Das Ensemble Florinsmarkt 8 bis 12 (Foto vom April 2012) steht für einen historisierenden Neuaufbau im Zuge der Altstadtsanierung. Während die Originalfassade des linken Gebäudes erhalten blieb, wurden die Nachbarhäuser rekonsturiert. Allerdings wurden die alten Gewände eingebaut.
Herausforderung Stadtkernsanierung
Der Wahn von der autogerechten Stadt hatte Folgen, die das Bild vieler europäischer Städte für immer veränderten. Es kommt nicht von ungefähr, dass Zyniker behaupten:
Der Wiederaufbau habe mehr zerstört als die Bomben des Zweiten Weltkrieges.
Soviel steht fest: Auch Koblenz hat sich in den Nachkriegsjahren verwandelt – und sehr oft zum Nachteil. Vor allem in der Altstadt und in Ehrenbreitstein sah es schlecht aus.
Anfang und Mitte der 70er-Jahre begannen die Voruntersuchungen für eine mögliche Sanierung, noch vor 1980 wurden die ersten umfangreichen Sanierungsmaßnahmen in die Wege geleitet. Der Hintergrund: Nach den vollbrachten Leistungen des Wiederaufbaus war die Bauwirtschaft in eine Krise geschlittert. Die deutschen Stadtkernsanierungen waren also nichts anderes als ein Konjunkturprogramm. Die rechtliche Grundlage war das Städtebauförderungsgesetz von 1971, das heute ein Teil des Baugesetzbuches ist. Nicht zu unterschätzen sind auch die Folgen des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975, das eine Neuentdeckung historischer Bausubstanz einleitete.

Ziele und Schwerpunkte in Altstadt und Ehrenbreitstein
Bei der Sanierung in den beiden historischen Kernen Altstadt und Ehrenbreitstein hatten vor allem folgende Maßnahmen absoluten Vorrang:
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Die sinnvolle Entflechtung des Gewirrs von Alt- und Neubauten in den einzelnen Häuserblocks
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Die Auslagerung von störenden Betrieben
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Die Vergrößerung von Freiflächen
Erklärtes Ziel war es, die heruntergekommenen historischen Viertel in attraktive Wohngebiete zu verwandeln. Auf dieser Grundlage sollten gleichzeitig Abwanderungsprozesse gestoppt und einkommensstärkere Familien angesiedelt werden.[1]
Die Aktivitäten in der Altstadt begannen Anfang und Mitte der 70er-Jahre mit der Einrichtung von Fußgängerzonen und verkehrsberuhigten Bereichen sowie der Verschönerung der Rhein- und Moselpromenade. Gleichzeitig galt es, den ruhenden Verkehr aus den Zentren zu entfernen und Alternativen für das Parken zu schaffen. Vor allem der Part der Sanierung, der die Modernisierung der Infrastruktur in den Kernbereichen betraf, wurde über das Städtebauförderungsgesetz finanziert. Bund, Land und Stadt teilten sich die Kosten.
Die Erneuerung der oft maroden Bausubstanz wurde dagegen überwiegend in private Hände gelegt. Dennoch übernahm die Stadt auch hier – zum Beispiel durch den An- und Weiterverkauf von bebauten Grundstücken sowie durch Teilabbrüche irreparabler Bausubstanz – eine wichtige Steuerungsfunktion.
Unterschiedliche Wege der baulichen Erneuerung
Zu den ersten Schwerpunkten der Sanierung gehörte besonders das große Areal zwischen Münzplatz und Florinspfaffengasse. Dabei gab es unterschiedlichste Formen der Erneuerung:
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Gemüse- und Mehlgasse: Die radikalste Variante wählte man für diesen Häuserblock. Denn hier wurde – abgesehen von wenigen Ausnahmen – fast durchgängig neu gebaut, wobei sich die Architekten bei ihren Planungen an den Originalfassaden orientierten.
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Mehlgasse und Florinspfaffengasse: Im Nachbarbereich war der bauliche Zustand der Häuser weit besser, sodass viele Bauten behutsamer saniert werden konnten.
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Gemüsegasse und Münzstraße: Ähnliches galt für diesen Block.
Diese unterschiedliche Behandlung der Sanierungsabschnitte zeigt, dass die von Denkmalschützern oft hart kritisierten Verantwortlichen sehr wohl in der Lage waren, sich den örtlichen Gegebenheiten und dem allgemeinen Zustand der Bausubstanz anzupassen. Das zeigten auch die Bebauungspläne für diesen Bereich, die bewusst flexibel angelegt waren.
Perspektiven und offene Aufgaben
Auch wenn der Schwerpunkt der Gebäudesanierung in den 80er-Jahren lag und die Sanierungsgebiete schon 2013 „aufgehoben“ werden, gibt es nach wie vor einiges zu tun. So klaffen in der Altstadt nach wie vor Baulücken, so manches Haus muss neu belebt werden. Und: Seit den Anfängen der Sanierung vor gut vier Jahrzehnten ist es wieder so weit, dass viele Gebäude erneut auf Vordermann gebracht werden müssen. Dazu kommen neue Aufgaben, etwa die Neuordnung der westlichen Altstadt. So zwingt der bevorstehende Abbruch des Stadtbades die Planer zu grundsätzlichen Überlegungen für die Weißer Gasse.
Auch im Stadtteil Ehrenbreitstein wird es weiterhin großen Handlungsbedarf geben. Zwar sind die meisten Aufgaben im seinerzeit flächenmäßig größten Sanierungsgebiet in Rheinland-Pfalz bewältigt, doch klaffen trotz weitgehend vollzogener Neugestaltung von Straßen und Plätzen auch hier hässliche Lücken. Immerhin ist für den Schandfleck am Ende der Hofstraße eine Lösung in Sicht.
Anmerkungen
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[1] Über die Sanierung der beiden Stadtteile: Reinhard Kallenbach, Erneuerung der Koblenzer Altstadt. Eine Dokumentation zur Sanierung, Koblenz 1992. Reinhard Kallenbach/Dieter Kerber/Marianne Schwickerath, Sanierung Ehrenbreitstein, Koblenz 1998.
📌 CHRONIK: DIE JAHRE VON 1975 BIS 1980
1975
In Kambodscha übernehmen die Roten Khmer am 17. April endgültig die Macht. Ihr Schreckensregiment erreicht neue Dimensionen. Sieben Terroristen stürmen am 24. April die Botschaft in Stockholm, ermorden zwei Menschen und nehmen neun Geiseln, die schließlich freikommen. Das Botschaftsgebäude wird von mehreren Explosionen erschüttert. In Helsinki wird am 1. August die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa unterzeichnet. Darin zeigen 35 Nationen (darunter auch sieben Länder des Warschauer Paktes) ihren Willen zur Kooperation in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt. Die Schlussakte dokumentiert auch den Entspannungswillen in Europa. Der spanische Diktator Francisco Franco Bahamonde stirbt am 20. November. Zwei Tage später wird Don Juan Carlos de Borbón y Borbón König.
1976
Im italienischen Seveso kommt es am 10. Juli nach einer Explosion in einem Chemiewerk zu einer gigantischen Umweltkatastrophe, weil hochgiftiges Dioxin freigesetzt wird. Auf dem Flughafen Entebbe in Uganda befreit ein israelisches Kommando am 4. Juli ein von deutsch-arabischen Terroristen entführtes französisches Flugzeug. An Bord sind 248 Passagiere. Die Aktion, die nicht mit den örtlichen Behörden abgestimmt ist, endet blutig; 31 Menschen sterben. Am 9. September stirbt in Peking der „große Vorsitzende“ Mao Tse-tung.
1977
In Prag schließen sich am 1. Januar tschechoslowakische Regimekritiker zur „Charta 77“ zusammen. Am 20. Januar wird Jimmy Carter US-Präsident. In Spanien finden am 15. Juni die ersten freien Wahlen seit 41 Jahren statt. Am 16. August stirbt Elvis Presley. Am 18. Oktober befreit die Spezialeinheit GSG 9 die Passagiere in einem entführten Lufthansa-Flugzeug. Die Terroristen hatten zuvor den Piloten erschossen. Drei von ihnen sterben bei der Befreiungsaktion.
1978
Aldo Moro, Vorsitzender der italienischen Christdemokraten, wird am 9. Mai von den Roten Brigaden ermordet. Argentiniens Fußballer werden am 25. Juni Weltmeister. In Camp David, dem Landsitz des US-Präsidenten Jimmy Carter, unterzeichnen am 17. September der ägyptische Staatschef Muhammad Anwar As-Sadat und der israelische Ministerpräsident Menachem Begin zwei Abkommen, die zum Frieden im Nahen Osten führen sollen.
1979
Ayatollah Khomeini kehrt am 1. Februar aus dem französischen Exil in den Iran zurück, um einen „Gottesstaat“ zu errichten. Der Schah war bereits im November 1978 gestürzt worden. Die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher wird am 3. Mai britische Premierministerin. Das Europäische Parlament wird am 10. Juni erstmals direkt gewählt. Am 16. Juli wird Saddam Hussein neuer starker Mann im Irak. In Brüssel wird am 12. Dezember der NATO-Doppelbeschluss verabschiedet. Die Devise: erst aufrüsten, dann verhandeln. Die Entscheidung ist eine Antwort auf die Bedrohung durch neue Mittelstreckenraketen der Sowjetunion. Die Sowjets marschieren am 27. Dezember in Afghanistan ein.
1980
Die US-Luftwaffe erlebt im Iran ein Debakel. Am 25. April scheitert die Befreiung der Geiseln in der amerikanischen Botschaft in Teheran. Im US-Bundesstaat Washington bricht am 18. Mai der Vulkan Mount St. Helens aus. Am 30. Mai wird Beatrix von Oranien-Nassau niederländische Königin. In Moskau beginnen am 19. Juli die Olympischen Spiele. Wegen des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan boykottieren etliche Staaten das Spektakel – darunter auch die Bundesrepublik. In Polen wird durch einen Streik am 31. August die erste freie Gewerkschaft erzwungen. Anführer Lech Wałęsa wird zur Symbolfigur. Irakische Truppen greifen am 22. September iranische Ölanlagen an. Ein zermürbender Krieg beginnt. Ex-Beatle John Lennon wird am 8. Dezember von einem geistig verwirrten Attentäter erschossen.
