Der letzte Viehmarkt auf dem Florinsmarkt am 9. Mai 1890, über den auch im Buch „Von der Fleischerzunft zur Fleischer-Innung. Die Koblenzer Fleischer-Innung und ihre Geschichte im Überblick“ von Hans Lehnet und Hans Werner Seul (2006) berichtet wird. Aus diesem Buch wurde auch die Vorlage für die KI-Kolorierung übernommen. Für die Kolorierung wird natürlich kein wissenschaftlicher Anspruch erhoben.
Das Ende des Schlachtens im eigenen Haus
Neben Wasserversorgung, Kanalisation und der Neuordnung des Krankenhauswesens gab es für die Kommunen im Bereich der Stadthygiene zwei weitere große Herausforderungen: der Kampf gegen die „wilden“ Hausschlachtungen und die Einführung einer professionellen Müllabfuhr. Und wieder waren die Koblenzer Stadtväter mit vielen teuren Problemen konfrontiert.
Erst 1890 wurde im heutigen Stadtteil Rauental ein öffentlicher Schlachthof eröffnet. Bis dahin waren die 72 Hausschlachtereien im Stadtgebiet ein Herd für Infektionskrankheiten gewesen. Denn die Betriebe lagen überwiegend in den Hinterhäusern der Alt- und Innenstadt. Die meisten Metzger ließen Abwässer und Blut in die Straßenrinnen laufen, Abfälle und Gedärme wanderten einfach in die Abtritte. Hinzu kam, dass viele Gruben undicht waren.
Grundwassergüte gefährdet
Besonders beliebt war es, die Gruben so weit abzuteufen, dass sie bis auf die Kiesschichten des Rheins und der Mosel hinabreichten. Das bedeutete eine echte Gefahr für die Qualität des Grundwassers. In einigen Fällen wurden sogar die nur für das Oberflächenwasser gedachten Kanäle aus kurfürstlicher Zeit angezapft und somit die Entsorgung von Problemabfällen „elegant“ gelöst. Verschmutztes Wasser konnte dann durch die lockeren Kiesschichten in die Trinkwasserbrunnen eindringen.
Obwohl die Behörden früh von einer Gefährdung von Kunden durch das Fleisch aus den kleinen Betrieben ausgingen, gehört der lange Streit um ein zentrales Schlachthaus mit hygienisch einwandfreien Arbeitsbedingungen für die örtlichen Fleischer zu den wenig rühmlichen Kapiteln der Koblenzer Stadtgeschichte. Von den ersten Überlegungen in napoleonischer Zeit bis zur tatsächlichen Ausführung sollten gut 80 Jahre ins Land ziehen. Innerhalb der Festungsmauern gab es keinen Platz, der sich wirklich für den Bau eines Schlachthauses eignete. Und vor den Toren der Festung Koblenz wollte die Kommune wegen der äußerst strengen Auflagen des preußischen Militärs nicht investieren. In Krisenfällen mussten die Stadtväter damit rechnen, die teure Anlage auf Kosten der Kommune beseitigen zu müssen.
Auch das Koblenzer Schlachthaus hat eine Vorgeschichte, die weit zurückreicht. So war bereits 1764 am Moselufer ein Viehhof errichtet worden, der sich allerdings nicht lange hielt. Das passte gut zu den Entwicklungen in anderen deutschen Städten, wo sich bereits im Dreißigjährigen Krieg der Niedergang der seit dem Mittelalter bekannten zentralen Schlachtstätten bemerkbar gemacht hatte. Auch die Franzosen vermochten nicht, die in Koblenz klaffende Lücke zu schließen. Zwar hatte man 1807 die Florinskirche als Schlachthof auserwählt und der Stadt geschenkt, doch fiel der geplante Umbau aus. Das Gotteshaus blieb ein Stall, bevor es 1824 durch den preußischen Staat an die evangelische Gemeinde übergeben wurde.
Erst im März 1859 kam wieder Bewegung in die Sache. Die Koblenzer Polizeidirektion, die auch für Fragen der öffentlichen Hygiene zuständig war, brachte drei mögliche Bauplätze ins Spiel. Im Herbst wurden weitere Alternativen genannt und Informationen über die neuen Schlachthäuser in Speyer und Worms angefordert. Ergebnis: Die ausgewählten Bauplätze waren ungeeignet. Das teure Projekt wurde schließlich verschoben. Daran änderte sogar das Reichsgesetz über den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen vom 14. Juni 1879 eigentlich nichts. Bevor nicht endgültig über die Zukunft der Stadtbefestigung entschieden war, wollten Rat und Verwaltung keine Entscheidung treffen. Die Metzger lebten unterdessen mit Provisorien, und nicht immer war das Verhältnis untereinander kollegial. Einige zeigten sich gegenseitig an oder klagten. Der Druck auf die Stadt stieg, zumal auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen eindeutig waren. 1884 erwarb die Kommune schließlich das gesamte Gelände des Bassenheimer Hofes, der sich an der Stelle des heutigen Stadtbades befand. Schließlich wurden Pläne für den Umbau zum Schlachthaus ausgearbeitet und bei der Bezirksregierung als Oberen Genehmigungsbehörde eingereicht. Ähnlich wie in der heutigen Bauleitplanung musste das Projekt offengelegt werden.
Protest gegen Altstadt-Standort
Der Protest gegen das Schlachthaus ließ nicht lange auf sich warten. Oberstabsarzt Dr. Herzer, Chef des benachbarten, im alten Dominikanerkloster eingerichteten Garnisonslazaretts, erhob Einspruch wegen der zu erwartenden Geruchs- und Lärmbelästigungen. Schließlich befasste sich das preußische Ministerium für Handel und Gewerbe mit der Angelegenheit. In Berlin sah man die Dinge ganz ähnlich und lehnte Ende Februar 1885 den Bau eines Schlachthauses an dieser Stelle vorläufig ab. Begründung: die zu erwartenden Ausdünstungen, die die Gesundheit der Patienten gefährden könnten. Gleichzeitig nahm das Ministerium die Stadt in die Pflicht, Verhandlungen über einen besseren Standort außerhalb der Festungsumwallungen aufzunehmen. In Berlin ließ man durchblicken, dass der Militärfiskus gegebenenfalls zu erheblichen Zugeständnissen bereit war.
Am Hundspfad im heutigen Stadtteil Rauental wurde man fündig. Die Stadt erwarb „zu mäßigem Preise“ ein drei Hektar großes Grundstück.
„Eine solche Fläche bot allein die Möglichkeit, ein öffentliches Schlachthaus mit allen sich an das eigentliche Schlachtgebäude notwendigen oder wünschenswerten Anlagen und Bequemlichkeiten, wie sie in der Neuzeit bei allen größeren städtischen Schlachthäusern sich vorfinden, zu errichten“, heißt es im Verwaltungsbericht.
Verantwortlich war zunächst der kommissarische Stadtbaumeister Georg Breiderhoff.
Die Planungsphase endete bereits 1886. Dass alles relativ schnell ging, lag auch an der örtlichen Militärbehörde, die sich sehr entgegenkommend zeigte und dem Bau massiver Gebäude im Rauental zustimmte. Damit war der Weg für die Detailarbeiten frei. Die Leitung übernahm Friedrich Wilhelm Ludwig Mäckler (1852–1913), der das Projekt überarbeitete. Der neue Regierungsbaumeister und Stadtbaurat sollte das kommunale Baugeschehen in der Provinzhauptstadt bis zu seinem Tod prägen.
Zum Schlachthof, der bis 1993 bestand, gehörten unter einem Schlachthalle für Groß- und Kleinvieh, die Schweineschlachthalle und die 1913 erichtete Nutzviehhalle (Foto aus einem Verwaltungsbericht). Letztere ist als einziges Gebäude erhalten geblieben und wird heute von einem Supermarkt genutzt.
Eine wichtige Entscheidung
Die Koblenzer Stadtverordneten machten am 22. Februar 1888 endgültig den Weg für den Bau des Schlachthofes frei, der – nach den Berechnungen Mäcklers – rund 400.000 Mark kosten sollte. Die Genehmigung der Bezirksregierung folgte am 27. April. Der Grundstein wurde am 4. Juli gelegt. Die folgenden Bauarbeiten erledigten ausschließlich Koblenzer Unternehmen. Eine Ausnahme waren die Steinmetzarbeiten von Mathias Luxem aus Mayen.
Innenraum der 1912 vollendeten Nutzviehhalle. Foto aus der Erbauungszeit. Quelle: Verwaltungsbericht 1913.
Der Koblenzer Schlachthof, der bis 1993 existieren sollte, bestand aus einem Viehhof und dem eigentlichen Schlachthof. Beide Bereiche waren durch eine Mauer getrennt. Zum Schlachthof gehörten eine Schlachthalle für Groß- und Kleinvieh, die Schweineschlachthalle, Stallungen, die Kaldaunenwäsche, das Kühlhaus, das Maschinengebäude sowie das Verwaltungsgebäude mit den daran anschließenden Stallungen und Schuppen – auch für die kranken Tiere. Der Viehhof enthielt neben Stallungen auch einen Gastronomiebetrieb und eine Dienstwohnung. Die gesamte Anlage wurde – wie in den meisten anderen deutschen Kommunen auch – von der Stadt selbst betrieben und am 15. Mai 1890 feierlich eingeweiht, wobei sich die Koblenzer Metzgerinnung mit einem Umzug beteiligte.
Der Schlachtbetrieb begann
Bis zum 1. April 1891 wurden 3967 Stück Großvieh und 19.480 Stück Kleinvieh geschlachtet. Damit wurde auf Anhieb fast die Leistungsfähigkeit aller Koblenzer Metzgereien erreicht. Zum Vergleich: 1865 waren in der Stadt 2011 Ochsen und Stiere, 13.346 Kälber, 3881 Schweine und 2049 Schafe geschlachtet worden. Der Schlachthof übertraf schnell diese Zahlen: Bereits im Geschäftsjahr 1892/93 wurden 33.951 Schlachtungen gezählt.
Mit der Inbetriebnahme des Schlachthofes, der neuen Kanalisation und der Trinkwasserversorgung waren die wichtigsten Probleme der Stadthygiene erst einmal gelöst. Unbefriedigend gelöst war allerdings das Thema Abfallwirtschaft. Sie lag jahrzehntelang in den Händen unzuverlässiger Fuhrunternehmer, die den Unrat entweder auf Feldern oder in „wilden“ Deponien entsorgten. Die Situation wurde deutlich besser, als die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in diesem Bereich die Regie übernahm.
🏛️ CHRONIK: SAUBERE STADT
1791
Im von der Revolution erschütterten Frankreich wird die Vieh- und Fleischbeschau eingeführt.
1810
Kaiser Napoleon schreibt für alle größeren und mittleren Städte den Bau von Schlachthäusern und die Einführung des Schlachthauszwanges vor. Dem französischen Vorbild wird in den deutschen Staaten erst nach der Jahrhundertmitte gefolgt. Entscheidend ist der medizinische Fortschritt: Nach mikroskopischen Untersuchungen wird klar, dass die Epidemien der 1850er- und 1860er-Jahre oft durch verdorbenes Fleisch verursacht worden sind. Erst jetzt fordern Wissenschaftler die Einführung einer verpflichtenden Fleischbeschau durch Veterinäre und den Bau öffentlicher, streng überwachter Schlachthäuser.
1854
In München gibt es noch 1735 Müllgruben, in denen Viehdünger, Asche und Kehricht lagern. Diese Gruben werden nur einmal im Jahr geleert. Dabei wird der Müll einfach in Körbe oder Trommeln geschaufelt und dann in offenen Wagen abtransportiert.
1868
Preußen erlässt ein Schlachthausgesetz, das auch von anderen deutschen Staaten übernommen wird. Das Gesetz gibt Kommunen eine rechtliche Handhabe, durch ein Ortsstatut die Einrichtung von Schlachthäusern vorzuschreiben. Mit dem Gesetz ist auch der Zwang verbunden, Schlachtvieh in diesen Häusern tierärztlich untersuchen zu lassen. Da der preußische Staat die Umsetzung der neuen gesetzlichen Vorschriften den Kommunen überlässt, dauert es recht lange, bis das Recht überall umgesetzt ist.
1894
In Hamburg geht die erste deutsche Müllverbrennungsanlage in Betrieb. Vorreiter ist wiederum England. Dort werden 1896 bereits 70 Müllverbrennungsanlagen gezählt.
1901
Obwohl viele deutsche Städte eine Kanalisation haben, bleibt die Lage kritisch. Der Kommunalexperte Carl Hugo Lindemann stellte bereits 1901 fest, dass die Fäkalien in 80,33 Prozent der deutschen Städte in Gruben landen – und damit oft auch Abfälle. Berechnungsgrundlage sind 564 Städte im damaligen Deutschen Reich mit einer Größe ab 5000 Einwohnern.
1902
In Koblenz wird der Weg frei für eine geregelte Abfuhr des Mülls. Den Durchbruch bringt zum einen eine Polizeiverordnung, zum anderen entschließt sich die Stadt, zwölf Kehrichtwagen anzuschaffen. Die Verwaltung ist damit bei der Organisation der örtlichen Abfallentsorgung federführend.
1905
Die Praxis, Müllbehälter in geschlossenen Kutschen zu transportieren, ist weit verbreitet, setzt sich aber in Koblenz nicht durch.
1908
Von 78 deutschen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern haben 72 zentrale Schlachthöfe. Außerdem gibt es 47 kommunale Viehhöfe.
1909
In Frankfurt geht eine kombinierte Müll- und Klärschlamm-Verbrennungsanlage in Betrieb.
