Separatisten der Rheinischen Republik vor dem Kurfürstlichen Schloss in Koblenz, in der Mitte Josef Friedrich Matthes. Die Aufnahme entstand am 22. November 1923. KI-optimiert und KI-koloriert. Foto: Wikipedia Commons.
Ein Schicksalsjahr für alle Koblenzer
Als die US-Truppen Ende Januar 1923 auf der Festung Ehrenbreitstein ihre Fahne einholten und die Befehlsgewalt an die Franzosen übergaben, standen die Zeichen auf Sturm. Denn Hunger und die Folgen des Ruhrkampfes führten dazu, dass sich das Verhältnis zwischen Koblenzern und der neuen Besatzungsmacht dramatisch verschlechterte.
Schon vor dem Einmarsch der Franzosen war das Leben für die Menschen an Rhein und Mosel nicht einfach. Die Wirtschaft war weitgehend zusammengebrochen, es fehlte an allem. Als Hemmnis für einen zügigen wirtschaftlichen Wiederaufstieg hatte sich vor allem auch die Tatsache erwiesen, dass sämtliche Bereiche der Innen- und Wirtschaftsverwaltung in den von den deutschen Truppen geräumten Gebieten der Interalliierten Rheinlandkommission in Koblenz unterstanden. Die Stadtverwaltung, die im Krieg die Hauptlast der Versorgung getragen hatte, konnte jetzt nur noch begrenzt eingreifen.
Unterbrochene Verbindungen
Mit der Besetzung des Ruhrgebietes und dem Besatzungswechsel im Rheinland spitzte sich die Situation weiter zu. Zum einen waren die besetzten Gebiete vorübergehend von der Rohstoffversorgung aus dem Reichsgebiet abgeschnitten, zum anderen waren die Verkehrsverbindungen und der Geschäftsverkehr mit den unbesetzten oder im neutralen Gebiet liegenden Kreisen unterbrochen.
Besonders die Koblenzer litten unter der Situation, weil zur allgemein schlechten Versorgung auch noch die zunehmende Wohnungsnot kam. Hatten die Amerikaner infolge der stetigen Verringerung ihrer Präsenz bei der Beschlagnahmung von Privathäusern noch Augenmaß bewiesen, wurde die Situation für die Bürger mit dem Einmarsch der Franzosen wieder unangenehmer.
Eine offene Rechnung
Keine Frage: Die neuen Herren hatten wegen des verlorenen Krieges von 1870/71 noch eine Rechnung offen und waren deshalb zunächst wenig geneigt, Milde walten zu lassen. Obendrein strebte vor allem der berüchtigte Marschall Ferdinand Foch als Berater der französischen Regierung eine Abtrennung der linksrheinischen Gebiete vom Deutschen Reich an, um sie perspektivisch Frankreich anzugliedern. Da dies aber mit den um Ausgleich bemühten Briten und Amerikanern nicht zu machen war, wurden die Pläne geändert. Wie das in der Praxis aussah, sollten die Rheinländer schon im Herbst 1923 zu spüren bekommen.
Weil die französische Besatzung den Widerstand der einheimischen Bevölkerung befürchtete, versuchte sie, Kommunikationskanäle durch rigorose Eingriffe in die Pressefreiheit zu stoppen. Am Anfang stand das Verbot fast aller Koblenzer Zeitungen im Februar 1923. Obwohl das Verbot zunächst für drei Tage galt, war dieser Schritt nicht besonders geschickt. Zum einen war das Klima vollends vergiftet, zum anderen waren die Behörden ihrer Bekanntmachungsmöglichkeiten beraubt worden. Plakate mussten die Lücke füllen.
Außerdem versuchte die Interalliierte Rheinlandkommission als oberste zivile Verwaltungseinrichtung der Siegermächte für die besetzten Gebiete, den Mangel mit eigenen Publikationen zu beheben, was jedoch am Widerstand der Koblenzer Drucker scheiterte. Deswegen konzentrierte sich die Besatzung nun auf Aktionen gegen die Tagespresse. Noch im Februar dehnte sie das Verbot der „Coblenzer Zeitung“ auf vier Wochen aus. Von April bis Juni folgten weitere Verbote. Außerdem wurde das Führungspersonal der lokalen Presse vor das französische Militärpolizeigericht gestellt, weil es angeblich gegen die Verordnungen der Rheinlandkommission verstoßen hatte.
Infolge der französischen Repressalien drohte den örtlichen Blättern der Ruin, denn die Verleger waren ja nicht nur auf den Verkauf, sondern eben auch auf die Anzeigen angewiesen. Die vorübergehenden Schließungen gefährdeten aber nicht nur Arbeitsplätze. Weil die deutschen Behörden keine Möglichkeit mehr hatten, kurzfristig Bekanntmachungen zu veröffentlichen, war auch die Versorgung mit Lebensmitteln gefährdet, die damals noch mit Karten geregelt war.
200 Buchtitel verboten
Die rigiden Einschnitte betrafen nicht nur die Zeitungsverlage. Bis 1927 wurden in den besetzten Gebieten rund 200 Buchtitel verboten. Die Besatzungsmacht kontrollierte auch Filme, Theaterstücke und das Vereinswesen. Das äußerst strenge Vorgehen der Franzosen, verbunden mit den viel zu harten Urteilen der gefürchteten Militärgerichte, die meist zu Ausweisungen oder Haftstrafen führten, weckte den Widerstand der Einheimischen.
Im Mai und Juni 1923 kam es zu Unruhen, Streiks und Boykottmaßnahmen. Die Aktionen blieben folgenlos, zumal sich in sämtlichen besetzten Gebieten die Situation der Deutschen verschlechterte. Der passive Widerstand war kräfteraubend und teuer. Das neue Kabinett Stresemann, das seit Mitte August im Amt war, entschied sich deshalb am 26. September, die Aktion abzubrechen. Die Aktivitäten konzentrierten sich jetzt auf die Schaffung einer stabilen wirtschaftlichen Lage. Dafür war wiederum die Überwindung der Inflation Voraussetzung. Mit der Einführung der Rentenmark am 15. Oktober 1923 wurde ein wichtiges Ziel erreicht.
Während es in den nicht besetzten Reichsgebieten allmählich ruhiger wurde, blieb die Lage im Rheinland instabil. Immer noch war ein großer Teil der Bevölkerung von staatlichen Zuwendungen abhängig. Als dann die Reichsregierung am 15. November auch noch die Zahlungen für die besetzten Gebiete einstellte, schienen französische „Hardliner“ fast am Ziel zu sein. Es sah fast so aus, dass eine aus dem Reichsverband herausgelöste Republik Wirklichkeit werden würde. Diese sollte sich quasi als Puffer zwischen die beiden Großmächte Frankreich und Deutschland schieben.
Um den Widerstand der Einheimischen zu brechen, wurden Separatisten gefördert. Zu den Köpfen der Bewegung zählte Staatsanwalt Dr. Hans Adam Dorten, der bereits am 1. Juni 1919 in Wiesbaden die „Rheinische Republik“ ausgerufen hatte, aber am Widerstand der Bevölkerung gescheitert war. Danach war Dorten nach Koblenz umgesiedelt, wo er die Gutenberg-Verlagsdruckerei kaufte und den „Rheinischen Herold“ herausgab.
Als die Separatisten schließlich in Aachen putschten und dort am 21. Oktober 1923 die Rheinische Republik ausriefen, schien Dortens Stunde gekommen zu sein. Denn die Sonderbündler versuchten sofort, den Putsch nach Koblenz auszuweiten. Schon am 22. Oktober forderten zwei Parlamentäre die Übergabe der Polizeigewalt. Die Verwaltung – allen voran Oberbürgermeister Karl Russell – weigerte sich.
Konsequenz: Die unter französischer Aufsicht stehende Bahn brachte 200 Separatisten in die Stadt, die am Morgen des 24. Oktober durch die Straßen der Koblenzer Innenstadt marschierten – und schließlich vor dem Rathaus von empörten Bürgern verprügelt wurden. Unter dem Schutz der französischen Besatzungstruppen zogen sich die Putschisten ins Kurfürstliche Schloss zurück und hissten dort die grün-weiß-rote Fahne der Rheinischen Republik.

Das Ende der Rheinischen Republik
Das Regime der Separatisten zerbrach schließlich an der Regierungsunfähigkeit der Akteure und an fehlenden finanziellen Mitteln. Außerdem schwächten sich Hans Adam Dorten und sein Widersacher – der Journalist Josef Matthes – gegenseitig. Schließlich kam es im Siebengebirge zu schweren Kämpfen mit Freiwilligen, denen die Separatisten unterlagen. Und auch die Franzosen waren unter Druck geraten. Die britischen Alliierten duldeten ihr Vorgehen auf Dauer nicht. Und so brach das Separatistenregime Anfang 1924 zusammen.
Das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen normalisierte sich nur schleppend. Auch nach dem gescheiterten Aufstand der Separatisten gingen die Repressalien weiter. So wurden zum Beispiel weiter Immobilien beschlagnahmt.
„Außerdem mussten zahlreiche weitere Mitglieder die besetzte Zone verlassen, vor allem dann, wenn sie Eisenbahnbeamte waren. Das war wohl die Quittung dafür, dass sich einige Beamte geweigert hatten, Separatisten zu befördern“,
stellte der Beamten-Wohnungs-Verein im Dezember 1923 nüchtern fest.[1]
Anmerkungen
[1] Über die Separatistenaufstände im Rheinland sind folgende Standardwerke erschienen: Helmut Gräwen, Koblenz im Krisenjahr 1923, Koblenz 1979. Martin Schlemmer, Los von Berlin, Köln 2007.
📌 CHRONIK: DAS WAR 1923
JANUAR
Französische und belgische Truppen marschieren am 11. Januar in das Ruhrgebiet ein. Begründung: Deutschland erfülle seine Reparationsverpflichtungen nicht. Zwei Tage später verkündet der parteilose Reichskanzler Wilhelm Cuno den passiven Widerstand.
FEBRUAR
Das Reichsgesundheitsamt gibt am 20. Februar bekannt, dass in den deutschen Städten 50 Prozent der Kinder unterernährt sind. Im Reichsgebiet gerät die Inflation außer Kontrolle. Am 25. Februar kostet 1 US-Dollar 22.750 Mark.
MÄRZ
In geschlossenen Ortschaften darf ab 1. März nicht schneller als Tempo 30 gefahren werden.
APRIL
In Berlin wird am 14. April der Flughafen Tempelhof eröffnet. Bei einem Flugzeugabsturz am Eröffnungstag verunglücken zwei Stadtverordnete tödlich.
MAI
Die direkte Flugverbindung zwischen Berlin und London wird am 3. Mai aufgenommen. Der Hamburger Landesparteitag der Deutschen Volkspartei (DVP) stimmt am 27. Mai für den Parteiausschluss aller Juden. In Irland endet ein blutiger Bürgerkrieg. Ergebnis: Der Norden der Insel bleibt Teil des Vereinigten Königreichs. Auf dem Balkan brodelt es. Autonomieforderungen Kroatiens scheitern. Veränderungen gibt es auch in Nahost: Transjordanien wird ein unabhängiger Staat und von Palästina abgetrennt.
JUNI
In Sizilien bricht am 17. Juni der Ätna aus. Am selben Tag wird der Danziger Flughafen eingeweiht.
JULI
Diktator Benito Mussolini gibt die Italianisierung des deutschsprachigen Südtirols bekannt.
AUGUST
Großbritannien verurteilt die Besetzung des Ruhrgebietes.
SEPTEMBER
Das schwere Erdbeben am 1. September in Japan fordert rund 143.000 Todesopfer. Am selben Tag annektiert Großbritannien das heutige Simbabwe als Kronkolonie. In Spanien errichtet General Miguel Primo de Rivera y Orbaneja nach einem Putsch am 13. September eine Militärdiktatur. König Alfons XIII. ist einverstanden. In Oklahoma wird wegen der Aktivitäten des Ku-Klux-Klans am 15. September das Kriegsrecht verhängt. In Preußen werden am 25. September Volksspeisungen eingeführt.
OKTOBER
In Berlin erhält die Regierung unter Reichskanzler Gustav Stresemann (eine große Koalition aus SPD, Zentrum, DDP und DVP) am 13. Oktober durch ein Ermächtigungsgesetz weitgehende Vollmachten. Am 21. Oktober rufen Separatisten in Aachen die Rheinische Republik aus. Am 29. Oktober wird die Türkei Republik. Im Reich beginnt die Geschichte des öffentlichen Rundfunks.
NOVEMBER
Aus Protest gegen das Einschreiten des Reiches gegen die Regierung von SPD und KPD in Sachsen verlässt die SPD am 3. November die Reichsregierung. In München verkündet Adolf Hitler am 8. November die „nationale Revolution“ und ruft den Marsch auf Berlin aus. Sein Aufstand misslingt. Am 23. November scheitert das Kabinett Stresemann endgültig. In der neuen Minderheitsregierung aus Zentrum, DVP, DDP und BVP unter Führung von Wilhelm Marx wird Stresemann Außenminister.
DEZEMBER
Das Internationale Rote Kreuz ruft am 7. Dezember dazu auf, für die hungernde deutsche Bevölkerung zu spenden.
