Schwarz-rot-goldener Traum ist ausgeträumt
Bürger versöhnen sich mit den Soldaten und erheben sich gemeinsam gegen die Obrigkeit: Diese Schreckensversion führender Militärs konnte in den Revolutionsjahren 1848 und 1849 durchaus Wirklichkeit werden. Denn ein Sturm der Entrüstung gegen die verkrusteten Strukturen der Nachkongressära fegte durch die deutschen Staaten. Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen waren damals nicht selten. In Koblenz blieben dagegen Unruhen aus. Doch auch in der Provinzhauptstadt war die Begeisterung für Freiheit und Gleichheit groß.
Die Ereignisse in Berlin am 18. und 19. März 1848 wurden auch in Koblenz gewürdigt. Denn an jenem blutigen Samstag mit mindestens 183 Toten sah es für kurze Zeit so aus, dass der König seinem Volk nachgeben und den Weg für Grundrechte und ein gewähltes Parlament frei machen würde. Außerdem war kurz zuvor bekannt geworden, dass eine Kabinettsorder den Weg für die Pressefreiheit geebnet hatte. Ergebnis: Die Koblenzer verließen deshalb ihre Häuser und zogen gemeinsam mit Soldaten in mehreren Umzügen durch die Straßen. Diese Vorgänge hatten auch Auswirkungen auf die Region. So zogen vier Tage später, und zwar am 22. März 1848, Mayener Bürger zur Genovevaburg, um für Demokratie und auch für die deutsche Einheit zu demonstrieren.
Freude währte nur kurz
Die starke Militärpräsenz in Stadt und Region verhinderte jedoch den offenen Aufstand der Bürger, die zunehmend in die Defensive gerieten. Denn als sich in den deutschen Staaten abzeichnete, dass liberale Forderungen nicht in Erfüllung gehen würden, sollten auch in Koblenz die Übergriffe von Soldaten zunehmen. Doch noch überwog die Freude über die Berliner Ereignisse.
Überall in der Stadt wurden schwarz-rot-goldene Trikoloren hochgezogen. Zu Ehren der Revolutionäre wurde sogar ein Fest gegeben. Und in einem Geschäft in der Firmungstraße, das ein Berliner eröffnet hatte, gab es sogar „revolutionäre Accessoires“.
Koblenzer nahmen auch an der Versammlung der Gemeindedeputierten von 18 rheinischen Städten in Köln teil. Trotz großer Uneinigkeit legte die Konferenz am 24. März eine Petition an den König vor, die folgende Forderungen enthielt: Garantie der Menschenrechte, Unterrichts- und Lehrfreiheit sowie den Verzicht auf Steuererhöhung und Volksbewaffnung. Der Wunsch nach Bewaffnung war bereits am 19. März zentrales Thema einer Koblenzer Versammlung gewesen. Sie endete mit dem Beschluss, die ein Jahr zuvor gegründete Bürgerwehr „aufzurüsten“. Diese Entscheidung richtete sich nicht gegen die Obrigkeit. Es ging darum, sich selbst vor Übergriffen radikaler Kräfte zu schützen. Auch die Behörden stimmten zu und erteilten die erforderlichen Genehmigungen. Die 2000-köpfige Bürgerwehr konnte somit ab dem 26. März ihren Dienst bewaffnet aufnehmen.
Trauergottesdienst in der Altstadt
Dass der Kampf für die Freiheit kein Spiel ist, war für die Koblenzer bereits am 21. März deutlich geworden. An diesem Tag, einem Dienstag, hatte Oberbürgermeister Alexander Bachem bekannt gegeben, dass bei den Straßenkämpfen in Berlin viele Menschen getötet worden waren, die man vor dem Deutschen Dom aufgebahrt hatte. Und der Coblenzer Anzeiger veröffentlichte voller Pathos den Nachruf auf „Berlins große Tote“. „Ihr starbet in Gott! Denn Gott ist die Freiheit und die Freiheit ist Gott! In diesem Gott opfertet Ihr Euer Blut. Das Blut ist die Liebe, und aus dem Blut blüht die Hoffnung. O Ihr fandet einen schönen Tod! Schön ist der Tod fürs Vaterland auf dem Felde der Ehre, schön fließt das Blut, das die Saat düngt auf dem Schlachtfelde, schön bricht das Auge des sterbenden Kriegers […]“, heißt es auf der Titelseite der Zeitung. Mit einem großen Trauergottesdienst in der Liebfrauenkirche für die Opfer demonstrierten die Bürger am 23. März noch einmal Selbstbewusstsein. Am gleichen Tag formierten sie sich zu einem „großen festlichen Zuge mit Gesang und Musik“ und brachten unter Führung von Stadtchef und Rat das „Symbol der deutschen Einheit und Freiheit nach dem Stadthause“. Natürlich blieben an diesem Tag Geschäfte und Werkstätten geschlossen.[1]
Oberbürgermeister hielt sich zurück
Obwohl sie durchaus mit den liberalen Ideen sympathisierte, blieb die Stadtspitze zurückhaltend. Galt es doch, die offene Konfrontation mit der preußischen Obrigkeit zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund wird es auch verständlich, warum Alexander Bachem bereits im April 1848 sein Amt als Oberbefehlshaber der Bürgerwehr niederlegte. Diese hatte sich nämlich auf die Seite der Frankfurter Nationalversammlung geschlagen. Sie war nun als Arm der preußischen Regierung unbrauchbar. Führungslos geworden, löste sich die Selbsthilfeeinrichtung zum 16. November auf. Und auch in der Verfassungsgebenden Nationalversammlung in Frankfurt, die am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche eröffnet worden war, ging es nicht so recht voran. Zwar gelang es den Abgeordneten, darunter auch der Koblenzer Jurist Franz Peter Adams (1800–1869), einen Verfassungsentwurf mit einem Grundrechtekatalog zu erarbeiten, doch blieben die Bemühungen wirkungslos.
Das Parlament konnte weder das Land befrieden noch die nach wie vor tonangebenden reaktionären Kräfte zum Umdenken bewegen. „Zu Frankfurt an dem Main ist alles Trug und Schein. Ganz Deutschland bleibt zersplittert, das Kapitol erzittert. Umringt von Feindeslagern die Gänse gi ga gagern im Paria, Parlament. Das Reden nimmt kein End!“, spottete der sozialistisch-revolutionäre Dichter Georg Herwegh mit deutlichem Seitenhieb auf Parlamentspräsident Heinrich von Gagern. Da nutzte es auch wenig, dass Alexander Bachem die Kölner Erklärung vom 8. Mai 1849 für die Frankfurter Versammlung unterstützte und sich damit den Zorn des Oberpräsidenten Hans Hugo von Kleist-Retzow zuzog.
Das Ende vom Lied ist bekannt: In Preußen galt die von König Friedrich Wilhelm am 5. Dezember 1848 verordnete Verfassung mit Zweikammerparlament und besitzorientiertem Männerwahlrecht weiter. Der Traum von der Einheit der deutschen Staaten mit Österreich war endgültig ausgeträumt. Und ins Kurfürstliche Schloss zog der „Kartätschenprinz“ ein: Prinz Wilhelm, der Bruder von König Friedrich Wilhelm IV., hatte sich nach seinem brutalen Vorgehen gegen die Revolutionäre in Berlin und in Baden den Hass des Volkes zugezogen und wurde nun als Generalgouverneur für Westfalen und der Rheinprovinz im wahrsten Sinne des Wortes aus der Schusslinie genommen. Bis 1857 sollte der spätere Kaiser Wilhelm I. permanent in Koblenz residieren.
Dass die Präsenz Wilhelms in Koblenz relativ gut aufgenommen wurde, dürfte wohl auf den positiven Einfluss seiner Gemahlin Augusta zurückzuführen sein, die es nicht nur verstand, die führenden Kreise der Stadt für sich einzunehmen, sondern auch liberale Denker ins Schloss einlud – zum Beispiel den Historiker Maximilian Duncker (1811–1886) sowie die Juristen August Moritz von Bethmann-Hollweg (1795–1877) und Klemens Theodor Perthes (1809–1867). Der neue Glanz, der nun vom Koblenzer Schloss ausging, sollte jedoch nicht dazu verleiten, das Wirken von Augusta zu glorifizieren. Denn an den Lebensbedingungen für die meisten Koblenzer hatte sich kaum etwas zum Guten gewendet. Sie erhofften sich daher von einem römisch-orthodoxen Katholizismus entscheidende Impulse für die Erneuerung der Stadtgesellschaft, zumal die Kirche damit begonnen hatte, ihr Fürsorgesystem umzugestalten und zu erneuern. Zudem waren unter dem Einfluss des großen Koblenzer Denkers Joseph Görres (1776–1848) religiös-politisch orientierte Kreise entstanden, die ihre Aktivitäten zwar nach der gescheiteren Revolution vorerst beendeten, aber in anderer Form noch lange wirkten.
Zentrum des Katholizismus
Es kommt nicht von ungefähr, dass Koblenz sich zu einem der wichtigsten Zentren des politischen Katholizismus entwickelte. Hier wurde 1863 mit dem Katholischen Leseverein eine besonders einflussreiche Gesellschaft gegründet. Es ist ebenfalls kein Zufall, dass die Provinzhauptstadt zu den Zentren gehört, in denen die „katholische“ Architekturtheorie des bekannten Juristen August Reichensperger (1808–1895), einem gebürtigen Koblenzer, schon früh Gestalt annahm. Das 1866 nach Plänen des Stadtbaumeisters Hermann Antonius Nebel (1816–1892) in einer Rekordbauzeit von nur einem Jahr vollendete Görreshaus ist ein Beispiel für die praktische Umsetzung dieser Theorie.
Doch nicht nur auf politischer und konfessioneller Ebene knisterte es. Die Stadt lief auch Gefahr, wirtschaftlich den Anschluss zu verlieren. Denn der enge Befestigungsring machte den Bau von größeren Wohnhäusern unmöglich. Noch viele Jahre sollte sich das preußische Militär über den Wunsch nach der Beseitigung der Befestigungsanlagen hinwegsetzen.
Anmerkungen
[1] Zu den revolutionären Vorgängen in Koblenz: Jürgen Herres, Das preußische Koblenz, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2, Stutgart, 1993, S. 49–119.
ℹ️ CHRONIK: DER WEG IN DIE REVOLUTION II
1842
Der Verwaltungsbeamte und Gesundheitsreformer Edwin Chadwick formuliert seine Vorstellungen über eine umfassende Gesundheitsreform. Sein „Sanitary Report“ wirkt weit über die Grenzen Englands hinaus.
1843
Im Koblenzer Bürgerhospital steigt die Zahl der behandelten Kranken auf insgesamt 1107.
1844
Die schlesischen Weber erheben sich vom 4. bis 6. Juni wegen ihrer indiskutablen Lebensbedingungen. Der Protest wird brutal niedergeschlagen. Elf Menschen werden erschossen, zahlreiche inhaftiert. In Oberschlesien fordert eine Typhuskatastrophe rund 16.000 Menschenleben. Der Mediziner Rudolf Virchow soll die Ursachen untersuchen und kritisiert das Krisenmanagement der Regierung. Er verliert seine Stelle an der Berliner Charité und wechselt nach Würzburg
1846
Papst Pius IX. wird zum Papst gewählt. Sein Pontifikat dauert bis 1878. Die Ära dieses Papstes, in der der sogenannte Ultramontanismus seinen Höhepunkt erreicht, steht für eine straff organisierte und romzentrierte katholische Kirche. Nationalkirchlichen Bestrebungen wird eine Absage erteilt. „Modernismus“ innerhalb und außerhalb der Kirche wird abgelehnt. Der Jesuitenorden, der von 1773 bis 1814 sogar verboten war, wird wieder zu einer wichtigen Stütze der kirchlichen Reaktion.
1848
Im Februar bricht in Frankreich erneut eine Revolution aus, die im März auf Deutschland übergreift und in ihrem Verlauf zahlreiche Menschenleben fordert. Die Auseinandersetzungen dauern bis zum Frühjahr/Sommer 1849, wobei es regional zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommt. In Wien kommt es am 13. März zu einem ersten Aufstand. In Berlin folgt am 18. März der Barrikadenaufstand. Im gesamten Monat kommen 240 Menschen ums Leben. Auf Druck des Volkes verspricht König Friedrich Wilhelm IV. eine Nationalversammlung, die eine Verfassung vorbereiten soll. Am 20. März dankt König Ludwig I. wegen des Skandals um die Tänzerin Lola Montez zugunsten seines Sohns Maximilian II. ab.
Das sogenannte Frankfurter Vorparlament tagt vom 31. März bis zum 4. April. In Konstanz folgen die Ausrufung der Republik und Unruhen in Baden und im Elsass, die jedoch erstickt werden. Am 18. Mai wird in der Frankfurter Paulskirche die Verfassungsgebende Nationalversammlung mit 586 Abgeordneten eröffnet. Ebenfalls im Mai führt Preußen im Auftrag des Deutschen Bundes Krieg gegen Dänemark, das Schleswig angegliedert hatte. England, Russland und Frankreich erzwingen im Frieden von Malmö, dass alles beim Alten bleibt. Die Nationalversammlung muss zustimmen. Deshalb kommt es im September zum Aufstand in Frankfurt, der jedoch scheitert.
In Paris wird der Juni-Aufstand der Arbeiter blutig niedergeworfen. Rund 10 000 Menschen kommen dabei ums Leben. Auch in Italien wird es ein blutiger Sommer. Revolution und Unabhängigkeitsbestrebungen scheitern vorerst. Der Wendepunkt der Revolution wird erreicht. Auch in Deutschland gewinnen konservative und reaktionäre Kräfte wieder die Oberhand. Zwar gibt es für Preußen eine neue Verfassung, doch hat diese nichts mit den Vorstellungen der Frankfurter Abgeordneten zu tun. Grundrechte gibt es nicht, dafür aber zwei Kammern, das Herrenhaus und das Abgeordnetenhaus. Für Letzteres gibt es ein Dreiklassenwahlrecht, in dem die Personen mit der höchsten Steuerleistung bevorzugt werden. Und über allem steht der König.
1849
Die Verfassungsgebende Nationalversammlung schließt ihre Beratungen ab. Kern des Entwurfs sind die Definition der Grundrechte des Deutschen Volks sowie eine Gewaltenteilung zwischen dem zu wählenden Reichstag und dem Erbkaisertum. Außenpolitik, Heer und Gesetzgebung sollen Aufgabe der Zentralgewalt sein, die Bundesländer spielen aber weiter eine starke Rolle. Ungeklärt bleibt die Frage: kleindeutsche Lösung oder großdeutsche Variante mit Österreich? Dennoch wird Friedrich Wilhelm IV. zum Erbkaiser gewählt. Der lehnt jedoch ab.
Nach dem Scheitern der Kaiserwahl ist das Frankfurter Parlament am Ende. Präsident Heinrich von Gagern tritt zurück, die österreichischen und preußischen Abgeordneten werden abberufen. In Stuttgart tritt ein Rumpfparlament zusammen, das jedoch durch das Militär gesprengt wird. Darauf folgen Volksaufstände am Rhein, in Berlin und Dresden. Besonders schlimm sind die Kämpfe in Baden, wo der „Kartätschenprinz“, der spätere Kaiser Wilhelm I., die Erhebungen brutal niederschlagen lässt.
In Koblenz sterben 111 Menschen an der Cholera. Ein Jahr später fordert die tödliche Infektionskrankheit 77 Opfer in der Bürgermeisterei Ehrenbreitstein.
1850
Die Revolution ist niedergeschlagen, die Reaktion hat gesiegt. In der Punktation (Vertrag) von Olmütz im heutigen Tschechien wird am 29. November der Deutsche Bund unter Führung Österreichs wiederhergestellt. 1851 wird nach der Dresdner Konferenz sogar ein Ausschuss zur Kontrolle liberaler Bundesstaaten eingerichtet.
Bereits im Frieden von Berlin vom 2. Juli 1850 war Preußen geschwächt worden. Zwar hatte die Großmacht den von Dänemark begonnenen Krieg gewonnen, doch musste sie sich vor allem dem russischen Druck beugen.
