Unter den Straßen von Koblenz
Große Straßenbaumaßnahmen, Stadterweiterungen und Sanierungsmaßnahmen wären gar nicht möglich, wenn es keine leistungsfähige „Unterwelt“ gäbe. Gerade die Stadt Koblenz hat in den Bereichen Trinkwasserversorgung, Kanalisation und Hochwasserschutz Erstaunliches geleistet. Würde man die Investitionen der vergangenen 50 Jahre zusammenzählen, käme sicherlich ein hoher neunstelliger Betrag zusammen. Und so manches Projekt fand in Expertenkreisen internationale Anerkennung.
Auf den Dank der Verbraucher können Planer und Ausführende in der Regel lange warten. Oft werden nur die durch die Baumaßnahmen verursachten Verkehrsbeeinträchtigungen registriert – und natürlich auch kritisiert. Es ist einfach zu selbstverständlich geworden, dass aus dem Hahn wirklich Wasser fließt und die Toilettenspülung funktioniert. Dabei haben gerade die in Koblenz erbrachten Leistungen wegen der komplexen Topografie der Stadt eine Sonderstellung.
Angefangen hat alles mit Provisorien der Wiederaufbauzeit. In den späten 1950er-Jahren begann dann der systematische Ausbau von Kanalisation und Wasserversorgung. Damit wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der heute immer noch nicht beendet ist – und wohl nie aufhören wird. Denn es gibt immer einen Modernisierungsbedarf. Das zeigen allein die Folgen der strengen Trinkwasserverordnung von 1986, die in der Folge weiter verschärft wurde und jetzt sogar die Hausanschlüsse umfasst.
Bis weit in die 1990er-Jahre hinein vollzog sich auch im Raum Koblenz ein Wandel zur Verbundversorgung. Für Koblenz, Lahnstein und die Verbandsgemeinde Vallendar übernehmen die seit dem 1. Januar 1986 bestehenden Vereinigten Wasserwerke (VWM) diese Aufgabe. Und immer wieder wird in die Modernisierung der Netze investiert. Auch das Wasserwerk Oberwerth hat sich verändert: Es ist praktisch der zweite Neubau der Nachkriegszeit. Das erste Werk wurde so stark verändert, dass der Zustand der 1960er-Jahre nicht mehr zu erkennen ist.
Abwasserentsorgung
Die größten Leistungen der Nachkriegszeit wurden zweifellos im großen Bereich der Entsorgung erbracht: nicht nur, weil es gelungen ist, das „Müllproblem“ im Rahmen von interkommunalen Gesellschaften zu lösen, sondern auch wegen der hocheffektiven Maßnahmen zum Schutz der heimischen Gewässer. Herzstück war dabei der Bau von leistungsfähigen biologischen Klärwerken – so auch in Koblenz.[1]
Das erste Koblenzer Großklärwerk ging im Herbst 1971 nach vierjähriger Bauzeit in Betrieb. Die neue Anlage war von Prof. Dr. Dietrich Kehr von der Universität Hannover geplant worden. Sie war für rund 160.000 Einwohner ausgelegt. In dieser Zahl enthalten waren die sogenannten Einwohnergleichwerte (EGW), mit denen die Bedürfnisse der Betriebe errechnet werden. Doch mit steigender Wirtschaftskraft, zunehmendem Anbindungsgrad der Stadtteile und neuen gesetzlichen Vorgaben zeichnete sich bereits rasch ein Erweiterungsbedarf ab.
Die Stadt beauftragte deshalb Kehrs Nachfolger, Prof. Dr. Carl Franz Seyfried, ein Gutachten zu erstellen. Das Ergebnis lag 1979 vor. Der Gutachter schlug einen erheblichen Ausbau der Kapazitäten für 300.000 Einwohner vor. Auch in der Praxis hatte sich gezeigt, dass die Anlage voll ausgelastet war und in Spitzenzeiten sogar eine Überlastung drohte. Dennoch sollte es bis zum Ende der 1980er-Jahre dauern, bis die Erweiterung beginnen konnte. Am 30. Mai 1990 weihte der damalige Oberbürgermeister Willi Hörter endlich die „neue“ Kläranlage ein. Auch die finanzielle Dimension war beachtlich: Allein die neue biologische Stufe kostete 35 Millionen Mark. Insgesamt hatte das Projekt ein Gesamtvolumen von 80 Millionen Mark.
Die Dükerbauten
Die beste Kläranlage ist wenig wert, wenn sie nicht vernünftig angebunden ist. Das zeigte sich gerade in Koblenz. In der Stadt gab es bis in die frühen 1990er-Jahre hinein Bereiche, aus denen das Abwasser ungeklärt in den Rhein fließen konnte. Das lag nicht an der Nachlässigkeit, sondern daran, dass der schwierige Aufbau eines neuen Netzes nicht innerhalb von Monaten möglich ist, sondern eine Aufgabe für mehrere Jahrzehnte ist. In Koblenz nahm der Bau von Dükern eine Schlüsselstellung ein. Das heißt: In die Flüsse wurden Rohre eingelassen, um Stadtteile miteinander und dann mit dem Klärwerk zu verbinden. Mit Dükern allein ist es jedoch nicht getan. Ohne leistungsfähige Pumpwerke ist ein Transport des Abwassers schlichtweg nicht möglich:
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1967: Der erste Düker wurde zwischen Metternich und Moselweiß gelegt.
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1970/71: Ein zweiter Düker wurde vom Deutschen Eck zum Lützeler Moselufer gelegt, um Abwässer aus der Innenstadt und den moselseitigen Stadtteilen ins Wallersheimer Klärwerk zu leiten.
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August 1978: Ende des Monats wurde ein 150 Tonnen schwerer Düker in die Mosel „eingeschwommen“ und versenkt – nicht nur um Lay an das Entsorgungssystem anzubinden, sondern auch, um den Stadtteil mit Erdgas zu versorgen.
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1979 bis 1982: Das spektakulärste Beispiel ist der in diesen Jahren realisierte Düker, der unter dem Konrad-Adenauer-Ufer beginnt und am Ehrenbreitsteiner Rheinufer endet. Die Anlage ist ein sogenannter Mehrfachdüker. Im Stollen wurden unter anderem Rohre für die Wasserversorgung und -entsorgung gelegt. Die Ausführung übernahm die „Arbeitsgemeinschaft Rheindüker Koblenz“ unter Federführung der Koblenzer Zweitniederlassung der Philipp Holzmann AG.
Das Ehrenbreitsteiner Kanalnetz
Das Koblenzer Kanalnetz hatte schon in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre eine Gesamtlänge von 340 Kilometern erreicht. Das reichte aber bei Weitem nicht aus. Im Hauptentwässerungsentwurf war deshalb von einer Ausdehnung der Mischwasserkanäle von 249 auf 268 Kilometer, der Regenwasserkanäle von 69 auf 140 Kilometer und der Schmutzwasserkanäle von 58 auf 132 Kilometer die Rede.
Was dies in der Praxis bedeutete, zeigen vor allem die Entwicklungen in Ehrenbreitstein. Denn die Sanierung der alten Residenz erfolgte in weiten Teilen im wahrsten Sinne des Wortes unter den Straßen des Stadtteils. Hier mussten die Planer gleich mehrere Probleme lösen. Galt es doch, mit einer vernünftigen Kanalisierung gleichzeitig die Grundlagen für einen funktionierenden Hochwasserschutz zu legen.
Eine Hochwasserschutzwand kann nicht funktionieren, wenn das Oberflächenwasser aus den Höhenstadtteilen die Kapazitätsgrenzen der Kanalisation im Tal sprengt. Die Planer bezogen deshalb von Anfang an sogar die Verlegung kompletter Bachläufe in ihre Überlegungen ein. Spektakuläres Beispiel ist die Ableitung des Mühlenbachs. Zu diesem Zweck wurde unter dem Festungsberg ein insgesamt 450 Meter langer, vier Meter breiter und drei Meter hoher Stollen vorangetrieben. Der nach der damaligen Confluentia „Monika“ benannte Stollen sollte von Anfang an so ausgelegt sein, dass er sogar ein Extremhochwasser bewältigen kann, wie es in der Regel nur alle 50 Jahre vorkommt. Das rund 17 Millionen Mark teure Werk wurde 1993 fertiggestellt. Und rechnet man die zwischen 1989 und 1998 neu verlegten „einfachen“ Kanäle ein, kommen noch einmal rund 6 Millionen Mark dazu.

Der Hochwasserschutz
Hochwasser gehört zum Leben in Koblenz. Doch was an Weihnachten 1993 auf die Menschen an Rhein und Mosel zukam, erreichte Dimensionen, die es seit 1784 nicht mehr gegeben hatte. Wurde damals ein Pegelstand von 10,21 Metern gemessen, waren es dieses Mal 9,52 Meter. Und spätestens seit dem Extremhochwasser Ende Januar 1995 (9,22 Meter) spricht jedermann vom Hochwasserschutz.
Auch hier zeigt das Ehrenbreitsteiner Beispiel, dass Land und Kommune bereit waren, viel Geld für einen wirksamen Hochwasserschutz in die Hand zu nehmen. Ergebnis: Die im Sommer 1999 weitgehend vollendeten Anlagen im Dahl sind so ausgelegt, dass sie selbst einen Pegelstand von 10,88 Metern „aushalten“. Komponenten des Systems sind eine rund 700 Meter lange Dichtwand am rechtsrheinischen Bahndamm, riesige Hochwasserschutztore und leistungsfähige Pumpsysteme.
Der Ehrenbreitsteiner Hochwasserschutz gehört zu den größten Projekten, die die öffentliche Hand bislang in Koblenz realisiert hat. Die gesamte Maßnahme kostete rund 52,6 Millionen Mark. In dieser Summe ist die 2004 vollendete Verlegung der Ortsdurchfahrt der Bundesstraße 42 noch nicht einmal enthalten. Die Stadt Koblenz erhielt als Maßnahmenträgerin vom Land Rheinland-Pfalz Zuschüsse in Höhe von 90 Prozent der Gesamtsumme. Davon ausgenommen waren Pumpwerk und Regenrückhaltebecken. Die Kosten im hohen siebenstelligen Bereich übernahm der 1996 gegründete Eigenbetrieb Stadtentwässerung.
Mit dem Ehrenbreitsteiner Projekt war die Frage nach dem Hochwasserschutz nicht erledigt. Neue Begehrlichkeiten wurden geweckt – vor allem im Stadtteil Neuendorf, der besonders stark vom Extremhochwasser betroffen ist. Deshalb wird seit einiger Zeit an einer weiteren Hochwasserschutzwand gebaut, die Lützel, Neuendorf und Wallersheim einbezieht. Das Projekt hat somit noch größere Dimensionen als die Anlagen im Dahl. Und auch die Kosten werden unter dem Strich wesentlich höher liegen.
Neue Dimensionen
Die öffentlichen Entwässerungseinrichtungen in Koblenz erreichen heute beachtliche Dimensionen: Das vom Eigenbetrieb Stadtentwässerung betreute Kanalnetz hat eine Gesamtlänge von rund 500 Kilometern. Dazu kommen:
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Mehr als 13.000 Schächte
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Etwa 22.000 Hausanschlüsse
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Fast 30 Pumpwerke
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Neun Düker
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Gut 50 Regenbauwerke
Hinzu kommt das Großklärwerk in Wallersheim, das jetzt optimal ausgelegt ist und auch die Anbindung von Nachbargemeinden ermöglicht. Als über den Bau eines eigenen neuen Klärwerks in Vallendar diskutiert wurde, verzichtete die Verbandsgemeinde schon allein aus wirtschaftlichen Gründen auf ein eigenes Projekt und nutzte die Chance einer Verbindung mit Wallersheim. Seit dem Jahr 2000 übernimmt ein Düker den Transport der Abfälle ins Großklärwerk.
Bereits im Januar 2006 hatte die Stadt Koblenz einen Kanalisierungsgrad von 99,6 Prozent erreicht. Im gesamten Stadtgebiet gab es nur noch 166 Häuser mit klassischen Gruben, die turnusmäßig und gegen Gebühr geleert werden müssen. Darüber hinaus bestanden 14 Gebäude, die an Kleinkläranlagen angebunden waren. Trotz des hohen Erschließungsgrades erfolgen seitdem immer wieder aufwendige und teure Maßnahmen – nicht nur im Bereich der künftigen Schutzwand, sondern zum Beispiel auch in Metternich und im Rauental. Man sieht: Entsorgung ist eine Zukunftsaufgabe, zumal sich auch im Klärwerk vieles verändern wird.
Anmerkungen
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[1] Über die Entwicklung der modernen Entsorgungssysteme: Koblenzer Abwasser-Geschichten. Eine Dokumentation anlässlich des 125-jährigen Bestehens der modernen Stadtentwässerung an Rhein und Mosel, Koblenz 2007.
📌 CHRONIK: DIE JAHRE VON 1981 BIS 1987
1981
US-Präsident Ronald Reagan wird am 30. März bei einem Attentat in Washington schwer verletzt. Am 12. April startet in Cape Canaveral das erste wiederverwendbare „Space Shuttle“. Am 13. Mai folgt ein Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II. Israel zerstört am 7. Juni einen irakischen Kernreaktor. Am 29. Juli gibt es in London eine Traumhochzeit: Thronfolger Prinz Charles und Lady Diana Spencer heiraten. Der ägyptische Ministerpräsident Anwar as-Sadat wird am 6. Oktober in Kairo ermordet. Am 10. Oktober kommt es in Bonn zur größten Friedensdemonstration seit der Gründung der Bundesrepublik. Rund 300.000 Teilnehmer werden gezählt. Am 13. Dezember wird in Polen das Kriegsrecht verhängt.
1982
Argentinische Soldaten landen am 2. April auf den britischen Falklandinseln. Ein kurzer Krieg beginnt. Die argentinischen Truppen kapitulieren am 14. Juni. 712 argentinische Soldaten sterben, Großbritannien meldet 256 Gefallene. Am 11. Juli wird Italien nach dem Finalsieg über Deutschland mit 3:1 Fußball-Weltmeister. In Bonn scheitert nach dem Seitenwechsel der FDP das Kabinett Helmut Schmidt. Am 1. Oktober wird Helmut Kohl neuer Bundeskanzler.
1983
US-Präsident Ronald Reagan sorgt mit seinen am 23. März verkündeten Plänen zur Militarisierung für Unruhe. Der Warschauer Pakt fürchtet um das militärische Gleichgewicht. Überhaupt ist das Jahr 1983 ein gefährliches Jahr: Fast wäre es zum Ausbruch eines Atomkrieges „aus Versehen“ gekommen. In Deutschland leistet sich das Magazin „Stern“ einen peinlichen Auftritt. Die am 28. April erstmals veröffentlichten Auszüge aus den Hitler-Tagebüchern sind Fiktion. Experten des Koblenzer Bundesarchivs finden heraus, dass die Tagebücher eine Fälschung sind. Am 31. Dezember wird die seit 1979 amtierende Zivilregierung Nigerias gestürzt. Der Militärputsch verläuft unblutig.
1984
In der Bundesrepublik startet am 1. Januar die Ära des Kabelfernsehens. Astronaut Bruce McCandless ist am 7. Februar der erste Mensch, der ohne Sicherheitsleine einen „Weltraumspaziergang“ wagt. Die indische Premierministerin Indira Gandhi fällt am 31. Oktober einem Sikh-Attentat zum Opfer. Am 19. Dezember wird ein für Hongkong folgenreicher Vertrag geschlossen: Die britische Kronkolonie soll zum 1. Juli 1997 an China fallen.
1985
Vor allem britische Fans sorgen im Brüsseler Heysel-Stadion am 29. Mai für eine Katastrophe. Bei Ausschreitungen sterben 38 Menschen. Boris Becker schafft am 7. Juli die Sensation und gewinnt das Turnier von Wimbledon. Am 10. Juli sinkt ein Schiff der Umweltorganisation Greenpeace nach einem Bombenattentat.
1986
Der philippinische Präsident Ferdinand E. Marcos wird am 25. Februar gestürzt. Der schwedische Ministerpräsident und Friedenspolitiker Olof Palme wird am 28. Februar ermordet. Die USA rächen sich für Attentate auf ihre Bürger: Am 15. April greifen US-Bomber die libysche Hauptstadt Tripolis an. Im ukrainischen Tschernobyl (damals noch UdSSR) geschieht das Unfassbare: Am 26. April kommt es im dortigen Atomkraftwerk zum Super-GAU. Am 1. November folgt nach einem Chemieunglück bei Sandoz eine weitere Umweltkatastrophe. Chemikalien fließen in den Rhein, alles Leben erlischt.
1987
Der Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Michail Gorbatschow, bekräftigt am 29. Januar seinen Reformkurs und hält Wort. In den von Israel besetzten Gebieten Palästinas kommt es am 8. Dezember zu Straßenschlachten. Am gleichen Tag beginnt infolge der Unterzeichnung des sogenannten INF-Vertrages die Abrüstung der Supermächte.
