Schloss Stolzenfels nach Vollendung der wichtigsten Sanierungsabschnitte. Foto KI optimiert.
Der „schlanke“ Staat vergisst die Armen
Seine malerische Lage auf einem Felssporn erhebt das „mittelalterliche“ Schloss Stolzenfels zum wohl wichtigsten Symbol der Rheinromantik: Der steinerne Zeuge einer bewegten Zeit verführt leicht dazu, die ersten Jahrzehnte der preußischen Herrschaft milde zu bewerten. In Wirklichkeit war das Verhältnis der neuen Herren zur Bevölkerung gespannt. Das lag nicht nur an den konfessionellen Gegensätzen, sondern vor allem an den nicht zu unterschätzenden sozialen Spannungen.
Burg Stolzenfels, im 13. Jahrhundert vom Trierer Erzbischof Arnold von Isenburg als Burg zur Sicherung des Rheinzolls erbaut, war seit dem Pfälzischen Erbfolgekrieg eine Ruine und seit der Säkularisation in napoleonischer Zeit Eigentum der Stadt Koblenz. Die wiederum beschloss früh, die Burg dem späteren König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) zu schenken, der das Geschenk allerdings erst 1823 annahm – obwohl er bereits acht Jahre zuvor beeindruckt von einer Rheinreise nach Berlin zurückgekehrt war. Vom Geist der Romantik und der Sehnsucht nach dem Mittelalter beeinflusst, wollte der preußische Kronprinz die Ruine zu seiner Sommerresidenz ausbauen. Der Thronfolger entschied sich schließlich für einen historisierenden Neubau, der erst 1845 vollendet wurde. Dieses „Märchenschloss“ sollte gut 165 Jahre später im Zuge einer aufwendigen Sanierung im Auftrag der Generaldirektion Kulturelles Erbe unter Federführung des Landesbetriebs Liegenschafts- und Baubetreuung vor dem Untergang gerettet werden.
Das „Projekt Stolzenfels“ begann mit einem Planungsauftrag an den im Dienste der Bezirksregierung stehenden Bauinspektor Johann Claudius von Lassaulx. Der lange vergessene, von Kunsthistorikern jedoch wiederentdeckte Architekt, der übrigens auch Stadtbaumeister von Koblenz war, erledigte seinen Auftrag prompt. Die Pläne gingen nach Berlin, wo sie dem damals fast allmächtigen Chef der preußischen Oberbaudeputation, Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), vorgelegt wurden. Erst 1835 begann der Wiederaufbau nach Schinkels Plänen. Sieben Jahre später war der Bau so weit gediehen, dass das Schloss in Gegenwart des Königs mit einem Fackelzug in historischen Kostümen eingeweiht werden konnte. Schinkel erlebte die Fertigstellung nicht. Seine Schüler Friedrich August Stüler, Ludwig Persius und Johann Heinrich Strack vollendeten die neugotische Anlage, in der deutsche, englische und südländische Einflüsse verschmolzen.[1]
Militärische Repräsentanz statt sozialer Fürsorge
Das Beispiel Schloss Stolzenfels zeigt: Der „schlanke“ Staat, nach dem sich heute so mancher Politiker sehnt, kümmerte sich in erster Linie um seine Repräsentativbauten und um das Militär. Für das Sozialwesen und die Gesundheitsvorsorge waren die chronisch finanzschwachen Kommunen zuständig, die mit dieser Aufgabe in der Regel hoffnungslos überfordert waren. In der neuen Provinzhauptstadt erschwerte die Allgegenwart des Militärs die Situation zusätzlich – denn Koblenz hatte auch für die preußische Generalität eine große Bedeutung: Bereits 1814 wurde im Von-der-Leyenschen Hof im Kastorviertel das Generalkommando des VIII. preußischen Armee-Korps angesiedelt, das die Truppenteile und Verbände in der gesamten Rheinprovinz befehligte.
Erster Kommandierender General der Truppen im Rheinland war General August Neidhardt von Gneisenau (1760–1831). Sein Generalstabschef war Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (1780–1831), der später als Militärtheoretiker berühmt werden sollte. Die in Koblenz stationierten Einheiten wechselten oft; wegen des laufenden Festungsbaus und der fehlenden Kasernen waren Einquartierungen an der Tagesordnung. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte das Problem gelöst werden, doch schuf der enge Festungsgürtel neue Schwierigkeiten.
Armut und zivilgesellschaftliche Hilfe
Trotz der begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten hatte Koblenz auch für die Bevölkerung aus der Region eine große Bedeutung. Viele hofften darauf, einen der schlecht bezahlten neuen Arbeitsplätze in der Hauptstadt zu bekommen. Eine soziale Absicherung gab es nicht. Mittellose waren in erster Linie auf die Gnade ihrer Mitmenschen angewiesen – daran hatte sich seit dem Mittelalter grundsätzlich nichts geändert. Denn die kommunalen Armenkassen hatten so bescheidene Größenordnungen, dass sie die Lebensbedingungen für sozial Benachteiligte nicht verbesserten.
Ganz im Gegenteil: Die napoleonische Zeit hatte trotz ihrer vielen guten theoretischen Ansätze ein Vakuum hinterlassen, das die Preußen erst im Laufe der Jahre füllen konnten. Da die karitativen Einrichtungen der geistlichen Korporationen infolge der revolutionären Umwälzungen weitgehend aus der Stadt verschwunden waren, reichte das im alten Franziskanerkloster eingerichtete Bürgerhospital wegen seiner bescheidenen Dimensionen nicht aus, die Lücken zu schließen, die das einst von den Orden geschaffene System hinterlassen hatte.
Eine erste Konsequenz war, das von den Franzosen gegründete Bürgerhospital von der Verpflichtung, Soldaten zu behandeln, zu befreien. Die Einrichtung befand sich fortan ausschließlich in der Obhut der Stadt. Nicht Zuschüsse des Staates, sondern mildtätige Stiftungen im großen Stil – etwa durch den Unternehmer Hermann Josef Dietz – machten den Fortbestand und Ausbau erst möglich.
1825 wurde das Koblenzer Franziskanerkloster schließlich vorübergehend geräumt und erheblich vergrößert. Von diesem Zeitpunkt an war es ein reines Bürgerhospital. Die Nutzung durch das Militär entfiel. Für die Betreuung der Soldaten wurden eigene Lazarette gebaut. Der Fortschritt der Maßnahme dürfte in erster Linie im Zuschnitt der Räume für die Kranken gelegen haben. Denn bis dato waren voneinander getrennte Funktionsbereiche unüblich – die Behandlung erfolgte unter katastrophalen hygienischen Zuständen.
Eine zweite Neuerung war, dass die Betriebsführung des Hospitals – wie es bereits im Gründungsedikt von 1805 vorgesehen war – an die Borromäerinnen abgegeben wurde. Die nach dem heiligen Kardinal Karl Borromäus (1548–1608) benannte Kongregation war kein Orden im klassischen Sinne. Die Mitglieder hatten sich aber der strengen Lebensführung und der Krankenpflege verschrieben. Die Frauen lösten in Koblenz die drei bezahlten Wärterinnen ab, die in den ersten Jahren die Pflege übernommen hatten.
Die wohl bekannteste Betreuerin war die mit Clemens Brentano und der Lyrikerin Luise Hensel eng befreundete Apollonia Diepenbrock aus Bocholt. Sie hatte im Bürgerhospital die Krankenpflege erlernt, zog aber bereits im Frühjahr 1834 nach Regensburg, wo sie 1845 ein Haus für in Not geratene Frauen gründete.
Die Aufsicht über das Bürgerhospital blieb jedoch dem preußischen Staat vorbehalten. Und so erließ die Bezirksregierung Koblenz, die damals noch Königliche Regierung hieß, bereits 1831 eine „Anweisung zur Krankenwartung“. Demnach musste ein gutes Krankenzimmer geräumig, hoch, trocken und hell, womöglich sogar „gegen Mittag oder Morgen gelegen sein und eine gehörige Lufterneuerung, Erwärmung, Erleuchtung und Reinigung gestatten“. Die Räume sollten nichts Überflüssiges enthalten, „sondern nur diejenigen Gerätschaften, welche die Wartung und Pflege des Kranken erfordert, ein Bette, einen oder zwei Tische, worunter ein Nachttisch, ein Kanapee oder einen Lehnstuhl und einige gewöhnliche Stühle“. Weiterhin heißt es: „Die Bettstelle sei frei von Ungeziefer, fest an ihrem Boden, nicht mit Brettern, sondern mit Gurten versehen, damit auch von unten die Luft die Kissen berühre.“
Die Passagen lassen darauf schließen, wie es bislang mit den „Standards“ in der Kranken- und Armenfürsorge bestellt war. In den folgenden Jahren kam auf Stadt und Regierung viel Arbeit zu. Denn ein mächtiger, aber ungebetener Gast meldete sich: König Cholera.
1825 wurde das Koblenzer Franziskanerkloster schließlich vorübergehend geräumt und erheblich vergrößert. Von diesem Zeitpunkt an war es ein reines Bürgerhospital. Die Nutzung durch das Militär entfiel. Für die Betreuung der Soldaten wurden eigene Lazarette gebaut. Der Fortschritt der Maßnahme dürfte in erster Linie im Zuschnitt der Räume für die Kranken gelegen haben. Denn bis dato waren voneinander getrennte Funktionsbereiche unüblich – die Behandlung erfolgte unter katastrophalen hygienischen Zuständen.
Eine zweite Neuerung war, dass die Betriebsführung des Hospitals – wie es bereits im Gründungsedikt von 1805 vorgesehen war – an die Borromäerinnen abgegeben wurde. Die nach dem heiligen Kardinal Karl Borromäus (1548–1608) benannte Kongregation war kein Orden im klassischen Sinne. Die Mitglieder hatten sich aber der strengen Lebensführung und der Krankenpflege verschrieben. Die Frauen lösten in Koblenz die drei bezahlten Wärterinnen ab, die in den ersten Jahren die Pflege übernommen hatten.
Die wohl bekannteste Betreuerin war die mit Clemens Brentano und der Lyrikerin Luise Hensel eng befreundete Apollonia Diepenbrock aus Bocholt. Sie hatte im Bürgerhospital die Krankenpflege erlernt, zog aber bereits im Frühjahr 1834 nach Regensburg, wo sie 1845 ein Haus für in Not geratene Frauen gründete.
Die Aufsicht über das Bürgerhospital blieb jedoch dem preußischen Staat vorbehalten. Und so erließ die Bezirksregierung Koblenz, die damals noch Königliche Regierung hieß, bereits 1831 eine „Anweisung zur Krankenwartung“. Demnach musste ein gutes Krankenzimmer geräumig, hoch, trocken und hell, womöglich sogar „gegen Mittag oder Morgen gelegen sein und eine gehörige Lufterneuerung, Erwärmung, Erleuchtung und Reinigung gestatten“. Die Räume sollten nichts Überflüssiges enthalten, „sondern nur diejenigen Gerätschaften, welche die Wartung und Pflege des Kranken erfordert, ein Bette, einen oder zwei Tische, worunter ein Nachttisch, ein Kanapee oder einen Lehnstuhl und einige gewöhnliche Stühle“. Weiterhin heißt es: „Die Bettstelle sei frei von Ungeziefer, fest an ihrem Boden, nicht mit Brettern, sondern mit Gurten versehen, damit auch von unten die Luft die Kissen berühre.“
Die Passagen lassen darauf schließen, wie es bislang mit den „Standards“ in der Kranken- und Armenfürsorge bestellt war. In den folgenden Jahren kam auf Stadt und Regierung viel Arbeit zu. Denn ein mächtiger, aber ungebetener Gast meldete sich: König Cholera.
Anmerkungen
[1] Über Schloss Stolzenfels: Doris Fischer: Schloss Stolzenfels. Edition Burgen Schlösser Altertümer, Führungsheft 4, Regensburg 2012.
Plan der Stadtbefestigung Koblenz
Der um 1870 entstandene Plan zeigt, wie die neue Stadtbefestigung der Preußen das Gebiet der heutigen Innenstadt einschnürte. Entwicklungsmöglichkeiten waren sehr begrenzt. Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, GStA PK, XI. HA, FPK, E, Nr. 70227/Wikipedia (gemeinfrei).
