Eine Umtauschstelle in Hamburg, 20. Juni 1948. KI-koloriert mit Google Gemini. Originalfoto: Bundesarchiv, Bild 147-0739 / CC-BY-SA 3.0.
Dass Koblenz der erste Regierungssitz des noch jungen Landes Rheinland-Pfalz wurde, lag vor allem daran, dass in der alten Provinzhauptstadt trotz der schweren Zerstörungen noch zahlreiche Gebäude funktionsfähig geblieben waren, die sich für große administrative Aufgaben eigneten. So war das frühere Oberpräsidium in der Stresemannstraße noch weitgehend intakt – und der Rathaussaal, das Theater und das Görreshaus eigneten sich als Versammlungsorte der Gremien.
Es war trotzdem ein offenes Geheimnis, dass die französische Besatzung über die Wahl des Regierungssitzes nicht begeistert war. Die alte Provinzhauptstadt war für sie in erster Linie ein Symbol der aus ihrer Sicht unseligen preußischen Zeit. Und so kam es, dass der rheinland-pfälzische Landtag am 16. Mai 1950 wohl nicht ganz freiwillig die Verlegung der Landesregierung nach Mainz beschloss.[1]
Angst um die Ersparnisse
Die meisten Koblenzer dürften sich für diese Vorgänge nur wenig interessiert haben. Für sie waren die Währungsreform und ihre Folgen die wirklich einschneidenden Erlebnisse. Denn kurz vor der offiziellen Einführung der D-Mark am 21. Juni 1948 stellten sich für sie vor allem zwei Fragen: Sind die geretteten Ersparnisse nun wertlos? Und: Wie bringe ich mein Altgeld noch an den Mann?
Das bestätigt auch ein Blick in unsere Zeitung, die am Mittwoch, 23. Juni, über die letzten beiden Verkaufstage mit der alten Währung berichtete:
„Es war wie in einem Bienenhaus am Freitag und Samstag in der Stadt. […] Ein aufgeregtes Hasten und Jagen der Menschen in allen Straßen. Jeder wollte noch etwas kaufen und die sterbende Reichsmark in Werten anlegen.“[2]
Nicht jeder Händler dürfte über den Ansturm erfreut gewesen sein. Gute Ware für schlechtes Geld war für sie keine Option. Und so prangten an manchen Läden Schilder, mit denen sich die Inhaber wegen Krankheit, Todesfällen in der Familie oder Warenmangel abmeldeten. Die Behörden fanden das gar nicht witzig. Sie prüften jeden einzelnen Fall, und sie schickten sogar die Polizei, um eine Öffnung zu erzwingen.
Unter dem Strich hatten Ersparnisse erheblich an Wert verloren. So waren 100 Reichsmark nach der Reform nur noch 6,50 Mark wert. Dagegen wurden die Löhne im Verhältnis 1:1 umgestellt. Ein Vorteil war das nicht unbedingt, weil die Mieten im gleichen Verhältnis umgestellt wurden – ohnehin präsentierte sich der Wohnungsmarkt in der zerstörten Stadt mehr als angespannt.
Die Situation entschärfte sich nur allmählich, zumal sich nun auch die Spätheimkehrer zurückmeldeten:
„Wer kennt sie nicht – diese abgemagerten oder auch aufgeschwemmten Gestalten, die Tag für Tag mühsam aus den Eisenbahnwagen herausklettern, um nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft zum ersten Mal wieder den Boden ihrer Heimat zu betreten. […] Nun sind sie endlich daheim. Ihre Augen starren über berghohe Ruinen hinweg, ihre jungen Herzen sind aufgewühlt – sind unerreichbar, ihr Mund bleibt geschlossen.“[3]
Mit Zeilen wie diesen warb die erst zwei Jahre zuvor mit Genehmigung der französischen Militärbehörde gegründete Rhein-Zeitung um Verständnis für die geschlagenen Soldaten.
Solidarisch zu sein, war im Juni 1948 nicht leicht. Die Wohnungsnot war einfach zu groß. Und viele Koblenzer lebten am Existenzminimum. Vor allem Kinder mussten von karitativen Organisationen versorgt werden. Und wären nicht großzügige Spenden geflossen – vor allem aus der Schweiz –, wäre die Situation noch schlimmer gewesen.
Ein trockener Sommer
Immerhin war es der Stadtverwaltung Koblenz gelungen, die Ver- und Entsorgungsanlagen provisorisch in Gang zu bringen, was für die Bewohner der Ruinenstadt gewisse Erleichterung brachte. Doch der Frühsommer 1948 war trocken, sodass in der Tagespresse appelliert wurde, sorgsam mit dem wichtigsten Lebensmittel umzugehen. Schon vor dem mörderischen Krieg war deutlich zu spüren gewesen, dass die links- und rechtsrheinische Wasserversorgung an die Kapazitätsgrenzen gestoßen war.
Trotz der massiven Einschränkungen sahen die meisten Koblenzer eine Chance zum Neuanfang. Die Einführung der D-Mark war ein Symbol dafür. An 18 Ausgabestellen wurde schließlich das neue
„Kopfgeld“
verteilt. Jeder Erwachsene erhielt 40 Mark. Einen Monat später folgten noch einmal 20 Mark. Insgesamt wurden 2,5 Millionen Deutsche Mark an die Koblenzer ausgegeben, die mit ihrem neuen Geld natürlich sehr vorsichtig umgingen.
Auch wenn die Geschäfte nach der Währungsreform recht gut gefüllt waren, blieben die Kunden aus. Sie warteten die weiteren Entwicklungen ab:
„Jeder hatte 40 Deutsche Mark in der Tasche. Aber er wird damit haushalten. Das merkte auch die Straßenbahn. Sonst war sie immer überfüllt – nun scheint sie für viele entbehrlich. Auch an den Fahrkartenschaltern war es ruhiger geworden. Überflüssige Reisen sind fortgefallen. Die Menschentrauben auf Puffern und Trittbrettern, seit drei Jahren ein gewohntes Bild, sind über Nacht verschwunden. Und drinnen in den Abteilen kann man wieder einen Sitzplatz haben”,
stellte die Rhein-Zeitung ebenfalls in ihrer Ausgabe vom 23. Juni 1948 fest. Mit Einführung der neuen Währung verschwanden die Bezugskarten. Weil das Angebot in den Geschäften zunahm und die Bürger auch in Koblenz vorsichtig agierten, wuchsen nun die Probleme für die Schwarzhändler. Nur bei den Schuhen sah es anders aus. Das Wirtschaftsamt gab die letzten Schuhpunktekarten aus, wobei in der Tagespresse kritisiert wurde, dass es taugliches Schuhwerk nur auf dem Schwarzmarkt gab.
Folgen der Rittersturzkonferenz
Trotz aller Widrigkeiten jener Zeit kündigten sich große Dinge an. Denn ein wichtiges Kapitel der Gründungsgeschichte der neuen Republik wurde im 1927 erbauten und unzerstört gebliebenen Berghotel Rittersturz geschrieben. Dort hatten sich vom 8. bis zum 10. Juli 1948 die elf Ministerpräsidenten und Bürgermeister aus den westlichen Besatzungszonen versammelt. Den Vorsitz übernahm der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier.
Der Hintergrund des Treffens: Die Westalliierten hatten die Länderchefs dazu gedrängt, über die Frankfurter Dokumente vom 1. Juli 1948 zu beraten, in denen es um nichts anderes ging als die Vorbereitung der Gründung eines Weststaates.
Druck machten vor allem die USA, die damals rund 90 Prozent der Besatzungskosten übernahmen. Das konnte kein Dauerzustand bleiben. Vor diesem Hintergrund ist auch der nach dem US-Außenminister George C. Marshall benannte und am 7. November 1947 verkündete Plan zum Wiederaufbau Europas zu sehen. Eindeutiges Ziel der USA war es, neue Handelspartner aufzubauen. Deshalb war man bereit, auch den deutschen Ländern Mitgestaltungschancen zu geben.
Allerdings erwartete man von den deutschen Länderchefs ein klares Bekenntnis zu einem Weststaat. Die Ministerpräsidenten waren nun in der Zwickmühle; eine ungeschickte Antwort hätte die deutsche Teilung wohl für immer zementiert. Die Teilnehmer der Konferenz, die als Rittersturz-Konferenz in die Geschichte eingehen sollte, ignorierten deshalb die Forderung nach einem neuen Weststaat und einer durch eine Volksabstimmung legitimierten Verfassung. Sie ersetzten die Vorgabe durch ein Provisorium, das den Weg für das Grundgesetz mit seiner Option zum späteren Beitritt der ostdeutschen Länder ebnete, was 1990 auch geschehen sollte.[4]
Die Stunde der Länderchefs
Die Ministerpräsidenten nutzten in Koblenz die Gunst der Stunde. Da der Kalte Krieg begonnen hatte, brauchten die Westalliierten in der strategischen und wirtschaftlichen Mitte Europas neue Verbündete und damit einen handlungsfähigen Staat. Unter Eindruck des Indochinakrieges lenkte schließlich sogar Frankreich ein. Das machte auch in Koblenz den Wiederaufbau möglich. Im Oktober 1948 wurde sogar eine Baufachschule als Vorläuferin der heutigen Hochschule Koblenz eröffnet.
Ihre Präsenz an Rhein und Mosel verringerten die Franzosen jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: So legten sie am 21. August 1948 den Grundstein für die Bebauung der Pfaffendorfer Höhe.
Anmerkungen:
[1] Das Standardwerk zur Frühgeschichte des Landes: Heinrich Küppers, Staatsaufbau zwischen Bruch und Tradition. Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 1946–1955. Mainz 1990.
[2] Rhein-Zeitung, Ausgabe Koblenz, 23. Juni 1948.
[3] Rhein-Zeitung, Ausgabe Koblenz, 23. Juni 1948.
[4] Dazu: 50 Jahre Rittersturzkonferenz. Die Stunde der Ministerpräsidenten, Koblenz 1998.
📌 CHRONIK: DAS WAR 1948
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Januar:
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1. Januar: Die Zollunion der Beneluxstaaten tritt in Kraft.
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20. Januar: In Polen wird offiziell die Umsiedlung polnischer Staatsangehöriger in die ehemaligen deutschen Ostgebiete beschlossen.
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30. Januar: Mahatma Gandhi wird in Neu-Delhi von einem fanatischen Hindu ermordet.
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30. Januar: Am selben Tag werden in St. Moritz die V. Olympischen Winterspiele eröffnet.
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Februar:
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4. Februar: Nachdem Großbritannien am 15. August 1947 bereits Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen musste, folgt nun Ceylon (heute Sri Lanka).
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Februar: In Prag reißt KP-Chef Klement Gottwald die Macht an sich.
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März:
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1. März: In Frankfurt wird die Bank deutscher Länder gegründet; das Startkapital beträgt 100 Millionen Reichsmark.
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17. März: Frankreich, Großbritannien und die Beneluxstaaten schließen den Brüsseler Pakt.
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20. März: Drei Tage später tagt in Berlin zum letzten Mal der Alliierte Kontrollrat mit allen Mitgliedern.
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29. März: Chinas Präsident Chiang Kai-shek erhält diktatorische Vollmachten.
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April:
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3. April: US-Präsident Harry S. Truman unterzeichnet das Gesetz für den im Vorjahr vorgestellten Marshallplan, der den Wiederaufbau des zerstörten Europas fördert.
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7. April: In Genf nimmt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Arbeit auf.
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23. April: In der sowjetischen Besatzungszone wird die Vereinigung Volkseigener Betriebe gegründet.
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Mai:
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6. Mai: Das Aufnahmelager Gronenfelde bei Frankfurt (Oder) meldet den 500.000. Heimkehrer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft.
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13. Mai: In der US-Zone dürfen ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder beschäftigt werden.
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14. Mai: David Ben-Gurion verkündet die Gründung des Staates Israel.
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Juni:
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2. Juni: In London geht die Sechs-Mächte-Konferenz zu Ende; die Gründung eines westdeutschen Staates wird in Aussicht gestellt.
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21. Juni: Die D-Mark wird offizielles Zahlungsmittel in den westlichen Besatzungszonen.
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24. Juni: Die UdSSR unterbricht den gesamten Landverkehr nach Berlin (Beginn der Berliner Blockade).
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26. Juni: Zwei Tage später übernehmen die Westalliierten die vollständige Versorgung der Westsektoren aus der Luft.
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Juli:
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29. Juli: In London werden die XIV. Olympischen Sommerspiele eröffnet.
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August:
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27. August: Österreich tritt der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds bei.
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31. August: Vier Tage später wird in den USA die erste Langspielplatte vorgestellt.
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September:
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1. September: In Bonn tritt der Parlamentarische Rat zusammen, der ein Grundgesetz für einen deutschen Weststaat erarbeiten soll; die Beschlüsse der Rittersturz-Konferenz vom Juli werden damit weitergeführt.
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9. September: Eine Nationalversammlung in Pjöngjang proklamiert die Demokratische Volksrepublik Korea.
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Oktober:
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31. Oktober: Das deutsche Boxidol Max Schmeling zieht sich aus dem Leistungssport zurück.
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November:
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6. November: Mao Tse-tung beginnt seine siegreiche Offensive gegen die chinesische Regierung.
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Dezember:
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Dezember: Auf dem Flughafen Tempelhof landet die 100.000. Maschine der alliierten Luftbrücke zur Versorgung der blockierten Westsektoren Berlins.
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