Die meisten Pfalzen der Merowinger und Karolinger dürften eher bescheiden gewesen sein. Das zeigt auch die mit KI (Google Gemini) erstellte Illustration. Eine solche kleine Pfalz könnte auch im Bereich der Basilika St. Kastor existiert haben. Eine andere Möglichkeit könnte auch der Um- und Ausbau eines antiken Gebäudes innerhalb des Steinkastells sein. Wichtig: Die Illustration erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch.
Der lange Kampf um das Frankenreich
Koblenz, das spätestens seit dem Vertrag von Verdun als grenznahe Stadt wieder eine große strategische Bedeutung hat, wird am 1. Juni 860 Schauplatz eines denkwürdigen Schauspiels: Die Könige Ludwig der Deutsche, Karl der Kahle und Lothar II. treffen sich, um für die drei seit 17 Jahren bestehenden Teilreiche vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen. Gesprächsstoff haben die drei Herrscher genug. Denn spätestens seit der Zeit Ludwigs des Frommen, der von 814 bis 840 regierte, dürfen die familiären Verhältnisse mit Fug und Recht als zerrüttet bezeichnet werden.

Das Koblenzer Treffen, das der Künstler Anton Becker 2007 in einem historisierenden Großbild im Brunnenhof zwischen Florinspfaffengasse und Mehlgasse festgehalten hat, stand am Ende einer langen Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Bündnisse veränderten sich, und die Beteiligten trafen sich dort, wo es gerade am günstigsten war. Zwar hatte jeder Herrscher einen Lieblingsort, doch gab es keine Hauptstadt. Koblenz kam allen Teilnehmern des Treffens entgegen. Der einstige Kastellort lag quasi im Herzen des
„schmalen Mittelreichs Lothars“,
sodass sich der Aufwand für die drei Könige in für damalige Verhältnisse vernünftigen Grenzen hielt.
Die Konferenz von 857
Schon drei Jahre vor dem denkwürdigen „Pfingsttreffen“ 860 hatten sich Ludwig der Deutsche und Lothar II. in Koblenz getroffen. Dr. Dietmar Flach, der die Herrscheraufenthalte bis zum hohen Mittelalter untersucht hat, weist auf eine Erwähnung in den berühmten Fuldaer Annalen hin. Die im 9. Jahrhundert verfassten Jahresberichte sagen jedoch nichts über die Inhalte. Aber man muss kein Hellseher sein, um zu sagen, worum es damals ging: Karl der Kahle (823–877) war nicht nur mächtig, sondern auch ehrgeizig. Er wollte mehr Land und die Kaiserwürde (die er 875 auch erlangen sollte). Doch vorerst ging es darum, im dreigeteilten Frankenreich ein Gleichgewicht herzustellen. Doch jeder König suchte seinen Vorteil. Und so verwunderte es nicht, dass die in Koblenz erzielten Ergebnisse gerade mal ein Jahr Bestand hatten. Im Mai 858 sollte es ein neues Treffen der beiden Herrscher in Koblenz geben, doch versetzte Lothar II. König Ludwig.
Bündnis gegen Ludwig
Während Ludwig in Koblenz weilte, verhandelte Lothar mit Karl dem Kahlen. Witterten die Zeitgenossen ein Bündnis der beiden gegen Ludwig, zeigte sich schnell, dass der Ostfranke selbst kein Kind von Traurigkeit war. Ludwig duldete, dass seine Heerscharen im August ins Reich Karls einfielen. Er erreichte damit aber nur, dass das Bündnis gegen ihn 859 sogar gefestigt wurde. Der Fall war klar: Um Schlimmeres zu verhindern, musste man miteinander sprechen.
Wohl auf Initiative Ludwigs kamen Vorverhandlungen in Gang. Im Juni 859 folgte schließlich ein Treffen der drei Könige auf einer Rheininsel zwischen Andernach und Koblenz. Historiker gehen davon aus, dass die Zusammenkunft wohl auf der Insel Niederwerth stattfand. Die Voraussetzungen waren für die verfeindeten Könige ideal. Ihre Heere konnten an den Ufern des Rheins bleiben, während sie auf der Insel verhandeln konnten, ohne Gefahr zu laufen, von der Gegenseite überwältigt zu werden.
Die Wahl des Treffpunktes zeigt, dass die Stimmung jederzeit kippen konnte. Aber immerhin: Man sprach wieder miteinander, weitere Treffen wurden vereinbart. Aber schon das abgesprochene und dann geplatzte Herbsttreffen in Basel zeigte, wie brüchig der Pakt war. Erneut saß Ludwig allein da.
Hintergründe des „Pfingsttreffens“
Trotz der Spannungen dürfte es den Akteuren bewusst gewesen sein, dass sie es nicht riskieren konnten, die Teilreiche endgültig auseinanderdriften zu lassen. Es bedurfte einer großen Geste und eines Treffens mit symbolischer Strahlkraft. Und genau diese Zusammenkunft kam in Koblenz zustande. Es muss eine beeindruckende Szenerie gewesen sein, die sich beim Eintreffen der Herrscher und ihrer Gefolge am Zusammenfluss von Rhein und Mosel formierte. Das Treffen inspiriert bis auf den heutigen Tag, wie man im sogenannten „Brunnenhof Königspfalz“ sehen kann.
Fest stehen dürfte, dass ein solches Großtreffen unmöglich im alten Steinkastell stattfinden konnte. Wahrscheinlicher sind das Umfeld der Kastorkirche und das Gotteshaus selbst. Dort standen zur damaligen Zeit „Neubauten“, die den Akteuren einen Mindestkomfort bieten konnten. Gerade diese Tatsache wirft eine zentrale Frage auf: Wie groß war Koblenz im 9. Jahrhundert? Die Antwort liegt nahe, sie ist allerdings hochspekulativ. Dennoch sollte man davon ausgehen, dass es nicht nur die beiden Kernbereiche innerhalb der spätantiken Stadtmauer und bei St. Kastor gegeben hat. Auch andere Bereiche im Gebiet der heutigen Innenstadt müssen zu dieser Zeit besiedelt gewesen sein. Denn wo große Treffen stattfanden, musste es auch Bauern und Handwerker geben, die zur Versorgung der Gefolge beitragen konnten.
Die Leere war nicht leer
Schon allein vor diesen Hintergründen dürfte klar sein, dass die Bereiche außerhalb des alten Kastells nicht so „leer“ gewesen sind, wie in der altetablierten Stadtgeschichtsforschung behauptet wird. Als Argument für diese „Leere“ wurden immer wieder die alten Flurnamen
„Lere“ („Lera“, „Leyr“)
für diesen Bereich der heutigen Innenstadt mit dem Wort „leer“ in Verbindung gebracht. Diese Herleitung ist schon allein etymologisch bedenklich, zum anderen ist archäologisch belegt, dass es in der „leeren“ Löhrstraße als Teil einer spätantiken Ausfallstraße auch im frühen Mittelalter Handwerksaktivitäten gegeben hat. Nicht umsonst wies Pfarrer Wilhelm Arnold Günther bereits 1813 auf die einst in der Nähe des Kastellgrabens vorhandenen Gerbereien mit ihren Lohgruben hin, von denen sich die „Löhrstraße“ ableitet. Somit weist die Straßenbezeichnung auch heute noch auf die einst in Koblenz ansässigen Gerber hin, die erstmals in einem Ratsprotokoll von 1671 schriftlich erwähnt sind. Damals beschloss der Stadtrat die Verlegung der Gerbereien nach Lützel.
Reiche driften auseinander
Trotz seiner zweifellos hohen politischen Bedeutung blieb dem Koblenzer Treffen keine lange Wirkung beschieden. Die Karolinger stritten und verhandelten weiter. Am Ende zerbrach das Reich. Während sich im Westen allmählich die Bildung eines Nationalstaates abzeichnete, gewannen im Osten Herzöge und Klerus immer mehr an Einfluss. Die Könige gerieten in die Defensive.
📜 CHRONIK: VON DEN KAROLINGISCHEN ZU DEN SÄCHSICHEN KAISERN
817
Kaiser Ludwig der Fromme trifft eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Per Reichsordnung wird festgelegt, dass die Kaiserwürde auf den ältesten Sohn Lothar übergeht. Die Söhne Pippin und Ludwig sollen Teilreiche erhalten.
819
Kaiser Ludwig der Fromme macht auf seiner Rheinreise Station in Koblenz.
829
Ludwig der Fromme verstößt gegen seine eigene Regelung, weil er auch für Karl den Kahlen, den Sohn seiner zweiten Frau Judith, vorsorgen will. Für Karl wird im Südwesten des heutigen Frankreichs das weitere Teilreich Alamannien geschaffen.
830
Lothar, Ludwig und Pippin empören sich gegen den Vater. Lothar lässt sich in Italien von Papst Paschalis I. sogar zum Regenten krönen. Die Situation eskaliert. Nur drei Jahre später kommt es zum zweiten Konflikt mit dem Vater: Als Kaiser Ludwig dem Sohn Pippin Aquitanien nimmt, wird Ludwig der Fromme vorübergehend abgesetzt. Nach dem Tod Pippins (838) entspannt sich die Situation. Karl der Kahle behält Aquitanien.
836
Vollendung und Weihe der karolingischen Kastorkirche. Kaiser Ludwig der Fromme weilt in Koblenz.
837
Der Geistliche und Biograf Thegan stellt seine umstrittenen „Taten Ludwigs“ fertig. Aus dem Werk lässt sich ableiten, dass der Bau der Kastorkirche nicht auf Initiative des Erzbischofs Hetti, sondern auf Drängen Kaiser Ludwigs möglich wurde.
840
Nach dem Tod Ludwigs des Frommen verbünden sich die Söhne Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle gegen den Bruder und neuen Kaiser Lothar I.
842
In Koblenz laufen die Vorbereitungen für die Teilung des Frankenreichs. Am 18. März und am 19. Oktober wird die Kastorkirche Schauplatz wichtiger Verhandlungen, die zunächst von Gesandten Ludwigs, dessen Sohn Karlmann und Karl dem Kahlen geführt werden. Im selben Jahr beschwören Karl und Ludwig ihr Bündnis in den berühmten Straßburger Eiden, die das älteste Dokument der althochdeutschen und altfranzösischen Sprache sind.
843
Vertrag von Verdun: Karl der Kahle erhält den Westen, Ludwig der Deutsche den Osten und Lothar I. die Mitte. Dennoch bleibt die Reichseinheit bestehen. Zwei Jahre danach fallen Normannen in die nördlichen Reichsteile ein. Hamburg wird zerstört, die Angreifer dringen bis an den Mittelrhein vor. Ob Koblenz betroffen war, ist unklar.
870
Nach dem Tod Lothars II. wird das Frankenreich im Vertrag von Meerssen neu aufgeteilt. Lothars Sohn Ludwig II. bleibt nur noch Norditalien. Ludwig der Deutsche herrscht jetzt auch über die Osthälfte Lothringens und Aachen. Als Ludwig II. stirbt, übernimmt Karl der Kahle Norditalien.
876
Tod Ludwigs des Deutschen. Karl der Kahle versucht, seinen Machtbereich zu erweitern und die Osthälfte Lothringens an sich zu reißen. In der ersten Schlacht bei Andernach besiegt Ludwigs Sohn, Ludwig III., Karl den Kahlen.
880
Die Konflikte führen schließlich zum Vertrag von Ribemont, der die Grenzen zwischen den späteren deutschen und französischen Gebieten für das ganze Mittelalter festschreibt, obwohl die Karolinger trotz ihrer Konflikte auf die Einheit des Reiches pochen.
906
Nach dem Aussterben der ostfränkischen Karolinger entwickeln sich das westfränkische und ostfränkische Reich endgültig auseinander. Die führenden Repräsentanten des ostfränkischen Reichs wählen schließlich Konrad I. von Franken zum König, der sich aber gegenüber den mächtigen Herzögen nicht durchsetzen kann. Gewinner dieses Konfliktes sind am Ende die hohen geistlichen Würdenträger. Nach dem Tod Konrads (918) beginnt die Ära der sächsischen Kaiser: Heinrich I. wird zum König erhoben und regiert bis 936. Es sind kriegerische Zeiten. Der neue König muss den Gegenkönig Arnulf von Bayern bezwingen und sich gegen Slawen und Ungarn behaupten. Heinrich gewinnt auch in Lothringen die Oberhand. Das Herzogtum wird Teil des Ostreichs. Herzog Giselbert heiratet die Königstochter Gerberga.
936
Otto I. (der Große) wird in Aachen inthronisiert. Der Sohn Heinrichs regiert bis 973. Höhepunkt seiner Amtszeit wird die Kaiserkrönung 962.
