Nach Plänen des Koblenzer Architekturbüros Stähler & Horn wurden 1924 diese Gebäude in der Hohenzollernstraße für den Beamten-Wohnungs-Verein errichtet. Das Foto stammt aus dem Archiv der Modernes Wohnen eG. Es wurde via KI optimiert und koloriert. Hinweis: Die Häuser sind komplett erhalten geblieben, haben aber eine überwiegend weiße Fassadengestaltung.
Wohnungsnot als neue Herausforderung
Zwar war die Hyperinflation des Jahres 1923 für die Politik ein willkommenes Instrument, das Reich von finanziellen Verpflichtungen zu befreien, doch engte die Währungsreform auch Handlungsspielräume ein. Wichtige Investitionen mussten aufgeschoben werden.
Ergebnis: Das größte Problem der Nachkriegszeit, die Wohnungsnot, konnte nur schleppend gelöst werden. Dabei waren Hauseigentümer in einer vergleichsweise komfortablen Lage. Auch in Koblenz hatte während der Hunger- und Inflationsmonate so mancher seine Chance genutzt und Hypotheken auf einen Schlag zurückgezahlt. Doch nach der Einführung der Rentenmark war die Situation für private Investoren zunächst schwierig. Und auch die Stadt konnte zunächst wenig tun, um die Wohnungsnot zu lindern. Sie musste häufig für die Bediensteten der Besatzungsmacht bauen. Auch wenn das Reich einen großen Teil der Kosten trug, kam der Wohnungsbau nur in kleinen Schritten wieder in Gang.
Ein neues Steuerungsinstrument
Ein wichtiges Instrument auf dem Weg in die Normalität war die sogenannte Hauszinssteuer. Diese war 1924 von der Reichsregierung auf den Weg gebracht worden. Mit diesem neuen Instrument sollten Hausbesitzer, die während der Inflation besonders profitiert hatten, nun an der Finanzierung neuer Objekte beteiligt werden. Die Erlöse der Abgabe, die die Länder als Aufschlag zur Grundvermögenssteuer einzogen, dienten unter anderem auch als Basis für die Finanzierung von Projekten von Wohnungsbaugenossenschaften.
Diese machten in den Jahren von 1924 bis 1930 auch rege von diesem wichtigen Instrument Gebrauch, das für sie die erforderliche Kreditaufnahme erheblich verringerte. Ohne diese Steuer wäre die Finanzierung der großen Wohnungsprojekte in den Neubaugebieten jener Zeit nicht möglich gewesen.
Trotz der großen Anstrengungen der örtlichen Wohnungsbaugenossenschaften übernahmen vor allem die Kommunen die Vorreiterrolle beim Neubau. Dazu passt auch das Resümee, das der Beigeordnete und Stadtoberbaurat Franz Rogg im Jahr 1925 im vom Dari-Verlag herausgegebenen Werk „Deutschlands Städtebau“ zog. Darin heißt es:
„Wie auch in den meisten Städten trat in Koblenz gegen Ende des Krieges ein starker Wohnungsmangel in Erscheinung. Während bisher die Erstellung von Wohnungen der Privatbautätigkeit oblag, trat diese Aufgabe infolge der hohen Erstellungskosten und der damit verbundenen Unrentabilität an die Stadtverwaltung heran. Nach einem großzügig angelegten Plane nahm die Stadtverwaltung die Erstellung neuer Wohnungen in die Hand, nachdem die Möglichkeit, in älteren städtischen Gebäuden Notwohnungen einzurichten, erschöpft war. 50 bis 100 Wohnungen sind mithilfe der Reichs- und Staatszuschüsse erstellt oder noch im Bau begriffen.“
Die folgende Aufbauleistung ist auch aus heutiger Sicht beeindruckend, wenn man bedenkt, mit welchen Problemen sich die Stadtverwaltung trotz finanzieller Schieflage befassen musste. Ging es doch unter anderem gerade in den 20er-Jahren um den Neubau des städtischen Krankenhauses, den Aufbau eines kommunalen Entsorgungsbetriebs und gewaltige Erschließungsmaßnahmen in den Neubaugebieten in den westlichen Stadtteilen.[1]
Trotz dieser Herausforderungen waren bis 1925 auf dem Moselweißer Feld 76 Einfamilienhäuser und auf dem nördlichen Teil des Oberwerths 70 Wohnungen in zweigeschossigen Mehrfamilienhäusern errichtet worden. Weitere Mehrfamilienhäuser mit 100 Wohnungen waren in der heutigen Beatusstraße entstanden. Schließlich nannte der Stadtoberbaurat 27 Wohnungen in der Lindenstraße. In dieser Rechnung war das Engagement der Genossenschaften noch nicht enthalten. Diese wurden über Beihilfen unterstützt, sodass noch einmal 100 Wohnungen erstellt werden konnten.
Kommune griff direkt ein
Besonders bemerkenswert war das direkte Engagement der Stadt, die auf Kosten des Reichs zehn Landhäuser auf Oberwerth, 225 Wohnungen in der heutigen Südallee und den anschließenden Straßen, 36 Stockwerkwohnungen an der Roonstraße, 20 Offizierswohnungen in der Roonstraße (Einfamilienhäuser), 62 Wohnungen in der Moselweißer Straße und 120 Wohnungen in der Emil-Schüller-Straße bauen ließ.
Letztgenanntes Großprojekt wurde von der „Coblenzer Grundstücks-Gesellschaft zur Bebauung des Baublocks Löhr-, Roon- und Bahnhofstraße“ realisiert. Alle Gebäude in diesem Bereich waren nach Plänen des Koblenzer Architekten Ferdinand Passmann (vormals Köln) entwickelt und gebaut worden. Auch in diesem Fall wurden in erster Linie die Bedürfnisse der Besatzungsmacht erfüllt. Allein in dem 1922/23 errichteten Baublock zwischen Emil-Schüller-Straße, Hohenzollernstraße und Roonstraße zogen 50 französische Unteroffiziere ein.
Bis 1929 waren von der Stadt direkt oder zumindest mit ihrer finanziellen Unterstützung insgesamt 1677 Wohnungen gebaut worden. Schwerpunkte der Bautätigkeit waren dabei das Oberwerth, die Goldgrube, das Moselweißer Feld und der Brenderweg. Dazu kamen 169 Wohnungen in Notbauten und 471 in Neubauten der Besatzung.
Trotz dieser an und für sich guten Zahlen war das Problem der Wohnungsnot immer noch nicht gelöst. Die Verwaltung gab die Summe der noch immer benötigten Wohnungen mit 2300 an. Davon wurden 1400 als dringend notwendig gesehen. Allerdings wurde die Zahl nach dem Abzug der französischen Besatzung am 30. November 1929 relativiert. Schließlich wurden 471 Wohnungen in den Besatzungsneubauten frei. Dazu kamen weitere 129 Wohnungen in den vorhandenen Kasernen. Unter dem Strich reduzierte sich der Fehlbedarf auf 800 Wohnungen.
Diese großen Aufbauleistungen wurden erst durch hohe Investitionen in die Infrastruktur möglich. So mussten neue Straßen erschlossen und die Kanalisation ausgebaut werden. Die Erweiterung der Kanalisation erfolgte auch mithilfe von Arbeitslosen, die im Zuge eines Notstandsprogramms des Reichs eingesetzt werden konnten und den ausführenden Tiefbaufirmen zur Hand gehen sollten. Dabei blieb es nicht nur bei der Kanalisation, der in den Jahren 1927 und 1928 erste Maßnahmen für den Hochwasserschutz folgten. Die Ergebnisse sind heute noch im Stadtteil Lützel gut zu erkennen. Freilich sind diese Entwicklungen keine Koblenzer Spezialität.
Das prominentere Beispiel liefert Neuwied. Dort gilt Bürgermeister Robert Krups (1857–1930) als Vater der von 1928 bis 1931 erfolgten Eindeichung und als Initiator der 1927 gegründeten Gemeindlichen Siedlungs-Gesellschaft mbH Neuwied. Diese war ein Gegenentwurf zum privaten Genossenschaftsmodell, wenngleich sich die Zielsetzung durchaus ähnelte: sicheren und zeitgemäßen Wohnraum auch für diejenigen zu schaffen, die sich kein Immobilieneigentum leisten konnten.
Fehlbestand fast beseitigt
Auch in Koblenz behielt die Kommune die Fäden in der Hand, wenngleich es die örtlichen Genossenschaften waren, die das Stadtbild maßgeblich bestimmten. Obwohl die bis 1929 realisierten Maßnahmen erheblich zur Linderung der Wohnungsnot in der Stadt beigetragen hatten, legte die kommunale Verwaltung ein neues Bauprogramm für die Jahre bis 1931 vor, mit dem die Verantwortlichen auch den restlichen Fehlbestand beseitigen wollten.
Demnach sollten jährlich 150 Wohnungen durch die Stadt, 120 durch genossenschaftliche und private Bautätigkeit realisiert werden. Darlehen und Zuschüsse sollten für die Investoren ein Anreiz sein.
Anmerkungen
[1] Deutschlands Städtebau. Coblenz. 2. Auflage. Anlässlich der Rheinischen Jahrtausendfeier im Auftrage des Oberbürgermeisters Dr. Russell von Hans Bellinghausen, Berlin-Halensee 1925.
📌 CHRONIK: DIE WEIMARER REPUBLIK I
1924
In Deutschland endet am 13. Februar der Ausnahmezustand. Am 1. April wird Putschist Adolf Hitler zu fünf Jahren Festungsamt verurteilt, wird aber am 17. Dezember vorzeitig entlassen. Am 9. April wird der Dawes-Plan veröffentlicht, der die deutschen Reparationsleistungen regelt. Die deutsche Regierung unterzeichnet den nach dem Bankier und Politiker Charles Gates Dawes benannten Plan am 16. August. Die Reichstagswahlen am 4. Mai enden mit Stimmengewinnen für die radikalen Parteien. Stabile Mehrheiten gibt es nicht. Das bürgerliche Kabinett Wilhelm Marx (Zentrum) scheitert. Der Reichstag wird aufgelöst, am 7. Dezember folgen Neuwahlen.
1925
Die zum 10. Januar fällige Räumung der ersten Rheinlandzone wird von den Alliierten abgelehnt. Begründung: Deutschland habe gegen die Entwaffnungsbestimmungen verstoßen. Am 15. Januar wird ein neues bürgerliches Kabinett unter Führung des parteilosen Hans Luther gebildet. Am 27. Januar wird die zwischenzeitlich verbotene NSDAP neu gegründet. Einen Tag später stirbt Reichspräsident Friedrich Ebert an den Folgen einer verschleppten Blinddarmentzündung. Am 26. April wird Paul von Hindenburg per Volksentscheid zum Nachfolger gewählt. Am 14. Juli beginnt die Räumung des Ruhrgebietes. Am 1. Dezember werden in London die sogenannten Locarno-Verträge unterzeichnet. Darin erkennt das Deutsche Reich die neue Westgrenze an. Im Vorfeld war es im Kabinett zu Spannungen gekommen. Die Mitglieder der nationalen DNVP hatten die Regierung verlassen.
1926
Hans Luther bildet am 19. Januar sein zweites Kabinett, eine bürgerliche Minderheitsregierung ohne Beteiligung der DNVP. Am 24. April wird der Berliner Vertrag geschlossen, in dem das Deutsche Reich und die Sowjetunion einander Freundschaft und Neutralität versprechen.
1926
Hindenburgs Flaggenverordnung sorgt am 5. Mai für Streit. Der Präsident ordnet an, dass an deutschen Auslandsvertretungen nicht nur Schwarz-Rot-Gold geflaggt wird. Aufgezogen werden muss auch die im Wesentlichen schwarz-weiß-rote Handelsflagge, die stark an die Kaiserzeit erinnert. Der Konflikt eskaliert derart, dass die Reichsregierung zurücktritt. Wilhelm Marx bildet ein neues bürgerliches Minderheitskabinett. Gleichzeitig beginnen in Polen nach dem Staatsstreich des Marschalls Pilsudski unruhige und kriegerische Zeiten. In Deutschland scheitert am 20. Juni der Volksentscheid zur Fürstenenteignung. Am 8. September wird Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Motor der deutschen Verständigungspolitik ist Gustav Stresemann, der am 10. Dezember den Friedensnobelpreis erhält.
1927
Nach dem Scheitern seines dritten Kabinetts bildet Wilhelm Marx eine „Bürgerblock-Regierung“ unter Einbeziehung der DNVP. Am 16. Juli wird das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung verabschiedet.
1928
Das vierte Kabinett Marx scheitert am 15. Februar, weil es nicht gelingt, ein Reichsschulgesetz auf den Weg zu bringen. Am 20. Mai muss schließlich der Reichstag neu gewählt werden. Wahlverlierer sind die bürgerlichen Parteien und die extreme DNVP. Gewinner sind die linken Parteien. Der neue Reichskanzler, der Sozialdemokrat Hermann Müller, bildet eine Große Koalition. Am 27. August unterzeichnet Deutschland den Briand-Kellogg-Pakt, besser unter dem Namen Kriegsächtungspakt bekannt. Von Oktober bis Dezember tobt der Ruhreisenstreik. Rund 200.000 Arbeiter können ihre Lohnforderungen nicht durchsetzen. Sie werden ausgesperrt.
