Das Ehrenbreitsteiner St.-Josef-Krankenhaus (weißes Gebäude) bestand bis 1969 und wurde später ebenso abgebrochen wie das alte Rathaus (am linken Bildrand). Rechts: Das Sauerwassertor. KI-kolorierte Aufnahme aus der Zeit um 1900. Vorlage: Stadtarchiv Koblenz.
Die Versorgung für Kranke wird besser
Nicht nur in Koblenz, sondern auch in den Kommunen der unmittelbaren Umgebung wurden die Kapazitäten im Bereich der Krankenpflege während des 19. Jahrhunderts deutlich ausgebaut. Die neuen Pflegeorden spielten dabei eine maßgebliche Rolle. So nutzten die Armen Dienstmägde Jesu Christi – heute besser als Dernbacher Schwestern bekannt – 14 Jahre nach der Gründung der Kongregation (1851) erstmals eine Wohnung im Horchheimer Mendelssohnstift zur Krankenpflege. 1868 legte man den Grundstein für ein neues Haus, das in den folgenden Jahrzehnten immer weiter ausgebaut wurde. Die Einrichtung im heutigen Stadtteil bestand bis zum 31. Dezember 1988. Ihre Tradition setzt heute das Alten- und Pflegeheim St. Josef fort.
Ohne die Unterstützung von Horchheimer Bürgern hätte das Krankenhaus nicht so lange erfolgreich arbeiten können. Als Förderer taten sich von Anfang an vor allem die Mendelssohns hervor. Die jüdische Familie war seit 1818 in der alten Weinbaugemeinde ansässig. Damals hatte der Berliner Bankier Joseph Mendelssohn ein altes Weingut erworben, das nach und nach zum Palais mit einem weitläufigen Park ausgebaut wurde und lange bekannte Kulturschaffende anzog.
Krankenhaus Ehrenbreitstein
Auch in Ehrenbreitstein wäre der Ausbau eines Krankenhauses ohne bürgerliches Engagement nur schwer möglich gewesen. Den Impuls für die Gründung gab allerdings die Choleraepidemie von 1850, die in der Bürgermeisterei Ehrenbreitstein 77 Menschenleben gefordert hatte. Die Opfer hinterließen 20 elternlose Kinder, die versorgt werden mussten. Den Anfang machte die Pfarrgemeinde Heilig Kreuz, die von den Eheleuten Fensterer drei Häuser zu einem stark vergünstigten Preis kaufte.
Streng genommen war das Hospital im Dahl ein Waisenhaus, dessen Kapazitäten schon sehr bald nicht mehr ausreichten. Schon 1850 stieg die Zahl der betreuten Waisenkinder auf 27, ein Jahr später auf 28. Auf Initiative der Pfarrgemeinde und wohlhabender Bürger konnte schließlich ein neues Gebäude errichtet werden. 1854 wurde die ältere Bausubstanz abgebrochen, zwei Jahre später war ein großes dreigeschossiges Gebäude fertig. Für den Neubau zeichnete Oberst Karl August von Cohausen (1812–1894) verantwortlich, der als Schöpfer der neuen Stadtbefestigung Ehrenbreitsteins gilt und später vor allem durch seine archäologischen Studien sehr bekannt werden sollte. Den Dienst in der bis 1971 bestehenden Einrichtung übernahmen, wie bereits im Falle des Koblenzer Bürgerhospitals, die Borromäerinnen.
Dennoch blieb das Krankenhaus – trotz der erheblichen Erweiterung von 1886 – vor allem ein Asyl für Alte, Kranke und Waisenkinder. Die Behandlung der Kranken spielte eine untergeordnete Rolle: So wurden 1869 nur 40 einheimische und 118 auswärtige Patienten behandelt. Erst 1886 wurde der erste hauptamtliche Arzt fest eingestellt. Es war der Armenarzt Dr. Istas.
„Kloster Marienhof Coblenz Totalansicht“: Die KI-Neuinterpretation (Google Gemini) einer undatierten Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt das ursprünglich in der Moselweißer Gemarkung gelegene neue Mutterhaus der Schwestern vom Heiligen Geist. Neben den Abteilungen für Kranke gab es auch ein Pensionshaus für Senioren.
Mit dem Aufkommen der gesetzlichen Krankenkassen seit den 1880er-Jahren hatte das Haus eher den Charakter einer Belegklinik für die Patienten der niedergelassenen Ärzte. Was blieb, war die vergleichsweise schlechte Ausstattung. Vor allem für den Kampf gegen Infektionskrankheiten war das Hospital, das Anfang der 1990er-Jahre abgebrochen wurde, nicht ausgerüstet. Vor allem fehlte die Möglichkeit, Kranke zu isolieren. Doch mit diesem Problem standen die Ehrenbreitsteiner nicht allein da. Auch im Koblenzer Bürgerhospital gab es Nachholbedarf.
Nach bescheidenen Anfängen in der Florinspfaffengasse waren die Barmherzigen Brüder am Ende des 19. Jahrhunderts in der Lage, in der heutigen Kardinal-Krementz-Straße einen Neubau zu errichten. Dieser war 1898 bezugsfertig. Die KI-Illustration ( Google Gemini) ist die Transformation einer undatierten Postkarte, die wahrscheinlich kurz nach der Fertigstellung des Hauptgebäudes entstand. Obwohl die Kongregation heute ihren Hauptsitz in Trier hat, ist sie nach wie vor stark Koblenz präsent. So wird der erste Sitz des Ordens in der Altstadt zu einem spirituellen Zentrum und zu einem Ort der Begegnung ausgebaut.
Das Brüderhaus
Besser dran waren die Kongregationen, die in großzügigere Gebäude umziehen konnten. Zu nennen ist der florierende Krankenpflegeorden der Barmherzigen Brüder, der es schnell verstand, die Vorzüge der Stadterweiterung zu nutzen. Bereits 1898 konnte ein Neubau in der Kardinal-Krementz-Straße bezogen werden, der noch heute das Herzstück des Brüderhauses als Teil des Katholischen Klinikums ist. Sehr schnell waren auch die Schwestern vom Heiligen Geist, die 1885 ein großes Areal in der Koblenzer Straße erwarben. Dort eröffneten sie bereits drei Jahre später ihr neues Mutterhaus samt Kapelle, das schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erweitert werden musste. Auch die evangelischen Gründungen blühten auf. So wurde das Evangelische Stift St. Martin 1898 in der Kurfürstenstraße neu errichtet.
Auch in der Umgebung von Koblenz waren die Orden sehr aktiv – vor allem die Dominikanerinnen, die von Pfarrer Johann Baptist Kraus motiviert worden waren, das Kloster St. Peter in Schwyz zu verlassen und in Arenberg ein neues Kloster aufzubauen. Dort engagierten sie sich unter anderem in der Kranken- und Altenpflege sowie für den Schulunterricht. Die Dominikanerinnen waren es auch, die sich ab 1887 in Moselweiß der ambulanten Krankenpflege widmeten. Aus bescheidenen Anfängen in einem Haus, das Eigentum von Schwester Dominika Sauer und ihres Bruders Josef war, entwickelte sich ein Krankenhaus mit Operationssaal, das 1899 den Betrieb aufnahm. Der Schwerpunkt des bis 1973 bestehenden Hospitals: Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten.
Neben den Kliniken gab es in Koblenz noch eine Reihe von Einrichtungen, die sich der Betreuung von Waisenkindern und Älteren widmeten. Prominentestes Beispiel ist das Waisenhaus St. Barbara, das 1908 aus dem alten Kloster in der Löhrstraße auszog und sich in einem großzügigen Neubau in der Goldgrube niederließ (heute Alten- und Pflegeheim St. Barbara). Und dann gab es noch die Stiftungen der Familie de Haye. Dazu gehörte das nicht mehr bestehende Josefinenstift in Lützel, das ebenfalls von den Schwestern vom Heiligen Geist betreut wurde.
Die Gebäude von Bad Laubach dienten nach dem Aus für die Kaltwasserheilanstalt unter anderem als Kaserne. KI-kolorierte, undatierte Postkarte.
Kaltwasserheilanstalt Bad Laubach
Ein Sonderfall: die in den 1840er-Jahren eröffnete Kaltwasserheilanstalt Bad Laubach, die in ganz Deutschland sehr bekannt war. Der Anstalt war trotz einer Modernisierung nur eine kurze Blüte beschieden. 1882 von Dr. Heinrich Averbeck in eine Anstalt für Physikalische Medizin umgewandelt, wurde die Einrichtung später von Dr. Wilhelm Achtermann als Lungenheilanstalt betrieben und 1902 ganz aufgelöst.
Die vielen medizinisch und karitativ motivierten Neugründungen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Koblenz für den Kampf gegen die bedrohlichen Infektionskrankheiten jener Zeit mehr schlecht als recht ausgerüstet war. Dabei war die Tuberkulose fast ständig präsent. Als Ganzes betrachtet, sollte diese Krankheit verhängnisvoller sein als alle anderen Epidemien, die die Menschen im 19. Jahrhundert belasteten. Denn: Schätzungsweise fielen allein in den deutschen Staaten jährlich 100.000 Menschen der tückischen Krankheit zum Opfer. Dennoch hatte der Kampf gegen Cholera, Pocken und Typhus für die Verwaltung Priorität.
Tuberkulose galt lange als Krankheit der Armen. Dennoch wurden – unabhängig vom Wirbel um Robert Koch und seine Forschungen – bereits in den 1880er-Jahren die Forderungen nach besonderen Heilstätten für
„Unbemittelte“
immer lauter. Der Arzt Hermann Brehmer hatte bereits 1856 betont, dass sich die Tuberkulose an abgelegenen Orten, an denen es die Infektion nicht gab, gut bekämpfen ließ. Diese These führte zur Entstehung von Privatinitiativen, die sich für die Erkrankten einsetzten. Und schließlich bewegten sich auch die Staaten und die noch jungen Kranken- und Sozialversicherungen.
In Koblenz bemühte sich Regierungspräsident August Freiherr von Hövel in einem Rundschreiben an die Landräte um Aufklärung und verwies auf die Vorschläge des Kieler Arztes Prof. Dr. Heller. Diese flossen schon im März 1891 direkt in die
„Maßnahmen zur Verhütung der Schwindsucht“
ein, weil auch im Landkreis Koblenz eine erhebliche Zunahme der Tuberkulosefälle zu beobachten war. Die Behörden führten dies auf den
„getrockneten, verstreuten“
Auswurf zurück. Man forderte das Aufstellen von Spucknäpfen in Lokalen und die regelmäßige feuchte Reinigung von Räumen. Zudem warnte die Bezirksregierung vor der Ansteckungsgefahr über Lebensmittel.
Auch die Stadt Koblenz nahm die Überwachung von Lebensmitteln sehr ernst, was nicht nur die Entwicklungen um den 1890 fertiggestellten Schlachthof zeigen. Das Augenmerk der Kontrolleure richtete sich vor allem auf die Milch. Man wusste, dass Milch sehr wohl
„Transporteur“
des Tuberkuloseerregers sein konnte, vor allem dann, wenn sie nicht pasteurisiert war. Außerdem war man aus anderen Städten gewarnt, in denen sich die Skandale wegen der von Händlern gepanschten Milch häuften. Spezielle Stationen zur Behandlung der Kranken wurden jedoch noch nicht gebaut.
🏛️ CHRONIK: DIE GROSSEN INFEKTIONSKRANKHEITEN
1720
Benjamin Martens veröffentlicht in England eine wegweisende Schrift. Er ist der Erste, der Tuberkulose auf Mikroorganismen zurückführt.
1871
Eine in den deutschen Staaten bereits seit Monaten schwelende Pockenepidemie nimmt im Januar dramatische Formen an. Im jungen Kaiserreich sind rund 180.000 Tote zu beklagen. Die hoch ansteckende, auch Blattern genannte Krankheit wird durch eine Tröpfcheninfektion verbreitet. Ein anderer Übertragungsweg ist infizierte Milch.
1872
Im Frühjahr geht eine schwere Ruhrepidemie zu Ende. Allein im Stadt- und Kreisgebiet Koblenz sind 2.540 Menschen erkrankt; 462 Patienten sterben. Allein in Koblenz werden 811 Fälle gezählt, wobei 111 Tote zu beklagen sind. In Ehrenbreitstein kommen 41 Menschen ums Leben.
1874
Im Deutschen Reich wird eine Impfpflicht gegen die Pocken eingeführt. Die weltweite Vorreiterstellung hatte Bayern übernommen. Dort galt die Impfpflicht bereits seit 1807.
1878
In Ehrenbreitstein wird im Teichert ein Lazarett für das Militär gebaut (heute Martin-Gropius-Bau). Die nach Plänen der Berliner Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden gebaute Anlage hatte ein eigenes Isolierhaus, um Infektionskrankheiten behandeln zu können.
1882
Ausbruch der Pocken in Koblenz
In Koblenz brechen am 17. Januar die Pocken aus. Die Katastrophe geht ausgerechnet vom Bürgerhospital aus, das in einem städtebaulichen Problembereich liegt. Die Infektionskrankheit wird zuerst bei einem Schuhmachergesellen auf Wanderschaft festgestellt, den man ins Hospital gebracht hatte. Die Ärzte erkennen die Gefahr zu spät. Der 29-Jährige wird zunächst in den allgemeinen Krankensaal gelegt.
Immer mehr Menschen stecken sich in Koblenz mit den Pocken an. Ende März werden bereits 54 Kranke gezählt. Allein im Bürgerhospital liegen 20 Kranke. Vier Menschen sterben. In der Moselweißer Gemarkung wird ein Isolierhaus aus Fachwerk gebaut, das von den Borromäerinnen betreut wird. Der Notbau kann 58 Patienten aufnehmen. Trotz der Vorsichtsmaßnahmen werden die Pocken erst im November besiegt. Insgesamt erkranken 71 Männer und 96 Frauen, davon die meisten im jugendlichen Alter. Am Ende sind 24 Tote zu beklagen.
1882
Entdeckung des Tuberkelbazillus
Robert Koch beschreibt am 24. März in Berlin das Tuberkelbazillus. 1890/91 entwickelt er das Tuberkulin als Heilmittel gegen die Tuberkulose. Das neue Medikament ist umstritten, weil es trotz mehrfacher Verbesserungen keine objektiv nachweisbaren Heilerfolge brachte. Robert Koch wird für seine Entdeckung 1905 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.
1891
Eine für die „arbeitende Klasse“ eingerichtete Kranken- und Invalidenversicherung übernimmt die Kosten für die Behandlung von Tuberkulosekranken. Nur ein Jahr später wird in Falkenstein im Taunus die erste Volksheilstätte gegründet. 1899 folgt der nächste Schritt: Erstmals übernehmen die Landesversicherungsanstalten die Kosten für die Behandlung von Tuberkulosekranken. Die Kommunen werden dadurch endlich deutlich entlastet.
