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Bürger kämpfen gegen das soziale Elend
Das Scheitern liberaler und frühsozialistischer Ideen in Europa hatte nicht nur politische Folgen. Tief beunruhigt durch die gravierenden Umwälzungen ruderte auch die katholische Kirche zurück. Verkünder der aus heutiger Sicht befremdlichen Thesen wurde vor allem ein Mann: Giovanni Maria Mastai-Ferretti (1792–1878), besser bekannt als Pius IX. 1846 gewählt, versuchte der neue Papst, dem drohenden politischen Ende des Kirchenstaates durch einen theologischen Fundamentalismus entgegenzusteuern.
Pius war die zentrale Figur des Ultramontanismus. Steckt hinter dem Begriff – wörtlich genommen – lediglich die Formel
„jenseits der Berge“,
ist in Wirklichkeit ein auf Rom zugeschnittener Katholizismus gemeint, der in den Gebieten des ehemaligen Kurstaates Trier und im gesamten Rheinland eine breite Anhängerschaft hatte. Man bedenke: Zu den konfessionellen Gegensätzen zwischen den protestantischen Preußen und den katholischen Rheinländern gesellte sich der Geist der Romantik. Diese Mischung führte zu einer Wiederentdeckung des Glaubens. Es kommt nicht von ungefähr, dass 1844, als in Trier der Heilige Rock zur Schau gestellt wurde, mehr als eine Million Pilger kamen. Diese neue Begeisterung teilten alle sozialen Schichten. Sogar manche der sonst so kritischen Studenten schlossen sich an. Es ist also kein Zufall, dass die 1844 gegründete Bavaria Bonn die wohl älteste Verbindung im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) ist.
Ein Hebel, auch im Rheinland die eigene Position zu stärken, war die soziale Frage. Denn eine staatliche Fürsorge gab es nicht. Die Kommunen waren völlig auf sich gestellt. Es ist somit kein Zufall, dass das gesamte 19. Jahrhundert von Ordensneugründungen geprägt ist, wobei der Schwerpunkt meistens in der Krankenpflege lag. Das Koblenzer Beispiel zeigt, dass diese Gründungen nicht von Rom aus angeordnet wurden. Die Kirche konnte immer noch auf eine große Volksfrömmigkeit bauen. Es waren oft ganz normale Bürger, die die Initiative ergriffen.
Ein Beispiel ist die Kongregation der heute noch sehr erfolgreich arbeitenden Barmherzigen Brüder, die es ohne den Einsatz von Peter Friedhofen (1819–1860) wohl nicht geben würde. Der Schornsteinfeger aus Weitersburg hatte 1851 in zwei gemieteten Räumen im Haus Florinspfaffengasse 6 mit der Krankenpflege begonnen. Seine Bewegung wuchs. In der Kardinal-Krementz-Straße wurde schließlich 1899 das neue Brüderhaus bezogen, das immer wieder modernisiert und erweitert wurde und heute ein wichtiger Teil des Katholischen Klinikums ist. Der andere Teil des Klinikums in Koblenz ist der von den Schwestern vom Heiligen Geist gegründete Marienhof, dessen Geschichte ebenfalls in der Altstadt beginnt.
Junger Orden für die Krankenpflege
Die Idee für die Gründung der Frauenkongregation ging eigentlich von Philipp de Lorenzi aus. Der Geistliche, aus dessen Feder auch historische Bücher stammen, war Pfarrer von Liebfrauen und hinterließ bleibende Eindrücke – besonders bei Irmina Hoelscher, die 1857 mit drei Gleichgesinnten in der Mehlgasse 8 begann, ihr Leben in den Dienst der sozialen Arbeit zu stellen.
Aufgabe des noch jungen Ordens war von Anfang an die Pflege von Kranken und Alten. Die Schwestern übernahmen auch Erziehung und Unterricht von Kindern aus armen Verhältnissen. Ihre Arbeit verrichteten die Nonnen übrigens unabhängig von Herkunft und Konfession der zu Betreuenden. Bereits 1865 bezog der junge Orden am Löhrrondell ein eigenes Gebäude. 1888 war schließlich das Mutterhaus an der Koblenzer Straße fertig, das ebenfalls nach und nach erweitert und saniert wurde.
Die Beispiele sind nur zwei von vielen. Im Laufe der Jahre sollten in Koblenz noch weitere Initiativen und Baumaßnahmen dazukommen. Und: Es waren nicht nur Katholiken, die Gutes tun wollten. Auch die evangelische Minderheit wollte helfen – allen voran der aus Bad Kreuznach stammende Buchdrucker und Buchhändler Johann Friederich Kehr. Er gilt als Gründungsvater des Evangelischen Stifts St. Martin, das heute als einer von drei Standorten des Stiftsklinikums Mittelrhein in der Koblenzer Vorstadt angesiedelt ist. Die Anfänge der Einrichtung liegen jedoch wiederum in der Altstadt.
1844 wurde mit Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. im Bereich des Görgenklosters, nach dem die Görgenstraße benannt ist, zunächst ein Waisenhaus und kurze Zeit später ein Frauenkrankenhaus eingerichtet. Erst elf Jahre später sollte eine Abteilung für Männer dazukommen. In der räumlich beengten Altstadt hatte das neue Krankenhaus allerdings auf Dauer keine Chance, sich weiterzuentwickeln. 1898 folgte schließlich der Umzug in das in der Kurfürstenstraße neu errichtete Krankenhaus. Dort übernahmen die Diakonissen bis 1964 die Krankenpflege.
Bereits in den Jahren nach dem Hungerwinter von 1816/1817 waren die ersten Initiativen entstanden, die Bedürftigen nicht nur saisonal, sondern dauerhaft zur Seite stehen wollten. Die meisten von ihnen stellten ihre Arbeit jedoch schnell wieder ein. Die Ausnahme war ein Frauenverein, der nach dem Hungerjahr zwar von seinem Ziel abrücken musste, Kranke und Notleidende mit Nahrungsmitteln zu versorgen, aber schnell einen neuen Schwerpunkt fand. Fortan setzte sich der Verein für vernachlässigte und Not leidende Kinder ein. Schließlich entstand eine Freischule. Im Schöffenhaus auf dem Florinsmarkt wurden 90 Kinder unterrichtet und versorgt. Die Vereinsmitglieder überwachten nicht nur ihre Einrichtung, sondern übernahmen auch den Unterricht.
Die Anfänge eines Waisenhauses
Schließlich erwarb der Frauenverein 1833 die Gebäude des ehemaligen Barbaraklosters an der Kreuzung von Löhrstraße und Pfuhlgasse. Teile dieses ehemaligen Klosters der Augustinerinnen hatten zwischenzeitlich als Lazarett, Cholerastation und Pfandhaus gedient und standen nun für eine Nutzung als Waisenhaus offen. Der Verein selbst benannte sich fortan nach seiner Neuerwerbung und gab sich den Namen:
„Katholischer Frauenverein St. Barbara“
Der Verein wuchs, die finanzielle Ausstattung wurde dank großzügiger Förderer immer besser.
Augusta war Schirmherrin
Die preußische Prinzessin Augusta übernahm 1852 das Protektorat über den Verein und damit über die Gebäude, in die inzwischen die Schwestern
„vom armen Kinde Jesu“
eingezogen waren. Diese Kongregation war im Februar 1844 von Clara Fey in Aachen gegründet worden. Die Nonnen hatten auch die Leitung von Haus und Schule übernommen. Nur drei Jahre nach der Initiative Augustas wurden in der Einrichtung 100 Kinder betreut und gepflegt. Die Zeit dieses Ordens im Kloster sollte 1879 zu Ende gehen, als dieser infolge der im Bismarckschen Kulturkampf verabschiedeten Maigesetze (1873) Deutschland verlassen musste.
Auch wenn sich die Verhältnisse am städtischen Hospital laufend verbesserten und – laut einem Verzeichnis aus dem Jahr 1867 – 17 Ärzte und darüber hinaus fünf Apotheken zur Sicherung der medizinischen Versorgung der Zivilisten bereitstanden, zeigte sich spätestens im Cholerajahr 1866, in dem 150 Koblenzer an der Seuche starben, dass es mit der Gesundheitsversorgung in der Stadt trotz aller Initiativen nicht zum Besten bestellt war. Und trotz aller Verbesserungen dürfte auch im Bürgerhospital im Kastorviertel einiges im Argen gelegen haben.
Eine weitere Statistik von 1867 zeigt, dass in jenem Jahr insgesamt 977 Kranke behandelt wurden, die es zusammen auf eine stolze Summe von 71.979 Behandlungstagen brachten. Die durchschnittliche Verweildauer von 73,67 Tagen zeigt, wie begrenzt damals die medizinischen Möglichkeiten waren. Die Hauptfunktion des Hospitals als Pflegeanstalt für Bedürftige war deutlich spürbar. Der Handlungsbedarf war dennoch groß. Deshalb nahmen auch die Schenkungen und Vermächtnisse für sozial engagierte Vereine stetig zu.
Casino-Mitglieder spendeten
Auch die Institutionen, die eigentlich gar nicht zum Zweck der Fürsorge gegründet worden waren, stifteten beträchtliche Summen. So spendeten die Mitglieder der 1808 gegründeten Bürgergesellschaft Casino zu Coblenz den Erlös ihrer geselligen Veranstaltungen. Auch das im selben Jahr ins Leben gerufene Musikinstitut ging mit gutem Beispiel voran. Die Überschüsse aus den Konzerten kamen den Bedürftigen zugute.[1]
Auch die als kostenpflichtige Kurstätte über eine 1844 gegründete Aktiengesellschaft betriebene Kaltwasserheilanstalt Bad Laubach hatte eine gemeinnützige Funktion: Es bestand die Möglichkeit, dass dort mittellose Kranke kostenlos behandelt wurden. Zu diesem Zweck wurde am 10. November 1859 – fünf Jahre früher als in Berlin – eine Stiftung gegründet, die die Kur der Kranken bezahlen sollte. Auch versuchte die Stadtverwaltung, mittellose Kranke zur Behandlung in benachbarte Kurorte zu schicken.
Anmerkungen
[1] Zur Geschichte der Gesellschaft: Durch alle Zeiten. 200 Jahre Casino zu Coblenz, Koblenz 2008.
ℹ️ CHRONIK: POLITIK UND KIRCHE
1846
Papst Pius IX. wird zum Papst gewählt. Sein Pontifikat dauert bis 1878. Die Ära dieses Papstes, in der der sogenannte Ultramontanismus seinen Höhepunkt erreicht, steht für eine straff organisierte und romzentrierte katholische Kirche. Nationalkirchlichen Bestrebungen wird eine Absage erteilt. „Modernismus“ innerhalb und außerhalb der Kirche wird abgelehnt. Der Jesuitenorden, der von 1773 bis 1814 sogar verboten war, wird wieder zu einer wichtigen Stütze der kirchlichen Reaktion.
1854
Papst Pius IX. verkündet das Dogma von der unbefleckten Empfängnis.
1863
Gründung des Katholischen Lesevereins zur geistlichen und kulturellen Erbauung der katholischen Bürger. Im Laufe der Jahre entfaltete der heute noch bestehende Verein ein reiches gesellschaftliches Leben.
1864
Papst Pius IX. verurteilt Liberalismus, Sozialismus, Rationalismus, Atheismus und Säkularisierung als Irrtümer der Zeit. Neuscholastiker bringen sich gegen die an den Universitäten praktizierte liberalere Ausbildung von Theologen in Stellung.
1866
Mit dem Sieg der Preußen in der Schlacht bei Königsgrätz (im heutigen Tschechien) am 3. Juli ist der Traum von einem vereinten Deutschland unter Einbeziehung Österreichs ausgeträumt.
1866
Als eine Folge des preußisch-österreichischen Krieges rollt erneut eine Cholerawelle durch die deutschen Staaten. In der Provinzhauptstadt Koblenz, die damals rund 23.000 Einwohner hat, erkranken 377 Menschen, 150 sterben. Noch schlimmer sind die Folgen für Mayen. In der Stadt, die damals nur 6518 Einwohner hat, sterben 235 Menschen.
1867
Der Norddeutsche Bund unter Führung Preußens wird gegründet. Der lockere Staatenbund – wie ihn der Deutsche Bund darstellte – zerbricht. Es entsteht der erste deutsche Bundesstaat, der im Zuge des deutschen Einigungsprozesses erweitert wird.
1870
Erstes Vatikanisches Konzil. Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen wird verkündet. Im Zuge des italienischen Einigungsprozesses wird der Kirchenstaat aufgelöst.
1871
Im Spiegelsaal des Schlosses Versailles wird das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Der Krieg der deutschen Staaten gegen Frankreich ist damit beendet. Nicht beendet sind die konfessionellen Spannungen im Gebiet des neuen Kaiserreichs.
1873
Der nationalen Begeisterung folgt die erste Wirtschaftskrise, die durch die Erschütterung der Finanzmärkte hervorgerufen wird. Zunächst stürzt die Börse in Wien ab, dann geraten auch andere Handelsplätze in Turbulenzen. Die Folge der bis 1879 dauernden Krise: Der Freihandel ist am Ende, es beginnt die Zeit der Schutzzölle.
