Auch die Mitglieder der 1808 gegründeten und heute noch bestehenden Bürgergesellschaft Casino zu Coblenz konnten sich im Rahmen der ersten preußischen Stadterweiterung ihren Traum vom eigenen Gebäude erfüllen, in dem es glanzvolle Veranstaltungen geben sollte. Das Casino war 1828 nach Plänen des Bauinspektors Ferdinand Nebel erbaut, dann aber bis 1871 erheblich erweitert worden. Die gesamte Anlage wurde 1944 zerstört, der erhalten gebliebene Garten im Zuge der Neuordnung im Bereich des Zentralplatzes beseitigt. An das einstige weitläufige Gebäude und die Gesellschaft erinnert heute noch der Name Casinostraße. Foto KI-koloriert. Quelle: Stadtarchiv Koblenz/Wikipedia
Koblenz wächst, die erste Stadterweiterung reicht nicht aus
Lebten um 1800 noch 90 Prozent der rund 23 Millionen Menschen in den deutschen Staaten auf dem Land oder in Kleinstädten, sollte sich das im Laufe des 19. Jahrhunderts ändern: Einerseits sorgten die Fortschritte in Landwirtschaft und Technik für ein kräftiges Bevölkerungswachstum, anderseits setzte eine Landflucht ein, weil nur die Städte den Menschen Arbeit und Brot versprachen. Von dieser Entwicklung waren vor allem die neuen industriellen Ballungsräume wie das Ruhrgebiet, Sachsen und natürlich auch die Rheinprovinz betroffen. Bis 1875 sollte die Bevölkerung im jungen Deutschen Kaiserreich auf 43 Millionen steigen. Bis 1914 wurden sogar 67 Millionen Menschen gezählt.
Innerhalb eines Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerungszahl also fast verdreifacht – und das, obwohl für den gleichen Zeitraum rund sechs Millionen Menschen gezählt wurden, die Deutschland verlassen hatten, weil sie in ihrer Heimat keine Chance sahen. Und auch so mancher Koblenzer brach in die Neue Welt auf. So mancher Lebenslauf lässt sich mithilfe der Auswandererdatenbanken rekonstruieren, die das Stadtarchiv und auch das Landeshauptarchiv angelegt haben.
Gab es an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert mit Berlin und Hamburg nur zwei deutsche Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, sollte die Zahl der Großstädte kontinuierlich wachsen. So stieg die Einwohnerzahl in Hamburg zwischen 1800 und 1910 von 40.000 auf 443.000, im gleichen Zeitraum wuchs München von 40.000 auf 596.000 Einwohner. Den größten Sprung machte Berlin: Zählte man in der Hauptstadt um 1800 noch 172.000 Einwohner, lebten dort 1870 bereits 800.000 Menschen. 1900 wurden in der rasant wachsenden Metropole bereits drei Millionen Menschen gezählt.
Auch in der lange ländlich geprägten Rheinprovinz war der industrielle Aufschwung deutlich zu spüren. In den Jahren von 1867 bis 1890 stieg die Zahl der Einwohner von 3.455.358 auf 4.710.391. Das ist eine Steigerung von 36,32 Prozent, wobei das Jahresmittel bei 1,57 Prozent lag. Ungeachtet der mit dem Wachstum verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen gaben an Rhein und Mosel Beamte und Offiziere den Ton an. In der Festungsstadt Koblenz gab es für die klassische Arbeiterschaft zu wenige Existenzmöglichkeiten, vor allem weil die im Zuge des Baus der neuen Stadtbefestigung ermöglichte erste Stadterweiterung der preußischen Zeit nicht ausreichte. Auf den neu geschaffenen Grundstücken wurde vor allem für Privilegierte gebaut. Und auch, als sich später die Lockerung der Stadtbefestigung abzeichnete, hatten die dominierenden Kreise wenig Interesse an einer Industrieansiedlung.
Was man jedoch nicht verhindern konnte und wollte, war die zunehmende Bedeutung der Provinzhauptstadt Koblenz als Eisenbahn-Verkehrsknotenpunkt. Denn die Realisierung der neuen Bahnstrecken war Teil eines Gesamtkonzeptes, das auch die Anbindung des rechten Rheinufers vorsah, um die schnelle Zuführung von Truppen möglich zu machen. Nach der „Premiere“ im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 sollte sich die Bahn auch im Konflikt mit Frankreich bewähren, der wegen des Streits um die spanische Thronfolge entbrannt war.
Frankreich hatte Preußen zum Verzicht gedrängt und dem Königreich schließlich am 19. Juli 1870 den Krieg erklärt. Dem vorausgegangen waren die Entwicklungen rund um die eigentlich regierungsinterne Emser Depesche des Legationsrates Heinrich von Abeken, über die Otto von Bismarck die Presse informierte – und die gerade in den französischen Medien ihre verheerende Wirkung entfaltete. Folge für Koblenz: Es gab für die Stadtväter vorerst keine Möglichkeit, etwas gegen den Festungsgürtel zu unternehmen.
Situationsplan: Koblenz, Lützelkoblenz und die Eisenbahn 1864.
Nach dem Sieg setzte sich eine Entwicklung fort, die in den späten 1850er-Jahren eingesetzt hatte: Koblenz wurde zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt ausgebaut. Die Voraussetzungen wurden durch folgende Brückenprojekte geschaffen:
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die Eisenbahnbrücke über die Mosel (1857/58)
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die Pfaffendorfer Brücke, die Rheinbahn und Lahnbahn verband (1862–1864)
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die Horchheimer Brücke als Bindeglied der Bahnstrecke Berlin–Metz (1876–1879)
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die Gülser Moselbrücke auf der neuen Bahnstrecke Berlin–Metz (1877/1878)
Bereits ein Stadtplan von 1864 zeigt, in welchem Dilemma sich die Koblenzer befanden: Zwar war es gelungen, die neuen Bahntrassen so zu legen, dass sie die Stadtbefestigung nicht gefährdeten, doch hatte die Stadt keine Möglichkeit zur Ausdehnung. Kurzerhand wurde der Güterverkehr nach Lützel verlagert. Der heutige Stadtteil hatte sich mit dem Festungsbau neu entwickelt. Eingriffe und Zerstörungen des späten 17. Jahrhunderts hatten derart gravierende Folgen, dass das Areal fast 120 Jahre unbewohnt bleiben sollte. Umso mehr weckte das „neue“ Lützel der Eisenbahner und Gewerbetreibenden die Begehrlichkeiten.
Bereits 1859 wurde über eine Eingemeindung von Lützelkoblenz gesprochen. Denn: Die strenge preußische Gesetzgebung, die 1871 in das Reichsrayongesetz einfließen sollte, schränkte Baumaßnahmen im Vorfeld der Stadtbefestigung ein oder verbot sie ganz.
Die Verhandlungen scheiterten schließlich an Berlin. So blieb den Stadtvätern nichts anderes übrig, als über Neuordnungsmaßnahmen im Inneren der Stadt nachzudenken. So sollte der Rheinbahnhof in ein Netz neuer repräsentativer Straßen eingebunden werden. Das Wohnungsproblem der „kleinen Leute“ wurde damit nicht gelöst. Ganz im Gegenteil: Billiger Wohnraum wurde knapp.
Mit dem Gesetz über die Freizügigkeit im Norddeutschen Bund vom 1. November 1867 – das später auf das gesamte junge Kaiserreich ausgedehnt werden sollte – verschärfte sich die Situation.
„Jeder Bundesbürger hat das Recht, sich an jedem Ort aufzuhalten oder niederzulassen, wo er eine Unterkunft fand. Auch war es den Bürgern grundsätzlich gestattet, an jedem Ort Grundeigentum zu erwerben und an seinem Aufenthaltsort Gewerbe zu betreiben.“
Was gut gemeint war, sollte auch den Spekulanten Tür und Tor öffnen: Grundstücke und Wohnungen wurden knapp und teuer.
Einwohnerzahl verdoppelt
Wurden 1812 noch 11.793 Koblenzer gezählt, verdoppelte sich ihre Zahl bis 1864. Gegen Ende der 1880er-Jahre erfassten die Statistiker genau 32.642 Personen. In den Angaben nicht enthalten war die Zahl der Angehörigen des Militärs, die zwischen rund 3900 und 4900 variierte. Dennoch waren es nicht die Fesseln der Festungsstadt, sondern die fehlenden Kleinwohnungen für Zugezogene, die große Probleme bereiteten.
Besonders in den Quartieren mit mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Vorgeschichte sollten sich die Mängel schnell offenbaren. Meist auf schmalen Grundrissen errichtet, konnten die Gebäude kaum vergrößert werden. Die Folge waren planlose Aufstockungen oder die Überbauung der Innenhöfe.
Bereits 1863 hatte Polizeidirektor und Landrat Jakob Franz Hubert Freiherr Raitz von Frentz bei der Bezirksregierung den Vorstoß für eine Stadterweiterung unternommen. Insgesamt wurden in Koblenz 4299 Familien gezählt, die in 1381 Privathäusern mit insgesamt 21.176 bewohnbaren Räumen lebten. Im Durchschnitt lebten also in jedem Haus 16,7 Menschen, was wiederum einen Wert von 1,14 Personen pro Raum ergab. Das sind nur auf den ersten Blick günstige Werte. Rechnet man jedoch noch die Militärbevölkerung mit 4889 Köpfen in 241 Familien dazu, ergibt sich vor allem für die Alt- und Innenstadt ein ganz anderes Bild, wobei Kastorstraße, Görgenstraße und Weißer Gasse besonders von dem Wohnraummangel betroffen waren. Polizeipräsident von Frentz wies auf die schlimmste wirtschaftliche Folge hin: die Verdopplung der Mieten, die vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten besonders hart getroffen hatte.
Als „Motor“ in der schwierigen Stadterweiterungsdebatte gilt Karl-Heinrich Lottner (1825–1897). Der Koblenzer Oberbürgermeister, der von 1867/68 bis 1888 im Amt war, forderte in mehreren Briefen an die zuständigen Stellen in Berlin die Aufgabe der Stadtbefestigung, die inzwischen das Leben der Menschen wie ein Gürtel einschnürte. Doch Militärbehörden und Ministerien blieben stur – obwohl die Festung Koblenz-Ehrenbreitstein nach dem siegreichen Krieg ihre strategische Bedeutung eingebüßt hatte.
In Berlin wolle man die immensen Kosten nicht übernehmen, die eine Entfestigung mit sich bringen würde. Man versuchte, die Belastungen komplett nach Koblenz zu verlagern. Über die soziale Frage dachte man nicht nach. Und auch die konfessionellen Probleme wurden unterschätzt.[1]
Anmerkungen
[1] Über die damaligen Verhältnisse in der Garnisonsstadt Koblenz: Thomas Tippach, Koblenz als preußische Garnisons- und Festungsstadt. Wirtschaft, Infrastruktur und Städtebau, Köln/Weimar/Wien 2000 (Städteforschung A/53). Zugleich Dissertation, Münster 1996.
