Koblenzer Steinkastell war keine Königspfalz
Koblenz im Jahre 585: Auf einer ihrer Reisen durch die fränkischen Herrschaftsgebiete besuchen die Merowingerkönige Childebert II. von Austrien und Guntram von Neustrien auch das „castrum Confluentis“. So schreibt es Gregor von Tours in seiner „Geschichte der Franken“, einer christlichen Universalhistorie, in deren Mittelpunkt das Geschlecht der Merowinger steht. Wo die Herrscher weilten, lässt der wohl bekannteste Autor des 6. Jahrhunderts jedoch offen.
War das auf Befehl des römischen Kaisers Konstantin gegründete und unter Kaiser Valentinian ausgebaute spätantike Kastell zu dieser Zeit überhaupt noch funktionsfähig? War zumindest einer der fünf massiven römischen Großbauten in der heutigen Kernstadt noch unversehrt? Diese Fragen können wohl niemals beantwortet werden, Schriftquellen fehlen. Und auch die archäologischen Befunde sind lückenhaft.
Fest steht, dass auf den einzelnen römischen Großbauten erst viel später große Kirchen entstanden, wie etwa die Liebfrauenkirche und die Florinskirche in der Kernstadt. Dennoch wurde und wird immer wieder versucht, Koblenz zum Schauplatz der großen Geschichte des 6. Jahrhunderts zu machen, obwohl dies aus fachlicher Sicht unsinnig ist.
Es gibt keine Beweise
Das Kastell Koblenz als Königspfalz: Das ist ein Modell, das bislang weder historisch noch archäologisch belegt ist. Deshalb war auch die Umbenennung des Innenhofs zwischen Mehlgasse und Florinspfaffengasse in „Brunnenhof Königspfalz“ (2008) ein wenig gelungener Versuch, aus Spekulationen Fakten zu machen. Es bleibt dabei: Innerhalb des spätantiken Mauerringes gibt es keine Siedlungsreste aus merowingisch-fränkischer Zeit. Daran dürfte sich bei aktuellen und künftigen Ausgrabungen wenig ändern. Fakt ist: Der spätantike Großbau, dessen Reste Archäologen jüngst in der Florinspfaffengasse freilegten, wurde nicht zum Königshof umfunktioniert. Die jüngsten Funde im Bereich der Fundamente datieren in das 5. Jahrhundert – also in die Zeit, als das Weströmische Reich auf sein Ende zusteuerte. Fränkisch-frühmittelalterliche Funde fehlten auch hier völlig.
Bislang wurden Hinweise auf eine frühe fränkische Besiedlung nur außerhalb des spätantiken Kastells gefunden. So entdeckten Mitarbeiter der Direktion Landesarchäologie in der Weißer Gasse Spuren mehrerer Holzhütten. Besonders im Bereich der Basilika St. Kastor gab es bei den Ausgrabungen von 1989 und 2008 Hinweise auf Siedlungsreste des 6. bis 9. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit war die römische Tempelanlage schon lange verschwunden. Fast an gleicher Stelle war eine sogenannte fränkische Saalkirche erbaut worden, um die sich ein frühes Gräberfeld entwickelte. Dabei handelte es sich um ein einschiffiges Gotteshaus mit einem einzigen saalartigen und gewölbelosen Raum. Ob ein fränkischer Königshof vielleicht sogar bei der Kastorkirche lag, ist noch offen; die Antworten hierzu schlummern tief unter dem Blumenhof.
Burg auf dem Ehrenbreitstein
Ein weiterer Schwerpunkt der frühmittelalterlichen Besiedlung von Koblenz war neben der westlichen und östlichen Altstadt auch der Ehrenbreitstein. Bei den archäologischen Untersuchungen im Bereich der Festung (2004 bis 2006) wurden auch Funde aus der Merowinger- und Karolingerzeit gemacht. Nach Einschätzung von Dr. Dr. Axel von Berg gab es auf dem Festungsplateau eine nachrömische Befestigung oder eine frühe Burg. Der Landesarchäologe geht davon aus, dass beim Bau der neuen Anlagen noch vorhandene Reste des spätantiken Burgus genutzt wurden.
Reiche Grabkultur
Besser sind die Erkenntnisse über die Grabkultur der Merowinger in Koblenz. Denn in Rübenach wurde in den 50er- und 60er-Jahren schrittweise eines der größten fränkischen Gräberfelder im Rheinland ausgegraben. Die Ergebnisse wurden erstmals 1973 veröffentlicht. Demnach befanden sich auf dem Friedhof, der sich nordwestlich der Pfarrkirche St. Mauritius ausdehnte, schätzungsweise 1200 Gräber. Davon wurden 840 lokalisiert. Die Gräber waren mit Waffen, Schmuck und auch Gürtelschnallen, Fibeln, Glas- und Keramikgefäßen ausgestattet. Die Funde datieren in das 5. bis 7. Jahrhundert. Das Gräberfeld hat eine Sonderstellung. Im Normalfall sind die Friedhöfe der Franken kleiner und einzelnen Gehöften zuzuordnen. Diese verteilten sich nach germanischer Art über das freie Land – ohne größere Orte zu bilden.[1]
Fränkische Gräber finden sich oft in nicht mehr bewohnten römischen Villen, was zeigt, dass verlassene Römersiedlungen von den Franken nicht mehr bewohnt wurden. So entdeckten Archäologen in den Räumen der 1984 freigelegten, untergegangenen Römervilla von Lay fränkische Gräber. Die früheren Bausteine des einstigen Gutshofs waren zur Herstellung von Einfassungen für die Grabstätten genutzt worden. Auch in den Räumen der Villa am Remstecken legten Mitarbeiter der Landesarchäologie während der Ausgrabungen der 90er-Jahre Frankengräber frei.
Ein merowingisches Frauengrab mit silbernem Ohrschmuck wurde bei Grabungen zwischen römischen Mauern unter der Florinskirche entdeckt. Das deutet auch in diesem Bereich auf einen kleinen fränkischen Bestattungsplatz in dem schon lange aufgegebenen großen römischen Gebäude hin. Weitere fränkische Gräberfelder sind aus Metternich, Güls, Niederberg und Horchheim bekannt. In Ausnahmefällen wurden auch die spätrömischen Gräberfelder weitergenutzt. Dies zeigte sich 1989/90 in der Hohenfelder Straße. Dort wurden sowohl römische als auch mit Beigaben ausgestattete völkerwanderungszeitliche Gräber freigelegt.
Die Gräber lagen an der Löhrstraße, die einst Teil der römischen Fernstraße war. Der in mehreren Reihen gestaffelte Bestattungskorridor reichte bis zur heutigen Hohenfelder Straße. Zwischen beigabenlosen frühchristlichen Bestattungen in mächtigen spätrömischen Sarkophagen lagen steinumstellte Frankengräber mit Beigaben. Die Verstorbenen waren nach germanischer Art in ihrer Tracht und mit ihren Waffen auf Totenbrettern bestattet worden.
Eine Münze für den Fährmann
Die in der Hohenfelder Straße geborgenen Funde stammen aus dem Zeitraum vom 4. bis zum 8. Jahrhundert. Eine solch lange und kontinuierliche Belegung von Gräberfeldern ist bislang selten beobachtet worden. Doch beweist gerade dieses Gräberfeld, dass der Übergang von der Römer- zur Frankenzeit nicht immer und überall mit Gewalt erfolgte. Denn die Franken, die seit dem 3. Jahrhundert im spätantiken Imperium lebten und als sogenannte „Foederaten“ in römischen Diensten standen, kannten die Kultur der Römer. Manches nahmen sie auch an. So auch die Sitte, Münzen in den Mund der Toten zu legen, damit diese den Lohn des Fährmanns für die Fahrt ins Jenseits bezahlen konnten.
Geräuschloser Wandel
Das große Gräberfeld liefert somit Belege für das allmähliche Verschmelzen der romanisierten einheimischen Bevölkerung mit den germanischen Eroberern seit dem 4. Jahrhundert. Sicherlich hat es in dieser Zeit auch schwere Kämpfe gegeben, doch vollzog sich gerade im Raum Koblenz der Wandel weitgehend geräuschlos. Denn in der heutigen Region Mittelrhein und im Raum Trier waren die Franken noch in der Minderheit. Besonders in den Orten an Rhein und Mosel dominierte zunächst die romanische Restbevölkerung. Diese Orte überstanden die Landnahme der Franken offenbar ohne größere Zerstörungen. Das dürfte auch in Koblenz so gewesen sein. Allerdings setzten vielerorts Verkleinerungs- und Entvölkerungsprozesse ein. So bildeten sich in Trier innerhalb des von der konstantinischen Stadtmauer eingeschlossenen Bereiches kleinere Siedlungen, besonders in der Umgebung des Domes.
In Köln könnte es so gewesen sein, dass die Stadt eine Zeit lang unbewohnt blieb und dann auf spätantiker Substanz neu gebaut wurde. Ähnliches war in der Koblenzer Kernstadt der Fall. Denn die Fundkette ist zwischen Spätantike und der Karolingerzeit unterbrochen. Zwar bestand die alte Kastellmauer weiter, doch war es für die Franken zu schwierig, die Römerbauten zu erhalten und zu verteidigen. Auch die Bevölkerung im Mündungstrichter der Mosel im heutigen Stadtgebiet war gegenüber der früheren römischen Kaiserzeit deutlich reduziert und geschrumpft. Neue Machtzentren entstanden. Überliefert ist, dass Boppard und Andernach Mittelpunkte königlicher Steuerbezirke waren. Für Koblenz fehlen Belege.
Neuer Schwerpunkt am Rhein
Fest steht, dass die Ausgrabungen an der Basilika St. Kastor die gängige Stadtgeschichte auf den Kopf gestellt haben. Denn anders als lange angenommen, dürfte das spätantike Kastell unter der heutigen Altstadt an der Mosel zumindest vorübergehend funktionslos geworden sein. Derzeit sieht es so aus, dass auch die Franken die besonderen Geländeverhältnisse im Moseldelta für sich zu nutzen wussten und die uralten Furten neu entdeckten. Das Koblenz der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters hatte seinen Schwerpunkt nun wieder am Rhein – wo die Handelsstraße nahe war.
