Die Versuche, Lützel und Neuendorf hochwasserfrei zu machen, reichen bis weit in die 1920er-Jahre zurück. An der Bleiche wurden Ende 1927 Deich und Pumpwerk vollendet. Bei den Bauarbeiten wurden auch Arbeitslose eingesetzt. Mit solchen Programmen wollte die Kommune auch die Not lindern.
Die Stadtverwaltung wird zum Unternehmen
Die Goldenen 20er-Jahre hat es nie gegeben. Es ist grundfalsch, das aufblühende und weltweit gefeierte kulturelle Leben in der Hauptstadt Berlin auf die Situation eines ganzen Volkes zu übertragen. Der Alltag sah für die Deutschen völlig anders aus. Die glanzvollen Bälle und Revuen jener Zeit kannten sie bestenfalls vom Hörensagen. Zwar hatten die meisten eine Arbeit, doch wurde selbst für herausgehobene Posten so schlecht bezahlt, dass selbst Beamte im höheren Dienst Probleme hatten, ihren Familien mehr als die Grundversorgung zu bieten. In Koblenz kamen noch Sonderfaktoren dazu, die die Situation weiter erschwerten.
Auch wenn die Weimarer Republik mit ihren zum Teil vorbildlichen Ansätzen der erste deutsche Sozialstaat war, reichte die Versorgung für Arbeitslose und andere Benachteiligte nur für das Notwendigste. Wer sich heute mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus befasst, muss sich mit der sozialen Frage auseinandersetzen. Und auch mit einer nicht zu unterschätzenden psychologischen Komponente: Versailles galt als ungerechter Diktatfrieden. Geradezu verheerende Folgen musste der Kriegsschuldparagraf haben.
Kollektive Frustration
Die Mehrheit der Deutschen fühlte sich als Sündenbock der Welt – und im besetzten Rheinland wurde die Präsenz der Franzosen als Joch empfunden, auch wenn sich das Klima in den späten 20er-Jahren deutlich verbesserte. Nicht umsonst stellt die Koblenzer Historikerin Dr. Petra Weiß in ihrer Dissertation [1] fest:
Es gab an Rhein und Mosel vergleichsweise frühe und hohe Erfolge der Nationalsozialisten – und das, obwohl damals 80 Prozent der Koblenzer katholisch waren.
Dies ist eine Tatsache, die landläufig gern als Indiz für eine NS-kritische Haltung der Bevölkerung gewertet wird. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Petra Weiß führt weiter aus:
Bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 erreichte die NSDAP in Koblenz aus dem Stand heraus 10,4 Prozent. Die Stadt lag damit etwa auf dem Niveau der Hochburgen München, Nürnberg und Weimar!
Und damit nicht genug: Nach den Kommunalwahlen vom 17. November 1929 stellte die NSDAP auf Anhieb 8 von 44 Stadtverordneten. Zum Vergleich: Zur Zentrumsfraktion gehörten damals 16 Stadträte.
Die Entwicklung zeigt: Obwohl sich die Stadtverwaltung redlich bemühte, die Probleme der Nachkriegszeit in den Griff zu bekommen, war die Frustration groß. Für Petra Weiß ist das:
Eine Folge des Verlustes des Status einer Residenz-, Garnisons- und Festungsstadt.
Das wirkte sich nicht nur psychologisch aus, sondern real auf den lokalen Arbeitsmarkt. Dazu kam, dass die NSDAP die Besatzungs- und Separatistenzeit mit großem Geschick instrumentalisierte. Und schließlich hatte die braune Bewegung mit dem späteren Gauleiter Gustav Simon einen versierten Agitator, der es schaffte, die zerstrittenen Nationalsozialisten in der Stadt zu einen. Beim katholischen Zentrum trat auf regionaler Ebene genau das Gegenteil ein, der Erosionsprozess war deutlich zu spüren.
Staat investierte massiv
Auch das Koblenzer Beispiel zeigt: Die Weimarer Republik war eine ungeliebte Republik, in der radikale Nationalisten, Kommunisten und skrupellose Lobbyisten wirtschaftliche und politische Verwerfungen ausnutzten, um eine Republik zu Fall zu bringen, die in der kurzen Zeit ihres Bestehens Beachtliches geleistet hatte. Dies zeigen exemplarisch die Aktivitäten im Wohnungsbau. Zwischen 1919 und 1932 wurden stolze 81 Prozent aller neu errichteten Wohnungen durch die öffentliche Hand finanziert. Beim Blick auf die gesamten Bauinvestitionen lag der Anteil des Staates bei 50 Prozent.
Das Reich schuf somit Rahmenbedingungen, die schließlich auch die Probleme in Koblenz lösen halfen. Genossenschaften wurden gegründet, Siedlergemeinschaften trugen dazu bei, dass die Wohnungsnot der Besatzungszeit überwunden wurde. Diesem erheblichen Ausbau gingen groß angelegte Erschließungsmaßnahmen voraus, die auf dem von Adolf André geschaffenen Entwässerungskonzept aufbauten.
Die Erweiterung der Kanalisation folgte auch mithilfe von Arbeitslosen, die im Zuge eines Notstandsprogramms des Reiches eingesetzt werden konnten und den ausführenden Tiefbaufirmen zur Hand gehen sollten. Schwerpunkte lagen dabei auf der Karthause, in Moselweiß und im Rauental. Beeindruckende Zeugnisse aus dieser Zeit sind aber auch in Lützel zu finden. Da der Stadtteil stark vom Hochwasser betroffen war, entschied man sich schließlich für den Bau eines Deiches und eines Pumpwerks. Bis Ende 1927 war das Projekt weitgehend vollendet. Die erforderlichen Arbeiten waren im Rahmen von Notstandsmaßnahmen ausgeführt, wobei Neuendorf – anders als ursprünglich geplant – am Ende außen vor blieb.
Übrigens: Deutlich größere Dimensionen hatte der Hochwasserschutz in der Nachbarstadt Neuwied. Dort war zwischen 1928 und 1931 auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Robert Krups ein 7,5 Kilometer langer Deich erbaut worden, der heute das Wahrzeichen der Stadt ist.
Stadtverwaltung expandierte
Weitere gravierende Veränderungen in der Provinzhauptstadt betrafen die Kommunalverwaltung selbst, die ihre Position als moderne Leistungsverwaltung weiter ausbaute und neue Abteilungen, ja sogar die Vorläufer der späteren Eigenbetriebe bildete. Bereits Mitte der 20er-Jahre war die Stadtverwaltung auf insgesamt 634 Mitarbeiter gewachsen.
Dazu passt es, dass die Dienstleistungen der Kommune massiv ausgebaut wurden. So waren 1925 etwa 15.000 Koblenzer Haushalte an die städtische Müllabfuhranstalt angebunden. Das ist eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass das Abfallproblem noch vor dem Krieg weitgehend ungelöst war. Und auch im Bereich der Abwasserwirtschaft strebte man mehr Sauberkeit an und wollte Anfang der 30er-Jahre sogar ein Großklärwerk errichten. Die Pläne scheiterten trotz intensiver Kontakte zu den führenden Experten.
Der Weg zum Eigenbetrieb
Der finanzielle Spielraum der Kommunen war damals allein schon vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise ausgereizt. Sparkassen und Kreditinstituten war es im Zuge der Brüningschen Notverordnungspolitik noch 1931 untersagt worden, Städten und Gemeinden Anleihen und Kredite zu gewähren. Diese reagierten mit der Gründung von Eigenbetrieben, die unabhängig von den kommunalen Haushalten geführt werden konnten.
War in Koblenz 1928 mit der Gründung der Gasfernversorgung Mittelrhein – heute Energieversorgung Mittelrhein (EVM) – die Gasversorgung einer privatrechtlichen Gesellschaft übertragen worden, folgte am 29. Oktober 1930 das Wasserwerk. Die Gasversorgung wurde Betriebsführerin.
Am Koblenzer Beispiel offenbart sich die ganze Tragik der Weimarer Republik. Obwohl damals viele Weichen richtig gestellt wurden, fehlte den Akteuren Dank und Anerkennung. Den Nationalsozialisten fiel es am Ende leicht, sich ins gemachte Nest zu setzen. Ihr weiterer Weg führte jedoch zur Katastrophe.
Anmerkungen
[1] Petra Weiß, Die Stadtverwaltung Koblenz im Nationalsozialismus. Dissertation Fernuniversität Hagen, Koblenz/Hagen 2012.
http://deposit.fernuni-hagen.de/2873/1/Dissertation_Petra_Weiss.pdf. Zugriff am 5. November 2012.
📌 CHRONIK: DIE WEIMARER REPUBLIK II
1927
Nach drei Jahren machen sich die Folgen des Dawes-Plans positiv bemerkbar. Das Reich ist wieder kreditwürdig, Staatsanleihen finden auch im Ausland reißenden Absatz. Die Konjunktur springt an, die Zahl der Arbeitslosen sinkt gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent auf unter 1 Million. Der Reichstag beschließt im Juli Schutzgesetze für werdende Mütter und führt die Arbeitslosenpflichtversicherung ein. Die deutsche Sozialgesetzgebung bleibt damit weltweit vorbildlich.
In der UdSSR spitzt sich die Lage dramatisch zu: Josef Stalin schaltet seine Widersacher aus. Seinen „Säuberungsaktionen“ werden Hunderttausende zum Opfer fallen. Dagegen herrscht in den USA uneingeschränkter Optimismus. Im Frühjahr 1927 werden die Amerikaner Zeugen einer Pionierleistung: Ihrem Landsmann Charles Lindbergh gelingt am 20. Mai mit seinem Flugzeug „Spirit of St. Louis“ der erste Alleinflug über den Atlantik.
1928
Die politische Lage scheint stabil, doch der Streit um den Bau des Panzerschiffs A und die angestrebte Neuregelung der Reparationen zeigt, wie brüchig der innere Frieden ist. Rechtsparteien, Reichswehr und vaterländische Verbände nutzen ihre Chance, nicht nur die Sozialdemokraten zu attackieren, sondern auch die ganze Republik, die sie zutiefst verachten. Nach den Reichstagswahlen vom 20. Mai vollzieht sich in den bürgerlichen Parteien ein Rechtsruck.
Ungeachtet dessen blüht das kulturelle Leben weiter: Erich Maria Remarque veröffentlicht seinen Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“, Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ wird uraufgeführt, und Erich Kästners „Emil und die Detektive“ kommt auf den Markt.
1929
Der spätere Gauleiter Gustav Simon wird Chef der NSDAP-Fraktion im Koblenzer Stadtrat.
Mit dem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse beginnt am 25. Oktober die Weltwirtschaftskrise. Für das Deutsche Reich sind die Folgen nach den USA am stärksten. Der Grund: Deutschland ist sehr stark von Auslandskrediten abhängig. Dass der Aufschwung auf tönernen Füßen steht, war bereits im Februar spürbar geworden. Die Arbeitslosenzahl stieg auf mehr als 2 Millionen, die noch junge Arbeitslosenversicherung ist ausgereizt.
Auch außenpolitisch gibt es schlechte Signale. Deutschland kann die Raten für die Reparationen nicht mehr aufbringen, erreicht aber mit dem Young-Plan noch einmal Erleichterungen. Das Ausbleiben weiterer Auslandskredite bringt Länder und Gemeinden an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.
1930
Die Nationalsozialisten geben auch an Rhein und Mosel ein eigenes Parteiorgan heraus: Das Nationalblatt erscheint erstmals am 2. Juni.
Im September verlassen die letzten Besatzungstruppen das Rheinland. Der Abzug der Franzosen wird bereits am 22. Juli in Koblenz gefeiert. Mit dabei sind Reichspräsident Paul von Hindenburg und der preußische Ministerpräsident Otto Braun. Die Feierlichkeiten enden tragisch: Nach dem Feuerwerk bricht auf der Lützeler Seite eine von Menschenmassen überlastete Pontonbrücke ein. 38 Menschen sterben.
1931
Die Weltwirtschaftskrise verschärft sich weiter, die Finanzmärkte stehen vor dem Zusammenbruch. Auch in Deutschland tobt die Bankenkrise. US-Präsident Herbert Hoover schlägt in einem Moratorium vor, Deutschland weiter von Reparationen zu entlasten.
