Latrinenreinigung vor fiktiver gründerzeitlicher Häuserkulisse. KI-erzeugte Illustration (Google Gemini), inspiriert von der „Latrinen-Reinigungs-Maschine“ der Firma Friedrich Duden & Comp. (Köln), die in mehreren deutschen Städten eingesetzt wurde. In Koblenz entschloss man sich 1872 zum Ankauf eines solchen Gerätes. Die Betriebsführung sollten jedoch private Partner übernehmen. Beim Einsatz des Gerätes kam es immer wieder zu ekelhaften Pannen. Da die Senkgruben erst im Laufe der Jahre verschwanden, waren Pumpfahrzeuge noch lange im Einsatz, natürlich auf einem ganz anderen technischen Niveau.
Unrat aller Art: Die Stadt muss handeln
Die Ärzte stritten, die Ingenieure handelten [1]: Während die medizinische Forschung verzweifelt nach den Ursachen der „neuen“ Infektionskrankheiten suchte, zwang die Realität in den europäischen Städten des 19. Jahrhunderts die Verantwortlichen, gewaltige Projekte auf den Weg zu bringen, um die sanitären Verhältnisse zu verbessern. Neben der Wasserversorgung gab es ein weiteres großes Thema: die Kanalisation. Auch in Koblenz kamen trotz der desolaten finanziellen Lage der Kommune die Dinge in Bewegung.
Auch in Koblenz waren die sanitären Verhältnisse trotz aller städtebaulichen Verbesserungen unbefriedigend. Besonders übel sah es in der Kastorgasse aus. Diese wichtige Achse zur Verbindung der beiden mittelalterlichen Koblenzer Stadtkerne war außerdem immer wieder vom Hochwasser betroffen – so auch, wie das Bild zeigt, Anfang 1920. Am Pegel Koblenz wurde damals, am 16. Januar 1923, ein Wasserstand von 9,23 Metern gemessen. Die KI-Transformation erfolgte auf Grundlage eines bekannten Fotos aus dem Stadtarchiv Koblenz. Hinweis: Bei der Farbgebung wird kein wissenschaftlicher Anspruch erhoben.
Lage außer Kontrolle
Bereits um 1850 waren vielerorts derartige Mengen von Unrat angefallen, dass die Kommunen zunächst völlig überfordert waren. Es waren nicht nur die menschlichen Exkremente, die die Gesundheit der Bevölkerung bedrohten, sondern auch Mist von Pferden und Vieh. Dazu kamen Tierkadaver, Asche aus den Öfen und Hausmüll. Allein in Hamburg fielen in der Mitte des 19. Jahrhunderts jährlich rund 20.000 Tonnen Abfall und andere Stoffe an. Die Probleme wurden meist dadurch gelöst, dass man den Unrat unkontrolliert in die Gewässer kippte. In Freiburg im Breisgau zum Beispiel entsorgten um 1876 bis zu 5000 Menschen Unrat aller Art im sogenannten Gewerbebach.
Wie schon bei der Einführung der zentralen Trinkwasserversorgung waren im Kampf gegen die katastrophalen Zustände die Einflüsse der britischen Hygienebewegung entscheidend. Nicht selten machten nun auch die Bürger Druck. So wurde nach den Cholerajahren 1859 und 1866 in Osnabrück kurzerhand die komplette Stadtspitze abgewählt, weil sie die stadthygienischen Probleme einfach nicht in den Griff bekam.
Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass auch über die Verbandsebene Einfluss genommen wurde. Besonders aktiv waren die Mitglieder des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege, der auch regional gut aufgestellt war. So auch in Frankfurt, wo Georg Varrentrapp bereits 1872 die Praxis, Abwässer unbehandelt in die Gewässer einzuleiten, infrage gestellt hatte.
Trotz der frühen Mahnungen blieb die Schwemmkanalisation ohne Klärvorrichtungen schon allein aus Kostengründen das Maß aller Dinge. Englische Ingenieure, allen voran William Lindley, der nach seinen Großprojekten in Hamburg auch nach Düsseldorf, Krefeld und Chemnitz gerufen wurde, waren somit „Entwicklungshelfer“ für die deutschen Kommunen. Es war aber nicht so, dass die Vorschläge englischer Ingenieure unangefochten waren. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Frankfurter Kanalisation, die 1868 in Betrieb genommen wurde. Zuvor waren mehrere Konzepte im Spiel. Die Folge: ein heftiger Streit.
Abwasser floss durch Rinnen
In Koblenz wurden solche Diskussionen aufmerksam verfolgt. Die Stadt hatte den Vorteil, dass das Bevölkerungswachstum nicht so immens war wie andernorts. Also konnte man abwarten. Und: Es gab bereits eine Stadtentwässerung. Diese stammte aus dem 18. Jahrhundert. Sie führte allerdings nur das Oberflächenwasser ab. Fäkalien und auch Abfälle wurden in Gruben entsorgt, die sehr oft in gefährlicher Nähe zu den Trinkwasserbrunnen angelegt waren.
Die Entwässerung aus der späten kurfürstlichen Zeit, deren Vorläufer wohl weit in das Mittelalter zurückreichten, erfolgte in der Regel oberirdisch über Straßenrinnen. Mit der zunehmenden Bebauungsdichte zeichnete sich ab, dass dieses System nicht ausreichte, zumal das Gefälle meist unzureichend und die Spülung schlecht war. Dazu kam, dass Schäden – wenn überhaupt – nur provisorisch beseitigt wurden. Die Folge: Nicht nur in der Altstadt, sondern sogar in der neu angelegten Schlossstraße häuften sich Klagen über üble Gerüche.
Insgesamt müssen die Verhältnisse sehr unbefriedigend gewesen sein, da die Abflussrinnen oft ganz offen lagen und bestenfalls mit Holzbohlen abgedeckt waren. Schließlich – wohl seit den frühen 1870er-Jahren – reifte der Entschluss, moderne Wasserversorgung und Kanalisation fast zeitgleich zu entwickeln. Zwangsläufig richteten sich die Blicke nach Berlin. In der Reichshauptstadt hatte der Ingenieur James Hobrecht von 1872 an ein selbstständiges Kanalsystem nach dem Londoner Vorbild gebaut.
In den 1880er-Jahren begann man auch in Koblenz, Nägel mit Köpfen zu machen. Oberflächlich gesehen ist das relativ spät. Doch bei genauerer Betrachtung sprechen die statistischen Angaben für das Reichsgebiet eine andere Sprache. So waren im Jahr 1900 erst 147 Kommunen „planmäßig“ kanalisiert. Vor allem in den kleineren Gemeinden sah es trübe aus.
Kein Gesetz für Gewässerschutz
Nur die wenigsten Städte konnten Vorläufer der späteren Kläranlagen aufweisen. Es gab nämlich noch keine gesetzlichen Grundlagen, um die Kommunen in die Pflicht zu nehmen. Hatte man in Preußen und später im Deutschen Kaiserreich in den Gewerbeordnungen von 1845 und 1871 bereits frühzeitig Aspekte des Immissionsschutzes verankert, blieben die Probleme des Gewässerschutzes und der Abwasserbeseitigung lange Zeit außen vor. Das sollte der finanzschwachen Stadt Koblenz zugutekommen. Sie konnte jahrzehntelang auf eine Klärvorrichtung verzichten, weil die Kräfte des Rheins nach Einschätzung der Behörden für eine natürliche Reinigung sorgten.
Ein erster Kanal im heutigen Sinne, ein eiförmiger Betonkanal, wurde 1883 realisiert. Er begann in der Kornpfortstraße und führte über Entenpfuhl und Görgenstraße zum Altlöhrtor. Entlang dieser Strecke hatte es die größten Entwässerungs- und Geruchsprobleme gegeben. Für die Planung zeichnete der Koblenzer Stadtbaumeister Hermann Antonius Nebel (1816–1893) verantwortlich. Das Material für den 1,20 Meter hohen und 80 Zentimeter breiten Kanal lieferte die Firma Dykerhoff & Widmann.
Die Maßnahmen führten dazu, dass man in diesem Bereich zumindest das Regenwasser in den Griff bekam. Alle anderen Probleme mussten aber im Zuge einer umfassenden Gesamtplanung und der Aufgabe der Stadtbefestigung gelöst werden. Denn es war immer noch so, dass Fäkalien und Abfälle in Senkgruben geleitet werden mussten, die dann mit speziellen Pumpenwagen geleert wurden. Richtig gefährlich wurde es, wenn Gruben undicht waren und den Untergrund verseuchten.
Weg für Generalplan war frei
Die Koblenzer Stadtverordneten beschlossen am 31. Oktober 1888 endlich, die Ausarbeitung eines solchen Vorhabens offiziell in Auftrag zu geben:
„Planes zur Kanalisation der Stadt und des Bezirkes vor den Toren der Stadt“
Die Stunde von Adolf André hatte geschlagen. Bereits im Mai 1888 hatte der damalige Oberbürgermeister Emil Schüller den Krefelder Ingenieur gefragt, ob er das geplante Koblenzer Kanalisationsprojekt übernehmen wolle.
Bereits im November 1888 legte Adolf André ein Konzept vor, das unabhängig von der weiteren militärischen Entwicklung der Stadt war und Spielraum für nachträgliche Erweiterungen ließ. Und nicht nur das: Der Generalplan des Ingenieurs, der 1889 gedruckt vorlag, funktionierte auch im vom Hochwasser bedrohten Kastorviertel, weil die Berechnungen auf einer sorgfältigen Untersuchung der Geländeverhältnisse beruhten.
Die Vorarbeiten überzeugten die Gremien so, dass André schließlich auch mit der Ausführung des Projektes beauftragt wurde. Wie es wenige Jahre zuvor Ernst Grahn getan hatte, zog auch André nach Koblenz, wo er sich nicht nur als Ingenieur, sondern auch als Tiefbauunternehmer hervortat. In den Jahren ab 1892 wurden die Pläne schließlich in die Tat umgesetzt.
Anmerkungen
[1] Zum Streit der Mediziner im 19. Jahrhundert: Anne Hardy, Ärzte, Ingenieure und städtische Gesundheit. Medizinische Theorien in der Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/New York 2005.
🏛️ CHRONIK: GESUNDHEIT UND KANÄLE
1847
Typhusepidemie in Oberschlesien. Der Mediziner, Politiker und Sozialreformer Rudolf Virchow bezeichnet die Seuche als „Hungertyphus“.
1848
In England leitet der „Public Health Act“ eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens ein. Der englische Epidemiologe John Snow weist während der Londoner Cholera-Epidemie als Erster nach, dass verschmutztes Trinkwasser die Hauptursache für die Seuche ist. Snows Forschungen werden in Deutschland weitgehend ignoriert.
1857
Der „Great Stink“ der Themse sorgt in der Londoner Bevölkerung für große Unruhe.
1861
In England wird ein statistisches Zentralamt eingerichtet. Es soll dabei helfen, Vermutungen der Ärzte über den Zusammenhang von Krankheiten und unzureichender Gesundheitspflege auf eine neue Grundlage zu stellen.
1865
In London wird das Kanalisationsprojekt abgeschlossen. Die Gesamtkosten betragen rund 4 Millionen Pfund. Im gleichen Jahr erhält Max von Pettenkofer in München das erste Ordinariat für Hygiene in Deutschland.
1867
In Frankfurt werden die ersten deutschen Wohnungen mit WC, fließendem Wasser und Kehrichtschacht gebaut.
1876
Für das Deutsche Reich wird in Berlin ein zentrales Reichsgesundheitsamt eingerichtet.
1877
Generelles Verbot in Frankfurt, die Abwässer der Kanäle in den Main zu leiten.
1883
Robert Koch und seine Assistenten brechen zu ihrer Asien-Expedition auf. Robert Koch ist der Erste, dem es gelingt, den Cholera-Erreger zu züchten. Entdeckt hatte ihn der Italiener Filippo Pacini bereits 1854.
1892
In Berlin wird der Bau der Kanalisation abgeschlossen. Im gleichen Jahr beginnt in Koblenz unter Leitung von Adolf André der Bau der neuen Kanalisation.
1909
Die Gemeinde Arenberg übernimmt die Versorgung der Feste Ehrenbreitstein mit Quellwasser.
1925
In der Wasserversorgung nimmt die Bedeutung der künstlichen Grundwasseranreicherung gegenüber der Uferfiltration zu. Dazu kommen die neuen Kenntnisse über die Eisen- und Manganentfernung sowie die Entkeimung.
