„Kurfürst Clemens Wenzeslaus nebst Gefolge“ beim Karneval in Koblenz 1904. KI-optimiert mit Google Gemini koloriert. Original im Stadtarchiv (StAK FA 4,21 Nr. 7 Bild 245).
Karneval: Zerstreuung in harten Jahren
Die Sehnsucht nach Freiheit und die wachsende Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen machten auch die Koblenzer wütend. Und obwohl es im Vorfeld der Revolution von 1848 zahlreiche politische Kundgebungen in der Provinzhauptstadt gab, blieben gewalttätige Auseinandersetzungen aus. Die Menschen schätzten ihre Chancen realistisch ein. Und so mancher suchte Trost beim Karneval. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Große Koblenzer Karnevalsgesellschaft ausgerechnet im Krisenjahr 1847 gegründet wurde – also vor rund 165 Jahren.
Der Karneval als Symbol für Kritik und Widerstand im Vormärz? Es ist schwer, diese Frage eindeutig zu beantworten. Denn auch die heimische Fastnacht hat eine Tradition, die bis in die Antike, ja sogar in die Vorgeschichte zurückreicht. Auf jeden Fall wurde in Koblenz bereits im Mittelalter Karneval als letztes Fest vor dem Anbruch der Fastenzeit gefeiert. Allerdings war die Intensität höchst unterschiedlich. Denn das närrische Treiben war damals noch ungeordnet. Es wurde mal größer, mal kleiner und sehr oft auch gar nicht gefeiert. Allerdings gab es in der späten kurfürstlichen Zeit und zu Beginn der kurzen französischen Ära am Rhein glanzvolle Bälle und Bankette.
Die Sehnsucht nach Freiheit und die wachsende Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen machten auch die Koblenzer wütend. Und obwohl es im Vorfeld der Revolution von 1848 zahlreiche politische Kundgebungen in der Provinzhauptstadt gab, blieben gewalttätige Auseinandersetzungen aus. Die Menschen schätzten ihre Chancen realistisch ein. Und so mancher suchte Trost beim Karneval. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Große Koblenzer Karnevalsgesellschaft ausgerechnet im Krisenjahr 1847 gegründet wurde – also vor rund 165 Jahren.
Der Karneval als Symbol für Kritik und Widerstand im Vormärz? Es ist schwer, diese Frage eindeutig zu beantworten. Denn auch die heimische Fastnacht hat eine Tradition, die bis in die Antike, ja sogar in die Vorgeschichte zurückreicht. Auf jeden Fall wurde in Koblenz bereits im Mittelalter Karneval als letztes Fest vor dem Anbruch der Fastenzeit gefeiert. Allerdings war die Intensität höchst unterschiedlich. Denn das närrische Treiben war damals noch ungeordnet. Es wurde mal größer, mal kleiner und sehr oft auch gar nicht gefeiert. Allerdings gab es in der späten kurfürstlichen Zeit und zu Beginn der kurzen französischen Ära am Rhein glanzvolle Bälle und Bankette.
Die Entstehung von Karnevalsvereinen im heutigen Sinne ist eine Entwicklung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Und die Koblenzer leisteten dabei echte Pionierarbeit – vor allem aber die Neuendorfer. In der damals noch selbstständigen Nachbargemeinde, die von Landwirtschaft und Flößerei geprägt war, wurde bereits 1845 der älteste heute noch bestehende Karnevalsverein der Stadt ins Leben gerufen: die Rheinfreunde, die auch die närrischen Regenten der Session 2012 stellen. Die Motive für die Gründung dürften dabei aber weniger die unbefriedigende politische und wirtschaftliche Lage, sondern eher der Wunsch nach Zerstreuung gewesen sein.
Die Menschen an Rhein und Mosel orientierten sich bei der Organisation von närrischen Strukturen und Inhalten vor allem nach Köln und weniger nach Mainz, wo die Tradition des Karnevals eindeutig politischer Natur ist. Anders in Köln: Dort war alles spielerischer, unterhaltsamer – aber seit der Fastnachtsreform von 1823 alles sehr wohlstrukturiert. In jenem Jahr trugen die Bestrebungen, mehr Niveau ins närrische Treiben zu bringen, die ersten Früchte. Erstmals gab es einen Rosenmontagszug und einen närrischen Regenten: den Held Karneval, eine Vorläuferfigur der späteren Prinzen. Und über allem wachte ein Komitee mit mehreren Unterausschüssen, in denen die weiteren Details organisiert wurden.
Anfänge in Köln
Auch die Narretei selbst nahm zuerst in Köln die Formen an, wie wir sie heute kennen: Erstmals formierten sich die Garden, wobei die Bezüge zu den preußischen Soldaten ganz bewusst hergestellt wurden. Auch die 1827 erstmals verliehenen Orden waren eine Anspielung auf den preußischen Militarismus. Was allerdings noch fehlte, waren die Vereine. So dürfte es auch in Koblenz gewesen sein, wo – wie in Düsseldorf – nur ein Jahr „danach“ die Kölner Fastnachtsreform übernommen wurde.
Zu Vereinsgründungen kam es erst, als sich die politische Lage weiter zuspitzte. Eine Vorreiterstellung übernahmen die Mainzer Narren. Sie setzten zwar erst 1837 ihre eigene Karnevalsreform um, stiegen dann aber sofort mit beißendem Spott in die Bütt. Karneval wurde somit auch zu einem Ventil, um angesichts der Zensur von Büchern und Presseerzeugnissen Dampf abzulassen. Einen eigenen Rosenmontagszug gab es in Mainz jedoch erst ab 1838.
Die Koblenzer waren da schon etwas weiter. Schon am 28. Februar 1827 war erstmals ein närrischer Lindwurm durch die engen Straßen der heutigen Alt- und Innenstadt gezogen. Allerdings wurde der Straßenkarneval zunächst nicht am Rosenmontag, sondern am Dienstag gefeiert.
Auch bei der Erschließung neuer kommunaler Einnahmequellen war die Stadt Koblenz sehr kreativ – und vor allem schnell. Bereits 1826 wurden die Masken besteuert. Die Einnahmen sollten dem städtischen Armenfonds zugutekommen. Ob die Maßnahme erfolgreich war, darf bezweifelt werden. Denn Bevölkerung und Obrigkeit gerieten immer wieder in Streit, sodass 1830 das närrische Treiben ganz ausfiel. Der Grund: Das Provinzialschulkollegium hatte die Fastnachtsferien gestrichen. Die Schüler machen blau und werden dabei von den Eltern unterstützt. Ein Streit mit den Behörden entflammt. Erst 1834 gibt es wieder einen Rosenmontagszug. Gefeiert wird fortan unter einem Motto, das jährlich wechselt. Beispiele:
„Die Bewohner von China ziehen in Koblenz ein“
oder
„Übersiedlung einer Kolonie aus dem Monde nach Koblenz“.
Rosenmontagszug fiel aus
Angeblich soll auch das Ur-Funkenmariechen in Koblenz geboren sein – und zwar in einer Inszenierung von Gaetano Donizettis Erfolgsoper:
„Marie, die Tochter des Regiments“
am Theater. Als sich die revolutionäre Stimmung infolge des Hungerwinters 1847/48 weiter aufheizte, war den Narren die Lust am Feiern gründlich vergangen. Der Rosenmontagszug, der eigentlich am 6. März losziehen sollte, wurde abgesagt. Von den Folgen sollte sich der heimische Karneval so schnell nicht mehr erholen. Als die Revolution gescheitert war und die Vereine fortan von der Obrigkeit argwöhnisch beobachtet wurden, führte der Karneval ein Schattendasein – und sollte erst wieder auferstehen, als sich die Verhältnisse in der Provinzhauptstadt verbesserten.
Dann begann allerdings eine Blütezeit, in der sich die Kowelenzer Faasenacht nicht nur für die örtliche Gastronomie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickeln sollte. Die Anzeigen in den Koblenzer Zeitungen aus der Zeit um 1900 spiegeln ein reiches närrisches Treiben mit vielen Bällen in den Gasthäusern und in den großen Hotels der Stadt, die die heutigen Dimensionen der Fastnachtstage wohl sehr deutlich übertrafen. [1]
[1] Dazu: 175 Jahre Karneval in Koblenz. Hg. von der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval, Koblenz 1998.
ℹ️ CHRONIK: HISTORIE DER FASTNACHT
1688
Die Entstehung der frühneuzeitlichen Fastnacht ist eng mit dem Handwerk verbunden. In Koblenz erhalten die Metzger, die sich um die Verteidigung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg verdient gemacht hatten, das Vorrecht, einen Umzug zu organisieren. Dieser fand Aschermittwoch statt.
1701
Papst Clemens XI. erlaubt Frauen, am Karneval teilzunehmen.
1748
Papst Benedikt XIV. verbietet sämtliche Karnevalsaktivitäten an Freitagen und Sonntagen.
1786
Kurfürst Clemens Wenzeslaus verfügt, dass Masken nur bei Bällen und auf dem Weg dorthin getragen werden dürfen.
1787
Im neu erbauten frühklassizistischen Theater findet zum ersten Mal ein Maskenball statt.
1789
Nach dem Ausbruch der Französischen Revolution fliehen Adel und Royalisten. Mit der Zeit wird Koblenz zum zentralen Fluchtpunkt. Die Franzosen feiern in der Stadt rauschende Feste.
1792
Mit dem Kriegsausbruch endet in Koblenz die Tradition der Maskenumzüge und -bälle. Das Tragen von Masken wird verboten.
1793
Die Zeiten bleiben unruhig, die französischen Revolutionstruppen machen Druck. Preußische Truppen werden in der Stadt stationiert, Kommandant General Friedrich Gisbert Wilhelm von Romberg erneuert am 12. Februar 1793 das Maskenverbot. Begründung: Der Mummenschanz hilft Deserteuren bei der Flucht.
1798
Unter dem Deckmantel von Konzertveranstaltungen feiern die Koblenzer wieder Karneval. Nicht nur 1798, sondern auch 1799 gibt es am Sonntag und am Dienstag Bälle.
1824
Koblenz und Düsseldorf übernehmen die Kölner Fastnachtsreform. Weitere Städte, zum Beispiel Aachen, folgen.
1825
In Köln gibt es erstmals einen Fastnachtszug.
1826
In Koblenz werden erstmals die Masken besteuert, weil die Stadt angesichts der prekären Verhältnisse mehr Geld für den Armenfonds braucht.
1827
In Köln werden die ersten Karnevalsorden verliehen. Mainz folgt erst 1857. In Koblenz gibt es den ersten Rosenmontagszug. Im selben Jahr erscheint im „Koblenzer Anzeiger“ erstmals eine Karnevalsbeilage.
1830
Das Provinzialschulkollegium der Preußischen Rheinprovinz streicht die Fastnachtsferien.
1840
Gaetano Donizettis Oper „Marie, die Tochter des Regiments“ wird in Paris uraufgeführt. In der späteren Koblenzer Inszenierung wird die Figur des Funkenmariechens geboren.
1848
Anfang März greift die in Frankreich entfachte Revolution auf Deutschland über. Der für den 6. März geplante Rosenmontagszug in Koblenz fällt aus.
