Blick von der „Rheinkrone“ auf das Konrad-Adenauer-Ufer. Links: Das nach dem Vorbild der Kaiserpfalz in Goslar geplante Regierungsgebäudes, heute ein Standort desBundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw).
Der Staat investiert, die Stadt blüht auf
Koblenz war als Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz Sitz wichtiger Zivilbehörden. Dennoch lag – sieht man einmal von der Eisenbahn ab – der Schwerpunkt der baulichen Aktivitäten lange im militärischen Sektor. Die meisten Bereiche der kommunalen und staatlichen Verwaltung mussten sich erstaunlich lange mit Provisorien begnügen. In der Regel wurden die Gebäude aus kurfürstlicher Zeit (wie zum Beispiel das Schloss) einfach weitergenutzt. Mit den steigenden Anforderungen an den modernen Staat funktionierte dieser bescheidene Ansatz nicht mehr.
Die im späten 19. Jahrhundert einsetzende Stadterweiterung war nicht nur für private Investoren, sondern eben auch für den preußischen Staat eine Chance, längst überfällige Projekte anzugehen. Zudem boten sich auch im Innenbereich Chancen für neue Vorhaben:
„Außerdem gab es, wie die grundlegende Arbeit von Ulrike Vogt über die preußischen Staatsbauten in Koblenz gezeigt hat, auch in Bereichen innerhalb der preußischen Stadtbefestigung Möglichkeiten, längst überfällige Bauprojekte anzugehen – so zum Beispiel nach dem Brand des kurfürstlichen Priester- und Waisenhauses.“
Vier markante Gebäude spiegeln die Aufbruchstimmung in Koblenz an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in besonderer Weise wider:
Regierungsgebäude
Das ehemalige Gebäude der Königlichen Regierung am Konrad-Adenauer-Ufer wurde in den Jahren von 1902 bis 1906 erbaut. Die Pläne schuf Paul Kieschke, Geheimer Baurat im preußischen Ministerium für öffentliche Arbeiten. Die Bauleitung übernahmen Beamte des Regierungsbauamtes in Koblenz.
Kaiser Wilhelm II. überwachte die Planungen persönlich und nahm mehrere Änderungen vor. Der imposante neuromanische Bau entstand an der Stelle des ehemaligen Priester- und Waisenhauses der kurfürstlichen Verwaltung. Zu den baulichen Vorbildern gehörte übrigens die im 11. Jahrhundert errichtete Kaiserpfalz in Goslar, die heute zu den besterhaltenen Profanbauten in Deutschland zählt.
Das ehemalige Oberpräsisium
Das im Stil des fränkischen und rheinischen Barocks ausgeführte Gebäude wurde von 1907 bis 1910 errichtet, um die Raumnot des Oberpräsidiums der Rheinprovinz zu lösen. Erstaunlich sind die Dimensionen des nördlich des Kurfürstlichen Schlosses errichteten Gebäudes, das heute Sitz des Oberlandesgerichts sowie der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord ist: Die Fassade hat eine Länge von rund 170 Metern.
Auch bei diesem Projekt intervenierte Kaiser Wilhelm II. persönlich, wobei die Initiative für den Bau wohl vom Oberpräsidenten Clemens Freiherr von Schorlemer-Lieser ausging. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die ersten Pläne in Koblenz gefertigt wurden. Die Ausführungspläne entstanden jedoch – wie beim benachbarten Regierungsgebäude am Rheinufer – in Berlin. Zuständig war wiederum das preußische Ministerium für öffentliche Arbeiten.
Erstes Dienstgebäude der Oberpostdirektion am Clemensplatz (1883–1907). Die Aufnahme entstand Anfang 2015. Foto: Holger Weinandt/Wikipedia CC BY-SA 3.0 de.
Alte Oberpostdirektion
Die Geschichte des ehemaligen Fernmeldeamtes 1, das später von der Deutschen Telekom genutzt wurde, reicht bis in die 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurüc k. Das Gebäude an der Ecke Poststraße/Clemensplatz wurde anstelle des sogenannten Lenzschen Hauses erbaut, das die Postverwaltung bereits 1817 erworben hatte und später abreißen ließ.
Dieser Vorgängerbau war einst der städtebauliche Kontrapunkt zum 1786/87 erbauten Lassaulxschen Haus. Da die Post viel Platz brauchte, nahm sie einen Bruch in Kauf. Postbaurat Hermann Cuno, der von 1869 bis 1875 Kreisbauinspektor in Koblenz war, entwarf schließlich ein Gebäude, das trotz der Einflüsse des Neubarocks an einen wuchtigen Renaissancepalast erinnert. Anders als die beiden Regierungsbauten wurde die alte Oberpostdirektion im Krieg schwer getroffen. Sie brannte völlig aus.
Zweites Dienstgebäude der Oberpostdirektion am Friedrich-Ebert-Ring (1907–1995). Heute Standort des Landesbetriebs .Mobilität. Foto: Holger Weinandt/Wikipedia CC BY-SA 3.0 de.
Als sich herausstellte, dass der Standort am Clemensplatz zu klein war, fiel der Entschluss, für die Kaiserliche Oberpostdirektion ein neues Gebäude zu errichten. Bei den Planungen entschied man sich wiederum für eine interne Lösung. 1905 konnten schließlich die Bauarbeiten beginnen, deren Abschluss in den Quellen nicht eindeutig datiert ist. Eine Eröffnung im Laufe des Jahres 1907 ist jedoch wahrscheinlich. Zu dieser Zeit war auch das benachbarte Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium fertig.
Noch immer gehört das Gebäude der Oberpostdirektion, das heute vom Landesbetrieb Mobilität genutzt wird, zu den stadtbildprägenden Bauten. Die als Mischung aus Spätgotik und Renaissance gestaltete Anlage ist heute nicht nur ein Spiegelbild der städtebaulichen Leistungen jener Zeit, sondern auch ein Beispiel für eine gelungene Sanierung: Das Gebäude wurde in den Jahren von 1983 bis 1986 entkernt und mit Ausnahme der historischen Fassade neu aufgebaut.
Auch in anderen Bereichen von Verwaltung, Justiz und Bildungswesen gab es massive Investitionen, die noch heute das Bild der Stadt Koblenz prägen. Die Ära Wilhelms II. war eben nicht nur eine Zeit verhängnisvoller Fehlentscheidungen im Konzert der Großmächte, sondern auch eine Phase einer erstaunlichen wirtschaftlichen Entwicklung, die zu einem wachsenden Wohlstand führte.
