Feste Ehrenbreitstein und Schiffbrücke Ende des 19. Jahrhunderts. Mit KI (Google Gemini) koloriertes Foto unbekannter Provenienz. Quelle: Wikipedia
Mächtige Festung bringt neue Lasten
Britische Künstler des 19. Jahrhunderts waren vom romantischen Rheintal mit seinen malerischen Städten und Burgen begeistert. Aber auch die Festung Ehrenbreitstein wurde zu einem beliebten Motiv. Doch die eindrucksvolle Szenerie, die sich in zahlreichen Gemälden widerspiegelt, täuscht über die tatsächliche Situation hinweg. Denn nicht nur aus Sicht der Bevölkerung legten die Preußen in ihrer neuen Rheinprovinz alles andere als einen Traumstart hin. Die neue Ära begann, wie die alte geendet hatte – mit schwer zu ertragenden Belastungen für die Menschen.
Der bereits im Frühjahr 1815 begonnene und erst 1834 vollendete Bau der Festung Koblenz-Ehrenbreitstein trübte das Verhältnis zwischen den Siegern und der Bevölkerung. Denn die Arbeiten waren mit Belastungen verbunden, die man durchaus als Frondienst bezeichnen kann: Männer wurden quasi zwangsverpflichtet, wobei die Auswahl per Losentscheid getroffen wurde. Für den Einsatz gab es einen Hungerlohn, den zu allem Überfluss auch noch die Kommunen aufbringen mussten.
Anfang Juli 1815 verschärfte sich die Situation deutlich. Denn zu diesem Zeitpunkt gab die Nassauische Regierung Ehrenbreitstein und die zugehörige Bürgermeisterei endgültig an Preußen ab und stellte jegliche Unterstützung ein. Zuvor hatte das preußische Kriegsministerium eine umstrittene Entscheidung getroffen: Am 25. April war die Bezirksregierung darüber unterrichtet worden, dass der Einsatz beim Festungsbau als unentgeltlich zu leistende Kriegslast zu behandeln sei. Gleiches galt für Transportdienste. Einzige Erleichterung: Wer Geld hatte, konnte sich vertreten lassen. Und so kam es, dass vor allem die Ärmeren den unpopulären Dienst leisteten, gegen den sich weiterhin heftiger Protest erhob.
Schließlich zog der preußische Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg am 9. August 1815 die Reißleine. Der verdiente Reformer entschied, dass die eingesetzten Arbeiter ihre Bezahlung aus den Festungsbaufonds erhalten sollten. In den kommenden Monaten ging man dazu über, die Frondienste durch Saisonarbeit zu ersetzen, wobei die Rekrutierung von Handwerkern schwer war.
Das Ergebnis der entbehrungsreichen Arbeiten prägt noch immer das Stadtbild, wobei der heutige Anblick täuscht: Die 1817 begonnene Feste Ehrenbreitstein war nämlich nicht der größte Teil der Gesamtfestung. Das ursprünglich auf der Karthause gelegene System mit der nach dem russischen Zaren Alexander I. (1777–1825) benannten Feste und Fort Konstantin, das den Namen des Zarenbruders trug, war in der Fläche deutlich größer. Dennoch schenkten bereits die Zeitgenossen der Festung Ehrenbreitstein mehr Aufmerksamkeit. War sie doch, so schreibt es der Kunsthistoriker Dr. Klaus Weber[1]:
„[…] der erste von Preußen vorgenommene Wiederaufbau eines historischen Wehrbaus am Rhein.“
Und nicht nur das. Die klassizistische Ausführung war ein Symbol für den imperialen Anspruch der neuen Landesherren – und ein deutliches Signal an Frankreich.
Die Festung Koblenz-Ehrenbreitstein, die in der Forschung auch klassizistische Großfestung, preußische Großfestung oder einfach nur Festung Koblenz genannt wird, orientierte sich ausschließlich an den topografischen Realitäten. Ein Idealplan nach dem Vorbild der Renaissance- und Barockzeit wurde nicht verfolgt. Da Berg- und Tallagen in das Konzept eingebunden werden mussten, entstand schließlich ein System selbstständiger Werke mit unterschiedlichen Größen, die nicht nur das Mittelrheintal schützten, sondern sich auch gegenseitig abschirmten.
Insgesamt gliederte sich die Festung Koblenz-Ehrenbreitstein, die über eine Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern verteilt war, in sechs Systeme:
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Oberehrenbreitstein
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Niederehrenbreitstein
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Pfaffendorfer Höhe
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Alexander (Karthause)
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Kaiser Franz (Lützel)
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Stadtbefestigung Koblenz
Das in seiner Art einmalige Großprojekt war bereits von den Zeitgenossen aufmerksam verfolgt worden. Bereits 1818, so Klaus Weber, berichtet der bayerische Offizier von Aretin, dass die Bauarbeiten derart aufsehenerregend seien, dass die meisten Offiziere beim Militärkomitee des Deutschen Bundes sich persönlich über die Fortschritte informierten. Und auch andere Nationen hatten ein großes Interesse und schickten Beobachter. Frankreich war nicht vertreten.
Im Volksmund wird Ernst Ludwig Aster sehr gern als Urheber des Festungsbaus bezeichnet, der übrigens organisatorisch von den anderen Garnisonsbauten getrennt war. In Wirklichkeit waren es aber mehrere Ingenieuroffiziere, die mit Planung und Ausführung der imposanten Anlagen betraut waren. Außerdem wurde für die Realisierung des Großprojektes eine Festungsbaukommission eingerichtet. Diesem Gremium gehörten zunächst die Ingenieuroffiziere Johann Jachnik, Heinrich von Hoiningen genannt Huene (der die Arbeiten auf der rechten Rheinseite leitete) und Heinrich Buschbeck (der für die linke Rheinseite verantwortlich war) an. Dazu kamen zivile Mitglieder, die von der Bezirksregierung ernannt wurden: Dies waren der Katasteringenieur Heinrich Christ und der bekannte Baumeister Johann Claudius von Lassaulx. Die Mitgliedschaft des Architekten Friedrich Nebel ist dagegen nicht belegt.
Die neuartige Geländenutzung durch die Kombination der unterschiedlichsten Anlagen war die Leistung eines Kollektivs, die im Deutschen Bund einmalig blieb. Die besondere Lage von Koblenz ließ es nicht zu, dass das System kopiert werden konnte. Trotz der vielen Innovationen ist der im 19. Jahrhundert entstandene Begriff „neupreußische Befestigungsmanier“ irreführend. Denn auch im Koblenzer Festungsbau sind Einflüsse der lange führenden französischen Baumeister zu spüren. Richtungsweisend wurden die Ideen des Marc René Marquis de Montalambert (1714–1800), die vor allem bei der polygonalen Feste Alexander besonders gut sichtbar waren. Die Preußen übertrugen sein Konzept nicht wie üblich auf einzelne Anlagen, sondern auf die gesamte Festung und bereicherten es durch einen dezentralen Ansatz.
Die Ausführung der Festung wurde übrigens sehr ökonomisch organisiert. Gebaut wurde mit Bruchsteinen aus nahe gelegenen Steinbrüchen und mit Materialien aus Vorgängerbauten. Dazu kamen Sandstein aus dem Raum Miltenberg und Mendiger Basalt für die Fenstergewände. Ziegelsteine für die Kanonenöffnungen wurden in Bendorf, Sayn und westlich der Stadtbefestigung gebrannt. Außerdem gab es eine Zusammenarbeit mit der Sayner Hütte. Natürlich wurde auch nach 1834 weiter an der Festung gebaut. Fortschritte in der Militärtechnik und der Bau der Eisenbahn zwangen laufend zu Modernisierungen.
Anmerkungen
[1]: Klaus Weber, Die preußischen Festungsanlagen von Koblenz (1816–1834), Kromsdorf 2003.
Kleines Lexikon zur Festungsforschung
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Bastion
Aus dem Wall herausragendes, nach hinten offenes Werk auf fünfeckigem Grundriss.
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Batterie
Befestigte Stellung der Festungsartillerie.
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Detachiertes Werk
Vorgeschobenes Werk, das nicht mehr mit der Umwallung einer Festung in Verbindung steht.
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Enceinte
Umwallungslinie einer Festung.
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Enveloppe
Zweite Umwallungslinie einer Festung. Sie wird durch zusammenhängende oder nur durch eine Lücke getrennte Außenwerke gebildet.
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Eskarpe (Escarpe)
Innere Mauer oder Böschung eines Festungsgrabens.
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Face
Die dem Angreifer zugekehrten Seiten eines Werks.
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Feste
Im preußischen Festungsbau des 19. Jahrhunderts ein größeres vorgeschobenes Befestigungswerk, das aus mehreren einzelnen Werken besteht. Im Gegensatz dazu ist die Festung ein großer Gebäudekomplex.
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Flanke
Seite einer Bastion, die zwischen der Feldseite und der übrigen Wallmauer liegt.
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Flesche
Das vor einem Graben errichtete pfeilförmige Werk; es besteht aus zwei Facen.
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Fort
Selbstständiges, vorgeschobenes Werk.
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Kaponniere
Meist frei im Graben stehendes Werk.
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Kasematte
Schusssicherer Raum, der unter der Erde, im Wall oder in Gebäuden angelegt wurde.
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Kavalier
Geschützstellung, die benachbarte Werke überragt.
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Kontereskarpe (Contrescarpe)
Äußere Mauer oder Böschung des Festungsgrabens.
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Kontregarde
Festungswerk vor einer Bastionsspitze.
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Kurtine
Abschnitt des Walles, der zwei Bastionen, Geschütztürme oder Rondelle verbindet.
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Lünette
Eigenständiges Werk, das einer Bastion ähnelt.
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Poterne
Überbauter Gang, der Festungsabschnitte miteinander verbindet.
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Ravelin
Im Graben vor einer Kurtine erbautes selbstständiges Werk, das niedriger als die benachbarten Bastionen ist.
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Reduit
In der Regel rundes Rückzugswerk im Kern einer Befestigungsanlage (ein Beispiel ist das Werk im Fort Asterstein).
ℹ️ CHRONIK: FESTUNG KOBLENZ UND EHRENBREITSTEIN
1814
Die Pläne zum Bau der Festung Koblenz und Ehrenbreitstein nehmen deutliche Konturen an.
1815
In Preußen einigt man sich am 20. März auf Befestigungsrichtlinien für den Neubau der Festung Koblenz-Ehrenbreitstein. Auch der Aus- und Umbau der Festungen Köln, Minden und Erfurt wird auf Basis der gleichen Grundsätze beschlossen. Die Bauten sind der Ausgangspunkt für die weiteren Befestigungsprojekte innerhalb des infolge des Wiener Kongresses gegründeten Deutschen Bundes. Ebenfalls am 20. März übernimmt Oberst Ernst Ludwig von Aster die Verantwortung für die Festungsbauten am Rhein.
General von Aster ist im Krieg gegen Frankreich gebunden, sodass die tatsächliche Verantwortung andere übernehmen – zunächst Kapitän Johann Jachnik, dann Leutnant Zimmermann. An der Spitze steht Johann Georg von Rauch. Der Generalinspekteur der Festungen beauftragt den Oberstleutnant Le Bauld de Nans et Lagny mit der Planung der Festungswerke. Im Frühjahr beginnen die vorbereitenden Maßnahmen.
1816
Karl von Grolmann, Direktor im Kriegsministerium, legt am 22. Februar einen Befestigungsentwurf für Koblenz-Ehrenbreitstein vor. Bereits am 14. April 1815 hatte Oberst Karl von Seiz einen Plan gefertigt, den von Rauch aber ablehnte. Im September beginnt offiziell der Bau der Feste Kaiser Alexander, wobei die ersten Arbeiten bis April 1815 zurückreichen. Ebenfalls 1816 erfolgt die Neuorganisation der Ingenieur- und Pionierkorps. Das Kriegsministerium hatte zuvor am 10. Juni verfügt, dass sich Soldaten, die nicht zu den Pionieren gehören, freiwillig für den Festungsbau melden können.
1817
Der Wiederaufbau der Festung Ehrenbreitstein beginnt. Dabei werden Teile der frühneuzeitlichen Festung integriert und verstärkt. Auch der Bau der Feste Franz kommt in Gang.
1818
Eine fast endlose Geschichte beginnt. Die Stadtspitze protestiert erfolglos gegen den Festungsbau, der die Entwicklungsmöglichkeiten von Koblenz einengt. Erst 71 Jahre später sollten die Stadtväter Erfolg haben.
1819
Am Festungsbau sind insgesamt 6530 Arbeiter beteiligt. Die Personalstärke erreicht somit in diesem Jahr einen Höchststand. Im Spätsommer beginnt der Bau von Fort Asterstein.
1820
Beim Festungsbau werden überwiegend Saisonarbeiter beschäftigt, die weder eine sichere Stelle noch eine Absicherung im Krankheitsfall oder bei Unfällen haben. Aus diesem Grund wird ein „Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger und verunglückter Festungsarbeiter“ gegründet. Ein Jahr später veranlasst die Bezirksregierung Koblenz, Arbeiter, die aus weiter entfernten Gegenden stammen, ganzjährig zu beschäftigen.
1822
Im Sommer sind noch 3000 Arbeiter am Festungsbau beteiligt, darunter 800 Maurer. Ebenfalls 1822 beginnt der Bau von Fort Konstantin. Ein Jahr später wird die Feste Franz mit Truppen belegt. 1824 wird die Feste Alexander vollendet, Fort Konstantin folgt erst 1831. Die Feste Ehrenbreitstein wird dagegen bereits 1828 fertig.[1]
[1] Alle Angaben nach Klaus Weber.
