Nein, das ist kein Scherz: So sahen die ersten Konzepte für die Errichtung eines neuen Krankenhausgeländes auf dem Kemperhof-Gelände im Stadtteil Moselweiß wirklich aus! Die ersten Entwürfe folgten einer Tradition im Krankenhausbau, die entfernt an barocke und klassizistische Schlossanlagen erinnert. Bemerkenswert: Die großzügigen Freiflächen, die die Genesung von Patienten fördern sollten. Für Koblenz sahen die Pläne vor, ein neues Krankenhaus mit rund 1000 Betten (!) zu errichten. Was dann wirklich realisiert wurde, kann man heute noch leicht erkunden. Die Kernbauten des heutigen Krankenhauses, einem Standort des Gemeinschaftsklinikums Mittelrhein, sind noch komplett erhalten. KI-erzeugte Visualisierung auf Grundlage eines Plans, der in der Festschrift zum 200. Jubiläum der Einrichtung enthalten ist. Bekanntlich beginnt die Geschichte des „neuen“ Krankenhauses Kemperhof mit dem alten Bürgerhospital im Kastorviertel.
Kemperhof ersetzt das Bürgerhospital
Die Zeiten waren unruhig, die Kassen knapp: Aus heutiger Sicht ist es schon erstaunlich, mit welcher Ruhe Verwaltung und Politik in den frühen 20er-Jahren den Ausbau der „Gesundheits-Infrastruktur“ in Koblenz vorantrieben. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stand dabei der Bau eines neuen großen Krankenhauses.
In der besetzten Stadt gab es in der Tat Handlungsbedarf: Das alte städtische Bürgerhospital im Kastorviertel war nicht mehr zeitgemäß. Der Schutz vor Infektionen galt als miserabel, darüber hinaus reichten die Kapazitäten im ehemaligen Franziskanerkloster und den neueren Anbauten nicht mehr aus. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Verwaltung deshalb damit begonnen, Kapazitäten auszulagern. So entstand im Rauental eine neue Desinfektionsanstalt, und am Moselring wurde ein neues Heim für Wöchnerinnen gebaut. Auch der frühere Solemachersche Hof in der Nagelsgasse wurde belegt.

Reformen stärken Kommunen
Dass die Stadtväter ausgerechnet in einer Zeit handelten, als Hunger und andere Entbehrungen die Koblenzer plagten, überrascht nur auf den ersten Blick. Denn auf Reichsebene waren entscheidende Reformen auf den Weg gebracht worden, um die Position der Kommunen zu stärken. Diese hatten bislang einen Großteil ihrer Mittel für Sozialleistungen aufbringen müssen. Wegweisend wurde das an den Konzepten von Matthias Erzberger (1921 ermordet) orientierte Finanzausgleichsgesetz des Reiches vom 23. Juni 1923. Dieses trug dem gestiegenen Finanzierungsbedarf in den Kommunen und Ländern Rechnung.
Die Konsequenz: Realsteuern wie Grund- und Gebäudesteuer sowie die Gewerbesteuer gingen an die Länder, die das Geld dann ganz oder teilweise den Gemeinden überließen. Dazu kam die Beteiligung der Länder an den Steuern für Körperschaften, Grunderwerb, Kraftfahrzeuge, Rennwetten und auch an den Kapitalverkehrssteuern. Schließlich erhielten die Gemeinden auch noch einen Pflichtanteil aus der Einkommen-, Körperschaft- und Grunderwerbsteuer.
In Koblenz selbst begannen die Planungen für das neue Krankenhaus schon Monate vor der Veröffentlichung des Gesetzes. Denn in der Stadt hatte sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass kleinere Häuser auf Dauer kaum rentabel arbeiten konnten. Dazu kam, dass gesundheitsorientierter Städtebau und Prävention in der Politik schon früh eine Rolle spielten. So schrieb Artikel 161 der Weimarer Verfassung ausdrücklich die Erhaltung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit vor. Und Artikel 119 legte fest, dass die Reinhaltung, Gesundung und soziale Förderung der Familie Aufgabe des Staates und der Kommunen war.
Somit wurde die noch junge Republik trotz der Anfänge in der Ära Bismarck zum ersten wirklichen deutschen Sozialstaat. Trotz zahlreicher Krisen konnte so ein Klima entstehen, das nicht nur immense Investitionen in neue Wohngebiete ermöglichte, sondern auch die Modernisierung der kommunalen Gesundheits-Infrastruktur zuließ.
In Koblenz beschleunigte die Entscheidung des Katholischen Männervereins, sein in der Moselweißer Gemarkung gelegenes Knabenpensionat aufzulösen, die Suche nach einem neuen Standort für das Bürgerhospital. Der Verein hatte das Kemperhof-Gelände bereits 1850 erworben und am 3. Juni desselben Jahres den Grundstein für ein neues Waisenhaus gelegt, das schließlich nach Plänen des Koblenzer Architekten Adolf Osterhaus vollendet worden war. Der Verkauf an die Stadt war für den Verein keine leichte Entscheidung. Hatte man doch erst Ende 1908 ein zusätzliches Gebäude errichten lassen. Dennoch wurde der notarielle Vertrag am 22. Februar 1921 unterschrieben.
Die Stadt kaufte somit das Pensionat Kemperhof einschließlich umliegender Ländereien sowie die Küchen- und die Kapelle. Der Kaufpreis betrug 1,75 Millionen Reichsmark. Außerdem zahlte die Stadt Koblenz weitere 250.000 Reichsmark für die infolge des Verkaufs im Knabenwaisenhaus vorzunehmenden Umbauten in der beim Verein verbliebenen Schule und zur Stärkung des Pensionsfonds für die ehemaligen Lehrer. 1937 wurde schließlich nach einem längeren Rechtsstreit ein „Nachschlag“ von 105.405 Reichsmark vereinbart.
Weitreichende Umbauten
Der Bauantrag zum Umbau des Pensionats lag schließlich am 13. September 1921 der Neubauabteilung im städtischen Hochbauamt vor. Demnach sollte es nur im Inneren der Gebäude größere Veränderungen geben, während das Äußere in seiner bisherigen Form bestehen blieb. Um die Bedingungen für Patienten zu verbessern, sollte allerdings eine neue Liegehalle dazukommen. Bereits am 24. Oktober 1921 lag ein weiterer Bauantrag vor. Vorgesehen war nun auch, die Turnhalle des früheren Knabenpensionats so umzubauen, dass vier Stationen mit getrennten Eingängen für Infektionskranke eingerichtet werden konnten.
Bis die Umbaupläne vollendet werden konnten, sollten allerdings noch Monate ins Land ziehen. Infolge der für alle schwierigen wirtschaftlichen Lage standen 1922 so viele Betten im alten Bürgerhospital leer, dass das ganze Neubauprojekt auf der Kippe stand. Da die Arbeiten in Moselweiß aber bereits angelaufen waren und die Bestellung der Geräte für das neue Röntgen-Institut nicht mehr zurückgenommen werden konnte, hielt man jedoch am Umzug fest. Entscheidend war letztendlich die Tatsache, dass im alten Bürgerhospital ein moderner Operationssaal fehlte.
Dieser sollte auf jeden Fall in Moselweiß eingerichtet werden, weil sich Rat und Verwaltung allmählich von der Idee verabschiedet hatten, den alten und den neuen Standort auf Dauer gleichzeitig zu betreiben. Doch zunächst gab es eine Zwischenlösung: In einer Sitzung am 12. April 1923 entschieden Finanz- und Hospitalausschuss, dass die Abteilungen für Infektionskranke sowie für Haut- und Geschlechtskrankheiten zunächst im alten Hospital verbleiben sollten. Nach Fertigstellung des Isolierhauses im Kemperhof sollte eine dieser beiden Abteilungen nach Moselweiß verlegt, die übrigbleibende Abteilung möglichst auf andere Krankenhäuser der Stadt verteilt werden. Bei dieser Entscheidung blieb es. In das alte Hospital sollte kein Geld mehr investiert werden.
Anfang Mai 1923 war der Umzug der großen Abteilungen in das neue Krankenhaus in der Moselweißer Gemarkung abgeschlossen. Schon damals war klar, dass bald erneut Erweiterungen notwendig sein würden. Nach einer Sitzung des Hospitalausschusses gab der Oberbürgermeister im Oktober 1923 zu Protokoll, er habe:
„[…] insbesondere die unbedingte Notwendigkeit dargelegt, dass die Leichen aus dem Infektionshaus herauskommen und anderweitig untergebracht werden müssen“.
Das Problem sollte zeitnah gelöst werden, denn schon Anfang 1924 folgte ein weiterer wichtiger Schritt: Die neue Infektionsabteilung des Kemperhofs wurde fertiggestellt und mit Diphtheriekranken belegt.
Die Erfolge rund um den Kemperhof täuschen darüber hinweg, dass die wirtschaftliche Situation in der Preußischen Rheinprovinz nach wie vor schwierig war. Dazu kam, dass die von den Besatzungsmächten verursachten Schäden und Belastungen noch lange nachwirken sollten.
Ernüchternde Bilanz
Oberpräsident Hans Fuchs meldete sich 1928 mit folgender ernüchternden Bilanz zu Wort:
„Aus allem geht hervor, dass die Gemeinden nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft größere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Infolgedessen haben zahlreiche dringende Arbeiten auf dem Gebiete des Wegebaues, des Baues von Wasserleitungen, Entwässerungsanlagen und vor allem von Schulgebäuden seit Jahren zurückgestellt werden müssen. Statt der Finanzierung produktiver Zwecke bildet die Aufbringung der Fürsorgelasten im besetzten Gebiet seit Jahren das Finanzproblem. […]
Die geringen Einnahmen aus den Steuerüberweisungen als Folge des wirtschaftlichen Niedergangs einerseits, die daraus und aus den zwangsläufig hohen unproduktiven Ausgaben resultierende enorme Erhöhung der Realsteuern andererseits haben zu einer verhängnisvollen steuerlichen Belastung und Verschuldung der Kommunen geführt. […] Das kommunale Leben ist vielfach lahmgelegt und zum Verkümmern verurteilt.“[1]
Anmerkungen
[1] Stadtarchiv Koblenz, Bestand 623, Nr. 5183: Preußische Denkschrift über die wirtschaftliche und kulturelle Notlage in den besetzten preußischen Gebieten verfasst vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Koblenz 1928.

ℹ️ CHRONIK: DIE „SOZIALE“ MEDIZIN
1902
Der Mediziner Alfred Grotjahn begründet eine weiterentwickelte Sozialhygiene. Zentrales Anliegen ist es, gesundheitlich gefährdete Gruppen ärztlich zu beobachten und zu betreuen. Dazu kommen hygienische Beratung, Aufklärung und Gesundheitserziehung. Aus diesen Grundforderungen entwickelt sich der große Bereich der Sozialmedizin, der auch in der Ausbildung in sozialen und medizinischen Berufen eine wichtige Rolle spielt.
1913
Das neue Koblenzer Wöchnerinnenheim am heutigen Moselring wird am 22. Oktober seiner Bestimmung übergeben. Stiftungen des Bankiers und Kommerzienrates Dr. Gustav Seligmann und des Kommerzienrates Oswald sowie der Frau Geheimrat Spaeter hatten den Bau des Gebäudes möglich gemacht, das heute nicht mehr besteht.
1922
Insulin wird erstmals im klinischen Betrieb eingesetzt. Bereits 1906 war es dem deutschen Internisten Georg Ludwig Zülzer erstmals gelungen, Insulin zu spritzen.
1923
Die Stadt Koblenz entwickelt den kühnen Plan für ihr neues Krankenhaus in Moselweiß, die Kapazitäten auf 1000 Betten auszubauen. Das Konzept eines Pavillonsystems wird jedoch nicht weiterverfolgt. Es bleibt beim Umbau und der Erweiterung des ehemaligen Knabenpensionats.
1928
Der englische Arzt Alexander Fleming legt die Basis, auf der schließlich das Antibiotikum Penicillin entwickelt werden kann, das 1942 erstmals eingesetzt wird.
1929
Dem deutschen Neurologen Hans Berger gelingt der Nachweis von Aktionsströmen im Gehirn. Bereits ab 1905 war der Aufbau einer Neurochirurgie gelungen. Als Pionier gilt der US-Neurologe und Chirurg Harvey Cushing.
1931
In Koblenz gibt es für die stationäre Versorgung von Patienten 1305 Betten, wobei die Gesamteinwohnerzahl bei 60.200 liegt. Rein statistisch gesehen müssen sich 46,1 Bürger ein Bett teilen. Das ist gegenüber der reichsweiten Erhebung von 1913 eine deutliche Verbesserung. Damals hatte der Schnitt noch bei rund 69 Menschen pro Bett gelegen. Zum Vergleich: Im Juni 2005 gibt es für die 106.869 Koblenzer insgesamt 1932 Betten. Das bedeutet: Auf ein Krankenhausbett kommen 55,3 Menschen.
In Koblenz gibt es neben den beiden städtischen Anstalten Kemperhof und Bürgerhospital noch fünf Privatkrankenhäuser, die von religiösen Gemeinschaften betrieben werden. Diese Dichte ist für damalige Verhältnisse nicht außergewöhnlich. Da die Kassen zunehmend über den Kostendruck klagen, entscheidet sich die Reichsregierung dafür, die niedergelassenen Ärzte zu stärken. Der Sicherstellungsauftrag für ambulante Versorgung geht auf die neu gegründeten kassenärztlichen Vereinigungen über. Diese Regelung hat grundsätzlich auch noch heute Bestand.
1934
Das Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens vom 3. Juli, dem am 6. Februar 1935 eine erste Durchführungsverordnung folgt, stellt auch für Koblenz die Weichen für die Gründung von Gesundheitsämtern. Erst jetzt endet offiziell die Organisation des Gesundheitswesens nach dem alten preußischen Medizinalwesen.
