Berliner Revolutionäre gingen am 18. und 19. März 1848 auf die Barrikaden. Die Monarchie wollten sie nicht abschaffen, wohl aber Zugeständnisse von König Friedrich Wilhelm IV. Die traurige Bilanz der beiden Tage: 183 Tote. KI-erzeugte Illustration (Google Gemini). Vorlage: Kreidelithographie, koloriert, gedruckt im Verlag Winckelmann, Eigenth. v. C. Glück/Wikipedia (gemeinfrei).
Revolution als Weg aus dem Elend
Die fremde Verwaltung, das neue Befestigungssystem, der unkontrollierte Zustrom der verarmten Landbevölkerung, Übergriffe der Militärverwaltung sowie die Vetternwirtschaft preußischer Beamter und schließlich das Fehlen einer freiheitlich-liberalen Verfassung: Das war eine gefährliche Mischung, die viele Koblenzer verärgerte und 1848 das Fass zum Überlaufen brachte. In Frankreich war erneut eine Revolution ausgebrochen, die auch die deutschen Staaten in ihren Grundfesten erschüttern sollte.
Der Widerstand der Bürger an Rhein und Mosel hat eine lange Vorgeschichte, die bereits 1815 beginnt und eng mit der Einquartierung von durchziehenden Soldaten in private Häuser verbunden ist. Es war eine entbehrungsreiche Zeit, die mit den Hungermonaten der Jahre 1816 und 1817 einen traurigen Höhepunkt erreicht hatte. Die preußische Verwaltung schaffte es nicht, die Versorgung zu verbessern, und hielt unbeirrt am alten Grundsatz fest, möglichst viele Kosten auf die Kommune abzuwälzen.
Koblenz: ein Armenhaus
Auch in den folgenden Jahren verbesserte sich die Situation nur langsam. Über weite Strecken des 19. Jahrhunderts verdienten 60 Prozent der Koblenzer gerade genug, um aus eigener Kraft zu überleben. 12 Prozent der Zivilbevölkerung mussten sogar aus den meist kommunalen Armenkassen unterstützt werden. Der Staat war weder willens noch grundsätzlich in der Lage, die Massenarmut der städtischen Unterschichten zu bewältigen: Missernten, Inflation, Arbeitslosigkeit und ein hohes Defizit in der städtischen Kasse sorgten dafür, dass der Zorn der Koblenzer auf Berlin wuchs – nicht zuletzt auch wegen der eskalierenden konfessionellen Gegensätze. Das Verbot des von Joseph Görres (1776–1848) herausgegebenen katholischen Rheinischen Merkurs von 1816 war nicht vergessen, erst recht nicht das „Kölner Ereignis“ vom November 1837 mit der Inhaftierung des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste zu Vischering. Doch am Ende eskalierte der Konflikt nicht am Gegensatz von Staat und Kirche, sondern an neuen Abgaben, die die chronisch finanzschwache Stadt zur Beseitigung ihres Defizits von 9000 Talern erheben wollte. Was sich auf den ersten Blick wenig dramatisch liest, sieht bei näherer Betrachtung deutlich kritischer aus. Lag doch der Gesamtetat bei nur 50.000 Talern. Die Stadt wollte nun die klaffenden Lücken mit einer kommunalen Einkommensteuer schließen. Dagegen machten Bürger mobil. Sie erarbeiteten ihrerseits Sparvorschläge, über die im Dezember 1847 im Saal Kolling auf der Löhr gesprochen wurde.
Bürger machten Sparvorschläge
Die diskutierte Liste ist auch aus heutiger Sicht sehr aktuell: Grundstücksverkauf, Verpachtungen (vor allem im städtischen Wald), Wiedereinführung der Steuer auf Wein, Bier, Branntwein, Wild und Geflügel. Und: Die Freitreppen an städtischen Straßen sollten besteuert oder mit einer Grundpacht belegt werden. Diese Forderungen wurden am 22. Dezember 1847 dem Stadtrat übergeben, der diese Vorschläge jedoch ablehnte. Die Stimmung blieb gereizt, nicht nur, weil die Verteuerung von Lebensmitteln das soziale Elend in der Stadt weiter verschärfte, sondern auch, weil sich tödliche Seuchen zurückmeldeten. In der Militärgarnison wütete der Typhus, und in den dicht bebauten Vierteln meldete sich später auch die Cholera zurück, an der im Revolutionsjahr 1849 111 Koblenzer sterben sollten.
Der preußische Staat versuchte, mit „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ der explosiven Stimmung entgegenzusteuern. Die Militärverwaltung ür Koblenz und Ehrenbreitstein stellte zusätzliche Schuhmacher und Sattler ein. Und am Lützeler Moselufer ließ man einen Schutzhafen anlegen, den es heute noch gibt. Doch unter dem Strich reichten diese Maßnahmen nicht aus, um die Situation wirklich zu verbessern. Und so beobachteten die Koblenzer die Vorgänge im Deutschen Bund weiterhin mit Interesse. Denn besonders in kleineren deutschen Staaten waren die alten Regierungen durch liberale Ministerien ersetzt worden. So auch im Herzogtum Nassau, zu dem auch Lahnstein gehörte. Dorthin setzte eine regelrechte „Wallfahrt“ ein. Vor den Toren der Nachbarstadt angekommen, mussten die Koblenzer schwarz-rot-goldene Kokarden anlegen.
Die Angst vor neuen Koalitionskriegen
Trotz der Begeisterung für liberale und demokratische Ideale blickten die Koblenzer bange nach Westen. Denn seit der Flucht des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe nach England herrschte in Frankreich revolutionärer Ausnahmezustand – und so mancher befürchtete das erneute Vordringen von Franzosen ins Rheinland. Kurzum: Das Gespenst möglicher Koalitionskriege geisterte wieder herum. Am 8. März berichtete der Coblenzer Anzeiger: „Heute Morgen war es in den Straßen unserer Stadt sehr lebhaft. Aber diesmal war es nicht der Karneval, welcher die vielen Hunderte von Leuten zusammenrief, sondern die Kriegsreserven von hier und der Umgegend trafen ein.“ Für kurze Zeit sah es so aus, als würden die Rheinländer und Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. enger aneinanderrücken.
Plötzlich sah es so aus, als wäre der Weg zu Pressefreiheit, demokratisch gewählten Parlamenten und besseren wirtschaftlichen Verhältnissen für das Volk frei. Auch die Deutsche Einheit schien greifbar nahe – die Frage war zunächst nur, ob mit Österreich oder ohne. Elektrisierend wirkte der Sturz einer Reizfigur der Nachkongressära: In Wien musste der verhasste Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst von Metternich am 13. März 1848 aufgeben. Der gebürtige Koblenzer floh nach London. Die Nachricht vom Sturz Metternichs gab den Menschen neue Hoffnung. Hatte der heute fast vergessene Dichter Georg Herwegh – schon zu Lebzeiten ein Außenseiter – noch geklagt: „Deutschland, o zerrissen Herz, das zu Ende bald geschlagen. Nur um Dich noch will ich klagen. Und in einer Brust von Erz schweigend meinen kleinen Schmerz, meinen kleinen Jammer tragen. Vaterland um Dich nur klagen […] freier Bürger hoher Stolz fehlt im Lande sondergleichen in den 39 Reichen“, war die Stimmung plötzlich nicht wiederzuerkennen.
In Koblenz war angesichts der stürmischen Entwicklungen sogar der Karnevalszug ausgefallen. Stattdessen gab es zahlreiche politische Kundgebungen. Und einige Stadtverordnete forderten den seit gut einem Jahr amtierenden neuen Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Alexander Bachem am 4. März auf, den Rat über Veränderungen der preußischen Verfassung beraten zu lassen. Bachem lehnte jedoch mit Verweis auf die preußische Gemeindeordnung ab, was jedoch nicht bedeutete, dass er obrigkeitshörig war. Bereits in seiner ersten Ratssitzung hatte er mehr demokratische Freiheiten für die Stadt gefordert. Außerdem kritisierte er, dass dem Rat zu viele privilegierte Mitglieder angehörten, die obendrein nicht gewählt, sondern eingesetzt worden waren. Dennoch trafen sich die Ratsmitglieder – ebenfalls am 4. März – zu einer „Privatversammlung“, bei der die von Justizrat Werner verfasste Petition an den König angenommen wurde. Die Forderungen: Einführung eines Wahlgesetzes für eine Reichsversammlung mit Ausschluss eines jeden Unterschiedes der Stände, Bildung zweier gesetzgebender Kammern der Reichsversammlung und die Einführung der unbeschränkten Pressefreiheit.
Bürger forderten Waffen
Für den 7. März 1848 wurde in der Weinwirtschaft Karbach am Florinsmarkt eine Volksversammlung einberufen. „Die Versammlung musste wegen der großen Menge der Anwesenden im Hofe abgehalten werden […] Es wurde nicht eine einzige unpassende Redensart oder auch nur irgendeine Demonstration nach dieser oder jener Seite hin vernommen“, berichtete der Coblenzer Anzeiger am 8. März. Man beschloss, dem von den Stadträten gefassten Entwurf noch fünf Punkte hinzuzufügen: Verantwortlichkeit der Minister, Bürgerbewaffnung, Versammlungsfreiheit, Verminderung des stehenden Heeres in Friedenszeiten (wegen der von den Bürgern zu leistenden Einquartierungen) und Gleichberechtigung verschiedener Kulte.
Unruhen wie in Mainz oder Mannheim blieben aus. Mit Gewalt hätten die Koblenzer kaum eine Chance gehabt. Die Stadt war voller Soldaten. Karl Moritz Ferdinand von Bardeleben, bis April 1848 Militärgouverneur der Stadt, machte unmissverständlich deutlich, dass er im Ernstfall auf die Demonstranten schießen lassen würde. Freilich war auch das Generalkommando in Schwierigkeiten. Man rechnete damit, dass sich die rheinischen Soldaten mit den Einheimischen „fraternisieren“ würden. Und wirklich – am 18. März, dem Tag der Verkündung des Sieges der Revolution, zogen Bürger und Soldaten in mehreren Festumzügen gemeinsam durch die Stadt, zumal kurz zuvor bekannt geworden war, dass eine Kabinettsorder die Pressefreiheit verfügt hatte. Doch es sah alles besser aus als es wirklich war. Denn schon der Siegestag war ein Bluttag. Als in Berlin eine Menschenmenge dem König für seine Zugeständnisse danken wollte, fielen Schüsse.
Warum die Soldaten zu den Waffen griffen, ist nicht geklärt. Die Forschung geht von einem Missverständnis mit schweren Folgen aus. Denn nicht nur in Berlin gingen Bürger auf die Barrikaden. Die Revolution zeigte nun ihre tödliche Seite.
ℹ️ CHRONIK: DER WEG IN DIE REVOLUTION
1831
Die Kämpfe zwischen Russen und Polen begünstigen die Cholera. Allein in Warschau sterben 2600 Menschen an den Folgen der Krankheit.
Beginn der Cholerajahre in Preußen. In Königsberg kommt es wegen der Isolierung von Cholerakranken in bestimmten Häusern zu Ausschreitungen. Die Maßnahme wurde als Todesurteil für die Betroffenen angesehen. In Berlin fordert die Seuche 1462 Menschenleben.
1832
Hambacher Fest: Vom 27. bis 30. Mai treffen sich auf dem Schloss Hambach bei Neustadt an der Weinstraße die gegen die Restaurationspolitik im Deutschen Bund eingestellten oppositionellen Bürger.
Der Literat Heinrich Heine schreibt am 19. April über die Cholera in Paris, der 18.402 Menschen zum Opfer fallen werden.
1833
Die erste Cholerawelle ist weitgehend überstanden. Aber nur zwei Jahre später kommt die Seuche über Italien nach Deutschland zurück, wo sie bis 1837 wütet.
Kabinettsorder zur Bildung einer Koblenzer Handelskammer. Im selben Jahr werden Schreibtelegraf und das Morse-Alphabet bekannt.
1834
In der Berliner Konvention vom 19. Juni wird für Preußen die Mischehenfrage geregelt.
1836
Die Berliner Konvention wird erst jetzt in Rom bekannt. Dabei hatten Christian Karl Josias von Bunsen und der Kölner Erzbischof Ferdinand August von Spiegel schon 1834 in Geheimverhandlungen die Mischehenfrage nach dem preußischen Recht festgeschrieben. Im Gegenzug hatte Preußen zugesagt, die Zivilehe perspektivisch abzuschaffen, was aber nie geschah. Der neue Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering hält sich deshalb nicht an die Vereinbarung, sondern beruft sich auf die päpstliche Regelung von 1830.
In England wird ein statistisches Zentralamt eingerichtet. Es soll dabei helfen, Vermutungen der Ärzte über Krankheiten aus Gründen unzureichender Gesundheitspflege auf eine neue Grundlage zu stellen.
Koblenz hat 13.307 Einwohner. Die Angehörigen des Militärs in der Garnisonsstadt sind nicht eingerechnet. Realistisch ist, für diese Zeit mit 4000 bis 7000 Menschen zusätzlich zu rechnen. Die Lebensbedingungen verschlechtern sich.
1837
Ein Ministerrat beschließt am 14. November die Amtsenthebung des Erzbischofs Droste zu Vischering. Der widersetzt sich und wird am 20. November verhaftet und auf die Festung Minden gebracht.
1838
Joseph Görres veröffentlicht seine berühmte Streitschrift „Athanasius“ und stellt sich damit auf die Seite des inhaftierten Erzbischofs, der bereits 1839 entlassen wird, aber nicht mehr ins Amt zurückkehrt. Der Staat verzichtet darauf, seine Regelungen im Rheinland durchzusetzen. Der Konflikt schwelt weiter und wird sich in den 1870er-Jahren im Kulturkampf entladen.
