KI-erzeugtes (Google Gemini) Idealbild einer mittelalterlichen Stadt an zwei Flüssen. Entfernt erinnert die Illustration an Koblenz.
Wie Koblenz sich zur Stadt entwickelt
Seit wann ist Koblenz Stadt? Trotz intensiver Forschungen kann diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden. Denn eine förmliche urkundliche Stadtrechtsverleihung hat es für die Siedlung an Rhein und Mosel nie gegeben. Der seit 1018 erzbischöfliche Ort macht allerdings keine Ausnahme. In den früheren römischen Kastellorten sind die Übergänge fließend. Die Stadtwerdung kann selten auf Jahr und Tag datiert werden. Deswegen können Entwicklungen nur im großen gesamteuropäischen Zusammenhang betrachtet werden.
Zwar wurde die Danne erst im 17. Jahrhundert angelegt, doch dokumentiert der enorme Höhenunterschied auch noch heute den Übergang von römischer Kernstadt zu den Stadterweiterungsgebieten, zu denen auch die Kastorstraße gehörte.
Generationen von Historikern haben sich bereits mit der sogenannten Urbanisierung im 10. und 11. Jahrhundert auseinandergesetzt. Und besonders die Trierer Gelehrten haben sich in der Forschung einen Namen gemacht: Ihre Ergebnisse sind im – von den Historikern Dr. Monika Escher-Apsner und Dr. Frank G. Hirschmann herausgegebenen – dreibändigen Monumentalwerk „Die urbanen Zentren des hohen und späten Mittelalters“ zusammengefasst. Die Trilogie behandelt sage und schreibe 461 Städte im östlichen Frankreich und im Westen Deutschlands.[1]

Aus dem Werk wird klar ersichtlich: Die Entwicklung zur Stadt hat die unterschiedlichsten Hintergründe. Es gibt politische, rechtliche, kirchliche, kulturelle, wirtschaftliche, fiskalische, soziale, städtebauliche, militärische und demografische Entwicklungen, die den Prozess der Stadtwerdung forcieren. Und die Vorgänge im Koblenz des beginnenden Hochmittelalters passen sehr gut in das europäische Puzzle. Denn in den Jahren ab 1000 gibt es gravierende Veränderungen.

Europa verändert sich
Wird die Bevölkerung im Europa der Frankenzeit auf rund 24 Millionen Menschen geschätzt, sollte sich die Zahl der Bewohner bis zum 14. Jahrhundert mehr als verdoppeln. Am Ende des Spätmittelalters lebten wohl 54 Millionen Menschen in Europa. Eine Hauptursache hierfür dürfte eine Verbesserung der Versorgungslage gewesen sein. Die Landwirtschaft wurde durch Rodungen ausgebaut, die um das Jahr 1100 eingeführte Dreifelderwirtschaft ermöglichte eine effiziente Nutzung der Böden. Außerdem meldeten Bergbau und Metallurgie deutliche Fortschritte. Und dank der Übersetzung von Schriften aus dem Arabischen gab es eine neue kulturelle Blüte. Erste Erfolge wurden bereits im 11. Jahrhundert spürbar.
Die Rolle der Städte als Handelszentren wuchs. Das Handwerk siedelte sich bevorzugt dort an, wo die wichtigsten Stränge des mittelalterlichen Lebens zusammenliefen. Und Koblenz hatte schon allein aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage gute Startbedingungen. Mit Recht geht der Historiker Dr. Dietmar Flach davon aus, dass Koblenz bereits zur Zeit des Übergangs des Königsgutes an die Trierer Erzbischöfe ein bedeutender Marktort war, der auch auf die umliegenden Dörfer ausstrahlte.[2] Dazu gehörte auch das heutige Lützel, dessen frühes Aussehen allerdings nicht mehr rekonstruierbar ist. Fest steht: Das kleine Dorf am nördlichen Moselufer, das schon früh rechtlich und wirtschaftlich auf Koblenz zugeschnitten war, ist auch als Treffpunkt der Großen jener Zeit überliefert. So verhandelten 1105 Heinrich IV. und sein Sohn Heinrich V. an einem unbekannten Ort im heutigen Stadtteil, wobei das Familientreffen wohl nicht allzu herzlich verlief. Nur ein Jahr später musste der Vater abdanken, während der Sohn Fürsten und Klerus hinter sich wusste.
Warum die beiden nicht direkt in Koblenz verhandelten, ist unklar. Dabei hatte der Ort zu dieser Zeit einiges zu bieten: Es gab zu dieser Zeit zwei Kernbereiche um die aufstrebenden Stifte St. Florin und St. Kastor und eine Bevölkerungsstruktur, die erste klare Konturen angenommen hatte. Es gilt als sicher, dass Handel und Handwerk bereits zu dieser Zeit eine starke Rolle spielten und eigene Interessenvertretungen gegründet hatten. Ferner hatte sich nach der Schenkung des Krongutes Koblenz eine neue örtliche Elite herausgebildet, die dem Trierer Erzbischof die Treue gelobt hatte. Dieser neue Stadtadel ging dazu über, im Gebiet der heutigen Innenstadt befestigte Gebäude zu errichten. Wohntürme, wie man sie heute noch in Regensburg bewundern kann, dürften auch das Bild von Koblenz im 11. und 12. Jahrhundert geprägt haben.
Bürger behaupten sich
Auch wenn Könige und Kaiser nur noch mittelbar auf die Stadt wirken konnten, heißt das nicht, dass der Klerus das Geschehen am Ort dominierte. Im Gegenteil: Eine Mitverwaltung der Bürger ist bereits für 1182 schriftlich bezeugt. Die ersten Stadtsiegel entstanden in den Jahren 1198 und 1214. Sie stehen damit für einen politisch-gesellschaftlichen Prozess, der nach rund 200 Jahren endlich zum Abschluss gekommen war. Die Koblenzer konnten mit Fug und Recht behaupten, Städter zu sein. Vor möglichen militärischen Übergriffen und Fehden waren sie unzureichend geschützt. Während sich der Adel in seine Stadttürme zurückziehen konnte, gab es für die Bürger nur noch das alte Kastell, das theoretisch als Zitadelle genutzt werden konnte. Allerdings muss die Anlage in einem desolaten Zustand gewesen sein. Die ältere Forschung geht deshalb davon aus, dass an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert um die alte Römermauer ein neuer Mauerring gelegt wurde. Als Urheber dieser Theorie kann Dr. Max Bär bezeichnet werden.[3]
Der Pionier des Koblenzer Archivwesens ging davon aus, dass bereits im 12. Jahrhundert eine neue mittelalterliche Befestigungsanlage bestand. Als Beweis führte er eine Urkunde von 1182 an. Dort ist von Vermittlungsbemühungen des Erzbischofs zwischen der Stadt und dem St. Simeonsstift in Trier die Rede. Streitpunkt war, dass die Koblenzer einen Teil des dem Trierer Stift gehörenden Moselzolls „ad civitatis edificia“, also zu Zwecken des „Stadtbaus“, beanspruchten. Daraus leiteten Dr. Adam Günther und Dr. Fritz Michel später ab, dass damals im Abstand von 12 Metern zum Kastell eine neue Stadtmauer errichtet worden war.[4] Die archäologischen Beobachtungen der jüngsten Vergangenheit brachten jedoch keine Beweise für die älteren Interpretationen. Fraglich ist daher, ob die im 12. Jahrhundert durchgeführten Arbeiten wirklich die Größenordnung einer völligen Neuanlage hatten. Aus Urkunden des Stiftes St. Florin geht eindeutig hervor, dass Teile des spätantiken Kastells auch noch im ausgehenden Mittelalter genutzt worden sind. Der Begriff „Stadtbau“ kann folglich ebenso gut für Ausbesserungs- oder Umbauarbeiten benutzt worden sein. Dazu kommt, dass Koblenz längst über die Grenzen der Bezirke innerhalb der Kastellmauer und an der heutigen Basilika St. Kastor hinausgewachsen war. Wer eine neue Mauer plante, musste daran denken, auch die neuen Bereiche einzubeziehen.
Undeutliche Spuren
Abgesehen von den großen Stiftsbauten St. Kastor und St. Florin, zu denen neben Kreuzgängen auch Gemeinschaftsbauten und Einzelbauten der Stiftsherren gehören, ist es kaum möglich, das Stadtbild von Koblenz im frühen Hochmittelalter zu rekonstruieren. Das liegt nicht nur an den schweren Zerstörungen des 17. Jahrhunderts. Bereits weit früher ist durch Kriege, Fehden oder Stadtbrände ein großer Teil der älteren Bausubstanz vernichtet worden. Informationen über diese Auseinandersetzungen sind rar. Zu nennen sind besonders der Kampf Philipps I. von Schwaben gegen den Welfen Otto IV. vor der Stadt im ausgetrockneten Flussbett der Mosel (1198), der Stadtbrand von 1245 und das Feuer auf dem Kastorhof 1511.
In den historischen Koblenzer Bürgerhäusern erinnern heute noch einige Keller, die bereits früh in Stein ausgeführt worden sind, an das Mittelalter. Vor 1944 konnte man außerdem oft romanische Giebelwände entdecken. Im Regelfall dominierte im mittelalterlichen Koblenz – wie in den meisten Städten nördlich der Alpen – die Fachwerkbauweise. Das heißt: Die Gebäude waren meist ohne Keller aus Holz, Stroh und Lehm errichtet worden und konnten bei Bedarf wieder abgebaut und an anderer Stelle neu aufgebaut werden.
Dass diese Praxis gängig war, lässt sich seit dem 13. Jahrhundert auch aus mittelalterlichen Urkunden ableiten. So werden Fachwerkhäuser in Testamenten als „Mobilien“ erwähnt, während nur Steinhäuser als Immobilien genannt werden. Deswegen ist es heute schwierig, diese einfachen Gebäude aufzuspüren. Eine Ausnahme ist ein Fund aus den frühen 80er-Jahren im Bereich der späteren Rathauspassage. Damals gelang es Landesarchäologen, den Grundriss eines Fachwerk-Ständerbaus freizulegen. Hausgrundrisse, Keller, Abfallgruben und Brunnen wurden auch bei den Ausschachtungsarbeiten am Ende der Weißergasse (Nr. 53) entdeckt. Besonders fielen die Überreste zweier kleiner, ehemals in Pfostenbauweise errichteter Fachwerkhäuser auf, die einst ein Brand zerstört hatte. Erhalten geblieben waren auch die Fundamente eines Kellers aus Bruchstein-Trockenmauerwerk.
Im Sommer und Herbst 2015 lieferten weitere Ausgrabungen in der Weißergasse Hinweise darauf, dass das mittelalterliche und vorbarocke Koblenz von den Darstellungen auf den frühen Stadtansichten des 16. und 17. Jahrhunderts erheblich abweicht: Einfache Häuser, die heute längst verschwundene Gassen voneinander trennten, führen uns in eine „fremde“ Stadt, deren einstiges Aussehen heute nur noch mithilfe der Archäologie in Bruchstücken nachgezeichnet werden kann.
Quellen und Literatur
-
[1] Monika Escher-Apsner und Frank G. Hirschmann (Hg.), Die urbanen Zentren des hohen und späten Mittelalters. Untersuchungen zu Städten und Städtelandschaften im Westen des Reiches und in Ostfrankreich. 3 Bde., Trier 2005.
-
[2] Dietmar Flach, Herrscheraufenthalte bis zum hohen Mittelalter, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 1, Stuttgart 1992, S. 87–120.
-
[3] Max Bär, Der Koblenzer Mauerbau. Rechnungen 1276–1289, Leipzig 1888 (Publikation der Gesellschaft für Rheinische Geschichte, Bd. 5).
-
[4] Dazu unter anderem: Fritz Michel, Geschichte der Stadt Koblenz im Mittelalter, Trautheim/Mainz 1963.
