Krise Roms verändert auch Koblenz
In der Florinspfaffengasse liegt ein Schlüssel zum Tor zur späten Römerzeit. Das Vorhaben der Barmherzigen Brüder, an ihrem Gründungsort ein neues spirituelles Zentrum zu errichten, eröffnet Wissenschaftlern neue Möglichkeiten, die letzten Rätsel der frühen Stadtgeschichte zu lösen. Im Sommer 2011 haben Mitarbeiter der Direktion Landesarchäologie unter anderem Fundamente eines großen Gebäudes freigelegt, das offenbar vom späten 3. bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts nach Christus bewohnt wurde. Keramikfunde machen diese Einordnung möglich.
Die Entdeckung kam nicht unerwartet. Die einst zu dem Gebäude gehörende Badeanlage war nämlich bereits 1984 freigelegt worden. Damals hatte die Altstadtsanierung die Chance geliefert, die Koblenzer Stadtgeschichte auf den Prüfstand zu stellen. Seitdem ist die Funddichte erheblich größer geworden. Dr. Dr. Axel von Berg, Leiter der Koblenzer Außenstelle der Direktion Archäologie, ist sich heute sicher: Die Kernstadt innerhalb des Straßenzuges Altengraben – Entenpfuhl – Kornpfortstraße wurde einst von fünf massiven Gebäuden beherrscht, die eine bemerkenswerte Größe erreichten.
Die Standorte dieser Massivbauten waren der westliche Münzplatz, der Altenhof, das Areal, auf dem später die Liebfrauenkirche errichtet wurde, sowie der Block zwischen Mehlgasse und Gemüsegasse. Dazu kommt ein Bereich, der Teile des heutigen Florinsmarktes und der Florinspfaffengasse umfasste. Dort stand einst das offenbar größte Gebäude.
Theorien, die von einer exponierten, repräsentativen Rolle des Gebäudes in der Florinspfaffengasse ausgehen, gibt es bereits seit den 30er-Jahren. War die Stadt etwa ein wichtiger Stützpunkt für spätrömische Statthalter? Die moderne Archäologie bewertet diese Frage als reine Spekulation. Sicher ist nur: Es gibt innerhalb der freigelegten Fundamente keine Hinweise auf eine Siedlungskontinuität – die jüngsten Funde stammen aus dem 5. Jahrhundert. Danach reißt die Beweiskette ab. Wurden die Gebäude in der heutigen Kernstadt zumindest vorübergehend aufgegeben? Einiges spricht dafür. Denn auch in der Region waren im späten 4. Jahrhundert unruhige Zeiten angebrochen – eine unmittelbare Folge der Völkerwanderungen, die auch infolge weitreichender Klimaveränderungen weite Teile Europas erfassten.
Um 375 hatten die Hunnen das Ostgotenreich zerstört und dadurch Verschiebungen der Gewichte ausgelöst. Rom selbst musste sich bereits im 3. Jahrhundert mit dem Vordringen von Franken und Alamannen auseinandersetzen. Letztere überrannten um das Jahr 260 nach Christus den Limes, der Rhein wurde wieder zur Verteidigungslinie. Gemessen an dem, was das Weltreich noch erwartete, war dies nur eine Ouvertüre.
Spätestens in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts waren die Römer permanent gefordert, die Rheingrenze zu sichern. Dezentrale Verteidigungssysteme mussten her. Dazu gehörten die sogenannten Burgi, steinerne Einzelbauten, wie sie zum Beispiel auf dem Festungsplateau Ehrenbreitstein existierten. Dazu kamen Festungen, die die Rheingrenze sicherten. Beispiele sind Boppard oder Deutz, aber auch befestigte Siedlungen wie Andernach, Bonn und Köln. Schließlich wandelte sich auch das Bild von Koblenz grundlegend. Spätestens nach den Überfällen der Alamannen im 3. Jahrhundert hatte sich die Siedlung in Richtung Mosel verlagert. Weitere größere Siedlungsparzellen gab es nur noch im Bereich des Moselrings. Die alten Schwerpunkte am Rhein hatten sich deutlich verkleinert, nur der Tempelbezirk an der heutigen Basilika St. Kastor bestand weiter.
Ein weiterer gravierender Einschnitt folgte in der Regierungszeit des Kaisers Valentinian (364–375). Da der Imperator Goten und andere Germanenstämme erfolgreich bekämpfen wollte, bedurfte es großer Investitionen in die Sicherung der Rheintalstraße und der Moselübergänge. Die Ära von Koblenz als offene Handelssiedlung war damit beendet.
Um die fünf Großbauten zu schützen, entstand im Bereich der heutigen Kernstadt ein Mauerring mit der Form eines unregelmäßigen Vierecks. Dieser Ring wurde auf der Landseite durch 19 Rundtürme gesichert. Hinweise auf eine Toranlage mit Doppeltürmen gab es vor allem in der Marktstraße (Südtor). Nicht eindeutig gesichert ist dagegen ein Osttor im Bereich der heutigen Tiefgarage Kornpfortstraße. Allerdings sprechen die beim Bau dieser Anlage (1982) freigelegten Fundamente dafür, dass es dort ein solches Osttor gegeben hat.
Warum sich der Schwerpunkt von Koblenz schließlich vom Rhein an die Mosel verlagerte, ist unklar. Gründe dafür könnten die unmittelbare, unsicher gewordene Nähe zum Rhein als Grenzfluss und die neue wichtige Fernverbindung mit Brücke über die Mosel und wahrscheinlich auch der spätrömische Hafen an der Mosel sein. Die Baumeister der Kastellmauer nutzten eine natürliche Gegebenheit: Ein Nebenarm der Mosel verlief so günstig, dass er sich problemlos zu einem Kastellgraben umfunktionieren ließ. Zwischen Wasser und Mauer ließen sie einen „Sicherheitsabstand“ von rund 30 Metern. Ferner profitierten die Baumeister von den natürlichen Höhenunterschieden. Diese sind bis heute spürbar. Wer zum Beispiel die Stufen vom Plan zur Liebfrauenkirche nutzt, geht quasi vom einstigen Vorgelände ins höher gelegene Innere des einstigen Kastells, in dem auch die fünf großen spätantiken Gebäude lagen.
Teile des Kastellgrabens lagen noch in der Frühen Neuzeit offen. Das verleitete die Bevölkerung, das Wasser zum Entsorgen ihres Unrates zu missbrauchen. Besonders im Entenpfuhl müssen die Verhältnisse unerträglich gewesen sein, sodass die Trierer Kurfürsten die Stadtväter dazu drängten, den Graben zuzuschütten. So schrieb Kurfürst Johann VI. von der Leyen 1568 an den Koblenzer Rat, der vor allem im Entenpfuhl immer noch offenstehende Graben sei
„der Stadt sunderlich nichts dhienlich, da man jederzeit von der Mosell […] Wassers genug haben kan.“[1]
Doch erst mit den großen städtebaulichen Maßnahmen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts sollte das Problem gelöst werden.
Trotz der großen Anstrengungen sollte es den Römern nicht gelingen, ihr Territorium zu halten. Bekanntlich endet das Weströmische Reich mit der Absetzung des letzten weströmischen Imperators Romulus Augustulus durch den Germanen Odoaker im Jahr 476. Schon viele Jahre zuvor waren die Auflösungserscheinungen deutlich zu erkennen. Die Römer waren sogar gezwungen, Allianzen mit ihren Gegnern einzugehen. So gelang es Römern und Westgoten mit der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern zwischen Reims und Troyes (451) zumindest, den Vormarsch der Hunnen aufzuhalten. Das änderte nichts an der Tatsache, dass ein anderes Volk machtvoll in die römischen Gebiete drängte und ein neues Reich schuf: die Franken.
Anmerkungen
[1] Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 1 C, Nr. 2178, Folio 2.
