Basilika St. Kastor: Innenraum nach Osten – ungegliederte Halbkuppel über der Apsis, Kreuzgratgewölbe über Chorjoch und Seitenschiffen, Sterngewölbe über Vierung und Mittelschiff. Foto: Holger Weinandt/Wikipedia CC BY-SA 3.0 de.
Für die Erforschung des Königsguts Koblenz im frühen Mittelalter lohnt es sich vor diesem Hintergrund, einen Blick nach Ingelheim zu werfen: Dort hatte bereits 787 Karl der Große sein Winterquartier aufgeschlagen. Eine karolingische Pfalz ist für die Zeit nach 814 überliefert. Es war also Kaiser Ludwig der Fromme, der den Standort am Rhein aufwertete. Und vielleicht hatte er am Zusammenfluss von Rhein und Mosel Ähnliches im Sinn.
Experten sind uneins
Die Aktivitäten Ludwigs scheinen geeignet, die Koblenzer Königshofdebatte mit Blick auf die Karolingerzeit neu zu entfachen. Gab es in Koblenz vielleicht doch einen Königshof? Die provozierende Antwort: Wenn es eine solche Pfalz am alten Kastellort wirklich gegeben hat, dann im Bereich der Basilika St. Kastor.
Diese Antwort hört nicht jeder gern. So mancher erinnert sich noch an die heftigen Auseinandersetzungen der Experten in den späten 80er-Jahren, in deren Verlauf fachliche Feindschaften intensiv gepflegt wurden.
Insgesamt gesehen dürfte das Rätsel um den Königshof so alt sein wie die gesamte Koblenzer Stadtgeschichtsforschung: Bereits 1853 meldete sich Christian Stramberg zu Wort. Der Verfasser des „Rheinischen Antiquarius“[1] verlegte den Standort der Pfalz in den Altenhof. Er baute dabei auf die Topographische Geschichte der Stadt Koblenz des Pfarrers Wilhelm Arnold Günther von 1813 auf.[2] Dr. Fritz Michel und Dr. Adam Günther verlegten die Pfalz Ende der 20er-Jahre an die Florinskirche.[3]
Seit der Wiederaufbauzeit favorisieren Historiker einen Standort im Bereich der Liebfrauenkirche. Als Beweis dienten ihnen Auswertungen mittelalterlicher Urkunden. Sie dachten dabei nicht an die Methoden der modernen Stadtkernarchäologie: Diese hat Nachweise erbracht, dass Ortsangaben in Urkunden oft ungenau, ja sogar falsch sind. Wir haben bereits gesehen, dass innerhalb des spätrömischen Mauerrings Funde aus Siedlungen des frühen Mittelalters und Hinweise auf eine Pfalz fehlen. Ferner zeigten die jüngeren Ausgrabungen, dass es falsch ist, die Angaben in den schriftlichen Quellen einfach auf einen modernen Stadtplan zu übertragen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich nicht nur einzelne Parzellen verändert, sondern komplette Straßenzüge – ganz besonders im seit dem 17. Jahrhundert kriegsgebeutelten Koblenz.

Wurden Urkunden gefälscht?
Aber auch unter den Historikern gab und gibt es Forscher, die sich nicht hinter die gängige Lehrmeinung stellten. Zu ihnen gehörte Fridolin Rossmann, der bereits Anfang der 90er-Jahre in seiner Magisterarbeit eine kritische Analyse der frühen Koblenzer Originalurkunden wagte.
Dabei zweifelte Rossmann an der Zuverlässigkeit der schriftlichen Quellen. Er ging sogar so weit, den Standort des Königshofes in die Nachbarschaft von St. Kastor zu verlegen.[4] Diese Theorie hat bislang wenig Unterstützer, auch wenn sich seit den Grabungen der späten 80er-Jahre immer deutlicher herauskristallisiert, dass die heutige Basilika St. Kastor die bedeutendste Kirche im heutigen Stadtgebiet war. Zudem zeigen die archäologischen Quellen der letzten Jahrzehnte, dass es unmittelbar bei St. Kastor eine dichte karolingische Bebauung und viele Siedlungsfunde gibt. Es ist wahrscheinlich, dass sich Ludwig der Fromme damals für den Ausbau dieses Areals einsetzte.
Der Beginn systematischer Ausgrabungen im Innen- und Außenbereich der Kastorkirche liegt inzwischen 25 Jahre zurück. In den folgenden Monaten wurden unter der Regie der Abteilungen für Archäologie und Baudenkmalpflege des damaligen Landesamtes für Denkmalpflege (das heute zur Generaldirektion Kulturelles Erbe gehört) vor allem im Chorbereich erstaunliche Details freigelegt. Der Fund von vorgeschichtlichen Siedlungsspuren war dabei fast nur ein Nebenschauplatz. Zündstoff bargen nämlich die Erkenntnisse zur Baugeschichte, die bis heute umstritten sind. Fest steht allerdings: Die Basilika St. Kastor hat heute deutlich kleinere Ausmaße als im 10. Jahrhundert. Das zeigt, dass die Kirche damals eine exponierte Rolle im Königsgut Koblenz hatte.
Hetti und Thegan
Lange wurde angenommen, dass der erste Vorläuferbau der Kastorkirche unter Erzbischof Hetti am 12. November 836 geweiht wurde. Als Beweis nutzte man einen Zusatzbericht in der Gesta Hludovici – den Taten Ludwigs des Frommen. Diesen Bericht soll der Trierer Chorbischof Thegan spätestens 837 verfasst haben. Der Biograf Ludwigs, der vor allem auf Grundlage von Augenzeugenberichten arbeitete, spricht von einem
„a fundamento“ erbauten „monasterium“,
also von einer völligen Neuanlage, die offenbar weit mehr war als eine Kirche. Kritiker der Quelle glauben, dass der Zusatzbericht erst aus dem 11. Jahrhundert stammt.
Durchgesetzt hat sich diese These allerdings nicht. Es ist aber durchaus möglich, dass Hinweise auf einen früheren Vorgängerbau verloren gegangen oder aus unbekannten Gründen absichtlich weggelassen worden sind. Denn die Archäologie zeigt anderes. Die Zweifel an den Schriftquellen wurden bei der Grabungskampagne Frühjahr/Sommer 1989 unter Leitung der Archäologie und der Baudenkmalpflege bestätigt. Archäologen fanden unter der örtlichen Ägide des heutigen Chefs im Landesdenkmalamt des Saarlandes, Prof. Dr. Josef Baulig, Mauerwerk, das stellenweise die Fundamente des römischen Tempels berührte. Es konnte mithilfe typischer Keramik in das 6. und 7. Jahrhundert eingeordnet werden. Beim Befund handelte es sich wahrscheinlich um die Reste einer Kirche ohne Seitenschiffe, deren Ausmaße nicht mehr sicher rekonstruierbar sind. Sie gehörte vielleicht zum bis heute gesuchten merowingischen Königshof.
Innerhalb dieses frühen Sakralbaus wurden auch Gräber gefunden. Mit diesen Gräbern beginnt eine Tradition, die auch für frühere Bauphasen gilt: Im Inneren der Kirche und im Außenbereich wurden noch bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts Bestattungen vorgenommen. Bei den Toten handelte es sich nicht nur um höhergestellte Persönlichkeiten des Kastorstifts. Vor allem im Außenbereich wurden auch „einfachere“ Personen beigesetzt. Erst Verordnungen des letzten Kurfürsten Klemens Wenzeslaus von Sachsen aus den 1770er-Jahren, die eine Verlegung der Kirchhöfe vor die Tore der Stadt vorschrieben, machten Bestattungen „normaler“ Bürger auf den Kirchhöfen unmöglich.
Kirche mit Ringkrypta
In karolingischer Zeit wurde der Gründungsbau keineswegs abgerissen, sondern in eine Neuanlage integriert, deren Grundriss kleiner als der der heutigen Kirche war. Zentraler Bestandteil dieses karolingischen Baus des 9. Jahrhunderts (der 836 geweihte Bau Hettis) war ein Mittelding zwischen Umgangschor und Ringkrypta: Man konnte um die östlich gelegene, mittig angeordnete Apsis auf einer Ebene herumgehen, die ein gutes Stück tiefer lag als der eigentliche Fußboden der Kirche.
Von der Apsis gelangte man in die alte Saalkirche, die fortan als Gruftkapelle diente. Das Ungewöhnliche an dieser Baukonzeption war, dass der Chorumgang, der als Ringkrypta konzipiert war, nicht unterirdisch verlief, wie es zum Beispiel bei der Ringkrypta von St. Emmeram in Regensburg der Fall war. Die frühe Kastorkirche lässt sich somit nicht vollständig mit anderen karolingischen Bauwerken vergleichen. Der Chorbereich dieser frühen Kirche ist somit eine Besonderheit im frühmittelalterlichen Kirchenbau. Dies ist ein Indiz, das für eine herausgehobene Stellung des Gotteshauses spricht.
Der alte Chor wurde beseitigt
Der Bau des 10. Jahrhunderts entsprach mit Ausnahme des Chorbaus, der Osttürme und der Sakristei bereits weitgehend dem heutigen Kirchenbau. In dieser zweiten Bauphase wurde die Choranlage abgerissen und wohl auch ein neues Querhaus gebaut. Darüber hinaus wurden die Längsmauern der alten Saalkirche verlängert. Anschließend errichtete man eine neue Choranlage, die in ihrer Konzeption der älteren ähnelte. Wie diese neue Ringkrypta mit dem Langhaus verbunden war, ist jedoch unklar. Eine Besonderheit dieser Epoche war eine sogenannte Chorscheitelrotunde als östlicher Abschluss der Kirche. Sie wurde über einem älteren Gräberfeld errichtet. Dieser alte Friedhof reichte bis in merowingische Zeit zurück. Übrigens: Am Rundbau lagen auffallend viele Kinderskelette.
(Um)bauten wie der von St. Kastor waren in karolingisch-ottonischer Zeit durchaus üblich. Paradebeispiele sind die Kirchenbauten Reichenau am Bodensee und St. Gallen. Lange Bestand hatte die Modernisierung von St. Kastor nicht. Um das Jahr 1160 wurde unter Propst Buvo die Choranlage des 11. Jahrhunderts zusammen mit der Saalkirche abgebrochen und durch den Chor ersetzt, den wir heute kennen. Außerdem wurden die Haupttürme der Westfassade aufgestockt. Unklar ist die Geschichte des Eingangsbereiches im Westen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich dort einst eine weitere Apsis befand. Denn: Der wahrscheinlich ebenfalls unter Buvo errichtete Eingangsbereich ist im Vergleich zu anderen romanischen Kirchen zu klein. Fest steht, dass dem Kirchenbau, wie wir ihn heute kennen, eine größere Toranlage vorgelagert war. Sie ist auf Anton Woensams Fresko von 1525 in der Pfarrkirche Unserer Lieben Frau in Oberwesel zu sehen.
Vieles muss geklärt werden
Die Baugeschichte von St. Kastor ist immer noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist, dass die Kirche Teil einer größeren Stiftsanlage war, die in der napoleonischen Zeit abgebrochen wurde. Die Hinweise aus der Archäologie haben sich inzwischen so verdichtet, dass die Kirche während der ersten Bauphasen zu einer größeren karolingischen Siedlung oder einer Pfalzanlage gehörte. Ein Parallelbeispiel könnte das Neumünster in Würzburg sein. Zur endgültigen Klärung wären jedoch weitere archäologische Untersuchungen erforderlich. Dafür müssten Grabungen im Bereich des Blumenhofs und wohl auch unter dem Kirchenvorplatz vorgenommen werden. Nach den Investitionen in die Bundesgartenschau ist das jedoch nicht sinnvoll.
Anmerkungen
[1] Christian von Stramberg, Coblenz, die Stadt. Historisch und topographisch dargestellt. Bd. 1–4, Koblenz 1851–1853.
[2] Wilhelm Arnold Günther, Topographische Geschichte der Stadt Coblenz von ihren Anfängen bis zum Schlusse des 18ten Jahrhunderts, Koblenz 1813.
[3] Den „Endstand“ nach mehreren Publikationen fasst Fritz Michel zusammen in: Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, München 1954 (Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, Bd. 1).
[4] Fridolin Rossmann, Das Stift St. Kastor bis zum 14. Jahrhundert. Magisterarbeit, Göttingen 1980.
