Blick auf die Koblenzer Innenstadt. Die Aufnahme vom April 2026 zeigt, welche gravierenden Folgen Bombenangriffe und Wiederaufbau für das historische Stadtbild hatten. Bedauerlich ist, dass in Koblenz die in den 1950er-Jahren errichteten, oft städtebaulich prägenden, Gebäude wenig geschätzt wurden. Etliche von ihnen sind inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden.
Die stummen Zeugen der 1950er-Jahre
Die jüngste Diskussion um die Frage, ob der aus den 1950er-Jahren stammende Kiosk am Friedrich-Ebert-Ring[1] schutzwürdig ist oder nicht, offenbart vor allem eines: Wenn es um die Baukunst der frühen Nachkriegszeit geht, ist immer etwas Hilflosigkeit im Spiel. Zu gering war in den vergangenen Jahren der Respekt vor der Architektur jener Jahre, zu groß der Drang, das unter schwierigsten Rahmenbedingungen Geschaffene aus reiner Renditelust oder aus energetischen Motiven komplett zu beseitigen. Diese Respektlosigkeit ist inzwischen einem anderen Extrem gewichen: Man versucht zu retten, was zu retten ist.
Unser Verhältnis zur Architektur der Aufbaujahre ähnelt einer Hassliebe, deren Wurzeln in einer aus heutiger Sicht fehlerhaften Stadtplanung liegen. Dabei wird gern übersehen, vor welchen gewaltigen Problemen die Planer jener Zeit standen. Galt es doch, allein in den deutschen Trümmerbergen eine neue Heimat für 13 Millionen Obdachlose zu schaffen. Die Versuchung war deshalb groß, einen kompletten Neuanfang zu wagen und auch auf dem Weg über eine neue Baukunst endgültig mit der belasteten Vergangenheit zu brechen. Auf diese Weise wollte man einen Beitrag zur
„geistigen Läuterung“
der Gesellschaft leisten.
Der Traum von der Moderne
Zu den prominenten Reformern, die eine komplette Neuplanung ganzer Stadtteile forderten, gehörte zum Beispiel der Berliner Stadtbaurat und Architekt Hans Scharoun (1893–1972). Der Einfluss, den er und seine Mitstreiter ausübten, war nicht zu unterschätzen. Ihre Idee, nur einige markante Gebäude wiederaufzubauen und ansonsten den Weg für bedingungslos moderne, autogerechte Innenstädte freizumachen, wirkte auch in Koblenz. In das über Jahrhunderte gewachsene Stadtzentrum sollten schließlich Schneisen geschlagen werden, die aus heutiger Sicht eher ein Fluch als ein Segen sind.
Trotzdem: Die radikalen Reformer konnten sich mit ihren zum Teil utopisch anmutenden städtebaulichen Visionen nicht auf der ganzen Linie durchsetzen. Denn ihren Plänen standen oft praktische und finanzielle Gründe entgegen. Vielerorts, so auch in Koblenz, waren weite Teile der Gas- und Wasserleitungen sowie der Abwasserkanäle erhalten geblieben. In der Regel konnten diese Netze schnell wieder provisorisch in Betrieb genommen werden. Diesen günstigen Voraussetzungen trugen Architekten wie der in Berlin wirkende Max Taut (1884–1967) Rechnung.
Die Arbeit der Pragmatiker unter den Planern sollte von Kritikern schnell als
„Anpassungsarchitektur“
kritisiert werden, obwohl sie selbst nicht den erhofften Rückhalt in der Bevölkerung hatten. In Mainz bekam das der Pariser Architekt Marcel Lods (1891–1978) zu spüren, der – obwohl er im Auftrag der Franzosen handelte – mit seiner Vision einer kompromisslosen Planung, die nur den Dombezirk schonte, grandios scheiterte.
Umstrittene Visionen
Die Mainzer Bürger wehrten sich erfolgreich gegen den Abbruch ihrer notdürftig reparierten Häuser, die an das noch intakte Versorgungssystem angeschlossen waren. Schließlich wurde ausgerechnet der Berliner Paul Schmitthenner (1884–1972), der in der NS-Zeit Karriere gemacht hatte und ein strikter Gegner der vom Bauhaus ausgehenden Moderne war, mit der Erstellung eines städtebaulichen Gegengutachtens beauftragt. Am Ende stand – wie in anderen deutschen Städten auch – der Wiederaufbau in kleinen Schritten.
Und in Koblenz war das nicht anders. Dennoch entstanden in der einstigen Landeshauptstadt Bauwerke mit einer hohen architektonischen Qualität. Aber viele dieser Bauten sind schon früh wieder verschwunden. Ein Beispiel ist der Neubau des Casinos zu Coblenz auf dem Zentralplatz, der Ende der 1960er-Jahre einem Kaufhaus weichen musste.
Im Laufe der Zeit ist der Schutz der Zeugnisse der Wiederaufbauzeit nicht leichter geworden. Das zeigt der respektlose Umgang mit dem Deinhard-Gelände – Abriss der vom Koblenzer Architekten Igor Grinzoff geschaffenen Kongresshalle inklusive (2008). Das Beispiel steht dafür, dass Denkmalpfleger in ihrem Kampf oft auf verlorenem Posten stehen.
Dazu kommt, dass zahlreiche Objekte aus dieser Zeit völlig entstellt sind. Auch das hat mittlerweile eine Tradition, die mit der Ölkrise des Jahres 1973 begann. Damals setzte eine „Umrüstungswelle“ ein: Durch den Einbau neuer Heizsysteme, Wärmedämmungen und Isolierverglasungen wurden viele Gebäude der jüngsten Vergangenheit verändert. Der schlechte Zustand von Flachdächern und Fassaden erschwerte zusätzlich eine stilgerechte Erhaltung.

Viele Details wurden zerstört
Besonders gelitten haben die mit großen Glasflächen und feingliedrigen Streben ausgestatteten Gebäude. Ein Beispiel hierfür ist der zwischen 1953 und 1956 unter der Leitung des Baurats Haffner vom damaligen Staatlichen Hochbauamt geplante Bau des Landeshauptarchivs in der Karmeliterstraße, dessen Originalfenster später geschlossen werden mussten. Das Gebäude wurde als Stahlbeton-Skelettbau ausgeführt. Ursprünglich waren die Zwischenfelder des Magazins mit Glasbausteinen geschlossen. Da der Lichteinfall eine optimale Lagerung der Archivalien verhinderte, entschied man sich 1981 dafür, diese Felder weitgehend zu schließen.

Ein anderes Beispiel ist das von 1954 bis 1958 erbaute, dem Archiv gegenüberliegende Hauptjustizgebäude. Die Anlage besteht aus einem neungeschossigen Haupthaus und viergeschossigen Flügelbauten. Das an einem vom Land angekauften Wettbewerbsbeitrag der Mainzer Architekten Viertel und Ries orientierte Gebäude ist heute trotz späterer energetischer Sanierung noch gut erhalten. Allerdings wurden die rund 500 Originalfenster ersetzt.
Stilistisch gesehen lassen sich bis zur Mitte der 50er-Jahre jene Strömungen nachzeichnen, die zuvor das Bauen der Vorkriegszeit geprägt hatten. Besonders weite Verbreitung fand das lange als
„Anpassungsarchitektur“
abqualifizierte, an überlieferten Traditionen orientierte Bauen, das auch in der Koblenzer Altstadt deutliche Spuren hinterlassen hat. Man erinnere sich nur an die einfach gestalteten Wohn- und Geschäftshäuser im Altengraben, am Altenhof und im Bereich des Plans. Zu den wenigen besonders auffälligen Gebäuden aus dieser Zeit in der Innenstadt gehört das mit einem Eck-Erker ausgestattete und durch Basaltelemente gegliederte Haus Entenpfuhl 30/Jesuitengasse 1.
Aber auch der vergröberte Neoklassizismus, der im Dritten Reich besonders gern angewandt und als
„Reichskanzleistil“
bekannt wurde, feierte – wenn auch in wesentlich vereinfachter Form – bei Wirtschafts- und Verwaltungsbauten seine Auferstehung. Ein Beispiel aus Koblenz ist das 1953 nach Plänen von Hans Schönhagen errichtete Genossenschaftsgebäude in der Rizzastraße. Wegen der ideologischen „Vorbelastungen“ des auf traditionalistischen Wurzeln fußenden Bauens wurden die in diesem Sinne ausgeführten Entwürfe lange Zeit leider völlig verkannt.
Die Wiederaufbauphase bot auch für die Architekten jener Moderne, die im NS-Staat verachtet und unterdrückt worden waren, einmalige Chancen. Sie konnten erneut damit beginnen, ihre Konzepte eines strikt sachlichen Bauens weiterzuentwickeln. Hallen und schwungvolle Treppen, wie sie zum Beispiel in Gebäuden der östlichen Schlossstraße erhalten geblieben sind, wurden zu Markenzeichen einer modernistischen Baukunst. Neue Techniken und Werkstoffe setzten sich durch. Die Zeit der Glasbausteine begann.
Gefühl der Schwerelosigkeit
Durch Minimierung der Werkstoffe und durch Transparenz der Wände versuchten Architekten, ihren Konstruktionen eine gewisse Schwerelosigkeit zu verleihen: Dächer heben sich ab wie Flugzeugflügel, Stützen scheinen den Boden kaum mehr zu berühren. Zudem setzten sich gerundete, asymmetrische Formen durch.
Beispiel für diese Architektur ist der Pavillon des Verkehrsamtes, der 1956 unter Regie des städtischen Hochbauamtes ausgeführt wurde. Pavillon und der dazugehörige Busbahnhof gehörten zu den bedeutendsten Zeugnissen des Wiederaufbaus in Koblenz. Ein Schutz vor dem Abriss war das nicht. Der
„Bahnhofplatz 2000“
war wichtiger.
Anmerkungen
[1] Dazu: Rhein-Zeitung, Ausgabe Koblenz, 24. Januar 2012.
📌 CHRONIK: DIE JAHFE VON 1950 BIS 1955
1950
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8. Februar: In der DDR wird das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) gegründet.
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1. März: Die von Mao vertriebenen Nationalchinesen rufen auf Taiwan die Republik China aus.
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8. März: In den USA beginnt der republikanische Senator Joseph McCarthy mit seiner Jagd auf Kommunisten.
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13. Juni: In Südafrika wird die Rassentrennung (Apartheid) gesetzlich weiter verschärft.
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25. Juni: Mit dem Einmarsch Nordkoreas in Südkorea beginnt der Koreakrieg.
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24. Oktober: Truppen der Volksrepublik China marschieren in Tibet ein und besetzen das Land.
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1. November: Papst Pius XII. verkündet das Dogma von der leiblichen Himmelfahrt Marias.
1951
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5. April: In den USA wird die erste Herz-Lungen-Maschine vorgestellt.
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18. April: Das gute Verhältnis von Bundeskanzler Konrad Adenauer zum französischen Außenminister Robert Schuman führt zu einer Annäherung der ehemaligen „Erbfeinde“: Die Bundesrepublik, Frankreich, Italien und die Beneluxstaaten bringen die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) auf den Weg. Der Vorläufer der EU entzieht kriegswichtige Industrien dem alleinigen nationalen Zugriff.
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7. Juli: In den USA wird das Farbfernsehen der Öffentlichkeit vorgestellt.
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8. September: Japan und die USA unterzeichnen einen Friedensvertrag (Vertrag von San Francisco); die Vereinigten Staaten sichern sich damit wichtige Militärbasen.
1952
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10. März: Die sogenannte „Stalin-Note“, die gesamtdeutsche Friedensverhandlungen inklusive Wiedervereinigung anregt, wird von den Westmächten als Versuch gewertet, die Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu stören.
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26. Mai: Die Westmächte und die Bundesrepublik schließen den Deutschlandvertrag; die Westintegration erhält damit Vorrang vor der Wiedervereinigung.
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27. Mai: Die Verträge zur Gründung der EVG werden in Paris von der Bundesrepublik, Frankreich, Italien und den Beneluxstaaten unterschrieben.
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10. September: Die Bundesrepublik und Israel schließen das Luxemburger Abkommen (Wiedergutmachungsabkommen).
1953
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5. März: Der sowjetische Diktator Josef Stalin stirbt; Nikita Chruschtschow setzt sich schrittweise als neuer starker Mann durch.
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2. Juni: In der Londoner Westminster Abbey wird Königin Elizabeth II. feierlich gekrönt.
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17. Juni: Der Volks- und Arbeiteraufstand in der DDR wird durch sowjetische Truppen brutal niedergeschlagen.
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27. Juli: Mit dem Waffenstillstandsabkommen von Panmunjom enden die Kampfhandlungen im Koreakrieg, der die Welt mehrfach an den Rand eines globalen Konfliktes geführt hatte.
1954
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Mai: In Indochina beginnt der Zusammenbruch der französischen Kolonialherrschaft (Niederlage bei Dien Bien Phu).
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5. Juli: Nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft wollen Hunderttausende den triumphalen Empfang der bundesdeutschen Nationalmannschaft in München miterleben („Wunder von Bern“).
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30. August: Der Plan zur Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) scheitert endgültig am Veto der französischen Nationalversammlung.
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19. Oktober: Im Rahmen der Pariser Konferenzen wird über die Beendigung des Besatzungsstatuts und die Integration der Bundesrepublik in die NATO verhandelt.
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1. November: Mit koordinierten Anschlägen der FLN beginnt der Algerienkrieg gegen die französische Kolonialmacht.
1955
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18. April: Auf der Konferenz von Bandung gründen die blockfreien Staaten eine eigene Bewegung.
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14. Mai: Als Gegenbündnis zur NATO wird im Ostblock der Warschauer Pakt geschlossen.
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15. Mai: Durch den Abschluss des Staatsvertrages erhält Österreich seine volle staatliche Souveränität zurück und erklärt seine dauernde Neutralität.
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16. September: In Argentinien stürzt das Militär die Regierung von Juan Domingo Perón.
