Reichskanzler Otto von Bismarck und Papst Pius IX. spielen beim Schach um die Macht. KI-generierte Illustration (Google Gemini). Vorlage ist die Karikatur „Zwischen Berlin und Rom“. Sie stammt aus der satirischen Wochenschrift Kladderadatsch vom 16. Mai 1875. Die Bildunterschrift lautet: „Der letzte Zug war mir allerdings unangenehm; aber die Partie ist deshalb noch nicht verloren. Ich habe noch einen sehr schönen Zug in petto!“ „Das wird auch der letzte sein, und dann sind Sie in wenigen Zügen matt – wenigstens für Deutschland.“ Quelle: Wikipedia
Konflikt von Staat und Kirche
Die katholische Kirche und das Königreich Preußen: Das war ein ganz spezielles Verhältnis, das in den 1870er-Jahren zum offenen Konflikt mutierte. Der sogenannte Kulturkampf sollte nicht nur das Rheinland, sondern ganz Deutschland verändern.
Die Fronten waren in der Tat verhärtet. Einerseits suchte Papst Pius IX. einen Ausgleich für den zunehmenden Verlust an weltlicher Macht im Zuge des italienischen Einigungsprozesses, andererseits wollte der preußische Ministerpräsident und Reichskanzler Otto von Bismarck einen modernen und starken Nationalstaat schmieden, in dem es wenig Platz für Sonderwünsche der katholischen Kirche gab. Ein Eigenleben, das sich der staatlichen Aufsicht entzog, duldete er nicht. Als dann noch die Zivilehe über die kirchliche Trauung gestellt und damit aus Sicht der Katholiken ein Sakrament verletzt wurde, eskalierte der Konflikt zum Kulturkampf.
Die Folge: In den Jahren von 1871 bis 1878 fiel Gemeindevermögen, das heute auf einen Gesamtwert von 103 Millionen Euro geschätzt wird, an den Staat. Unverzeihlich war es für viele, dass in dieser Zeit rund 1.800 katholische Pfarrer in preußischen Gefängnissen saßen. Ihr Vergehen aus staatlicher Sicht: Sie hatten mit ihren Predigten und Veröffentlichungen den öffentlichen Frieden gefährdet. Das rigorose Vorgehen der Obrigkeit sorgte bei der katholischen Bevölkerungsmehrheit im Rheinland für Entsetzen – auch wenn sie im Gegensatz zu früheren Generationen ein vereintes Reich unter Führung Preußens nicht ablehnte.
Hatten die Preußen die auch nach dem Kirchenkampf der 1830er-Jahre nach wie vor starke Verwurzelung der katholischen Kirche in den Regionen unterschätzt? Wahrscheinlich nicht. Eher ging es darum zu zeigen, wer das Sagen in einem Reich hatte, in dem Protestanten in der Mehrheit waren. Deshalb wurden auch die zahlreichen katholischen Vereinsgründungen der 1850er- und 1860er-Jahre argwöhnisch beobachtet. Am Ende erreichte man nur eine Stärkung des politischen Katholizismus. Ergebnis: Die 1870 neu gegründete Deutsche Zentrumspartei zog nach den Wahlen vom 3. März 1871 mit einem Stimmenanteil von 18,6 Prozent als zweitstärkste Fraktion (nach den Nationalliberalen) in den Reichstag ein.
Auch in Koblenz und Umgebung gab es trotz protestantischer Dominanz in den übergeordneten Zivil- und Militärbehörden ein reges katholisches Leben. Es kommt nicht von ungefähr, dass nach dem Kirchenkampf in Arenberg ein einzigartiger religiöser Park entstand, der später durch die neue Wallfahrtskirche St. Nikolaus ergänzt wurde. Hier hat sich der Gründer, Pfarrer Kraus (1805–1893), selbst ein Denkmal gesetzt.
Als das Gesamtkunstwerk nach 27 Jahren 1872 vollendet wurde, war der Kulturkampf gerade voll entbrannt. Und schnell sollte es ein prominentes Opfer geben: den Trierer Bischof Matthias Eberhard (1816–1876). Er wurde am 6. März 1874 festgenommen und zu einer neunmonatigen Haft sowie einer Geldstrafe von 130.000 Goldmark verurteilt. Der Bischof war kein Einzelfall. Allein in seiner Diözese landeten rund 250 katholische Priester vor Gericht. Ergebnis: 230 von 731 Pfarreien waren vakant.
Bischof Eberhard, der 1862 vom Papst zum Bischof ernannt wurde, war in katholischen Kreisen hochgeachtet. Seine Kritiker hielten ihm dagegen vor, er sei Rom zu treu ergeben. Fakt ist, dass Eberhard das Unfehlbarkeitsdogma zwar ablehnte, sich aber bei seinen öffentlichen Auftritten absolut linientreu zeigte. Auf jeden Fall wirkten die Reden des Bischofs, der als einer der großen Kanzelredner seiner Zeit galt. Der Obrigkeit war Eberhard gut bekannt. Von 1852 bis 1856 war der Professor für Dogmatik Mitglied des preußischen Landtages gewesen.
Der Hass auf Bismarck gipfelte schließlich im Attentat von Bad Kissingen am 13. Juli 1874. Damals versuchte der Böttchergeselle Eduard Kullmann, der Mitglied im katholischen Gesellenverein Salzwedel war, den Reichskanzler zu erschießen. Zu diesem Zeitpunkt war der Trierer Bischof noch Gefangener. Erst am 31. Dezember 1874 sollte er freikommen. Am 30. Mai 1876 starb er nach „mehrwöchentlichem Leiden“, wie es in einer Anzeige in der Coblenzer Volkszeitung vom 31. Mai hieß. Die Tageszeitung war das Sprachrohr der katholischen Bevölkerung und ganz bewusst als Gegengewicht zur Coblenzer Zeitung positioniert worden.
Die geistigen Wurzeln der Volkszeitung, die am 1. Januar 1872 erstmals erschien, liegen im einflussreichen Katholischen Leseverein. Das „Gesicht“ der Zeitung war Dr. Franz Aloys Duhr. Der Mediziner, der hauptberuflich leitender Arzt des Bürgerhospitals war, hatte mit Unterstützung des Lesevereins eine Handelsgesellschaft gegründet, um das Blatt herauszugeben. Bereits gut zwei Wochen nach dem ersten Erscheinen musste sich der Herausgeber mit den ersten Eingriffen und Verboten auseinandersetzen. 1873 sollte sich die Situation weiter verschärfen. Denn die Maigesetze machten den Weg für staatliche Eingriffe in die Priesterausbildung und die Gemeindefinanzierung frei. Und Aloys Duhr stellte sich dagegen. Ergebnis: Einer saftigen Geldstrafe folgte 1874 und 1875 jeweils eine kurze Haft. Doch die Coblenzer Volkszeitung hielt durch. Sie erschien noch bis 1941.[1]
Das 1865 vom katholischen Leseverein nach Plänen des Stadtbaumeisters Hermann Nebel und entsprechend den Forderungen des Juristen und Architekturtheoretikers August Reichensperger im altdeutsch-neugotischen Stil erbaute Görreshaus diente bis 1972 als Vereins- und Versammlungshaus und sollte als Heim für alle katholischen Vereine der Stadt gelten. Seit 1985 hat hier das Staatsorchester „Rheinische Philharmonie“ seinen Sitz. Von September 1847 bis 1950 tagte hier der Landtag Rheinland-Pfalz. Erst seit September 1950 tagt das Landesparlament in Mainz.
„Konfessionelle“ Baukunst
Konfessionelle Gegensätze des 19. Jahrhunderts spiegeln sich auch in der Baukunst wider. Damals entdeckten Architekten Gotik und Romanik neu. Auch in Koblenz und Umgebung sind die Auswirkungen dieser Neuorientierung noch deutlich zu sehen. Die weltanschaulich geprägte Stildebatte setzte mit dem Aufleben der Romantik und der mit ihr verbundenen Rückbesinnung auf das Mystisch-Religiöse ein. So sahen Romantiker wie der Dichter Ludwig Tieck (1773–1853), der in Ehrenbreitstein geborene Schriftsteller Clemens Brentano (1778–1842) und der Philosoph Friedrich Schlegel (1772–1829) in der Baukunst der Gotik ein Sinnbild göttlichen Waltens. In diese verklärte Sichtweise mischten sich zwangsläufig nationale Sehnsüchte.
Die ursprünglich dominierende Stellung des vor allem von französischen Architekten geprägten Klassizismus wankte. Schließlich galt die Gotik in national und religiös gesinnten Kreisen als die mittelalterliche Ausdrucksform. Zu einem der führenden Streiter für die Neogotik sollte der in Koblenz geborene August Reichensperger (1808–1895) werden. 1845 erschienen seine Ausführungen über:
„Die christlich-germanische Baukunst und ihr Verhältnis zur Gegenwart“
Der Jurist entwarf darin ein christlich-katholisch geprägtes Architekturprogramm. Die Anlehnung an die Gotik in Deutschland war nicht nur religiös motiviert. Stark waren auch die Einflüsse aus England, das wegen seines fortschrittlichen politischen und wirtschaftlichen Systems auch auf kulturellem Gebiet als Vorbild galt. Bereits im 18. Jahrhundert dominierten im Königreich zwei Stile – einerseits der an den Bauten des italienischen Renaissance-Architekten Andrea Palladio (1508–1580) orientierte Klassizismus, andererseits die Neugotik. Und nicht selten verschmolzen beide Stile.
Ein Sonderfall war dagegen die Neuentdeckung der Romanik. Zunächst nicht mit dem „deutschen Mittelalter“, sondern vor allem mit Byzanz und den südeuropäischen Einflüssen verbunden, hatte es der Rundbogenstil zunächst schwer. Erst die Veröffentlichungen über mittelalterliche Gebäude, wie zum Beispiel die von Georg Moller (1784–1852) zwischen 1812 und 1836 herausgegebenen „Denkmäler der deutschen Baukunst“, überwanden gewisse Vorurteile. Die zunehmenden Einflüsse der englischen Landschaftsarchitektur, die „künstliche“ Ruinen als Gestaltungselemente einsetzte, sorgten für eine weite Verbreitung. Die in klassizistischer Tradition bauenden Architekten erhielten allmählich Konkurrenz. In Weimar zum Beispiel sorgte der gebürtige Ehrenbreitsteiner Clemens Wenzeslaus Coudray (1775–1845) für Aufsehen.
Für den badischen Baumeister und Architekturtheoretiker Heinrich Hübsch (1795–1863) gab die romanische Architektur geeignetere Impulse zur Entwicklung eines Stils, der vor allem aus funktionaler Sicht bessere Perspektiven zur Bewältigung neuer Bauaufgaben eröffnete. Hübsch wurde somit zum führenden Theoretiker einer Gestaltungsweise, die seine Anhänger als eigenständigen, schöpferischen Stil empfanden. Zum bekanntesten rheinischen Baumeister dieses „Rundbogenstils“ wurde Johann Claudius von Lassaulx,[2] der auch aus religiösen Gründen die Romanik dem „heidnisch-imperialen“ Klassizismus vorzog. Der Architekt, der gleichzeitig in Diensten der Bezirksregierung und der Stadt Koblenz stand, griff allerdings nur „mittelalterliche“ Motive auf und fügte sie in eine Architektur eigener Prägung ein.
Lassaulx beeinflusste auch das Bauen in der Umgebung, so zum Beispiel in Kobern-Gondorf und Dieblich. Aber auch in der Eifel, besonders in Münstermaifeld oder beim Wiederaufbau des 1841 niedergebrannten Ortes Rübenach, spürt man den Einfluss seiner Gestaltungsprinzipien. Typisch sind die unverputzten Natursteinfassaden aus Bruchstein, Basalt und Tuff. In Koblenz selbst sind – trotz späterer Veränderungen – Bauten der Pfarrei St. Kastor gute Beispiele:
-
die ehemalige Knabenschule Kastorhof 6 von 1847/48,
-
die 1840 vollendete frühere Mädchenschule Rheinzollstraße 2 und
-
das Pfarrhaus Kastorhof 8 von 1828/29.
Der wohl bedeutendste heimische Architekt beeinflusste auch noch vereinzelt die Bauhandwerker, die nach ihm in der Stadt tätig waren.
Anmerkungen
[1] Das Standardwerk zur Koblenzer Pressegeschichte: Helmut Kampmann, Koblenzer Pressechronik. 80 Zeitungen aus drei Jahrhunderten, Koblenz 1988.
[2] Literatur über den Baumeister: Udo Liessem, Studien zum Werk von Johann Claudius von Lassaulx (1781–1848), Koblenz 1989. Frank Schwieger, Johann Claudius von Lassaulx. Architekt und Denkmalpfleger, Neuß 1968.
🏛️ CHRONIK: DER KULTURKAMPF
1865
In Koblenz wird zwei Jahre nach Gründung des Katholischen Lesevereins die Marianische Kongregation junger Kaufleute gegründet. Initiator ist Georg Clemens Wenzeslaus Hoffmann (1844–1924). Im selben Jahr wird der Verein Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) gegründet.
1871
Die Auseinandersetzungen zwischen Reich und katholischer Kirche beginnen. Der sogenannte Kulturkampf – den Begriff sollte der Mediziner und Sozialreformer Rudolf Virchow erst zwei Jahre später prägen – beginnt. Die Gegenspieler: Papst Pius IX. und Reichskanzler Otto von Bismarck. Der setzt durch, dass das Strafgesetzbuch durch den sogenannten Kanzelparagrafen ergänzt wird. Geistlichen ist es nicht gestattet, mit Predigten und Verlautbarungen den öffentlichen Frieden zu gefährden.
1872
Jesuitengesetz: Die Jesuiten dürfen in Deutschland keine Niederlassungen errichten. Die geistliche Schulaufsicht gehört der Vergangenheit an. Sie wird durch eine staatliche Aufsicht ersetzt. Als Reaktion auf das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes bilden sich die ersten Altkatholischen Gemeinden.
1873
Die sogenannten Maigesetze werden eingeführt. Ab sofort kontrolliert der Staat die Ausbildung und Einstellung von Geistlichen. Über das Vermögen der Kirchengemeinden wachen gewählte Gremien in den Gemeinden.
1874
Vor dem Gesetz sind nur noch die standesamtlich geschlossenen Ehen gültig. Kirchliche Ehen sind nur noch nach der standesamtlichen Trauung gestattet.
1875
Der preußische Landtag beschließt das sogenannte Brotkorbgesetz. Demnach werden der Kirche sämtliche staatliche Zuwendungen entzogen. Noch schärfer wirkt das Klostergesetz für Preußen. Nur noch die Orden, die sich der Krankenpflege verschrieben haben, dürfen weiterarbeiten. Alle anderen müssen sich auflösen.
1876
In Koblenz wird der Philisterzirkel Confluentia als Ferienverbindung für katholische Studenten und als Anlaufstelle der im Beruf stehenden ehemaligen Aktiven (Philister) gegründet. Die heute noch unter dem Dach des Cartellverbandes der katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV) bestehende Vereinigung feierte 2011 ihr 135-jähriges Bestehen.
1878
Der Kulturkampf wird beendet, weil Bismarck Mehrheiten für sein Sozialistengesetz braucht. Der neue Papst Leo XIII. erreicht eine Milderung der strengen Gesetze.
