Die Eisenbahn verändert auch Koblenz
Der 31. März 1836 ist ein ganz besonderes Datum, das auch für Koblenz weitreichende Folgen haben sollte. An diesem Tag wurde nämlich die Preußisch-Rheinische Eisenbahngesellschaft ins Leben gerufen. Die Gründung erfolgte nur knapp vier Monate nach der Jungfernfahrt der ersten „Dampfstrecke“ Nürnberg–Fürth.
Die Tatsache, dass die auf der Strecke eingesetzte legendäre Lokomotive „Adler“ von den britischen Eisenbahnpionieren Robert und Georg Stephenson konstruiert und in Newcastle gebaut worden war, zeigt: Die damals noch landwirtschaftlich geprägten und als industriell rückständig geltenden deutschen Staaten waren mit der Entwicklung relativ spät dran. Sogar die in weiten Teilen noch nicht entwickelten Gebiete der Vereinigten Staaten von Amerika waren schneller. Und bereits 1837 wurden die ersten Eisenbahnstrecken in Australien, Russland und Kuba in Betrieb genommen. In jenem Jahr gab es in Deutschland neben der „Pionierstrecke“ in Franken gerade mal neun Kilometer der geplanten Strecke Leipzig–Athen.
Es sollte sogar noch bis 1838 dauern, bis es mit der „Saxonia“ die erste brauchbare deutsche Lokomotive gab. Denn die Vorbehalte gegen das neue Verkehrsmittel waren zunächst sehr groß. Vor allem in den Grenzregionen meldete das Militär Bedenken an – besonders dann, wenn es um das Rheinland ging. Man wollte dem expansionsfreudigen Nachbarland nicht auch noch die Trasse zum Anrollen bauen. Dass vieles einfach eine Kostenfrage war, zeigte sich ganz klar in Koblenz. War doch gerade erst die Festung Koblenz-Ehrenbreitstein fertiggestellt worden. Die folgenden Jahre sollten zeigen: Um die Festung für die Eisenbahn kompatibel zu machen, waren erhebliche und teure Umbauten erforderlich. Doch auf Dauer war der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten.
Wichtige Weichenstellungen im wahrsten Sinne des Wortes waren die Fertigstellung der Eisenbahnstrecke von Berlin nach Potsdam Ende Oktober 1838 und – noch wichtiger – das erste preußische Gesetz über Eisenbahn-Unternehmungen vom 3. November desselben Jahres. Bereits fünf Monate später wurde die erste deutsche Fernbahn Leipzig–Dresden vollendet. Die Strecke war immerhin rund 115 Kilometer lang. Weitere wichtige Stationen: Die Fertigstellung der Taunusbahn von Frankfurt nach Wiesbaden am 26. September 1839 und die Vollendung der Köln-Mindener Eisenbahn – sie verband die Domstadt mit dem Ruhrgebiet bis Hamm – am 15. Mai 1847. Damit war die Bahn am Rhein angekommen. Fast kein Jahr sollte ohne Streckenneueröffnung vergehen. Nur die linke Rheinseite blieb außen vor – zunächst. Jedoch zeichnete sich allmählich ab, dass die „Revolution auf der Schiene“ sich gerade im grenzübergreifenden Verkehr voll entfalten konnte. Dennoch sorgte erst ein Paradigmenwechsel in den Reihen des Militärs dafür, dass es auch am Rhein voranging. Die Generäle erkannten, dass sich die Eisenbahn auch hervorragend eignete, die Truppenheranführung schnell und vor allem effektiv zu gestalten. Schon im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 sollte die Bahn eine entscheidende Rolle spielen.

Pfaffendorfer Brücke in Koblenz nach Fertigstellung (1865). KI-Koloriertes Foto. Quelle: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin https://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/P/150814.php Inventarnummer: BZ-F 01,001
Der erste Zug nach Koblenz rollte am 11. November 1858 über die neu errichtete Mosel-Eisenbahnbrücke. Die Bahn kam damals vom Bahnhof Rolandseck. Vier Tage später wurde die neue Bahnlinie von Köln in die Provinzhauptstadt Koblenz offiziell eröffnet. Dem Festakt war die Vollendung des letzten Teilabschnitts Weißenthurm–Koblenz vorausgegangen. Koblenz sollte nicht lange Endstation bleiben. 13 Monate später wurde die Verlängerung der Strecke bis nach Bingen fertig. Als Datum der Einweihung gibt das Stadtarchiv die Daten 15. und 22. Dezember 1859 an.[1]
Der Eisenbahnbau brachte einerseits gravierende Einschnitte im romantischen Rheintal, eröffnete aber auch einen neuen Blick in die Vergangenheit. So wurde beim Bau eines Brunnens an der
„vormaligen Krudewig‘schen Brauerei an der Königsbach“
eine römische Münze entdeckt. Noch größer war die Überraschung, als im September 1858 beim Fundamentbau für die Eisenbahnbrücke über den Königsbach
„direkt vis-à-vis der Michelschen Brauerei an der Königsbach“
ein fast vollständig erhaltenes römisches Skelett freigelegt wurde.
Im Bereich des heutigen Stadtteils Stolzenfels muss sich ursprünglich auch eine Eisenbahnfähre (Eisenbahntrajekt) nach Oberlahnstein befunden haben, die von 1862 bis 1864 – also vor der Inbetriebnahme der Pfaffendorfer Brücke und dem Bau der Horchheimer Brücke – links- und rechtsrheinische Bahnstrecke miteinander verband.[2]

Ankunft von Kaiser Willhelm II. auf dem Rheinbahnhof (links in der Fischelstraße) in Koblenz am 1. September 1893. Rechts das 2015 abgerissene Gebäude der „Gräfin von Königsmarkschen Weinkellerei“. KI-koloriertes Foto. Quelle: Stadtarchiv Koblenz/Wikipedia (gemeinfrei).
Mit dem Bau der linksrheinischen Eisenbahn begann für Koblenz eine lange Zeit der Provisorien und des Streits über den richtigen Standort für einen repräsentativen Bahnhof. Am heutigen westlichen Cityrand, an dem der erste Zug damals einfuhr, gab es zunächst einen schlichten Holzbau mit einem ebenso provisorischen Uhrenturm, der schon von den Zeitgenossen verächtlich „Holzbude“ genannt wurde. Eine bessere Lösung musste her. Und wirklich: Bereits am 15. November 1862 sollte der Rheinische Bahnhof in der heutigen Fischelstraße eröffnet werden. Da aber die Bauarbeiten nicht rechtzeitig fertig wurden, musste die Eröffnungszeremonie auf den 15. Dezember verschoben werden.
Der Rheinische Bahnhof leitete am Rande der westlichen Innenstadt gravierende Veränderungen ein. Denn dort, wo sich einst der Seilerwall mit seinen kleinen Häuschen an der mittelalterlichen Stadtmauer befand, wurde eine neue, breitere Straße angelegt – die sogenannte Eisenbahnstraße, in der unter anderem ein großer Hotelbau entstand. Koblenz wollte seinen Gästen eben zeigen, dass sie in eine Hauptstadt kamen. Mit begrenztem Erfolg. Kaum war der neue Bahnhof fertig, setzte bereits die Kritik an ihm ein, weil die Kapazitäten begrenzt waren.
Für die in den frühen 1870er-Jahren neu geschaffene Moselstrecke war der Rheinbahnhof gänzlich ungeeignet. Hierfür musste der sogenannte Moselbahnhof gebaut werden, mit dem Verwaltung und Politik von Anfang an nicht zufrieden waren. Ein neuer zentraler Bahnhof musste her, doch standen diesem die Stadtbefestigung und die strengen Rayonbestimmungen entgegen. Erst als in den 1890er-Jahren die innerstädtischen Befestigungsanlagen Zug um Zug aufgegeben wurden, war der Weg für einen zentralen Personenbahnhof frei.
Bis zur Realisierung sollten allerdings noch Jahre vergehen. Erst am 1. Mai 1902 wurde am Fuß der Karthause – übrigens ohne Einweihungszeremonie – der heutige Hauptbahnhof eröffnet. Damit verlor der Rheinische Bahnhof in der Eisenbahnstraße seine Bedeutung, er wurde am 30. April 1902 um 24 Uhr außer Betrieb gesetzt.
„Mit dem Rheinbahnhof wird ein Stück der Geschichte der alten Festung Coblenz zu Grabe getragen. Von hier aus wurde 1870 durch den Telegrafendraht der Welt die Mitteilung gemacht, dass der König von Preußen Frankreich den Krieg erklärt habe[3], an dieser Stelle war es, an der König Wilhelm in der Uniform seines Husaren-Regiments den Sultan Abdul Azis 1867 empfing und in das Schloß geleitete“,
schrieb die „Coblenzer Zeitung“ am 30. April 1902. Das alles war jetzt nur noch Geschichte.
Im Gebäude des alten Rheinbahnhofs wurden schließlich Geschäfte und Wohnungen eingerichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Objekt bis auf die Umfassungsmauern zerstört. Die kläglichen Reste wurden später abgerissen.
Anmerkungen
[1] Über die Eisenbahn und andere preußische Staatsbauten: Ulrike Vogt, Preußische Staatsbauten in Koblenz einschließlich der Festungsbauten 1815–1914. Dissertation, Aachen 1987.
[2] Dazu: Hans Schleper, Eisenbahntrajekte über Rhein und Bodensee, Meerbusch 2009.
[3] Die Ausführungen der Tagespresse irritieren aus heutiger Sicht. Es war nämlich so, dass Frankreich am 19. Juli 1870 (im Originaltext: 19. Juni 1870) Preußen den Krieg erklärt hatte. Die Tatsache, dass zeitgenössische Medien die Kriegserklärung für Preußen beanspruchten, zeugt von einem Mentalitätswandel. Krieg wurde damals noch als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bewertet. Vor diesem Hintergrund war eine Kriegserklärung alles andere als ehrenrührig – ganz im Gegenteil.
🚂 PIONIERE DER EISENBAHN I
1804
Der britische Ingenieur und Erfinder Richard Trevithick (1771–1833) lässt auf einer Grubenbahn in Wales die ersten Schienen rollen. Diese sind zu schwach ausgelegt. Dennoch gilt die Testfahrt auf einer 13,5 Kilometer langen Strecke als Geburtsstunde der Eisenbahn, deren Vorgeschichte jedoch weit in das 18. Jahrhundert zurückreicht.
1807
Der Münchener Ingenieur und Philosoph Franz Ritter von Baader (1765–1841) regt den Bau einer kommerziellen Pferdebahn an, die Rhein und Donau miteinander verbinden soll.
1808
In London fährt Richard Trevithicks erster Personenzug. Er wird von einer Dampflok angetrieben.
1809
In Wales wird der erste Eisenbahntunnel der Welt gebaut. Er führt durch den Hay-Hügel.
1812
In England wird die erste Zahnradbahn der Welt gebaut, die von Middleton nach Leeds führt.
1814
George Stephenson (1781–1848) baut seine erste Lokomotive, die er „Bluecher“ nennt. Sie wird in der Killingworth-Kohlenzeche eingesetzt.
1823
George Stephenson und sein Sohn Robert gründen in Newcastle upon Tyne eine Lokomotivenfabrik.
1825
Baubeginn der Pferdebahn Linz–Budweis. Die 125 Kilometer lange Strecke geht erst 1832 in Betrieb. Im selben Jahr wird in England am 27. Juni die erste mit Dampf betriebene öffentliche Eisenbahnstrecke von Darlington zum Hafen Stockton eröffnet. Die Strecke ist lediglich 18 Kilometer lang.
1828
Die 56 Kilometer lange Teilstrecke von Lyon nach St. Étienne wird eröffnet. Im selben Jahr werden auf der Strecke Liverpool–Manchester erstmals Querschwellen beim Bau einer Eisenbahntrasse eingesetzt.
1829
Lokomotivwettfahrt in England. Stephensons „Rocket“ siegt.
1830
In England wird die erste Eisenbahnlinie eröffnet, die ausschließlich mit Dampfkraft betrieben wird. Den Antrieb übernehmen stationäre Dampfmaschinen und Drahtseile. Am 15. September wird schließlich die Linie Liverpool–Manchester eröffnet. Ebenfalls 1830 geht in den USA ein Abschnitt der South-Carolina-Bahn in Betrieb.
1834
In den USA entsteht die erste Dampflok mit Drehgestell. In Irland öffnet die erste Dampfeisenbahnstrecke.
🚂 PIONIERE DER EISENBAHN II
1835
Die erste deutsche Eisenbahnstrecke Nürnberg–Fürth wird am 7. Dezember eröffnet. Sie ist nur sechs Kilometer lang.
1850
Das Generalpostamt in Berlin gibt das erste deutsche Kursbuch heraus. Auf dem Firth of Forth in Schottland fährt das erste Eisenbahnfährschiff der Welt.
1851
Erstmals gibt es eine durchgängige Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und München. Stationen sind unter anderem Leipzig und Nürnberg. Ein Jahr später folgt die erste durchgehende Verbindung von Berlin nach Frankfurt/Main.
1860
Das europäische Eisenbahnnetz ist auf insgesamt 50.260 Kilometer angewachsen (ohne Russland). In den Vereinigten Staaten sind es sogar 53.400 Kilometer. Die rasante Entwicklung führt dort zur Gründung des ersten Schnellimbisses. In den Zügen werden nach und nach Toiletten eingeführt.
1862
Die Mainzer Eisenbahnbrücke über den Rhein wird fertiggestellt und in Betrieb genommen. Der amerikanische Kongress beauftragt zwei Eisenbahngesellschaften mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn.
1863
In Deutschland gibt es Bahnlinien mit einer Gesamtlänge von 14.806 Kilometern und 3340 Lokomotiven. Davon kommen 2820 aus deutscher Produktion. Zwischen Mannheim und Ludwigshafen wird eine Eisenbahnfähre eingerichtet. Im gleichen Jahr wird in den USA erstmals ein Speisewagen eingesetzt – und das mitten im Sezessionskrieg (1861 bis 1865).
1866
Wie zuvor im amerikanischen Bürgerkrieg spielt die Eisenbahn im preußisch-österreichischen Krieg eine entscheidende Rolle.
1870
Beginn des Baus der Großen Sibirischen Eisenbahn in Wladiwostok.
1871
Zwischen Köln und Trier gibt es erstmals eine durchgehende Eisenbahnverbindung. Im gleichen Jahr wird mit der Vitznau-Rigi-Bahn in der Schweiz die älteste Zahnradbahn Europas in Betrieb genommen.
1872
Im Ruhrgebiet werden erste Rangierbahnhöfe gebaut. Personenzüge erhalten durchgehende Bremsen. Signale werden eingeführt. Außerdem betreibt die Internationale Schlafwagengesellschaft ISG die ersten Schlafwagen.[1]
[1] Quelle: Daten zur Geschichte des Eisenbahnwesens und der Bahntechnik. Fakultät für Architektur, Bauingenieurwesen und Stadtplanung der Technischen Universität Cottbus. http://www.neuseddin.eu/pdf/daten_eisenbahnwesen.pdf (Zugriff am 7. Oktober 2012).
