Der Gefreite Elgie Fisher, Hauptquartier Kompanie, 121. Mach. Gun Bn. blickt am 7. Januar vom Koblenzer Rheinufer auf die Feste Ehrenbreitstein. Ki-kolorierte Aufnahmen eines unbekannten Fotografen. Quelle: Wikimedia Commons (gemeinfrei).
Bürger und US-Soldaten arrangieren sich
Niederlage, Revolution und eine neue Besatzungsmacht: Das Jahr 1918 war für die Koblenzer nicht nur entbehrungsreich, sondern auch der Beginn einer ungewissen Zukunft. Dabei hätte es für sie schlimmer kommen können: Während andere Regionen im Deutschen Reich am Rande eines Bürgerkrieges standen, blieb es an Rhein und Mosel weitgehend ruhig – die massive Präsenz von US-Soldaten in der Stadt hatte durchaus ihre positiven Seiten.
„Nicht als Plünderer oder Bedrücker seid ihr in dieses Land gekommen, sondern lediglich als Werkzeuge einer starken, freiheitlichen Regierung, deren Ziele dem deutschen Volke zur Wohltat gereichen sollten. Während unserer Besatzung befindet sich die deutsche Zivilbevölkerung unter dem besonderen Schutze der Pflichttreue und Ehre der amerikanischen Armee.“
Mit ihrer Generalordonnanz 218 vom 28. November 1918 wollte die amerikanische Führung Fakten schaffen und klarmachen, dass sie Übergriffe und Plünderungen durch US-Soldaten nicht dulden würde. Wie die weiteren Befehle zeigen, waren allerdings auch Kontakte zwischen Einheimischen und Besatzung unerwünscht, die über das „Amtliche“ hinausgingen.
17.000 Soldaten in der Stadt
Trotz der klaren Vorgaben waren gerade in der Anfangszeit die Belastungen für die Bevölkerung nicht zu unterschätzen. Denn die Provinzhauptstadt wurde Hauptquartier der US-Streitkräfte in Deutschland. Bereits im Dezember 1918 rückten rund 10.000 Soldaten in die Stadt ein, weitere 7000 Soldaten folgten bis zum Jahresanfang 1919. Außerdem wollten viele Soldaten ihre Familien nachholen. Die Folge: Obwohl die Besatzung bemüht war, die militärischen Gebäude in der Stadt zu nutzen, mussten zahlreiche Privatwohnungen beschlagnahmt werden, um die Raumprobleme zu lösen.
„Während der ersten Besatzungstage gingen die Gefühlswogen auf beiden Seiten so hoch, waren voll Misstrauen und Bitterkeit, dass das Ausbleiben von Zusammenstößen geradezu überraschen musste. Unter dem Einfluss der unserem Eintritt in den Krieg vorhergehenden Hetzereien und der während des Krieges verbreiteten Schauergeschichten glaubte die Mehrzahl der Amerikaner, die Deutschen achteten weder Vereinbarungen noch Moralgesetze, suchten das Böse um des Bösen willen und wollten vor allem Rache für ihre Niederlage nehmen. Andererseits war den Einwohnern immer wieder gepredigt worden, dass die amerikanische Armee ein zuchtloses Gesindel von Halbwilden sei“,
schreibt Henry Tureman Allen in seinen Erinnerungen. Der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Deutschland räumte auch ein, dass es besonders am Anfang zu Übergriffen, vereinzelt sogar zu Verbrechen kam, die aber hart bestraft wurden.[1]
Probleme mit den US-Soldaten gab es insbesondere dann, wenn sie in „Wildwestmanier“ mit dem Auto auf Koblenzer Straßen unterwegs waren oder im Übermaß Alkohol tranken. Man bedenke: Damals bestand in den USA die Prohibition, die erst 1933 endete. Das bedeutete: Der Handel mit Alkohol war verboten. Und die Soldaten nutzten deshalb fernab der Heimat gern die Gelegenheit, sich einen guten Tropfen zu gönnen – obwohl bei überhöhtem Konsum schwere Strafen drohten.
Die Dollars saßen locker
Je länger sich die US-Soldaten in Koblenz aufhielten, desto besser gefiel es ihnen. Die Dollars saßen locker, denn die Soldaten konnten sich wegen der zunehmenden Entwertung des deutschen Geldes viel mehr leisten als in der Heimat. Angelockt von der Freigiebigkeit der Amerikaner, strömten immer mehr „Frauenzimmer“ in die Stadt, die Prostitution blühte auf, die Geschlechtskrankheiten nahmen zu.
Stimmung verbessert
Dass sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern entspannte, lag vor allem daran, dass die Besatzung streng auf Disziplin achtete. Deutsche, die sich beim Militär über Übergriffe beklagten, hatten gute Chancen, dass ihr Fall auch untersucht wurde. Dazu kam, dass die Amerikaner ihr Deutschlandbild revidierten – vor allem dann, wenn sie Quartier bei den Einheimischen genommen hatten.
„Als die Soldaten ihre dauernden Standorte bezogen hatten, waren in ihrer seelischen Einstellung große Veränderungen vorgegangen. Sie hatten inzwischen die Erfahrung gemacht, dass ein großer Teil von dem, was sie über die angeborene Lasterhaftigkeit der Deutschen gehört hatten, nicht wahr sei, und ihre Kriegserinnerungen verblassten“,
bringt es Henry Tureman Allen auf den Punkt. Für ein gutes Klima sorgte auch die Tatsache, dass die USA die harten Friedensbedingungen der Franzosen nicht mittrugen und sich weigerten, sich dem Versailler Vertrag anzuschließen. Die Folge: der Sonderfrieden mit dem Deutschen Reich vom August 1921, dessen Folge eine deutliche Verringerung der Truppenpräsenz war.
Im Juni 1922 waren in Koblenz nur noch 1200 US-Soldaten stationiert, die inzwischen recht beliebt waren. Hatten sie doch beispielsweise dafür gesorgt, dass täglich 2400 kleine Kinder eine warme Mahlzeit erhielten. Die Verbesserung des Klimas blieb nicht ohne Folgen. Trotz des Verbotes fanden sich viele deutsch-amerikanische Paare. Und als sich Nachwuchs ankündigte, gestattete das Militär sogar die Heirat. Allerdings nicht immer. Das hat Hans-Dieter Andernach herausgefunden, als er über seinen Großvater Allee Cox recherchierte. Er musste ohne seine damalige Freundin Anna Katharina Heip zurückkehren – und bemühte sich noch bis 1952, alte Kontakte wiederherzustellen. Doch scheiterten der Farmer und später auch der Enkel. Über die schweren Zeiten sprachen weder die Familien noch die Behörden gerne.

Truppen zogen ab
Die Uneinigkeit der Siegermächte führte schließlich zum Ende der US-Besatzung in Koblenz. Aus Protest gegen die nicht abgestimmte Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen wurde am 24. Januar 1923 das Sternenbanner auf dem Ehrenbreitstein eingerollt.
Anmerkungen
[1] Dazu: Henry Tureman Allen, Mein Rheinland-Tagebuch. Autorisierte deutsche Ausgabe, gekürzt und mit einer Einführung versehen. 2. Auflage, Berlin 1923.
