Martin Luther wurde 17. und 18. April 1521, von den Reichsständen geladen, auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser Karl V. befragt. Er lehnte den Widerruf seiner Schriften ab. KI-erzeugte (Google Gemini) erzeugte Illustration. Vorlage ist ein kolorierter Holzschnitt von 1556, dessen Ursprung unbekannt ist. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)
Das alte Weltbild wankt
Eigentlich war der Ablasshandel eine praktische Sache. Der Sünder zahlte für die Vergebung, und die Kirche konnte ehrgeizige Projekte angehen – so zum Beispiel den Petersdom in Rom, dessen Grundstein am 18. April 1506 gelegt worden war. Doch der Handel mit diesen „Freifahrtscheinen“ sollte bizarre Dimensionen annehmen und die Welt der Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. Und das sollte auch im Kurfürstentum Trier deutlich zu spüren sein.
120 Jahre lang sollte am Heiligtum in Rom gebaut werden, das an die Stelle der im Jahre 324 geweihten Basilika trat. Diese galt wiederum als Grabeskirche des Apostels Simon Petrus. Die komplexe Ausgangssituation zeigt: Es wurde richtig teuer. Denn es ging um ein gewaltiges, vom Baumeister Bramante entworfenes Gotteshaus für 20.000 Menschen mit der größten freitragenden Ziegelkuppel der Welt. Und ein gut funktionierender Ablasshandel sollte die erforderlichen Mittel bringen.
Widerstand gegen Ablasshandel
Grundsätzlich waren Ablässe nicht neu. Schon der schwierige Bau der Koblenzer Balduinbrücke war zum Teil auf diesem Weg finanziert worden. Doch die Dimensionen, die dieses Geschäft im frühen 16. Jahrhundert erreicht hatte, schockierten tiefgläubige Menschen zutiefst. Sie konnten und wollten nicht hinnehmen, dass man sich ohne ernsthafte Reue und Buße von Sünden freikaufen konnte. Vor allem ein Mann begehrte auf: Martin Luther. Er hatte auf seiner Romreise 1510/11 die Dekadenz im Mittelpunkt der Christenheit erlebt. Das ausschweifende Leben der machtgierigen Renaissancepäpste übertrug sich auf den gesamten Klerus, das seit der Synode von Pavia (1022) geltende Zölibat und das Gebot der Enthaltsamkeit wurden ad absurdum geführt.
Martin Luther, der selbst einem strengen Orden angehörte, war schockiert. Dennoch wollte er die Kirche nicht bekämpfen, sondern dazu beitragen, sie behutsam zu erneuern. Sein Zorn richtete sich besonders gegen den Ablasshandel, dem seine berühmten 95 Thesen gelten. Ob er sie wirklich am 31. Oktober 1517 ans Hauptportal der Schlosskirche von Wittenberg schlug, ist umstritten. Zwar hat der Reformator Philipp Melanchthon diese Szene überliefert, doch geht die Forschung davon aus, dass Luther, der 1512 promoviert hatte, seine Thesen verschickte. Denn der Theologe war Dozent an der örtlichen Universität und pflegte den wissenschaftlichen Disput.
Beeinflusst von den liberaleren theologischen Auffassungen des ebenfalls in Wittenberg lehrenden Wilhelm von Ockham – der dem Menschen sehr wohl einen freien Willen zubilligte –, setzte Luther auf vernünftige Lösungen. Und wahrscheinlich wäre seine Fundamentalkritik am Ablasshandel eine Auseinandersetzung unter Theologen geblieben, wenn es die technische Revolution des Spätmittelalters nicht gegeben hätte. Zum einen eröffnete der von Johannes Gutenberg um 1450 erfundene Buchdruck mit beweglichen Metalllettern bis dato unbekannte Wege, Gedanken für einen größeren Leserkreis zu Papier zu bringen, zum anderen brachten Entdeckungen das mittelalterliche Weltbild ins Wanken.
Krise der Herrschenden
Die erste große Reise des Christoph Columbus von 1492/93, in deren Verlauf Amerika (wieder)entdeckt wurde, ist ein Beispiel von vielen. Zwar leitete diese die große Zeit der Seefahrer und deren Suche nach märchenhaften Reichtümern ein, doch fand die eigentliche Revolution am Himmel statt. Denn die Zweifel an der Überzeugung, die Welt sei eine Scheibe, um die das ganze Universum kreise, nahmen zu. Wissenschaftler wie Nicolaus Copernicus, der zwischen 1506 und 1530 die Grundlagen für sein heliozentrisches Weltbild erforschte, brachten die weltlichen und geistlichen Fürsten in Erklärungsnöte. Ihr Gottesgnadentum wurde hinterfragt. Die Herrschenden reagierten mit Druck und Gewalt, vor allem aber mit unerträglichen finanziellen und materiellen Belastungen für die Bevölkerung.
Ritter wurden „arbeitslos“
Die kursierenden humanistischen Ideale von der Würde des Menschen und die Wiederentdeckung der Antike spiegelten sich bestenfalls in den Residenzen wider – und die Errungenschaften der renaissancezeitlichen Baukunst in den Befestigungsanlagen. Dagegen waren soziale Verwerfungen das eigentliche Phänomen der Zeit. Nicht nur die Bauern litten, sondern auch der niedere Adel. Ritter wurden „arbeitslos“, die alte „Kriegskunst“ war überflüssig geworden. Feuerwaffen und Söldnerheere hatten sich längst durchgesetzt. Am Ende machte genau dieses Heer aus Hungrigen und Frustrierten die Reformation so gefährlich. Denn die Initiatoren der im Rheinland und in Süddeutschland aufflammenden Aufstände beriefen sich auf die Lehren Luthers. Sie wurden ein geistiger Überbau des großen Deutschen Bauernkriegs – von dem sich der Reformator übrigens distanzierte.
Auch in Koblenz gärte es. Die Bürger wurden mit den unterschiedlichsten Steuern belastet, die sie nur zähneknirschend bezahlten. Gleichzeitig verfluchten sie den Wohlstand von Adel und Klerus, der im Stadtbild deutlich abzulesen war. Die Vorgänge des 13., 14. und 15. Jahrhunderts zeigen: Ein Funke genügte, um einen neuen Aufstand zu entfachen. Denn die Koblenzer dürften sehr wohl gewusst haben, was andernorts geschah.
Die Bürger hatten durchaus ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Kein Wunder: Die meisten Innovationen jener Zeit kamen aus den Städten. Das galt nicht nur für die Strukturen der Selbstverwaltung, sondern auch für praktische Lösungen. So waren in vielen Städten sogenannte Wasserkünste entstanden, mit denen die Bürger über ausgeklügelte Röhren und wassergetriebene Pumpen ihre Versorgung verbesserten. Und auch im Koblenz des 16. Jahrhunderts bemühte man sich mehrmals, eine Quellwasserleitung zu bauen.
Gefährliche Mischung
Die Kurfürsten wussten natürlich, dass ein Mix aus Frustration und Innovation gefährlich sein kann. Sie verstärkten ihre Präsenz in der Stadt und verstärkten auch die militärischen Anlagen. Die Erzbischöfe jener Zeit waren starke Persönlichkeiten. So auch Richard von Greiffenklau (1467–1531), der nicht nur den Ehrenbreitstein in eine moderne Festung verwandeln ließ, sondern eine Reihe von rechtlichen Reformen auf den Weg brachte. Außerdem hatte der Kurfürst ein Gespür für große Gesten. So folgte er der Bitte Kaiser Maximilians, den Heiligen Rock auszustellen. Auch soll er Martin Luther beim Reichstag von Worms (1521) Schutz und Unterkunft angeboten haben. Die Voraussetzung war aber unannehmbar: Luther sollte widerrufen. Dennoch war der Vorstoß ein geschickter Schachzug des Richard von Greiffenklau – an den sich die meisten Koblenzer nur wegen der nach ihm benannten, 1524 gegossenen größten Belagerungskanone der damaligen Zeit erinnern. Auch wenn ihm der Erfolg letztendlich versagt blieb, hatte der Kurfürst erkannt, dass es besser war, einen Gegner zu überzeugen als ihn zu bekämpfen.
Aufstand der Ritter
Bei der nur ein Jahr später ausbrechenden sogenannten Sickingischen Fehde beschritt Richard von Greiffenklau doch noch den Weg der Gewalt. Eine andere Wahl hatte er wohl nicht. Denn dieses Mal waren es die „arbeitslosen“ Mitglieder der rheinischen und schwäbischen Ritterschaft, die ins Feld zogen, um die Obrigkeit zu bekämpfen. Ihr Anführer war Franz von Sickingen, nach dem dieser Aufstand auch benannt wurde. Erklärtes Ziel dieses Ritters war es, geistliche Herrschaftsgebiete zu säkularisieren. Das bedeutete nach den Vorstellungen der Ritter auch, dass der Trierer Erzbischof seinen Kurstaat abgeben sollte.
Franz von Sickingen, der schon in der Vergangenheit keinem bewaffneten Konflikt aus dem Weg gegangen war, stand 1522 vor den Toren Triers, nachdem er Blieskastel und St. Wendel eingenommen hatte. Die Belagerung Triers scheiterte schließlich, das Glück verließ den Ritter – der sich ebenfalls auf die Ideen Luthers berief. Schließlich standen die Ritter einer Übermacht gegenüber. Unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung hatten sich Richard von Greiffenklau, Philipp der Großmütige von Hessen und Ludwig der Friedfertige von der Pfalz zu einer Koalition zusammengeschlossen. Das Ende ereilte Franz von Sickingen schließlich am 7. Mai 1523. Er verletzte sich im Kampf um Burg Nanstein über Landstuhl so schwer, dass er seinen Verletzungen erlag. Der Aufstand brach zusammen. Die Folge für Koblenz: Reformation war ab sofort kein Thema mehr.
📜 CHRONIK: KOBLENZ IM ZEITALTER DER REFORMATION
1520
In Koblenz wird ein Ketzer aus Winningen verbrannt. Die Trierer Kurfürsten setzen drakonische Strafen durch, um reformatorische Regungen im Keim zu ersticken.
1525
Der Lutheraner Peter Has wird in Koblenz hingerichtet.
1527
Die Reformation fasst im Umland Fuß: In der an Landgraf Philipp verpfändeten kurkölnischen Stadt Rhens setzen sich die Lehren Luthers durch.
1529
In Koblenz wird offiziell die Todesstrafe gegen Wiedertäufer verhängt. Trotz der theoretisch drakonischen Härte werden Vertreter dieser sozialreformerischen Strömung in der Praxis meist zum Widerruf gezwungen und ausgewiesen.
1534
Die rheinischen und westfälischen Fürsten treten in Koblenz zu einer Konferenz zusammen, um über das gemeinsame Vorgehen gegen die Wiedertäufer zu beraten.
1535
Das Täuferreich von Münster wird von den verbündeten Fürsten in einem Blutbad zerschlagen.
1542 / 1543
Die Straßburger Reformatoren Martin Bucer und Johannes Sturm halten sich in Koblenz auf. Aufgrund der kurfürstlichen Macht und der Loyalität der städtischen Oberschicht bleibt ihr Wirken jedoch ohne nachhaltige Folgen.
1547
Das Reformkonzil von Trient wird eröffnet. In den folgenden 15 Jahren nehmen die Kurfürsten Johann V. von Isenburg (1547–1556) und Johann VI. von der Leyen (1556–1567) maßgeblichen Einfluss auf Reformen und Sittenstrenge – das Fundament der Gegenreformation entsteht.
um 1557
Die Bürger im damals sponheimischen Nachbarort Winningen wenden sich offiziell von der katholischen Kirche ab.
1561
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Im Umland: Der Ort Bendorf im Herrschaftsgebiet der Grafen von Sayn schließt sich der Reformation an.
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Machtkampf in Koblenz: Kurfürst Johann VI. von der Leyen lässt das Eigentum der Koblenzer Bürger beschlagnahmen, blockiert über kurfürstliche Zollstellen den Fernhandel und löst die Zünfte aus dem Treuegelöbnis gegenüber dem Stadtrat, um Bürger und Rat gegeneinander auszuspielen.
1562
Im Februar marschieren kurfürstliche Landsknechte und der Landadel in Koblenz ein und stellen die Ratsherren unter Hausarrest. Nach Zahlung eines hohen Bußgeldes wird der Rat auf landesherrlichen Druck umbesetzt; Bürgermeister Johann Hofmann flieht nach Andernach. Mit der neuen Polizei- und Stadtordnung („Leyana“) ist der städtische Widerstand gegen den Landesherrn gebrochen.
1563
Ein Jahr nach dem „Putsch von oben“ verpflichtet Kurfürst Johann VI. den gefügigen Rat auf teure Bauprojekte: Der Hafenausbau am Rhein (neues Stadttor, Verladekran) und die Verlängerung der Firmungstraße über die Rheinstraße beginnen.
1582
Aus den Koblenzer Ratsprotokollen wird offenkundig, dass der Rat die kostspieligen Bauauflagen in der Firmungstraße aus Geldmangel systematisch verschleppt – unter anderem begünstigt durch den Grundstücksstreit mit dem Stift St. Florin. Zugleich leitet Kurfürst Jakob III. von Eltz mit der Berufung der Jesuiten nach Koblenz die Ära der organisierten Gegenreformation ein.
