherrlicher Fürsten, die keine Skrupel davor hatten, ihr eigenes Volk mit immer neuen Formen der Unterdrückung zu konfrontieren. Angesichts der stetigen Abfolge von Konflikten muss man sich schon fast wundern, dass es in Koblenz weitgehend ruhig blieb. Seit der Niederwerfung des Aufstands des Franz von Sickingen wurden reformatorische und aufrührerische Ideen bestenfalls hinter vorgehaltener Hand verbreitet. Und die Trierer Kurfürsten drängten mit Macht darauf, dass auch in Koblenz als Hauptstadt des Niedererzstiftes alles beim Alten blieb. Wer mit seinen Äußerungen zu weit ging, musste mit drakonischen Strafen rechnen. So wurde 1520 ein Ketzer aus Winningen in Koblenz verbrannt, fünf Jahre später folgte die Hinrichtung des Lutheraners Peter Has.
Protestantische Nachbarn
Die Obrigkeit blieb wachsam, weil es in der direkten Nachbarschaft der Stadt gravierende Veränderungen gab. So hatten sich die Lehren Luthers bereits 1527 in der kurkölnischen Stadt Rhens durchgesetzt. Diese war an den Landgrafen Philipp verpfändet worden. Auch im damals sponheimischen Ort Winningen wandten sich die Menschen um 1557 von der katholischen Kirche ab, vier Jahre später folgte Bendorf im Gebiet des Grafen von Sayn.
Die Antwort auf die Frage, warum sich trotz der Nähe protestantischer Gebiete die Reformation in Koblenz nicht durchsetzte, ist vielfältig. Sicherlich ist ein Grund die starke Präsenz der Landesherren in Koblenz, ein anderer, dass weite Teile der städtischen Oberschicht den Kurfürsten treu ergeben waren. So hatte die Anwesenheit der Straßburger Reformatoren Martin Bucer und Johannes Sturm 1542/43 keine Folgen. Trotzdem konnte sich die Obrigkeit nicht sicher sein. Denn nicht nur die Anhänger Luthers (und später auch Calvinisten) verbreiteten ihre Lehre. Eine dritte Gruppe war im Kern sogar noch gefährlicher: die Wiedertäufer. Diese traten nicht nur für die Erwachsenentaufe ein, sondern vertraten einen sozialreformerischen Ansatz, dessen mitunter fanatisierte Akteure die gesamte Gesellschaftsordnung ins Wanken bringen konnten. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Täuferreich von Münster 1535 mit einem Blutbad ertränkt wurde.
Wiedertäufer als Feindbild
Es ist ebenfalls kein Zufall, dass sich ein Jahr zuvor die rheinischen und westfälischen Fürsten in Koblenz getroffen hatten, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Denn wenn es um Wiedertäufer ging, waren sich Protestanten und Katholiken einig. Sogar der als liberal geltende Wittelsbacher Pfalzgraf Ottheinrich, der selbst Lutheraner war, hatte keine Probleme damit, Vertreter dieser Bewegung ertränken zu lassen.
In Koblenz drohte Wiedertäufern seit 1529 die Todesstrafe. Dennoch hielten sich immer wieder einige Anhänger der Bewegung in der Stadt auf. Offensichtlich wurden die drakonischen Strafen nicht angewandt, Wiedertäufer wurden allerdings zum Widerruf gezwungen und ausgewiesen.
Vielleicht war diese für die damalige Zeit großzügige Haltung auch darauf zurückzuführen, dass so mancher Koblenzer an den reformatorisch orientierten Universitäten in Wittenberg, Erfurt und Marburg studiert hatte. Der Historiker Dr. Jürgen Müller nennt für die Zeit zwischen 1506 und 1595 immerhin 45 Koblenzer Absolventen dieser Hochschulen. Man bedenke: Die „kleine Hauptstadt“ hatte zu dieser Zeit höchstens 5.000 bis 6.000 Einwohner. Davon hatten nur die allerwenigsten eine akademische Ausbildung.
Die Obrigkeit musste weiterhin wachsam sein, zumal die Verärgerung über die Steuerbefreiungen für den Klerus nach wie vor groß war. Dass es auch in den Kirchen und Klöstern im eigenen Territorium genau die Missstände gab, die letztendlich zur Reformation geführt hatten, wussten sie genau. Als 1547 das Reformkonzil von Trient eröffnet wurde, nahmen Johann V. von Isenburg (1547–1556) und Johann VI. von der Leyen (1556–1567) auf den 15-jährigen Reformprozess Einfluss, der nicht nur die Liturgie veränderte, sondern auch die Sittenstrenge in die Gotteshäuser zurückbrachte. Das waren die Voraussetzungen für die Gegenreformation mit all ihren fürchterlichen Folgen.
Die unruhigen Zeiten hatten vor allem in den Städten eine politische Dimension. Auch in Koblenz, wo der Stadtrat und die kurfürstlichen Schöffen nicht auf einer Linie lagen, sollte die Situation eskalieren. Hatte Karl V. noch am 25. Oktober Rechte und Freiheiten der Koblenzer bestätigt, versuchten die Kurfürsten – die sich eigentlich dem Willen des Kaisers beugen mussten – in der Praxis alles, um den Bürgern diese Freiheiten wieder wegzunehmen. Es ging im Dauerkonflikt nicht nur um den Status einer freien Reichsstadt, sondern auch um viel Geld.
Hatte sich der Rat immer wieder gegen zu hohe Steuerforderungen zur Wehr gesetzt, ließ Johann VI. 1561 das Eigentum der Bürger beschlagnahmen und über seine Zollstellen den Handel abschneiden. Auf diese Weise hoffte er, einen Keil zwischen Bürger und Rat zu treiben. Das gelang, indem er die Zünfte vom Treuegelöbnis gegenüber dem Rat befreite. Der Höhepunkt folgte im Februar 1562: Landsknechte des Kurfürsten und der Landadel marschierten in Koblenz ein. Die Ratsherren standen nun unter Hausarrest und mussten den ungebetenen Gästen Kost und Logis geben.[1]

Ratsmitglieder wurden ersetzt
Erst nach Zahlung eines hohen Bußgeldes wurde den Koblenzern vergeben. Bürgermeister Johann Hofmann musste jedoch nach Andernach fliehen, um Schlimmerem zu entgehen. Eine weitere Folge waren eine Umbesetzung der städtischen Gremien nach kurfürstlichen Wünschen und eine neue Polizei- und Stadtordnung, die als sogenannte „Leyana“ in die Geschichte eingehen sollte.[2]
Johann VI. konnte nun schalten und walten, wie er wollte. Nur ein Jahr nach dem „Putsch von oben“ konfrontierte er den neuen Rat mit zahlreichen Neubauprojekten, die natürlich nicht er, sondern die Stadt bezahlen musste. So sollten die Verkehrsbedingungen am Rheinufer verbessert, ein neues Stadttor gebaut und ein Kran zum Be- und Entladen der Schiffe realisiert werden. Um eine bessere Anbindung der neuen Anlagen an die Innenstadt zu erreichen, wollte Johann VI. vor allem den südlichen und östlichen Teil der Altstadt ausbauen. Mit der damit verbundenen Verlängerung der Firmung durch den Ausbau der Rheinstraße wurden die wesentlichen Voraussetzungen zur Neugestaltung dieses Bereichs geschaffen.

Stadtumbau verschleppt
Bis zum endgültigen Abschluss der Maßnahmen in der Firmungstraße sollten aber noch fast 200 Jahre ins Land gehen. Aus Ratsprotokollen vom Mai 1582 erfahren wir, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderlagen. Zwar betonten die Mitglieder des Koblenzer Rats immer wieder, im Sinne des Kurfürsten zu handeln, doch in der Praxis bewirkten sie genau das Gegenteil.
Diese Taktik war angesichts der knappen städtischen Kasse durchaus berechtigt, denn mehr als eine „moralische Unterstützung“ war vom Landesherrn nicht zu erwarten. Ein willkommener Anlass, die Angelegenheit bis zum endgültigen Stillstand einfach zu verschleppen, war der Protest des Stiftes St. Florin, das sich weigerte, ein im betroffenen Bereich liegendes Grundstück an die Stadt abzutreten. Doch am Ende waren die Veränderungen nicht aufzuhalten. Denn Kurfürst Jakob III. von Eltz rief einen straff organisierten Orden in die Stadt, der zur Institution wurde: die Jesuiten.
ℹ️ CHRONIK: DAS ZEITALTER DER REFORMATION II
1503
Der Trierer Erzbischof Johann II. von Baden stirbt in der Festung Ehrenbreitstein.
1510
Auf seinem Weg nach Rom soll der spätere Reformator Martin Luther Station im Ehrenbreitsteiner Augustiner-Eremiten-Kloster gemacht haben. Die Einrichtung war 1493 vom Theologieprofessor und Lehrer Luthers, Johannes Paltz, gegründet worden.
1517
Martin Luther macht Ende Oktober seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel publik. Offenbar hat er diese Thesen auch an die Schlosskirche in Wittenberg und an anderen Gebäuden angeschlagen.
1519
Kaiser Maximilian I. stirbt am 12. Januar. Nachfolger wird Karl V., der am 28. Juni zum Römischen König gewählt wird und ebenfalls aus dem Haus Habsburg stammt.
1521
In Worms findet von Februar bis Mai der berühmte Reichstag statt, auf dem Luther seine Thesen widerrufen soll. Der Augustiner-Eremit weigert sich und wird im sogenannten Wormser Edikt mit der Reichsacht belegt. Damit verliert Luther seine Rechtsfähigkeit – jedermann durfte ihn töten, ohne eine Strafe befürchten zu müssen. Beschützt durch den sächsischen Kurfürsten Friedrich III. (den Weisen) bzw. die sächsische Landesherrschaft entgeht Luther diesem Schicksal.
1522
Die rheinische und schwäbische Ritterschaft erhebt sich unter der Führung des Franz von Sickingen, der am 7. Mai 1523 auf Burg Nanstein über Landstuhl seinen schweren Verletzungen erliegt.
1524
Der Deutsche Bauernkrieg beginnt. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Reihe regionaler Aufstände, die innerhalb von zwei Jahren blutig niedergeschlagen werden.
1530
Karl V. wird in Bologna von Papst Clemens VII. zum Kaiser gekrönt – es ist die letzte Krönung dieser Art durch einen Papst. Hinter Karl V. liegen konfliktreiche Jahre: Zwei Kriege gegen Frankreich (1521–1526 und 1526–1529), der Dauerstreit um Oberitalien sowie die Plünderung Roms (Sacco di Roma, 1527) durch deutsche Landsknechte und spanische Söldner.
Auf dem anschließenden Reichstag zu Augsburg bekennen sich die lutherischen Reichsstände am 25. Juni mit der Confessio Augustana (Augsburger Bekenntnis) offiziell zu ihrem Glauben.
1531
Ferdinand I. wird zum Römischen König gewählt. Er vertritt seinen oft abwesenden Bruder Karl V., über dessen Reich sprichwörtlich „die Sonne nie untergeht“.
Im selben Jahr schließen sich im thüringischen Schmalkalden die protestantischen Fürsten und Städte unter der Führung von Kursachsen und Hessen zum Schmalkaldischen Bund zusammen, um Front gegen die Religionspolitik Karls V. zu machen.
ℹ️ CHRONIK: DAS ZEITALTER DER REFORMATION III
1534
Auch in England eskaliert der Streit zwischen Papsttum und Krone: Heinrich VIII. sagt sich von Rom los, die anglikanische Kirche entsteht.
In Münster entsteht das Wiedertäuferreich, das am 24. Juni 1535 nach der Belagerung durch den Bischof und seine Verbündeten mit einem Blutbad endet; die Anführer der Bewegung werden zu Tode gefoltert.
Der Reformator Johann Calvin flieht von Paris nach Basel, wo sein Hauptwerk entsteht. Sein „Unterricht im Christentum“ wirkt zuerst in Genf (Herzogtum Savoyen), das sich der Eidgenossenschaft und der Reformation anschließt.
1536
Der dritte Krieg Karls V. mit Frankreich beginnt. Weitere Konflikte folgen zwischen 1542 und 1551.
1546
Der Schmalkaldische Krieg beginnt: Die protestantischen Landesfürsten und Städte kämpfen unter Führung von Kursachsen und Hessen gegen Karl V., der die reichsrechtliche Anerkennung des Protestantismus verhindern will.
Die entscheidende Schlacht findet am 24. April 1547 statt und endet mit einer Niederlage der Protestanten. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen gerät in Gefangenschaft und muss die Wittenberger Kapitulation unterzeichnen; auch Landgraf Philipp von Hessen muss sich unterwerfen.
1547
Das Konzil von Trient wird am 13. Dezember eröffnet (Sitzungsperioden bis 1563). Rund 100 Würdenträger und ebenso viele Theologen beraten über eine Kirchenreform. Die katholische Kirche geht gestärkt hervor – die Gegenreformation beginnt.
1548
Im Burgundischen Vertrag werden die Niederlande weitgehend aus dem Reichsverband gelöst.
1555
Der Augsburger Reichstag endet am 25. September mit dem Augsburger Religionsfrieden. Fortan bestimmen die Landesherren die Konfession in ihrem Herrschaftsbereich (Cuius regio, eius religio): Wechselt der Fürst das Bekenntnis, müssen die Untertanen folgen.
1562
Beginn der Hugenottenkriege in Frankreich (Hugenotten = französische Protestanten).
1572
In der Bartholomäusnacht zum 24. August werden in Paris tausende Protestanten ermordet, die anlässlich der Hochzeit von Heinrich von Navarra mit Margarete von Valois angereist waren.
1588
Die spanische Armada wird vernichtet – ein zentrales Fanal für Spaniens schwindende Vormachtstellung und das Erstarken protestantischer Mächte in Europa.
1593
In Ungarn beginnen die Türkenkriege (Langer Türkenkrieg).
1598
Das Edikt von Nantes gewährt den französischen Hugenotten Gewissensfreiheit, politische Gleichberechtigung und befestigte Sicherheitsplätze.
Anmerkungen & Quellen
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[1] Die grundlegende Arbeit über die Veränderungen der Stadt und ihrer Verfassung im 16. Jahrhundert ist: Klaus Eiler, Stadtfreiheit und Landesherrschaft in Koblenz. Untersuchungen zur Verfassungsentwicklung im 15. und 16. Jahrhundert, Wiesbaden 1980.
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[2] Dazu: Klaus Eiler, Die kurtrierische Landstadt, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 1, Stuttgart 1992, S. 137–161.
