Die 1902 geweihte Christuskirche (2016). Foto: Wolkenkratzer/Wikipedia CC BY-SA 4.0.
Evangelische Christen formieren sich
Auch wenn der letzte Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus aus rein ökonomischen Erwägungen Protestanten gestattet hatte, sich in seinem Erzstift niederzulassen, blieb Koblenz eine fast rein katholische Stadt. Das änderte sich erst mit der Übernahme des Rheinlands durch die Preußen. Ihre neue Provinzhauptstadt wurde für zahlreiche auswärtige Beamte und Militärs zur Wahlheimat.
Viele der Neubürger waren protestantisch. Dennoch sollte es relativ lange dauern, bis auch die evangelische Kirche ein leistungsfähiges Gemeindeleben und soziale Einrichtungen aufbauen konnte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die großen Kirchenbauprojekte erst in das frühe 20. Jahrhundert datieren. Die um 1100 errichtete Florinskirche sollte vorerst ausreichen. König Friedrich Wilhelm III. hatte das romanische Gotteshaus im Jahr 1818 der noch jungen evangelischen Militär- und Zivilgemeinde übertragen. Das war problemlos möglich, weil das Stift St. Florin aufgehoben war und die Preußen die komplette Anlage vom französischen Staat übernommen hatten. Der Plan der Franzosen, die alte Stiftskirche in ein Schlachthaus umzuwandeln, war nicht realisiert worden. Es blieb beim provisorischen Pferdestall – schlimm genug für eine einst weit über die Grenzen der Stadt hinaus bedeutende Stiftskirche. Der preußische Staat hatte das Kirchengrundstück 1818 von der Stadt Koblenz erworben. Die Kirche wurde durch Ministerialerlass vom 16. Dezember 1818 mit Genehmigung des Königs der evangelischen Kirchengemeinde und der evangelischen Militärgemeinde in Koblenz zum gemeinschaftlichen Gebrauch übergeben.

Trotz der Zweckentfremdung wurde die Florinskirche bereits 1820 von der Kirchengemeinde genutzt. Zuvor war das Gotteshaus unter Leitung des in Stadt- und Regierungsdiensten stehenden Architekten Johann Claudius von Lassaulx hergerichtet worden. Mit der Weihe wurde auch ein Dualismus begründet, der heute noch Bestand hat. Für das Gebäude sind nach wie vor Staat und Kirche verantwortlich – also das Land Rheinland-Pfalz und die evangelische Kirchengemeinde Koblenz-Mitte. Die Hintergründe: Das Presbyterium der Kirchengemeinde und das Kuratorium der Militärgemeinde hatten bereits am 9. November 1844 eine Vereinbarung zur gemeinsamen Unterhaltspflicht der Kirche getroffen. Der König von Preußen erteilte hierzu mit der allerhöchsten Kabinettsorder vom 31. Oktober 1845 die landesherrliche Genehmigung. Die Militärgemeinde in Koblenz und die zivile Kirchengemeinde Koblenz wurden somit zu gleichen Teilen Eigentümer der Florinskirche und hatten die Kosten für die Reparaturen zu gleichen Teilen zu bestreiten. Am 25. Mai 1873 ging der Eigentumsanteil der Militärgemeinde auf das Deutsche Reich, genauer gesagt an die Reichsmilitärverwaltung über. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Miteigentumsanteil 1923 auf das Land Preußen zurückübertragen. 1950 trat das Land Rheinland-Pfalz in die Rechtsstellung des Landes Preußen ein. Seit dem 2. Juni 1954 sind die Evangelische Kirchengemeinde Koblenz und das Land Rheinland-Pfalz als Eigentümer des Kirchengrundstücks je zur Hälfte im Grundbuch eingetragen.[1]
Mit der Wiedereinrichtung der Florinskirche war auch die Zeit der Provisorien beendet, die 1803 mit den Gottesdiensten in der Kapelle des ehemaligen St.-Georgs-Klosters im Altlöhrtor begonnen hatte. Dennoch setzte das eigentliche Aufblühen der evangelischen Gemeinde erst 1822 ein, als nach der Erhebung von Koblenz zur Provinzhauptstadt vermehrt Zivilbeamte in die Stadt und in die benachbarten Gemeinden zogen. Auch hatte die Zeitenwende an Rhein und Mosel traditionelle Strukturen aufgebrochen und Raum für ein protestantisches Gemeindeleben geschaffen. Deshalb wurde schon früh über eine geeignete Organisationsform diskutiert. Erschwerend kam hinzu, dass es sowohl lutherische als auch reformierte Gemeinden gab und eine Union erst Zug um Zug umgesetzt werden konnte.

Kirchenkreis gegründet
Umso bemerkenswerter ist es, dass es bereits 1817 gelang, mit dem evangelischen Kirchenkreis einen leistungsfähigen Zusammenschluss für beide Richtungen zu gründen, der auch heute noch das Dach für 25 Kirchengemeinden in der Region Mittelrhein ist. Sein Gebiet reicht von Oberwinter im Norden bis in den Raum Bacharach im Süden. Auch der Hunsrück bis nach Emmelshausen und Pfalzfeld sowie das Moseltal bis Cochem und das Ahrtal bis Adenau gehören zum Kreis, in dem aktuell rund 84.000 Protestanten leben.[2]
Das sind Zahlen, von denen die Gründer bestenfalls nur träumen konnten. Dennoch lohnt auch bei einer geschichtlichen Betrachtung der Blick in die Region, in der sich der Wandel bereits in der Reformationszeit vollzog. Denn nicht immer waren Protestanten unerwünscht oder bestenfalls geduldet. In mancher Gemeinde bildeten sie sogar die Mehrheit. Bekanntestes Beispiel ist Winningen. Bis auf den heutigen Tag wird immer wieder gern betont, dass die Katholiken in preußischer Zeit benachteiligt wurden, während es die Protestanten als Mitglieder einer
„Staatskirche“
leichter hatten. Das ist nur bedingt richtig, denn auch die evangelischen Gemeinden wollten sich dem staatlichen Einfluss entziehen und ihre Arbeit frei gestalten. Das zeigen die Auseinandersetzungen um die Organisation der Kirchenkreise und die Wahl ihrer obersten Repräsentanten. Hatte doch König Friedrich Wilhelm III. darauf bestanden, die Superintendenten auf Lebenszeit zu ernennen. Erst nach 20 Jahren waren die Streitigkeiten beigelegt.
Spätere Lockerungen änderten jedoch nichts an der Tatsache, dass für die Monarchen Thron und Altar nach wie vor eine Einheit bildeten. Sichtbares Zeichen: Über die evangelischen Gemeinden wachte eine staatliche Aufsicht, die sogenannten Konsistorien. Das Konsistorium für die gesamte Rheinprovinz war ab 1826 in Koblenz angesiedelt. Diese Konstruktion war nichts anderes als das landesherrliche Kirchenregiment, das bereits aus dem Alten Reich bekannt war und erst mit dem Untergang der Monarchie 1918 überwunden war.
Selbstverwaltung wurde freier
Trotz der massiven Einschränkungen hatte der Widerstand in den Gemeinden Erfolg. Diese hatten nicht nur über die Kreissynode, sondern auch mit der Provinzialsynode auf oberer und oberster Ebene ein gewichtiges Sprachrohr. 1835 machte Friedrich Wilhelm III. den Weg für die Wahl der Superintendenten durch die Kreissynoden für jeweils sechs Jahre frei. Und nicht nur das. Die neue – später mehrfach überarbeitete – Kirchenordnung vom 5. März 1835 machte endgültig den Weg für das weitere Zusammenwachsen von Lutheranern und Protestanten sowie eine weitestgehende Selbstverwaltung der Gemeinden frei, über die gewählte Presbyterien wachten.
Die neuen Freiheiten waren der Schlüssel zum bürgerlichen Engagement und damit zu einem Erfolg, der sich auf den verschiedensten Ebenen bemerkbar machte. Dem lange dominierenden katholischen Vereinswesen konnten in allen Bereichen Alternativen entgegengesetzt werden, was sich gerade auch im Sozial- und Bildungswesen bemerkbar machte. Dennoch wäre es falsch, dieses Aufblühen ausschließlich Bürgern und Gemeinden zuzuschreiben. Vieles ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die staatliche Aufsicht – vor allem das Koblenzer Konsistorium – zunehmend maßvoll waltete. Dies lag auch im Interesse des Staates, der eben kein Rundumversorger im heutigen Sinne war.
Gewaltige Aufbauleistungen
Die gewaltigen Aufbauleistungen in den Städten jener Zeit waren Sache der Kommunen oder eben der Kirche. Ein Symbol für die Aufbauleistungen ist die Stadterweiterung mit ihren eindrucksvollen Kirchen. Diese in den Stilen des Mittelalters gehaltenen Gotteshäuser trugen den religiösen Bedürfnissen in einer wachsenden Stadt Rechnung, in der natürlich auch die katholische Bevölkerung zunahm.
Es kommt nicht von ungefähr, dass die 1898 vollendete katholische Pfarrkirche St. Josef den Beginn einer geradezu stürmischen Phase im Koblenzer Kirchenbau einleitete. Bereits ein Jahr später plante der Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker die katholische Herz-Jesu-Kirche, die von 1900 bis 1903 realisiert wurde.
Fast gleichzeitig begann der Bau der Christuskirche, weil die Kapazitäten der evangelischen Gemeinde nicht mehr ausreichten. Dieses Gotteshaus wurde von 1901 bis 1904 nach Plänen des Berliner Architekten Johannes Vollmer ausgeführt, der zuvor einen Wettbewerb für sich entschieden hatte. Damit waren die evangelischen Christen in der Innenstadt und im südlichen Erweiterungsgebiet bestens versorgt. Anders sah es in den damals noch selbstständigen Stadtteilen auf der rechten Rheinseite aus, in denen bereits protestantische Staatsdiener lebten. Für sie stand zunächst nur ein gemieteter Raum in Ehrenbreitstein zur Verfügung, sodass bereits 1892 ein Grundstück angekauft wurde. Doch erst neun Jahre später konnte der Bau beginnen, wobei dieses Mal mit Erhard Müller ein heimischer Architekt zum Zuge kommen sollte. Bereits am 14. Dezember 1902 wurde das für 450 Besucher ausgelegte Gotteshaus eingeweiht.
Anmerkungen
[1] Dazu: Herrmann Müller, Patronatsbauten in Rheinland-Pfalz, in: Zeitschrift für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur: Lebendiges Rheinland-Pfalz, Heft 11/2006. Wir danken darüber hinaus für die Hinweise unseres Lesers Ernst Mann aus Koblenz.
[2] Zur Geschichte des Kirchenkreises Koblenz: Hajo Knebel, Der evangelische Kirchenkreis Koblenz, Koblenz 1985.
Die evangelische Kirche in Pfaffendorf
Die im Dezember 1902 eingeweihte evangelische Kirche in Pfaffendorf ist auch ein Symbol für das Erstarken des Protestantismus an Rhein und Mosel. Im Hintergrund: die katholische Pfarrkirche St. Josef.
