Übergang der Russen über den Rhein bei Düsseldorf unter Anführung des Generals von Winzingerode am 13. Januar 1814. KI-generiertes Bild mit Google Gemini . Vorlage: Handkolorierte Radierung von 1815. Quelle: Düsseldorfer Auktionshaus/Wikipedia
Russen zwingen Franzosen zum Abzug
Genialer Feldherr und Vordenker des modernen Staatsaufbaus oder größenwahnsinniger Massenmörder? Je mehr man sich mit der „Ära Napoleon“ beschäftigt, desto schwieriger wird es, diese Frage zu beantworten. Zweifellos waren Soldaten für den Kaiser „Menschenmaterial“, das er jederzeit zu opfern bereit war. Denn seine „Grande Armée“ war multinational und nichts anderes als Instrument einer eiskalten Machtpolitik. Doch zeigt das Koblenzer Beispiel, dass es in dieser Zeit auch hoffnungsvolle Ansätze gab.
Die Wehrpflicht war in Frankreich erstmals 1798 eingeführt worden. Seitdem wurden alle jungen Männer zwischen 18 und 25 Jahren zu den Waffen gerufen. Das reichte aber für die Realisierung von Napoleons kühnen Plänen nicht aus. Zusätzliche Kräfte mussten her. So kam es, dass der Anteil der Franzosen in den Reihen Napoleons nur zwischen 30 und 50 Prozent lag. Für den Korsen kämpften vor allem Deutsche, die entweder in den Armeen der (zwangs-)alliierten Rheinbundstaaten dienten oder aus den neuen französischen Gebieten stammten. Vor diesem Hintergrund hatte das Bemühen, die Menschen in den eroberten Gebieten schnell zu französischen Staatsbürgern zu machen, keine ideelle, sondern eine praktische Begründung. Denn auch dort konnten nun junge Männer eingezogen werden.
Trotz der überwiegend militärischen Motive der französischen Reformen wird das Wirken der napoleonischen Verwaltung in Koblenz in der regionalen Literatur tendenziell positiv bewertet. Denn: Neben den Verbesserungen im Gesundheitswesen und der Einführung eines für alle geltenden Gesetzbuches und einer – trotz des Pariser Zentralismus – in der Regel funktionierenden Verwaltung gelang die Integration des aufstrebenden Bürgertums. Da es erste Ansätze für eine Selbstverwaltung in Departements und Kommunen gab und nun auch Einheimische in der Verwaltung Karriere machen konnten, markiert die napoleonische Zeit auch den Beginn einer Epoche, in der ein engagiertes Bürgertum die Gestaltung des öffentlichen Lebens in die Hand nahm. Es ist kein Zufall, dass Bürgermeister (Maire) Johann Nikolaus Nebel ausgerechnet jetzt, und zwar am 1. März 1808, zur Einrichtung des heute noch bestehenden Musik-Instituts Koblenz aufrief. Und auch die Gründung der immer noch einflussreichen Bürgergesellschaft Casino zu Coblenz am Dreikönigstag des gleichen Jahres erfolgte vor dem Hintergrund einer Beruhigung der Verhältnisse, die sich auch im Ausbildungsbetrieb (seit 1806) an der Rechtsakademie im Haus Metternich widerspiegelte. Denn inzwischen hatte sich das militärische Interesse Napoleons weit nach Süden und Osten verlagert.
Freiräume in einer blutigen Zeit
In Koblenz blieb es für einige Jahre friedlich. Erstmals seit zwei Jahrzehnten gab es wieder Freiräume, über städtebauliche Maßnahmen nachzudenken. So sollten Teile der aufgegebenen Stadtbefestigung begrünt werden. Auch die ersten Baumaßnahmen für die späteren Rheinanlagen fallen in diese Zeit. Deshalb wird heute gern vergessen, dass die Jahre der Französischen Revolution zu den kriegerischsten in Europa gehörten. Zwar sind die Zahlen in der Fachliteratur nicht einheitlich, doch kann man davon ausgehen, dass in den Jahren von 1792 bis 1815 in Europa rund 4,5 Millionen Männer unter Waffen standen.
Die schlimmsten Feinde der Soldaten waren Hunger und Seuchen. Wer in Gefangenschaft geriet, hatte praktisch keine Chance mehr. Und von einer guten Versorgung der Verwundeten konnte nicht die Rede sein. Eine schwerere Verletzung war quasi ein Todesurteil. Das Rote Kreuz gab es noch nicht, es sollte erst nach 1859 vom Schweizer Geschäftsmann Henry Dunant gegründet werden, der das Grauen der Schlacht von Solferino selbst erlebt hatte. Wirkungsvolle Anästhesie und Asepsis waren damals ebenso unbekannt. Die erste Äthernarkose sollte erst am 30. März 1842 durch den US-amerikanischen Arzt Crawford Williamson Long angewendet werden. Und die erste, nach Vorstellungen des Mediziners Gustav Adolf Neuber (1850–1932) entwickelte aseptische Klinik der Welt wurde 1875 in Kiel eröffnet. Die Folge: Am Ende der „Ära Napoleon“ waren 2,5 Millionen Tote als Opfer der katastrophalen Umstände zu beklagen. Dagegen starben „nur“ 150.000 Soldaten auf den Schlachtfeldern.

Das Bild des Historienmalers Wilhelm Camphausen, das im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist, zeigt Generalfeldmarschall Blüchers Übergang bei Kaub in der Silvesternacht 1813/14.
Das Zarenreich unterschätzt
Napoleons Niedergang hatte mit der völlig falschen Einschätzung des Zarenreiches begonnen. Unzureichend ausgerüstet hatte er Frankreich und seine Verbündeten im Sommer 1812 in ein aussichtsloses Abenteuer gestürzt. Schlecht versorgt, unzureichend gekleidet und meist ohne Zeltdach über dem Kopf wurden die Soldaten zu Todeskandidaten. Nicht nur die Kälte, sondern vor allem die Scharmützel mit den Russen und Krankheiten setzten Napoleons Truppen zu. Und obwohl es dem Kaiser immer wieder gelang, neue Kräfte zu bündeln, leitete die Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 den Anfang vom Ende ein.
Die sieggewohnten Soldaten der „Grande Nation“ wurden zu einem ungeordneten Rückzug gezwungen, schwere Darmkrankheiten und das Gelbfieber brachten vielen von ihnen den Tod. Und die Feinde setzten nach, wobei vor allem die unter dem Oberbefehl Gebhard Leberecht von Blüchers stehenden Einheiten erfolgreich waren. Der Generalfeldmarschall hatte den Oberbefehl über die zwischen Mannheim und Neuwied operierende „schlesische Armee“, die aus einem preußischen und russischen Korps bestand. Bereits am 5. November 1813 marschierten russische Soldaten in das rechtsrheinische Ehrenbreitstein ein. Den Bürgern war es fortan bei Todesstrafe verboten, den Rhein zu überqueren. Auch die rund 500 in Koblenz verbliebenen französischen Soldaten erhielten Schießbefehl.

Rückkehr der Kaiserlich Russischen Asiatischen Reiterei am 3. Juni 1814. Das Aquarell aus dem Mittelrhein-Museum zeigt die Ankunft asiatischer Truppen in Koblenz.
Die Befreiung begann
Als feststand, dass die Franzosen keine Verstärkung erhalten, wurden die Russen aktiv. Am Nachmittag des 31. Dezembers setzte bei Kesselheim eine Kosakenpatrouille über und drang zum nördlichen Moselufer vor. Nach einem kurzen Gefecht zogen sich die Russen zurück. Ernst wurde es gegen 22 Uhr. Von Oberlahnstein und der Lahnmündung kommend, setzten rund 50 Kähne auf das linke Rheinufer über. In Vallendar, Engers und Neuwied wiederholte sich das Schauspiel. Und bei Kaub befehligte Blücher den berühmten, von Künstlern immer wieder thematisierten Vorstoß über den Rhein.
Franzosen räumten die Stadt
Die Franzosen hatten eingesehen, dass Widerstand keinen Sinn hatte, und räumten Koblenz gegen 22.30 Uhr. Chronist Christian von Stramberg überlieferte, dass der seit 1810 amtierende Präfekt Jules Doazan bis zuletzt Stil bewies. Bevor er abreiste, nahm er noch an einer Silvesterfeier teil.
Von Kapellen kommend, marschierten die russischen Soldaten in der Neujahrsnacht zwischen 2 und 3 Uhr unter
„Hurra-Geschrei und einer barbarischen Musik mit türkischen Trommeln“
in die alte Residenzstadt ein. Die schnelle Besetzung erfolgte ohne Übergriffe auf die Bevölkerung. Auch größere Zerstörungen sind nicht überliefert. Für die verwundeten Soldaten, die zuvor ins Schloss gebracht und im Stich gelassen worden waren, bedeutete der Einmarsch der Russen aber das Todesurteil. Wie damals üblich, wurden die Männer erschossen.
ℹ️ CHRONIK: KRIEG, SIEG UND BEFREIUNG
1815
Der Wiener Kongress verändert die europäische Landkarte. Die Sehnsucht nach einem neuen und einigen Deutschen Reich erfüllt sich nicht. Stattdessen gibt es den lockeren Deutschen Bund, zu dem auch Teile des österreichischen Kaiserreiches gehören. Die Vormachtstellung hat nun Preußen, das nach dem Gebietszugewinn am Rhein auch im Westen dominiert. Während Österreich auf die habsburgischen Niederlande verzichtet und in Italien und Dalmatien erstarkt, wird Russland nach dem Gewinn von Kongresspolen zur führenden europäischen Macht.
Frankreich wird erst im November zu erheblichen Zugeständnissen gezwungen. Im Zweiten Pariser Frieden geht Saarbrücken an Preußen, Landau an Bayern, Savoyen an Sardinien. Außerdem muss das Land 700 Millionen Francs Kriegsentschädigung zahlen und die Besetzung von 17 Festungen auf fünf Jahre hinnehmen.
Ein weiteres Ergebnis des Wiener Kongresses: Aus Angst vor dem Wiedererstarken revolutionärer Kräfte werden im Zuge der Restauration alle Reformbestrebungen unterdrückt. Diese Bestrebungen werden durch die Heilige Allianz manifestiert, die Österreich, Preußen und Russland stiften und der nach und nach die meisten europäischen Monarchen beitreten. Die Mitglieder berufen sich auf das Gottesgnadentum, aus dem sie das Recht ableiten, gegen alle nationalen und liberalen Bestrebungen vorzugehen.
1817
Hungerwinter im Rheinland. Der Obrigkeit gelingt es nicht, die Bevölkerung mit dem Notwendigsten zu versorgen. Private Wohltäter versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Der katholische Publizist und Regierungskritiker Joseph Görres übernimmt eine führende Rolle.
1818
Nach der Konferenz von Aachen wird auch Frankreich in die Heilige Allianz aufgenommen.
1820
In Südeuropa beginnen nationale und liberale Unruhen.
1821
Die Griechen erheben sich gegen das Osmanische Reich. Ihr Freiheitskampf wird bis 1829 dauern. Im Frieden von Adrianopel wird Russland Schutzmacht von Griechenland, das nach der Londoner Konferenz von 1830 unabhängig wird. Auf Druck der europäischen Mächte wird Otto I. von Wittelsbach 1832 König.
Mexiko und Peru werden ebenfalls unabhängig. In ganz Mittel- und Südamerika tobt der Freiheitskampf. Das spanisch-portugiesische Kolonialreich zerfällt.
1823
Im September werden in der an der Wolgamündung gelegenen russischen Stadt Astrachan die ersten Cholerafälle bekannt.
Eine Kabinettsorder vom 17. August regelt die Mischehenfrage in den neuen preußischen Gebieten. Im Rheinland gelten jetzt die Bestimmungen des Allgemeinen Landrechts von 1794. Demnach liegt die Entscheidung über die Konfession des Kindes bei den Eltern. Der Streit mit der katholischen Kirche ist programmiert. Denn nach dem kanonischen Recht müssen Eltern mit unterschiedlicher Konfession die katholische Taufe und Erziehung ihrer Kinder versprechen. Die Regelung der Preußen wurde im Rheinland als bewusster Versuch empfunden, in den neuen Gebieten den Protestantismus zu fördern.
