Holzkastell sichert Römersiedlung
Drei Legionen aufgerieben, die meisten der rund 20.000 Soldaten tot: Kaiser Augustus war am Boden zerstört:
„Quintili Vare, legiones redde – Quintilius Varus, gib die Legionen zurück!“
So soll der Imperator gerufen haben, der einmal mehr durch seinen Frieden als durch seine Feldzüge bekannt werden sollte. So steht es zumindest in der achtbändigen Kaiserbiografie des Sueton.
Wie dem auch sei: Der Aufstand germanischer Stämme unter Führung des Cheruskers Arminius, der in der berühmten vernichtenden Niederlage der Römer an einem herbstlichen Tag des Jahres 9 nach Christus gipfelte, sollte auch direkte Auswirkungen auf Koblenz haben.
Wo die finale Schlacht des Arminius stattfand, ist bis heute umstritten. Fest steht aber, dass der Standort des ab 1838 für den Germanenführer errichteten Denkmals auf dem Teutberg (Grotenburg) bei Hiddesen südwestlich von Detmold falsch gewählt wurde. Die Dichte der Funde spricht heute für Kalkriese bei Bramsche im Osnabrücker Land. Ebenfalls scheint klar zu sein, dass es in den Tagen vor der Entscheidung bereits mehrere verlustreiche Scharmützel gegeben haben muss, bei denen es den Germanen gelang, die Legionäre im Guerillastil zu zermürben.
Das Ergebnis war für die Römer ein Schock. Sie gaben ihr Ziel auf, sich das heutige Norddeutschland einzuverleiben und sich an der Elbe festzusetzen. Sie änderten ihre Strategie und sicherten bestehende Siedlungen durch Kastelle. Diese Anlagen, die zunächst aus Holz gebaut wurden, sicherten Handelswege und waren auch Ausgangspunkte für Strafexpeditionen. Denn auch nach der Varusschlacht stießen Römer immer wieder tief in germanisches Gebiet vor.
Diese neue Strategie hatte direkte Auswirkungen auf unsere Region. Nur ein Jahr nach der verheerenden Niederlage organisierte Rom auch die Standorte am Rhein neu. Verantwortlich war Tiberius, der nach dem Tod des Augustus (14 nach Christus) selbst Imperator werden sollte. Das Ergebnis für Koblenz: Die offene Siedlung, in der seit dem späten 1. Jahrhundert vor Christus mehrheitlich romanisierte Treverer lebten, wurde durch einen befestigten Stützpunkt gesichert. Das lässt sich seit November 2008 auch archäologisch nachweisen. Im Zuge der Buga-Bauarbeiten schnitten Mitarbeiter der Koblenzer Außenstelle der Direktion Archäologie den Graben eines Holzkastells an, das eindeutig die Aufgabe hatte, die Flussfurten der wichtigen Handelsstraße von Mainz nach Köln zu sichern.
Funde falsch interpretiert
Spätestens mit diesem Fund wurde die sich seit 1952 hartnäckig haltende These widerlegt, auf dem Münzplatz hätte es bereits seit dem Jahr 8 vor Christus ein Kastell gegeben. Bereits seit Ende der 90er-Jahre steht fest, dass die These auf einer Fehlinterpretation beruhte. Der im Bereich des 1944 zerstörten Hauses „Zum Rosenbaum“ (Marktstraße 11 und Münzplatz 1) entdeckte Graben gehörte zu einem in der Nähe der Handelsstraße angelegten frührömischen Friedhof, der auch durch entsprechende Keramikfunde dokumentiert ist.
Auch wenn Koblenz, dessen Schwerpunkt in frührömischer Zeit eindeutig am Rhein lag, jetzt militärisch eine gewisse Bedeutung hatte, änderte sich an der Art und Weise der Besiedelung zunächst wenig. Wie die Kelten nutzten auch die Römer den hochwasserfreien Geländerücken zwischen der heutigen Rhein-Mosel-Halle und der Kastorkirche, indem sie kleinere Einzelgebäude und Gutshöfe, die sogenannten Villen, errichteten. Auch auf den anderen „Inseln“, zum Beispiel im heutigen Altstadtkern, weisen zahlreiche Keramikfunde aus dem 1. Jahrhundert auf eine frührömische Besiedlung hin.
Heute wissen wir: Neben den Bereichen zwischen der Basilika St. Kastor und dem Schloss sowie zwischen dem Münzplatz und der Kornpfortstraße waren zum Beispiel auch Görresplatz, Firmungstraße und Kastorpfaffenstraße Siedlungsschwerpunkte. Diese Bereiche waren nicht zufällig gewählt. Sie lagen allesamt in der Nähe der bereits erwähnten Fernstraße von Mainz nach Köln.
Die römischen Handelsaktivitäten in dieser Zeit endeten nicht am Rhein. Zwar hatten die Nord-Süd-Verbindungen zunächst Priorität, doch sollte sich das sehr schnell ändern. Spätestens in der Mitte des 1. Jahrhunderts verstärkten die Römer ihre Aktivitäten jenseits ihrer östlichen Grenzen. Zu verlockend war die Gelegenheit, in unmittelbarer Nähe Bergbau zu betreiben. Zwischen dem heutigen Mühlental und der Lahn gab es zu dieser Zeit Eisen-, Blei-, Silber- und Kupfervorkommen. Und in der Gegend um Villmar konnte der geschätzte Lahnmarmor, polierfähiger Kalkstein, relativ ortsnah gebrochen und daher kostengünstig transportiert werden.
Es fehlte nur eins: ein leistungsfähiger Flussübergang. Während es im seichten Moseldelta zumindest in den warmen Monaten einfach war, das Wasser zu überwinden, war der Rhein tiefer und unberechenbarer. Die Römer bauten schließlich auf Höhe der heutigen Fähre eine hölzerne Brücke, von der einige Pfähle erhalten geblieben sind. Das Holz wurde bereits in den 80er-Jahren im Labor untersucht. Mithilfe der Dendrochronologie – einer Laboranalyse, die auf der Baumringabfolge aufbaut – wurde festgestellt: Die Bäume für die Brücke wurden 49 nach Christus gefällt.
Damit lässt sich das Projekt in einen größeren Kontext einordnen. In dieser Zeit herrschte Kaiser Claudius, der nicht nur im heutigen Italien, sondern auch im süddeutschen Raum wichtige Fernstraßen ausbauen ließ. Einen Teil der Brückenpfähle hatten die Römer in den „Kapuzinergrund“ gerammt. Diese Sandbank, die erst ab 1829 nach und nach weggebaggert wurde, ragte wohl ursprünglich ein Stück über die Wasseroberfläche heraus. Der Befund hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem auf den Stadtplänen des ausgehenden 17. Jahrhunderts noch gut zu erkennenden „Hundsschwanz“, einer weiteren Sandbank, die sich im Bereich der Moselmündung befand.
Die antike Rheinbrücke stand mit einem spätestens in claudischer Zeit ausgebauten Straßenzug in Verbindung, der unter der heutigen Rhein- und Firmungstraße verlief und wohl zusammen mit dem Vorläufer der Löhrstraße ein Kreuz wichtiger Fernstraßen bildete. Somit steht fest, dass der erst in den Quellen des 14. Jahrhunderts häufiger erwähnte Ostteil der Stadt ebenfalls einen römischen Vorgänger hat. Diese Annahme bestätigt der Fund von Resten zweier Gebäude, die Archäologen beim Bau der Tiefgarage auf dem Görresplatz (1982) fanden.
Die erste Moselbrücke
Gut ein halbes Jahrhundert später machten sich die Römer daran, auch einen leistungsfähigen Moselübergang zu bauen. Nur wenig unterhalb der heutigen Balduinbrücke entstand eine weitere Holzkonstruktion. Das Jahr, in dem man die für den Bau verwendeten Stämme fällte, wurde ebenfalls mithilfe der Dendrochronologie auf das Jahr 104 nach Christus datiert. Diese Brücke stand mit der Achse Münzstraße–Marktstraße–Löhrstraße als Teil der wichtigen Nord-Süd-Fernstraße in Verbindung.
Zu dieser Beobachtung passt die Entdeckung eines größeren Gräberfeldes am südlichen Ende der Fußgängerzone Anfang der 90er-Jahre. Diese Anlage wurde vom 1. Jahrhundert bis zur Spätantike durchgängig belegt. Ein weiteres Gräberfeld lag am Moselring. Archäologen gehen davon aus, dass hier in den Jahren von 41 bis 85 nach Christus Angehörige des Militärs bestattet wurden. Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass eine Zerstörung von Kastell und Siedlung um das Jahr 70 nach Christus eher unwahrscheinlich ist.
Die ältere Forschung ging noch davon aus, dass der in Nordgermanien von Batavern und Brukterern 69 entfachte Aufstand auch auf Koblenz wirkte, weil sich auch keltische Stämme der Erhebung angeschlossen hatten. Zerstörungen aus dieser Zeit lassen sich jedoch archäologisch nicht nachweisen.
Neuanfang in Niederberg
Wahrscheinlicher ist, dass das alte Kastell im späten 1. Jahrhundert einfach aufgegeben und mit einem Tempelbezirk (der archäologisch nachgewiesen ist) überbaut wurde. Zu dieser Zeit wurde auch das Gräberfeld am Moselring aufgegeben, weil sich die Schwerpunkte längst verschoben hatten. Das Militär orientierte sich ostwärts, an den Brückenköpfen in Koblenz und Ehrenbreitstein entstanden neue Schwerpunkte. Denn die Römer bauten auch im Westerwald längst an einer gewaltigen Frühwarn- und Verteidigungsanlage – dem Limes.
Zu diesem Grenzsicherungssystem gehörte eine neue Generation von Kastellen, zu der auch die Anlage im heutigen Stadtteil Niederberg zählte. Das neue Kastell, um das sich schnell eine Handwerker- und Handelssiedlung (vicus) gruppierte, sicherte zum einen die neue Straße, die vom Ehrenbreitsteiner Brückenkopf nach Niederberg und weiter in den Westerwald führte, zum anderen auch den Erzabbau im Mühlental. Die alte Anlage am Deutschen Eck war somit überflüssig geworden.
Veränderungen frei. Die für die Bewohner im Großen und Ganzen friedliche Epoche sollte erst im späten dritten Jahrhundert zu Ende gehen.
