Blick in die Görresstraße, die die Anbindung des neuen Viertels an die Kornpfortstraße sicherstellte. Der bunte Stilmix der Gründerzeit hat sich bis heute erhalten. Im Hintergrund: Die fast gleichzeitig errichteten Gebäude der Eltzerhofstraße.
Altstadt bleibt trotz Erweiterung beliebt
Der lange aussichtslose Kampf um die Aufgabe der Stadtbefestigung zwang Bauwillige, innerhalb der Umwallung nach freien Grundstücken zu suchen. Diese gab es vor allem noch in der östlichen Altstadt. Hier bot sich für Investoren die Chance, nach eigenen Vorstellungen zu bauen.
Im Areal zwischen Kornpfortstraße, Firmungstraße und Nagelsgasse stand ursprünglich der Eltz-Kempenicher Hof. Dazu gehörten Garten- und Wirtschaftsflächen, die perspektivisch bebaut werden konnten. Als die Anlage zum Verkauf stand, nutzten die Gebrüder Dahm aus Bonn und der Koblenzer Architekt Anton Heins die Gunst der Stunde. Sie wollten das Gelände „für die Errichtung von Wohngebäuden auf Spekulation“ erwerben.
Im September 1888 kauften sie das 450.000 Reichsmark teure Anwesen vom Grafen Karl zu Eltz und das an der Kornpfortstraße gelegene Gasthaus „Zum wilden Mann“. Schon bald nach Abschluss der Kaufverträge berichtete die lokale Presse über Pläne zur Neuanlage von Straßen. Die Konzepte sahen vor, eine von der Kornpfortstraße ausgehende, in Ost-West-Richtung verlaufende Trasse anzulegen, die auf beiden Seiten bebaut werden sollte. Außerdem war die Anbindung der neuen Straße an die Firmungstraße vorgesehen.
Kündigungen verschickt
Einige Monate vergingen, bis sich auf dem Gelände des Eltzerhofes etwas tat. Im Januar 1889 erhielten die im Anwesen wohnenden Mieter erst einmal vorsorglich ihre Kündigung, obwohl der exakte Verlauf der Straße noch nicht projektiert war. Im Mai genehmigte der Stadtrat den Straßenbau unter der Bedingung, dass die Investoren die Kosten für Pflasterung, Kanalisation und Gasbeleuchtung übernahmen. Der „Coblenzer General-Anzeiger“ meldete:
„[…] man sei den Straßenprojekten sympathisch nähergetreten, da man annehme, dass die Unternehmer die neuen Häuser nicht als herrschaftliche gestalten, vielmehr die Häuser dazu dienen sollen, die Castorstraße und die Wöllersgasse zu entlasten, wo durch Überfüllung der einzelnen Wohnungen ganz unstatthafte Zustände herrschten“.
Auffallend ist, dass die Gemeinde wegen fehlender Mittel Planung und Ausführung der neuen Straßen den privaten Investoren überließ. Sogar in die Aufteilung der Baugrundstücke mischte sie sich nicht ein, sodass ein Makler mögliche Kaufinteressenten aufforderte, ihre Vorstellungen vom Zuschnitt der Parzellen schriftlich einzureichen. Diese Baufreiheit führte dazu, dass sich die Gestalt der einzelnen Flächen nicht wesentlich von den anderen Grundstücken in der Altstadt unterschied. Gebaut wurden relativ schmale Häuser mit Seitenflügeln oder Hinterhäusern.
Dennoch waren in den neuen Mietshäusern die Wohnbedingungen wesentlich besser als in anderen Bereichen der Stadt. Zudem baute man jeweils zwei Häuser so aneinander, dass die Seitenflügel relativ große Innenhöfe umschlossen.
Die Eltzerhofstraße sollte die Firmungstraße mit dem Kastorviertel verbinden. Die zahlreichen Freiflächen in diesem Bereich wurden schnell überbaut. Im Hintergrund: Die historischen Gebäude der Firmungstraße.
Die Bauarbeiten begannen im Juni 1889. Den Anfang machte der Abbruch der in der Kornpfortstraße gelegenen Teile des Eltzerhofes, im November folgte das Gasthaus „Zum wilden Mann“. Der Haupttrakt des Eltz-Kempenicher Hofes verschwand erst im August 1890 endgültig. Die Erschließungsarbeiten gingen im Juli 1890 mit dem Bau der Bürgersteige ihrem Ende entgegen. Im gleichen Monat berichtete der „General-Anzeiger“ von der Fertigstellung eines fünfstöckigen „Prachtgebäudes“ an der Ecke Firmungstraße. Ebenfalls 1890 wurden die Bauanträge für die Gebäude Eltzerhofstraße 2 und das Eckhaus Firmungstraße 32a sowie für die Gebäude Görresstraße 2 und 7 eingereicht.
Der Schwerpunkt der Bautätigkeit in den beiden neuen Straßen lag in den Jahren von 1891 bis 1895. Zu dieser Zeit waren zwar die Baubeschränkungen vor den Toren der Stadt aufgehoben, doch trugen die sehr schwierigen Grunderwerbsverhandlungen dazu bei, dass die Altstadt interessant blieb.
Die Südliche Vorstadt heute.
Bauherren hielten sich zurück
Die Bautätigkeit im Bereich der Südlichen Vorstadt erfüllte zunächst nicht die Erwartungen. Zwar hatte die Baupolizei eine Reihe von Anträgen zu bearbeiten, doch bezogen diese sich in der Regel auf unbedeutende Baumaßnahmen. So betrafen 1885 nur 12 der 149 Baugesuche neue Häuser. In den folgenden Jahren änderte sich das Verhältnis unwesentlich.
Auch als die Kabinettsorder vom 13. März 1890 das Ende des Befestigungsgürtels einleitete, blieb die erhoffte Signalwirkung aus. Von den 94 das neue Gelände betreffenden Bauanträgen galten nur acht dem Bau neuer Wohn- und Geschäftshäuser, was im Vergleich zu den vorherigen Jahren einen absoluten Tiefstand bedeutete.
Im Vergleich dazu blieb die bauliche Entwicklung in der Innenstadt relativ konstant. Zwischen 1885 und 1897 entstand dort eine Reihe neuer Häuser, auch wenn der Schwerpunkt der Bauaktivitäten damals zweifellos auf der Aufstockung und dem Umbau bestehender Substanz lag. Zudem führte der Bau von Seitenflügeln und Hintergebäuden, die auch gewerblichen Zwecken dienen konnten, zu einer weiteren Verdichtung der Blöcke.
Chance für Investoren
Erst allmählich verlagerten sich die Gewichte zugunsten der Vorstadt: Mit der Zeit sahen die Bauwilligen die Chance, im Stadterweiterungsgebiet gewinnbringend anzulegen. Einige Privatleute nutzten auch die Gelegenheit, kleinere Häuser für den eigenen Bedarf zu bauen. Im Bericht für 1896 stellte die Verwaltung fest:
„Die Bauten in der Altstadt beschränken sich, mit Ausnahme eines auf bisher noch unbebautem Grund und Boden errichteten Doppelwohnhauses, auf den Ersatz alter, den Bedürfnissen nicht mehr genügender Häuser durch Neubauten. Auch größere, ausschließlich Wohnzwecken dienende Hintergebäude, welche früher einen wesentlichen Teil der hiesigen Bautätigkeit bildeten und häufig die Hofräume bis dicht an die Grenzen des eben noch Zulässigen in Anspruch nahmen, sind […] nicht mehr zur Ausführung gekommen.
Dagegen wurde besonders auf den Hauptstraßenzügen, der Löhrstraße, Entenpfuhl, Rheinstraße, aber auch in den weniger vom Verkehr berührten Zügen, der Schlossstraße und der Straßen der Unterstadt durch Umbau eine Anzahl von Geschäftsläden zum Teil von größerem Umfange und in einer den gesteigerten Anforderungen entsprechenden Ausstattung hergestellt.“
Das bedeutete jedoch nicht, dass in den Kernbereichen gar nicht mehr neu gebaut wurde. Bereits 1897 errichtete man:
„Miethäuser bescheideneren Umfanges im Mittelpunkte der Altstadt, die mit ihren beigefügten Werkstätten hauptsächlich kleineren Handwerkern Wohn- und Arbeitsplätze gewähren“
sollten. So steht es im Verwaltungsbericht für 1897.
Eine immer wichtigere Rolle spielte jedoch die Umgestaltung bestehender Gebäude. Vor allem Geschäftsleute wollten damit ihren Läden ein großstädtisches Flair verleihen. Ergebnis: In fast allen heute noch erhaltenen historischen Wohn- und Geschäftshäusern entsprechen die Erdgeschosse nicht mehr dem Originalzustand.
Die Eingriffe in die Substanz erfolgten übrigens mit dem Segen der Stadt. Dazu heißt es im Bericht für das Jahr 1898:
„Die Herstellung einer größeren Anzahl von Schaufensteranlagen und Ladenumbauten lässt erkennen, wie sehr die hiesige Geschäftswelt bemüht ist, den Anforderungen der Neuzeit nicht nur in der Geschäftsführung selbst, sondern auch in der Anlage und Ausstattung der Läden und Schaufenster sich anzupassen. Dank dieser Bestrebungen sind hier Geschäftshäuser und Läden völlig großstädtischer Art entstanden, welche sich den eleganten Magazinen der Nachbarstädte kühn zur Seite stellen können.“
Zentrum des Einzelhandels
Die weitere Verwandlung der Alt- und Innenstadt in ein Zentrum des Einzelhandels führte an der Wende zum 20. Jahrhundert sogar dazu, dass die Bautätigkeit in den Stadterweiterungsgebieten leicht zurückging.
„Die Anzahl der Umbauten behufs auf Schaffung von Schaufensteranlagen und Geschäftsläden entspricht genau der Zahl aus dem Vorjahre und lässt erkennen, dass nicht nur die Bautätigkeit, sondern auch Handel und Gewerbe in unserer Stadt eines stetigen Aufschwunges sich erfreuen. Auch kann wiederum mit Befriedigung festgestellt werden, dass die durch Errichtung von Neubauten in der Altstadt geschaffenen Mietwohnungen trotz des Wettbewerbes mit den Wohnungen in der Neustadt, vor wie nach sehr beliebt und gesucht sind“,
heißt es im Verwaltungsbericht von 1899. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging die Bautätigkeit in der Altstadt deutlich zurück.
Zwei neue Stadtteile
Mit der Eingemeindung von Lützel und Neuendorf am 1. Juli 1891 löste Koblenz einen weiteren Teil seiner räumlichen Probleme. Für die Neubürger in den beiden Stadtteilen war dieser Schritt nicht nur mit Vorteilen verbunden, drohte ihnen doch nun eine Erhöhung der kommunalen Abgaben und Gebühren. Allerdings wussten auch die Kritiker, dass die beiden Gemeinden die auf sie zukommenden kostspieligen infrastrukturellen Herausforderungen ohne ein Zusammenwirken mit Koblenz nicht hätten lösen können.
Für die Eingemeindung gab es aber auch historische Gründe: Die rechtliche und wirtschaftliche Anbindung der beiden Gemeinden an Koblenz reicht bis weit in das Mittelalter zurück. In der Mitte des 19. Jahrhunderts sollte der Bau der rheinischen Eisenbahn die Entwicklungen beschleunigen. Vor allem die Lützeler Bevölkerung wurde immer mehr vom Erfolg der Eisenbahn und den sich allmählich ansiedelnden Betrieben abhängig.
Dieser Wandel passte nicht zur Entwicklung des ländlich strukturierten Neuendorf. Dabei bildete dieser Ort lange einen Gemeindeverband mit Lützel. Nun passte dieses System nicht mehr. Die Initiativen der Lützeler Gemeindevertreter, von Neuendorf loszukommen, nahmen zu. Diese Entwicklung wurde natürlich von den Koblenzer Stadtverordneten aufmerksam registriert. Bereits 1858/59 hatten sie deshalb eine Erweiterung des Stadtbezirks ins Auge gefasst. Doch erst die Lockerung der Stadtbefestigung machte den Weg für die Eingemeindung frei.
🏛️ CHRONIK: DIE ÄRA DER STADTERWEITERUNGEN
1861
1866
1875
Die Stadt Trier erhält am 3. Dezember die Genehmigung, Teile der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadtbefestigung abzutragen. Die Obrigkeit erfüllt damit den Wunsch der Bürger. Zwei Jahre später sind bereits vier Stadttore abgetragen. Bis zum Ende des Jahrhunderts verschwinden die alten Mauern fast vollständig.
Das „Gesetz betreffend die Anlegung und Veränderung von Straßen und Plätzen in Städten und ländlichen Ortschaften“ gilt ab dem 2. Juli. Das Gesetz ermöglicht die Beteiligung von Anliegern an den Erschließungsmaßnahmen. Es ist damit auch ein zentrales Instrument zur Finanzierung von Stadterweiterungsmaßnahmen – so auch in Koblenz.
