Offizielle Erklärung des Kriegszustandes an die Bevölkerung von Berlin „Unter den Linden“ am 31. Juli 1914 nachmittags 5 Uhr durch Leutnant von Viebahn, begleitet von einer Abteilung Soldaten des Alexander-Garde-Grenadier-Regiments Offizielle Erklärung des Kriegszustandes an die Bevölkerung von Berlin „Unter den Linden“ am 31. Juli 1914 nachmittags 5 Uhr durch Leutnant von Viebahn, begleitet von einer Abteilung Soldaten des Alexander-Garde-Grenadier-Regiments. KI-koloriertes Foto. Original in: Hermann Rex: Der Weltkrieg in seiner rauhen Wirklichkeit. Das Frontkämpferwerk. Oberammergau 1926. S. 6. Quelle Wikipedia (gemeinfrei).
Krieg lässt zunächst die Kassen klingeln
Für Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter dem Kampfnamen Lenin, war die Sache klar: Der russische Revolutionär analysierte den Ersten Weltkrieg als imperialistischen Krieg imperialer Mächte. Mit diesem Urteil lag er grundsätzlich nicht falsch. Denn der Waffengang, an dem sich schließlich mehr als 40 Staaten beteiligten, war in erster Linie ein Ergebnis des Expansionsdrangs der führenden europäischen Mächte, der eng mit massiven wirtschaftlichen Interessen verwoben war.
Der schreckliche Krieg mit insgesamt rund 17 Millionen Opfern sollte auch Koblenz für immer verändern. Aus heutiger Sicht sind Schuldzuweisungen wenig sinnvoll, denn es geht darum, die Hintergründe für diese Katastrophe zu beleuchten. Übersteigerter Nationalstolz, verbunden mit schlechtem politischem Gespür, fehlendes diplomatisches Geschick und internationales Säbelrasseln waren wohl die Zutaten einer hochexplosiven Mischung, deren Sprengkraft auch die späteren Sieger völlig falsch einschätzten. Doch zunächst gab es viele, die von den Entwicklungen profitierten.
40.000 Soldaten in der Stadt
Mit der massiven Aufrüstung gingen auch zahlreiche Aufträge an Koblenzer Unternehmen einher. Als mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien der Bündnisfall ausgelöst wurde, gab es nicht sofort einen Konjunktureinbruch. Im Gegenteil: So mancher konnte gut verdienen. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass sich am 1. und 2. August 1914 viele Menschen in der Alt- und Innenstadt versammelten, um den Kriegsbeginn und die ausziehenden Regimenter zu feiern.
40.000 Soldaten waren im Hochsommer 1914 in der Stadt – gut achtmal so viele wie sonst. Schon angesichts dieser Dimensionen lässt sich vermuten, dass eine große Zahl von Koblenzern nicht ins allgemeine Jubelgeschrei einfiel. Zu viel stand auf dem Spiel. Und gerade die wirtschaftlich Benachteiligten konnten sich ausrechnen, dass ein Krieg ihre Chancen nicht verbessern würde.
Diese reichsweit nicht zu unterschätzende Gruppe hatte bereits bei den Reichstagswahlen am 12. Januar ein Zeichen gesetzt. Diese brachten einen deutlichen Linksruck, weil es den Sozialdemokraten gelang, 110 der 397 Reichstagssitze zu erkämpfen. Die SPD war damit stärkste Fraktion geworden. Das nutzte freilich wenig, weil den bürgerlichen Kräften schließlich ein Gegenbündnis gelang. Das Reich blieb damit auf Konfrontationskurs – auch im Inneren. So wurde der Märzstreik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet, an dem sich bis zu 235.000 Kumpel beteiligten, blutig niedergeschlagen. Der Ausstand wurde damit zum Fanal revolutionärer Unruhen, die 1918 die alte Ordnung zerstören sollten.
Große strategische Bedeutung
In der Garnisonsstadt Koblenz war angesichts der starken Militärpräsenz die Stimme der Unzufriedenen nicht zu hören. Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass sogar der Große Generalstab ins Kaiser-Wilhelm-Gymnasium einzog und Kaiser Wilhelm II. und seine wichtigsten militärischen Berater am 16. August 1914 das erste Feldquartier in Koblenz einrichteten, wurde sogar als Auszeichnung empfunden.
Dabei steckte hinter beiden Entscheidungen ein kühles Kalkül: Einerseits hatte die Provinzhauptstadt eine gute militärische Infrastruktur, andererseits war sie ein sehr wichtiger Eisenbahnknotenpunkt für Truppentransporte und die Versorgung der Westfront. Die starke Militärpräsenz in Koblenz ließ die Kassen klingeln.
Nicht umsonst spricht der Historiker Dr. Anton Golecki von „vorerst glänzenden Geschäften“.
Aber eben nur vorerst. Schnell sollten auch diejenigen verstummen, die den Krieg euphorisch begrüßt hatten.[1]
Die große Ernüchterung
Bereits 1915 zeichnete sich ab, dass der mörderische Stellungskrieg im Westen auch die Heimat hart treffen sollte. Zunehmend wurden auch die Inhaber kleiner, nicht kriegsrelevanter Unternehmen eingezogen. So klagte das Handwerk über meisterlose Betriebe, die nicht mehr weiterarbeiten konnten; nicht nur, weil die Führung fehlte, sondern auch wegen des Ausscheidens von Mitarbeitern, die zunehmend in die Industrie oder in die Landwirtschaft abwanderten – wenn sie nicht eingezogen wurden. Das Problem, geeigneten Nachwuchs zu finden, nahm dramatische Dimensionen an.
Der Historiker Dr. Jochen Rath hat am Beispiel des Handwerks herausgearbeitet, dass sich im Bezirk der Handwerkskammer Koblenz bereits im Jahr 1915 von 1.947 aufgeforderten Lehrlingen nur 887 zur Gesellenprüfung meldeten. Bis 1918 sollte die Zahl sogar auf 609 sinken, während es in den letzten beiden Friedensjahren jeweils 1.200 Gesellenprüfungen gegeben hatte. Die Strukturkrise lag nicht nur an der zunehmenden Abwanderung, sondern auch an der Tatsache, dass ganze Branchen nicht mehr ausbildeten. So war naturgemäß das gesamte zivile Bauwesen zum Erliegen gekommen, was wiederum dazu führte, dass Bauunternehmen um ihre Existenz kämpften.
Trotz der Widrigkeiten war das Handwerk insgesamt nicht elementar bedroht. Schmiede blieben weiter stark gefordert, ebenso Schreiner und Schneider – sowie ganz besonders Stellmacher und Wagenbauer, die für die Mobilität des Militärs unschätzbare Dienste leisteten. Voraussetzung für die Erfüllung solcher Aufträge waren jedoch Veränderungen im Handwerk selbst, die bereits im späten 19. Jahrhundert eingesetzt hatten. Viele Betriebe orientierten sich an der Industrie und expandierten, andere verschwanden aus dem Wirtschaftsleben oder spezialisierten sich. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte die Selbstverwaltung des Handwerks. So wurde die HwK Koblenz zu einer Schaltstelle, wenn es um Aufträge des Militärs ging.
Rübenwinter und Versorgungskrise
Verträge wurden über die HwK gemacht, die wiederum ihren Mitgliedsbetrieben empfahl, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen, die sich wieder unter dem Dach von Zentralgenossenschaften vereinen sollten. Der Hintergrund: Die Versorgung mit Rohstoffen wurde immer schwieriger, und gemeinsam war man stark. Doch reichten die Bemühungen nicht aus. Als die Versorgungskrise mit dem Rübenwinter 1916/1917 lange nicht mehr gekannte Dimensionen erreichte, intervenierte die Kammer und gründete eine eigene Firma:
„Vergebungsstelle für Handwerkslieferungen“
Trotz aller Bemühungen verschärfte sich die Situation: Im Regierungsbezirk Koblenz standen, so Jochen Rath, bereits 1916 rund 8.000 Handwerker im Felde, 5.000 Betriebe ruhten. 3.000 weitere Betriebe wurden durch Frauen, Gesellen und Lehrlinge fortgeführt. Das Beispiel zeigt: Die heimische Wirtschaft konnte die Versorgung der Bevölkerung nicht aus eigener Kraft stemmen. Deswegen übernahmen die Kommunen diese Aufgaben.
Nahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs wurden streng rationiert und nur gegen Marken abgegeben. Die Stadtverwaltung wurde spätestens im Laufe des Jahres 1917 selbst zum Produzenten. Sie richtete zum Beispiel eine eigene Schuhmacherei und eine Schneiderei ein. Und im Schlachthof wurde eine sogenannte Freibank eingerichtet, mit der die Fleischversorgung der Koblenzer verbessert werden sollte. Die Abgabe erfolgte nur gegen Fleischkarten. Damit schienen die ärgsten Versorgungsprobleme gelöst zu sein. Zunächst.[2]
Anmerkungen
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[1] Dazu: Anton Golecki, Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2, Stuttgart 1993, S. 119–170.
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[2] Dazu: Handwerkskammer Koblenz, 100 Jahre und mehr, Koblenz 2001; Anton Golecki, Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2.
📌 CHRONIK: DER WEG IN DEN KRIEG
1887
Schon vor der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. verschlechtert sich das deutsch-britische Verhältnis. So wird in London ein neues Handelsmarken-Gesetz auf den Weg gebracht, das sich gegen deutsche Erzeugnisse richtet. Auf den Waren müssen die Herkunftsländer verzeichnet sein. Das Gesetz verfehlt sein Ziel. „Made in Germany“ wird sogar zum Qualitätsbegriff.
1891
Der einflussreiche Alldeutsche Verband, der bis 1939 bestehen sollte, wird gegründet. Zu den Initiatoren gehört der berüchtigte Medienunternehmer Alfred Hugenberg. Regional arbeitete der pangermanistisch, militaristisch und nationalistisch agierende Verband mit den Kriegervereinen zusammen. Die Konsequenzen sind bis in höchste Regierungskreise zu spüren. Bismarcks Bündniskonstruktionen lösen sich auf, der Kaiser und seine Regierung steuern einen Zickzackkurs. Folge: Die nach Hegemonie strebenden Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien nähern sich an.
1898
Der liberale Politiker und Kolonialminister Joseph Chamberlain (1836–1914) will den Ausgleich zwischen Briten und Deutschen und drängt auf Bündnisverhandlungen mit dem Deutschen Reich. Sein Ziel ist die Schaffung einer Wehr- und Wirtschaftsunion. Nationale Egoismen auf beiden Seiten führen 1901 zu Chamberlains Sturz.
1904
Das Vereinigte Königreich und Frankreich schließen am 8. April die Entente Cordiale (herzliches Einverständnis). Beide Mächte legen damit ihre Konflikte in Afrika bei und positionieren sich damit klar gegen Deutschland. Drei Jahre später tritt Russland bei. Deutschland ist isoliert.
1905
Erste Marokkokrise: Das Vereinigte Königreich und Frankreich wollen sich die Märkte im souveränen Land sichern. Das widerspricht der Madrider Konvention von 1880, in der das Sultanat den internationalen Freihandel akzeptieren muss. Auf Druck seiner Regierung besucht Wilhelm II. am 31. März Tanger. Das Deutsche Reich wird nur von Österreich-Ungarn unterstützt.
1911
Zweite Marokkokrise: Französische Truppen besetzen Fes und Rabat. Der Kaiser schickt die Kanonenboote Panther, Eber und den Kleinen Kreuzer Berlin. Er will Gebietsabtretungen in Afrika als Preis für die Anerkennung des Status quo in Marokko durchsetzen. Das Reich erreicht die Abtretung von Neu-Kamerun durch Frankreich.
1912
Infolge des Wettrüstens auf den Weltmeeren steigt die Kriegsgefahr zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Beide Seiten wollen den Krieg vermeiden und arbeiten in der Balkanfrage zusammen. Ein neuer Konflikt zwischen Deutschen und Franzosen scheint jedoch unvermeidbar. Berlin drängt auf die Neutralität der Briten, die ihrerseits Zugeständnisse in der Flottenfrage erwarten. Dagegen macht die deutsche Admiralität Front.
1913
Nach zwei Kriegen bleibt der Balkan ein Pulverfass. Die serbische Regierung ist unzufrieden, weil Österreich verhindert, dass Serbien sich bis zur Adria ausdehnt.
1914
Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie werden am 28. Juni 1914 vom serbisch-bosnischen Nationalisten Gavrilo Princip ermordet. Einen Monat später erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.
