Revolutionäre Soldaten mit der Roten Fahne am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Mit KI koloriertes Foto. Quelle:
Der Krieg forderte auch von den Koblenzern große Opfer. Und so mancher ließ an der Front sein Leben. Peter Geis hatte Glück und überlebte. Zahlreiche Briefe hat der Schreinermeister in die Heimat geschickt, die sein Großneffe Hans-Jürgen Geis heute sorgfältig aufbewahrt. Die wertvollen Privatdokumente zeigen, wie schnell der Anfangsoptimismus der jungen Soldaten von der brutalen Realität erstickt wurde.
Peter Geis (1886–1975) gehörte zu einer der kinderreichen Familien, die in der Koblenzer Altstadt damals häufig anzutreffen waren. Kindheit und Jugend erlebte er gemeinsam mit den neun Geschwistern am Florinsmarkt. Schon in den ersten Kriegsmonaten wurde er eingezogen. Während sein jüngerer Bruder bereits im Herbst 1914 gefallen war, schien es das Schicksal gut mit ihm zu meinen. Peter Geis landete im lothringischen Priesterwald. Der war zwar mit zahlreichen Stellungen und Gräben durchzogen, doch schien es lange ruhig zu bleiben.
Wein und Kuchen an der Front
Noch am 8. November 1914 schrieb der junge Handwerker in die Heimat:
„Gemütlich sitze ich am Bergabhang, wo wir schon sechs Wochen liegen und trinke gerade einen Schoppen Rotwein und esse ein Stück Kuchen dazu. […] Wir haben jetzt drei Tage Ruhe. Dann geht es wieder in den Schützengraben. […] Oft kommen wir in dichtem Wald zu liegen, 150 bis 200 Meter von den feindlichen Stellungen, auf 30 bis 40 Schritt kann man in diesem dichten Gestrüpp keinen Freund oder Feind erkennen. Hier spielen sich dann ergötzliche Szenen der Angstmeierei ab.“
Mit der Ruhe und der humorigen Betrachtungsweise des Krieges sollte es jedoch schnell vorbei sein. Sieben Monate sollten sich die Kämpfe im Priesterwald hinziehen, in dem sich beide Seiten als Sieger betrachteten. Sprachen die Franzosen noch Ende Mai 1915 von einer Eroberung, meldete das deutsche Heer im Juli einen durchschlagenden Erfolg. Das änderte nichts daran, dass sich die Versorgungslage in der Heimat zunehmend verschlechterte.
Wie dem auch sei: Bereits in den ersten Kriegsmonaten waren an der Westfront Tausende gefallen. Bereits im März 1915 waren die Lebensmittel rationiert worden. Die Stimmung wurde schlechter.
„Wenn doch mal endlich dieser furchtbare Krieg zu Ende sei, aber an ein solches ist noch nicht zu denken, man ist es aber so leid, es ist schrecklich“,
schrieb Peter Geis am 8. August 1915.
„Dass der Schwindel bald ein Ende nehmen würde, ist der Wunsch vieler“,
notierte der Koblenzer, um gleich hinterherzuschieben, dass sich viele einen langen Krieg wünschen,
„damit der Geldsack nur recht voll wird“.
Sein persönliches Fazit:
„Die Dummen, das sind wir.“
Auch den ersten Erfolgen im Osten konnte Peter Geis nichts abgewinnen. Den Meldungen, dass die Russen bald aufgeben würden, glaubte er nicht – und hatte recht. Die blutigsten Kämpfe gegen russische Truppen standen damals erst noch bevor. Und: Bis zur Aufgabe des Zarenreiches sollte es noch bis zum März 1918 dauern.
Glauben an die Führung verloren
Die auf den ersten Blick unspektakulären Zeilen zeigen, wie sehr die Soldaten den Glauben an die militärische und politische Führung verloren hatten – und das bereits zu einem Zeitpunkt, an dem vielen die grauenhafteste Phase des Stellungskrieges noch bevorstand.
Und in der Heimat zeichnete sich schnell ab, dass der Staat nicht in der Lage war, die Versorgung der Zivilbevölkerung sicherzustellen. Die Lücken mussten die Kommunen schließen, die ihrerseits kaum in der Lage waren, die staatlichen Vorgaben zu erfüllen. Vor allem in der Milchversorgung wurde es eng. Obwohl die Stadt Koblenz 1916 das Gut zur Nette in Weißenthurm und später auch das Gut Mallendarer Berg kaufte, erhielten Kinder, die älter als fünf Jahre waren, schließlich keine Milch mehr.
Die ersten Luftangriffe
Neben der schlechten Versorgungslage mussten die Koblenzer zum ersten Mal seit 1794 Angst haben, direkt von Zerstörung und Tod getroffen zu werden. Denn die enormen Fortschritte in der Luftfahrt machten es nun möglich, auch Ziele anzugreifen, die weit von der Front entfernt waren.
Blieben nach den ersten Angriffen vom Oktober 1917 nur geringe Schäden, sollte sich das im März 1918 gravierend ändern. Bei insgesamt sieben Angriffen kamen 15 Menschen ums Leben. Das demoralisierte die Koblenzer zusätzlich, die schon seit Jahren damit leben mussten, dass jederzeit eine Meldung eintreffen konnte, die den Tod eines nahen Angehörigen an der Front bestätigte.
Trauriges Fazit: 1200 Koblenzer sollten dem sinnlosen Krieg zum Opfer fallen, an dessen erfolgreiches Ende längst niemand mehr glaubte. Hatten noch im Sommer 1918 Parteien und vaterländische Verbände auf ihren Versammlungen Durchhalteparolen verkündet, gärte es im Herbst auch in der Provinzhauptstadt, wobei bewaffnete Auseinandersetzungen wegen der starken Militärpräsenz ausblieben.
Seit dem Flottenbefehl vom 24. Oktober, die kaiserliche Flotte in eine letzte Schlacht gegen die Royal Navy zu schicken, standen die Zeichen auf Sturm. Ausgehend von einem Aufstand der Kieler Matrosen entwickelten sich im ganzen Reich lokale Unruhen, in deren Folge sich Arbeiter- und Soldatenräte bildeten. Und einige Tage sah es in der Tat so aus, als würde sich die russische Revolution in Deutschland fortsetzen.
Dass es am Ende nicht so kam, dürfte dem Bündnis von Sozialdemokraten und bürgerlich-demokratischen Kräften zu verdanken sein. Das ermöglichte, dass Philipp Scheidemann am 9. November in Berlin die Republik ausrufen konnte, weil er mehr Vertrauen genoss als Karl Liebknecht. Der Führer des Spartakusbundes hatte seinerseits eine (sozialistische) Republik ausgerufen.

Der Umsturz und die Folgen
Auch wenn sich die inneren Unruhen noch bis 1920 hinziehen sollten, waren es wohl die Vorgänge in Berlin und die weiterhin funktionierende Verwaltung, die eine Eskalation in Koblenz verhinderten. Dennoch war es auch in der Provinzhauptstadt alles andere als ruhig.
Die Unruhen begannen am 8. November mit dem „Revolutionsmarsch“ des 41-jährigen Händlers Johann Krischer aus der Weißer Gasse, dem sich rund 500 Koblenzer anschlossen. Es folgte die Erstürmung des Militärgefängnisses in der Fischelstraße und des zivilen Gefängnisses in der Karmeliterstraße.
Am Ende stand die Bildung eines provisorischen Soldatenrates, der die Militär- und Polizeigewalt in der Stadt beanspruchte. Die erste Aktion: ein Aufruf zu Ruhe und Ordnung am 9. November, nachdem es in der Nacht zu Plünderungen gekommen und auch das Gerichtsgefängnis in Brand gesteckt worden war.
Dass nicht nur in Koblenz, sondern auch im gesamten Rheinland die Ruhe schneller wieder einkehrte als zum Beispiel in Bayern und Thüringen, liegt auch an den harten Bestimmungen des Waffenstillstands vom 11. November 1918, in dessen Folge das deutsche Militär die linksrheinischen Gebiete komplett räumen musste.
Im Dezember verließen die einst kaiserlichen Truppen die Stadt, die Amerikaner rückten ein. Für die Koblenzer begannen schwere Monate des Umbruchs. Dass sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern schließlich normalisierte, ist auch ein Verdienst von Henry Tureman Allen (1859–1930). Der kommandierende General der US-Truppen in Deutschland verhinderte auch, dass die Festung Ehrenbreitstein geschleift wurde.
📌 CHRONIK: DER ERSTE WELTKRIEG UND SEIN ENDE
1917
In St. Petersburg bricht die Februarrevolution aus. Zar Nikolaus II. dankt im März ab. Im April kehrt Lenin nach Russland zurück. Erste Aufstände der Bolschewisten werden niedergeschlagen. Das Land wird zunächst vom Kabinett des Ministerpräsidenten Alexander F. Kerenski regiert. Da die neue Führung am Krieg festhält und das Volk hungert, setzen sich die Bolschewisten schließlich in der Oktoberrevolution durch.
1918
Im Frieden von Brest-Litowsk muss Russland weitgehende territoriale Zugeständnisse an die Mittelmächte machen und sich außerdem verpflichten, hohe Reparationszahlungen zu leisten.
Nach dem Tankangriff von Amiens am 8. August müssen die deutschen Truppen in die „Siegfriedstellung“ zurückverlegt werden. Bereits am 14. August erklärt die Oberste Heeresleitung, dass die Fortführung des Krieges aussichtslos sei.
Auf Basis der 14 Punkte des US-Präsidenten Woodrow Wilson vom 8. Januar 1918 verpflichtet sich das Deutsche Reich am 11. November nach dem Waffenstillstand zur Räumung der besetzten Westgebiete und des linken Rheinufers. Die Friedensschlüsse von Brest-Litowsk und Bukarest werden aufgehoben. Das Deutsche Reich muss sein gesamtes schweres Kriegsmaterial einschließlich der U-Boote abgeben. Im ganzen Reichsgebiet brechen revolutionäre Unruhen aus. Kaiser Wilhelm II. dankt am 28. November offiziell ab.
1919
Im Schloss zu Versailles unterzeichnen Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell am 28. Juni den Vertrag von Versailles.
