Fiktiver Ortstermin: Napoleon in einem aufgehobenen und eingezogenen Kloster, um ein Krankenhaus für seine Soldaten einzurichten. Bild erzeugt mit KI (Google Gemini). Es gibt einen realen Hintergrund: Napoleon war bei Gründung des Bürgerhospitals im ehemaligen Franziskanerkloster im Kastorviertel (1805) tatsächlich in Koblenz.
Napoleon und die Folgen für Koblenz
Seit der Flucht des Adels und führender Kaufleute infolge der französischen Besetzung war in Koblenz ein Vakuum entstanden. Dazu kam die wirtschaftliche Not der Bürger: Zum einen mussten die Koblenzer hohe Abgaben leisten, zum anderen waren traditionelle Absatzgebiete westlich der neuen Rheingrenze weggebrochen. Es kam nicht von ungefähr, dass die Militärherrschaft als drückend, willkürlich und mitunter auch als chaotisch empfunden wurde.
Nach dem Frieden von Campo Formio änderte sich die Situation für Koblenz und andere Städte grundlegend, denn die Franzosen sahen die eroberten Gebiete nicht mehr als Besatzungszone, sondern als Teil ihres Landes. Und je fester Napoleon im Sattel saß, desto besser funktionierte es – wobei jedoch nicht verschwiegen werden soll, dass viele Deutsche im Dienste Frankreichs auf den Schlachtfeldern jener Zeit ihr Leben ließen [1].
Trotz der weiterhin schwierigen ökonomischen Situation boten sich für die Einheimischen durchaus Chancen – vor allem dann, wenn sie aus den gebildeten Schichten stammten. Als französische Staatsbürger hatten sie jetzt Möglichkeiten, in der Justiz und in der Verwaltung Karriere zu machen. Denn Koblenz erhielt einen Teil seiner alten Bedeutung zurück: Als Zentrum des Départements de Rhin-et-Moselle wurde die einst kurfürstliche Stadt wieder Verwaltungsmittelpunkt. In einer von Kriegen zerrütteten Zeit hielt sich jedoch die wirtschaftliche Entwicklung in Grenzen. Zu den wenigen Unternehmen mit Wachstumspotenzial zählte die erst 1794 von Johann Friedrich Deinhard (1772–1827) gegründete gleichnamige Weinhandlung, die später als Wein- und Sektproduzent weltweit bekannt werden sollte.
Ein neues Medizinalwesen
Veränderungen mit Langzeitwirkungen gab es vor allem im medizinischen Bereich, der in kurfürstlicher Zeit unterentwickelt war. Die Neuorganisation des Medizinalwesens im französischen Koblenz ist ein Verdienst des Präfekten Adrien de Lezay-Marnésia, der von 1806 bis 1810 an der Spitze des Rhein-Mosel-Departements stand. Der Präfekt hatte durch Beschluss vom 8. Januar 1808 das Rhein- und Moseldepartement in 31 ärztliche Distrikte unterteilt, von denen 28 in den Bereich des späteren Regierungsbezirks Koblenz fielen.
Die systematische Gesundheitsfürsorge durch Distriktsärzte sollte sich besonders im Kampf gegen die Pocken auszeichnen. Die gefährliche Infektionskrankheit hatte im 18. Jahrhundert europaweit rund 400.000 Opfer gefordert. Die französische Reform, zu der auch die systematische Ausbildung von Hebammen und die Bildung von Hebammenbezirken gehörte, sollte zum Vorbild für die Organisation des Medizinalwesens in preußischer Zeit werden.
Die Gründung von Hospitälern wurde sogar von Napoleon selbst befohlen, wobei den Kaiser alles andere als edle Beweggründe leiteten: Ihm ging es in erster Linie um ein gut organisiertes Netz zur medizinischen Versorgung verwundeter Soldaten. Dieses Netz sollte vor allem auch mit Gebäuden und Vermögen der geistlichen Korporationen und Stiftungen im Rheinland geknüpft werden. Diese waren mit dem am 2. Juli 1802 publizierten Übergangsgesetz aufgehoben worden.
Das alte Bürgerhospital im Kastorviertel wurde im Laufe seines Bestehens mehrmals umgebaut und erweitert. Das gilt auch für den Nordflügel, der 1873 fast vollständig abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wurde. Foto: Stadtarchiv Koblenz/Wikipedia (gemeinfrei).
Der Weg zum Hospital
Der nächste Schritt: Napoleon forderte 1803 eine Vermögensveranschlagung der wohltätigen Einrichtungen. François Louis René Mouchard de Chaban, der als Präfekt von 1803 bis 1805 an der Spitze des Rhein-Mosel-Departements stand, erhielt die entsprechenden Anweisungen am 18. Juli 1803. Das war übrigens nicht das erste Mal, dass eine solche Anordnung erfolgte: Die französische Militärbehörde in Aachen, der von 1794 bis 1797 die Gebiete westlich des Rheins unterstanden, hatte bereits 1795 Berichte über das Stiftungsvermögen von Hospitälern und Armenverwaltungen angefordert.
Schon aus dem Spätjahr 1794 ist für Koblenz eine städtische Hospitalkommission überliefert, die die französischen Militärlazarette beaufsichtigen sollte. Vier Jahre später wurde eine fünfköpfige Bürgerhospitalkommission berufen. Sie sollte die Einrichtungen für Arme, Kranke, Waisen und Witwen beaufsichtigen. Grundlage hierfür war das Gesetz vom 7. Oktober 1796 für das französische Kernland, das alle
„Civil Hospizien“
in jeder Stadt einer neu zu schaffenden Kommission unterstellte [2].
Der Kaiser besuchte Koblenz
Napoleon nutzte die Zeit zwischen der Proklamation am 27. Mai und seiner Krönung am 4. Dezember 1804 dazu, eine längere Reise durch die neuen französischen Gebiete zu unternehmen. Am 17. September 1804 traf er in Koblenz ein, wo er drei Tage Station machte. Die Stadt interessierte ihn wegen ihrer wichtigen Lage – die auch für eine schnelle Versorgung von Verwundeten förderlich war – besonders. Entsprechend schnell fiel die Entscheidung, das Hospital im alten Franziskanerkloster im Bereich der Kastorgasse einzurichten. Erste Geschäftsgrundlage war eine Liste von mildtätigen Stiftungen, mit der die Erstdotation eines Koblenzer Bürgerhospitals erfolgen konnte.
Am 1. Oktober, also knapp zwei Wochen nach seinem Koblenz-Besuch, erließ Napoleon in Mainz ein Dekret, das grundsätzlich die Einrichtung des Hospitals im Franziskanerkloster ermöglichte. Am 13. November 1805 legte ein weiteres kaiserliches Dekret die Details für das neue Koblenzer Hospital fest.
Bescheidene Dimensionen
Die Größe des im Kastorviertel gelegenen neuen Hospitals war zunächst mit 40 Betten angesetzt, aber nur die Hälfte konnte auch wirklich schnell belegt werden. Der weitere Ausbau sollte erst nach deutlichem Wachstum der Einnahmen und der Ermittlung des tatsächlichen Bedarfs geschaffen werden. Denn es ging zunächst nicht zwangsläufig um die Aufstockung der Bettenzahl. Denn im Grunde genommen war das Hospital jenseits seiner militärischen Aufgaben auch ein Instrument der Armenfürsorge. Wer es sich leisten konnte, ließ sich im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung behandeln. Und so war das Hospital vor allem eine Anstalt der ambulanten Versorgung.
Schnell wurde deutlich, dass die Neugründung nicht ohne Apotheke auskommen konnte. Und so ließ der damalige französische Präfekt Adrien de Lezay-Marnésia 1806 nicht nur eine Rechtsschule mit Promotionsrecht im Metternicher Hof einrichten, sondern ordnete auch die Einrichtung einer Spitalapotheke an. Die Motive hierfür waren rein finanzieller Natur: Dem Präfekten war die Belieferung des Hospitals durch die Apotheker in der Stadt zu teuer geworden.
Das Beispiel zeigt: Wenn es ums Geld ging, wurden schnell andere Prioritäten gesetzt. Nur so ist es zu erklären, dass der Staat die 1785 in Betrieb genommene kurfürstliche Wasserleitung von Metternich nach Koblenz wegen der hohen Instandhaltungskosten schnellstmöglich loswerden und die Stadt in die Pflicht nehmen wollte (was 1805 auch gelang). Dabei hätte ein Ausbau der wenig leistungsfähigen Anlage durchaus zu einer Verbesserung der Gesundheitsinfrastruktur beitragen können. So blieb es bei den Entnahmestellen am heutigen Clemensplatz, auf dem Plan und auf dem Kastorplatz. Nur wenige Bürger mit Immobilien nahe der Leitung konnten sich einen Hausanschluss leisten.
Anmerkungen:
-
[1] Zu den Veränderungen der französischen Zeit in Koblenz: Jürgen Müller: Von der alten Stadt zur neuen Munizipalität. Die Auswirkungen der Französischen Revolution in den linksrheinischen Städten Speyer und Koblenz, Koblenz 1990.
-
[2] Zur Entstehungsgeschichte des Hospitals: 200 Jahre Dienst am Menschen. Der Kemperhof – Vom Bürgerhospital zum Schwerpunktklinikum, Bd. 1: 1805–1964, Koblenz 2005.
ℹ️ CHRONIK: SIEGE UND NIEDERLAGEN I
1804
Napoleon führt am 21. März den Code civil ein. Das französische Gesetzbuch zum Zivilrecht sollte in den linksrheinischen Gebieten auch noch in preußischer Zeit nachwirken. Am 2. Dezember krönt sich Napoleon in der Kathedrale Notre Dame selbst zum Kaiser.
1805
Dreikaiserschlacht bei Austerlitz. Österreich und Russland verlieren gegen Frankreich. Im Dritten Koalitionskrieg verliert Österreich vorübergehend seine Stellung als Großmacht. Anders Großbritannien: Nach der siegreichen Seeschlacht von Trafalgar über Frankreich am 21. Oktober haben die Briten die Seeherrschaft.
Der erste Brunnen auf dem Kastorhof wird vollendet. Im gleichen Jahr geht die kurfürstliche Wasserleitung in den Besitz der Stadt Koblenz über. 1806 wird der öffentliche Brunnen auf dem Plan in Betrieb genommen.
1806
Der Rheinbund wird bezeichnenderweise in Paris gebildet. In dem von Frankreich abhängigen Staatenbund schließen sich deutsche Fürsten zusammen, die gleichzeitig aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ausscheiden. Am 12. und 16. Juli unterschreiben 16 Abgesandte deutscher Fürsten die sogenannte Rheinbundakte, die Rechtsgrundlage des neuen Bündnisses wird. Auf Druck Frankreichs beschließt der Habsburger Franz II. am 30. Juli, auf die Kaiserkrone zu verzichten. Damit ist das Alte Reich am Ende.
In Koblenz wird eine Rechtsschule mit Promotionsrecht zur Ausbildung des Verwaltungsnachwuchses gegründet. Sitz wird der Metternicher Hof auf dem Münzplatz.
1807
Im Frieden von Tilsit verliert Preußen seine Bedeutung. Vorausgegangen war die verheerende Niederlage in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt.
Die totale Niederlage Preußens gegen Frankreich setzt im Königreich einen Reformprozess in Gang, der den absolutistischen Ständestaat überwindet. Den Anfang macht das Edikt zur Bauernbefreiung. Weitreichende Folgen sollten auch die Heeresreformen sowie der völlige Umbau der Verwaltung haben, die von der Justiz getrennt und durch die Einführung von Fachministerien modernisiert wird.
Der US-Amerikaner Robert Fulton (1765–1815) entwickelt das erste brauchbare Dampfschiff. Der Ingenieur hatte 1801 das U-Boot Nautilus mit Handkurbelantrieb entworfen, das 1805 getestet wurde.
1808
Napoleon beginnt seinen Spanienfeldzug. In Österreich soll eine Heeresreform ermöglichen, perspektivisch verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Die allgemeine Wehrpflicht wird eingeführt.
In Preußen wird mit der Städteordnung die kommunale Selbstverwaltung eingeführt. Zu dieser Magistratsverfassung gehört zum Beispiel die Wahl der Stadtverordnetenversammlungen, der späteren Stadträte. Die Reform geht auf den in Nassau an der Lahn geborenen preußischen Staatsmann Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein (1757–1831) zurück, der 1804 zum preußischen Finanz- und Wirtschaftsminister berufen worden war, aber nach dem französischen Sieg bereits 1808 ins Exil gehen musste und 1812 in russische Dienste trat.
1810
Staatskanzler Freiherr August von Hardenberg (1750–1822) führt den Reformprozess fort. Bereits 1807 hatte sich der Diplomat in seiner „Rigaer Denkschrift“ für „demokratische Reformen“ im monarchistischen Staat eingesetzt.
ℹ️ CHRONIK: SIEGE UND NIEDERLAGEN II
1810
In Berlin wird eine Universität gegründet. Der preußische Reformprozess wird schließlich Vorbild für die Rheinbundstaaten, vor allem aber für Bayern, wo Maximilian Graf von Montgelas (1759–1838) die treibende Kraft ist.
1811
In Preußen werden die Frondienste abgeschafft. Allerdings müssen die Bauern ein Drittel ihres Landes an die Gutsherren abgeben.
1812
Napoleon beginnt Ende Juni in Litauen seinen verhängnisvollen Russlandfeldzug, der Teil des sechsten Koalitionskrieges ist. Frankreich betreibt einen enormen logistischen Aufwand, wobei in den besetzten Gebieten mehrere Tausend Pferde und Fuhrwerke eingezogen werden. Außerdem muss die „Grande Armée“ mit ihren 610.000 Soldaten (in der Zahl sind die rückwärtigen Soldaten und die Festungsbesatzungen nicht enthalten) und rund 200.000 Pferden verpflegt werden. Die Versorgung läuft schleppend, die Zahl der Deserteure wächst. Auf russischer Seite stehen zu Beginn des Krieges rund 420.000 Soldaten.
Die Hälfte der „Grande Armée“ besteht aus Nichtfranzosen. Allein die Rheinbundstaaten stellen 120.000 Soldaten. Auch kämpfen 100.000 Polen an der Seite Napoleons. Da der Kaiser auf einen schnellen Sieg mit einer großen Entscheidungsschlacht setzt, sind die Truppen nicht auf einen langen Feldzug vorbereitet. Die Soldaten hungern, Seuchen grassieren. Nach zwei Wochen sind in der „Grande Armée“ 135.000 Soldaten ausgefallen. Dennoch wird am 14. September Moskau besetzt. Brände zerstören die Hauptstadt des Zarenreichs, die Napoleon am 19. Oktober wieder räumen muss.
1813
Die Schlacht an der Beresina vom 26. bis 28. November 1812 leitet die Niederlage Napoleons ein. Die Entscheidung fällt in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober. Österreich, Preußen, Russland und Schweden kämpfen gegen Frankreich. Von 600.000 beteiligten Soldaten sterben 90.000, darunter Tausende Deutsche (auf beiden Seiten).
1814
Die gegen Napoleon verbündeten Truppen ziehen am 31. März in Paris ein. Eine provisorische Regierung unter Führung von Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754–1838) setzt Napoleon ab. Die Armee zwingt den Kaiser am 6. April in Fontainebleau zur Abdankung. Dieser erhält die Insel Elba als Fürstentum und eine Ehrengarde von 800 Mann. König wird der Bourbone Ludwig XVIII., der Talleyrand zum Außenminister macht.
Auf den Ersten Pariser Frieden, der im Mai Frankreichs Grenzen auf dem Stand von 1792 festschreibt, folgt der Wiener Kongress. Die große Friedenskonferenz zur Neuordnung Europas beginnt am 18. September. Einflussreichster Staatsmann wird der in Koblenz geborene Clemens Fürst von Metternich. Sein Ziel ist es, in ganz Europa den politischen Zustand von 1792 wiederherzustellen. Frankreich verdankt es in erster Linie dem Verhandlungsgeschick Talleyrands, dass es weiter im Konzert der Großmächte mitspielt.
1815
Der Wiener Kongress endet am 9. Juni, ohne dass es wirklich gelingt, Frieden zu schaffen. Napoleon ist bereits im März bei Cannes gelandet und marschiert nach Paris. Seine „Herrschaft der 100 Tage“ endet mit der Niederlage beim 15 Kilometer südlich von Brüssel gelegenen Waterloo.
Die Folge: Napoleon muss am 22. Juni endgültig abdanken und wird auf die Insel St. Helena im Südatlantik verbannt, wo er am 5. Mai 1821 stirbt.

